Üks, kaks, kolm – eesti!

Morgen Abend wird die A. Le-Coq Arena in Tallinn prall gefüllt sein, denn Estlands Nationalelf bestreitet das erste Play-off-Spiel zur Euro 2012 gegen Irland. Den sangeskräftigen irischen Supportern werden die estnischen Fans ein kräftiges „Üks, kaks, kolm – eesti“ entgegensetzen, das übersetzt an längst vergilbte DDR-Gassenhauer erinnert: „Eins, zwei, drei – Estland“. Für alle die zur Einstimmung mehr über den estnischen Fußball wissen wollen, hier eine kleine estnische Zahlenkunde:

1
Die estnische Nationalmannschaft hat erstmals die Play-offs um einen der letzten Plätze für eine WM- bzw. EM-Endrunde erreicht.

3
Den zu den Play-offs berechtigenden zweiten Gruppenplatz sicherten sich die Esten erst auf den letzten Drücker. Drei Siege in den letzten drei Quali-Spielen gegen Slowenien sowie zweimal gegen Nordirland ebneten den Weg. Zuvor hatten sich die Esten allerdings kräftig blamiert und gegen die Färöer zu Hause nur durch zwei Treffer in der Nachspielzeit mit 2:1 gewonnen. Dieser Warnschuss war wohl nicht laut genug. Auf den Färöern verloren die Esten im Juni 2011 gar mit 0:2! Letztlich profitierte das estnische Team von der Schwäche Serbiens (nur drei Punkte aus den sechs Spielen gegen Italien, Slowenien und Estland), wobei der 3:1-Erfolg im direkten Duell in Belgrad Gold wert war.


5
Estland befand sich bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen zur Euro 2012 im fünften von sechs Lostöpfen. Schwächer als die Mannschaften in diesem Topf wurden nur noch die absoluten Leichtgewichte des europäischen Fußballs eingestuft. Wie auch immer, Estland übertraf alle Erwartungen und setzte sich hinter Italien gegen die WM-Fahrer Slowenien und Serbien durch. Mit Montenegro (Gruppenzweiter) und Armenien (Gruppendritter) überzeugten im Übrigen zwei weitere Teams aus dem fünften Lostopf in der Qualifikation.

7
An sieben der 15 estnischen Quali-Tore war Konstantin Vassiljev beteiligt. Zwei Tore bereitete er vor, fünf Mal vollendete er selbst. Unter anderem im letzten Spiel in Nordirland, in dem er nach seiner Einwechslung zwei Treffer binnen 25 Minuten markierte, damit die Partie drehte und Estland auf den zweiten Gruppenplatz hievte. Vassiljev spielt für Amkar Perm in der russischen Premjer Liga, kommt dort allerdings nur sporadisch zum Zug. In den Entscheidungsspielen gegen Irland wird es auf ihn und seine Sturmkollegen ankommen, den verletzungsbedingten Ausfall des schnellen Konterstürmers Sergei Zenjov aufzufangen.

12
Die für die Partien gegen Irland nominierten Spieler verdienen ihr Geld in zwölf Ländern. Ein einziger spielt noch in der estnischen Liga, zwei weitere sind derzeit vereinslos. Die anderen Kicker stehen in Polen, Norwegen, den Niederlanden, China, Weißrussland, den USA, Russland, Ungarn, Zypern, Dänemark und England unter Vertrag. Zum Teil spielen sie dort jedoch nur in den zweiten Ligen, viele sind noch nicht einmal Stammspieler.

16
16 Punkte ergatterte Estland in der zurückliegenden EM-Qualifikation. Nur einmal, bei der Qualifikation zur WM 2006, konnten die Balten sogar 17 Punkte einfahren. Allerdings absolvierten sie damals zwei Spiele mehr und befanden sich in einer Gruppe mit Liechtenstein und Luxemburg. Aus diesen Partien holten sie die Maximalpunktzahl, so dass sich die Punktausbeute relativiert. Grundsätzlich platzierte sich Estland in den bisherigen Qualifikationsgruppen immer zwischen Rang vier und sechs, so dass der zweite Platz in diesem Jahr das absolute Top-Ergebnis bedeutet.

26
Etwas mehr als ein Viertel der estnischen Bevölkerung gehört der russischen Minderheit an. Auch im Kader für die Spiele gegen Irland stehen neun Spieler mit russischen Namen.

27
Das Durchschnittsalter der für die Play-off-Duelle nominierten Spieler liegt bei über 27 Jahren. Der jüngste Spieler ist 23, der älteste 34 Jahre. Coach Tarmo Rüütli setzt also auf eine erfahrene Mannschaft. Das heißt aber nicht, dass er junge Spieler außer Acht lässt. Bei einer Länderspielreise nach Südamerika setzte er im Sommer 2011 gegen Chile acht Spieler ein, die 21 Jahre oder jünger waren.
Der estnische Verband vertraut in den ältesten Nachwuchsjahrgängen auf deutsches Know-how. Frank Bernhardt, ehedem bei den Nachwuchsteams von St.Pauli an der Seitenlinie, coacht seit 2007 die U21 und die U19. Die EM-Endrunde der U19 findet im nächsten Jahr in Estland statt. Die jungen Kicker werden sich 2012 also in jedem Fall mit der kontinentalen Elite messen.

59
So lautet die aktuelle Platzierung in der FIFA-Weltrangliste. Zu Beginn der Euro-Qualifikation rangierte Estland noch auf Platz 94. 42 europäische Teams waren zu diesem Zeitpunkt besser platziert. Selbst heute gelten gemäß Weltrangliste noch 30 europäische Mannschaften als besser. Mit einem Erfolg in den Play-offs würde Estland trotzdem zum erlauchten Kreis der 16 Endrundenteilnehmer gehören.

74
Zusätzliche Schubkraft könnte die Reaktivierung des 74-maligen Internationalen Joel Lindpere verleihen. Der 30-jährige Mittelfeldspieler ist der Dauerbrenner im Mittelfeld der New York Red Bulls. Nachdem er Anfang November mit seinem Team in den US-Play-offs an Los Angeles Galaxy (mit dem irischen Kapitän Robbie Keane) scheiterte, erklärte er sich bereit die estnische Auswahl zu verstärken. Da er vor zwei Jahren noch seinen Rücktritt aus der Nationalelf erklärt hatte und keinen Beitrag zur erfolgreichen Qualifikation leistete, wird seine Rückkehr von einigen Beobachtern kritisch gesehen. Seine Erfahrung und Präsenz könnte für das Team der Underdogs dennoch wichtig werden.

138
Auf eine solche Anzahl an Spielen in der englischen Premier League brachte es der langjährige estnische Nationalkeeper Mart Poom. Auf eine ähnlich erfolgreiche Karriere im Ausland können nur die wenigsten estnischen Fußballer zurückblicken. Folgerichtig wurde Poom 2003 zum besten estnischen Fußballer der letzten 50 Jahre gewählt. Der aktuelle Kapitän der Nationalelf Raio Piiroja kämpft im Vergleich dazu derzeit um einen Platz in der Stammelf von Vitesse Arnheim. In dieser Saison kam er bisher lediglich zu zwei Kurzeinsätzen in der niederländischen Eredivisie.

1933
Estland bestritt im Übrigen das erste Qualifikationsspiel für eine internationale Meisterschaft überhaupt. Am 11. Juni 1933 unterlagen sie in Stockholm Schweden mit 2:6. Die WM 1934 in Frankreich fand somit ohne die Balten statt.

2014
Sollte es gegen Irland nicht klappen, so bleibt nicht allzu lange Zeit sich zu grämen. Im September nächsten Jahres beginnt bereits die Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien. Estland wird sich dann jedoch gehörig anstrengen müssen, um ähnlich erfolgreich abzuschließen wie zuletzt. Die Gruppengegner heißen Niederlande, Türkei, Ungarn, Rumänien und Andorra.

6.807
lautet der Zuschauerschnitt aus den fünf EM-Qualispielen in der A. Le Coq Arena. Das modernste Stadion Estlands bietet rund 9.600 Zuschauern Platz. Die Begegnung gegen die Iren war binnen weniger Minuten ausverkauft. Normalerweise wird der estnische Fußball nicht gerade von großen Zuschauerzahlen verwöhnt, ganz im Gegenteil. Laut http://www.transfermarkt.de beträgt der Zuschauerschnitt in der estnischen Meistriliiga kümmerliche 202 (!) Besucher. Ein katastrophaler Schnitt, wenngleich das Niveau der Liga nicht das beste ist. In der UEFA-5-Jahreswertung rangiert die Meistriliiga auf Rang 47 von 53 Verbänden. Erfolgsverwöhnter sind die Esten ohnehin nicht in Mannschaftssportarten, sondern in Leichtathletik (Diskus, Zehnkampf), Wintersport (Skilanglauf) und Tennis (Kaia Kanepi).

Play-off-Chancen
Alles in allem sind für mich die Esten in den Play-off-Begegnungen der große Außenseiter schlechthin. Die Nationalspieler sind selbst in schwachen europäischen Ligen oft keine Stammspieler. Doch wer weiß, die baltischen Nachbarn aus Lettland zeigten im Herbst 2003 gegen die hoch favorisierten Türken, wie man mit mannschaftlicher Geschlossenheit und Leidenschaft das Unmögliche möglich machen kann.

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