Am Samstag gastiert der SV Darmstadt 98 bei RB Leipzig zum Spitzenspiel der 3. Liga. Die selbsterklärten Durchstarter aus Sachsen empfangen das Überraschungsteam der Saison. Mögen die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen für ein ungleiches Duell sprechen, sportlich bewegen sich beide auf Augenhöhe.

Rückblick: Am 2. Juni 2013 pendelt RB Leipzig zwischen der 3. und 4. Liga. Den Sachsen steht am Nachmittag des Frühsommertages das entscheidende Aufstiegsplayoff bei den Sportfreunden Lotte bevor. Nachdem Lotte den Leipziger 2:0-Hinspielsieg in der Schlussminute egalisiert, muss die Verlängerung über Wohl und Wehe entscheiden. In dieser entscheiden zwei Treffer von Morys und Kutschke das Duell zugunsten Leipzigs. Zu diesem Zeitpunkt ist der SV Darmstadt ein Viertligist. Doch am Nachmittag des 3. Juni ändert sich mit einer Pressemitteilung des DFB alles. Der hessische Rivale Kickers Offenbach erhält keine Lizenz, der sportlich abgestiegene SV 98 bleibt unverhofft in der Liga.

Späte Planungssicherheit beider Klubs vor der Saison
Viel später als das Gros der Ligakonkurrenten können RB und die Lilien ihre Planungen für die neue Saison vorantreiben. Doch beide machen ihre Hausaufgaben gut. Leipzig nimmt – für einen Drittligisten eher ungewöhnlich – Geld in die Hand und sichert sich unter anderem die Dienste der hoffnungsvollen Teenager Yussuf Poulsen (Lyngby BK) und Joshua Kimmich (VfB Stuttgart) für 1,1 Millionen Euro. Darmstadts Trainer Dirk Schuster entscheidet sich seinen Kader zu verkleinern, dafür aber qualitativ gute Spieler zu holen. Doch da gibt es ein Problem: durch die späte Planungssicherheit kann er nur noch auf solche Spieler setzen, die anderswo keinen Vertrag mehr bekommen hatten, und die noch nirgendwo untergekommen sind. Ablösesummen zu zahlen erscheint den finanziell gesunden, aber nicht wohlhabenden Hessen ohnehin utopisch. Dennoch können sie namhafte Spieler wie Dominik Stroh-Engel, Marcel Heller und Marco Sailer ans Böllenfalltor lotsen. Doch selbst nach Rundenbeginn sieht sich Schuster gezwungen mit Milan Ivana und Aaron Berzel nachzujustieren. Demensprechend sind die Ziele schnell formuliert: Die 98er wollen nur in der Liga bleiben. Die von Red Bull rundumversorgten Sachsen wollen ihren Masterplan weiterverfolgen und die 3. Liga sofort nach oben verlassen.

RB Leipzig: „Ab durch die Dritte“
Anders ist die vor der Saison ausgegebene Leipziger Drittligakampagne auch gar nicht zu deuten: „Ab durch die Dritte!“ Leipzigs Spiritus Rector, Ralf Rangnick, macht ohnehin keinen Hehl daraus, dass das Ziel der Red-Bull-Gründung die Bundesliga ist. Dementsprechend professionell wird die 1. Liga in Angriff genommen: mit starken Profis nicht nur auf dem Rasen, sondern auch an den entscheidenden Schalthebeln. Exemplarisch sei neben Rangnick Geschäftsführer Ulrich Wolter genannt, der als ehemaliger DFB-Funktionär über beste Kontakte und ausreichend Fußballsachverstand verfügt. Das nachhaltige Aufrüsten des Klubs und die Möglichkeit, dass Red Bull die 50+1-Regelung der DFL geschickt unterwandern könnte, macht das „Projekt“ für viele aktive Fans in Deutschland zu einem roten Tuch. Red Bull verfolgt mit seinem Engagement das Ziel, sich als Marke reichweitenstark zu positionieren. Der Standort Leipzig ist überdies klug gewählt. Die Stadt lechzt nach einem erfolgreichen Fußballverein und verfügt über ein großes Hinterland ohne nennenswerte fußballerische Konkurrenz. Mit dem WM-Stadion von 2006 ist zudem die passende Infrastruktur vorhanden. So kommt es nicht überraschend, dass der Sächsische Fußballverband 2009 keinerlei Einwände gegen das Ansinnen aus Österreich hatte, das Startrecht des SSV Markranstädt in der fünften Liga zu übernehmen. Und jeder der verfolgt, wie generalstabsmäßig das Unternehmen den Erfolg plant – siehe Formel 1, siehe RB Salzburg – wird kaum anzweifeln, dass den Leipzigern der Bundesligaeinzug gelingt. Der Start in die 3. Liga bestätigt die Ansprüche der Sachsen. Sie halten sich vom Start weg konsequent in der Spitzengruppe und überwintern auf Rang 2.

SV Darmstadt 98: „We just can’t geht enough“
Der SV 98 startet unter gänzlich anderen Vorzeichen in die aktuelle Saison. Nach der vor fünf Jahren in einem Kraftakt von Fans, Stadt und Verein abgewendeten Insolvenz, und dem zuletzt am grünen Tisch vermiedenen Abstieg, herrscht bei Verein wie Spielern eine stocknüchterne Demut. Auch das Stadion bietet wenig Anlass für Träumereien. Das Böllenfalltor mag Fußballpuristen Tränen in die Augen treiben, für die Vereinsverantwortlichen bedeutet es eine Hypothek. Das seit Jahrzehnten im Wesentlichen unveränderte Areal, ist alles andere als Profifußball-tauglich. Trotz der widrigen Umstände, sammelt die Mannschaft nach anfänglichem Stotterstart Punkt um Punkt. Schneller als gedacht findet sich das von Dirk Schuster kompakt zusammengestellte Team in der Liga zusammen, befeuert von der Pokal-Sensation gegen Mönchengladbach. Letztlich grüßt der Verein unterm Weihnachtsbaum von einem nicht für möglich gehaltenen Platz 3. Lilien-Kapitän Aytac Sulu erklärt im Januar den Aufschwung mit dem letztjährigen Misserfolg: „Wir sind eine Mannschaft aus Absteigern! Die letztjährigen Spieler waren sportlich abgestiegen, die im Sommer verpflichteten wurden von ihren Vereinen weggeschickt. So etwas will keiner von uns noch einmal erleben.“ (Zum kompletten Interview mit Aytac Sulu: Link) Das zu Jahresbeginn vom Verein ausgegebene Motto „We just can’t get enough“ verdeutlicht den Willen des Teams an den gezeigten Leistungen anzuknüpfen.

Saisonvergleich-RB-Leipzig-vs-SV-Darmstadt-98_700px (Tabelle: M.Kneifl)

Der Saisonvergleich vor dem direkten Aufeinandertreffen der beiden Klubs am 35. Spieltag.

Brause-Power
Sportlich begegnen sich beide Vereine vor dem Showdown am Wochenende immer noch auf Augenhöhe. Das war im Hinspiel nicht anders. Die Darmstädter hatten leichte Vorteile, verloren allerdings aufgrund eines sensationellen Distanzschusses von Dominik Kaiser mit 0:1. Letztlich entschied die individuelle Klasse der Leipziger das Aufeinandertreffen. Und auch der „kicker“ wusste im Nachgang des Duells zu berichten: „Während die “Lilien” im Angriff optisch überlegen waren, reichte den “Roten Bullen” ein Sonntagsschuss zum Sieg.“  Seit diesem Spiel hat der ausgeglichen und für Drittligaverhältnisse äußerst gut besetzte Kader der Sachsen weitere Auffrischungen erhalten. Mit Federico Palacios Martinez holt RB den Shootingstar der A-Junioren-Bundesliga vom ebenfalls bestens alimentierten VfL Wolfsburg. 29 Tore in 13 Saisonspielen überzeugen die RB-Verantwortlichen um Ralf Rangnick den damals 18-jährigen schleunigst zu verpflichten. Mit Diego Demme kommt gar ein 22-jähriger Stammspieler von Zweiligist SC Paderborn für das defensive Mittelfeld. Beide stehen exemplarisch für das momentane Beuteschema. Wurden anfänglich durchaus erfahrene Profifußballer verpflichtet, so werden heute verstärkt junge, gut ausgebildete Spieler gesucht, die durchaus schon über erste Profierfahrungen verfügen dürfen, deren Potential aber noch längst nicht ausgereizt ist.

Sulu-Nation
Die Lilien gehen nahezu unverändert ins neue Kalenderjahr. Mit Markus Ziereis leihen sie zwar ein Backup für Dominik Stroh-Engel von Zweitligist FSV Frankfurt. Da das Team seinen Erfolgslauf aus dem Vorjahr aber unbeirrt fortsetzt, bekommt er kaum Möglichkeiten sich auszuzeichnen. Goalgetter Stroh-Engel trifft weiterhin wie er will und blieb 2014 in lediglich drei Partien torlos. Dabei sind die 98er längst nicht auf den großen Stürmer zu reduzieren, der enorm von der Zu- und Laufarbeit seiner Mitspieler profitiert. Die Mannschaft agiert äußerst geschlossen, laufstark, druckvoll und diszipliniert. Keiner spielt für die Galerie. Stellvertretend für die Lilien steht Wortführer und Innenverteidiger Sulu, der überaus präsent und umsichtig agiert. Seine Bilanz bei den 98ern ist herausragend. Vor seiner Verpflichtung im Winter 2012 hatten die Lilien in der 3.Liga in 21 Spielen 34 Gegentreffer erlitten. In den 49 Ligaspielen mit ihm kassierten sie seither lediglich 36 Treffer.

Wessen Serie endet am Wochenende?
Am Samstag könnte nun zwischen den beiden ungleichen Klubs eine Vorentscheidung im Aufstiegsrennen fallen. Beide trennt vier Saisonspiele vor Schluss nur ein Punkt. Der Sieg eines Teams wäre gleichbedeutend mit dem Ende der Serie des anderen. Die Leipziger sind seit elf Saisonspielen ungeschlagen, die Darmstädter gar seit 17. Beide Serien hätten durchaus bei den letzten Auswärtsspielen reißen können. Beide bewiesen aber eine immense Moral. Die Schuster-Elf besiegte trotz 65-minütiger Unterzahl nach einem Platzverweis für Stroh-Engel Preußen Münster mit 2:0. RB holte in Dortmund in den letzten zehn Minuten noch einen 1:3-Rückstand auf.

Relegation könnte für beide Teams Derbys bereithalten
Der zur Relegation berechtigende 3. Platz ist den Lilien wie RB nicht mehr zu nehmen. Dabei könnte beiden Vereinen ein Derby ins Haus stehen. Derzeit belegt Dynamo Dresden Relegationsplatz 16 in der 2. Bundesliga. Eine Tatsache, die – aufgrund der Krawall-erprobten Dynamo-Fans – den Leipziger Vereinsverantwortlichen und der sächsischen Polizei wohl schon jetzt Schweißperlen auf die Stirn treibt. Ein Grund mehr, den momentanen zweiten Platz zu verteidigen. Auf Position 15 steht der FSV Frankfurt, dem die Darmstädter am liebsten wieder den Rang in Südhessen ablaufen würden. Der Klub aus Bornheim hat die 98er – wie die Rheinhessen aus Mainz – sportlich überflügelt. Dabei waren die Darmstädter bis 1993 aus dem deutschen Profifußball nicht wegzudenken. Auch heute, 21 Jahre nach ihrem Abstieg aus der 2. Liga, belegen die Lilien immer noch den 14. Rang in der ewigen Zweitligatabelle. Die Aussicht auf eine Rückkehr kommt zwar unverhofft, die Darmstädter dürften jedoch nach wie vor getreu dem Motto verfahren „alles kann, nichts muss“.

Zwei gänzlich konträre Sichtweisen als Antrieb
Die beiden momentanen Spitzenklubs werden vor ihrem Aufstiegsduell jedenfalls von zwei gänzlich unterschiedlichen Sichtweisen angetrieben:  Der SV 98 weiß angesichts seiner schweren Jahre, wo er herkommt. Die “Roten Bullen” wissen hingegen aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten, wo sie hinwollen.

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Spielankündigung Djurgarden (Foto: M.Kneifl)

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