Trial and error: Das System Magath

Was ist bloß aus Felix Magath geworden? Als Förderer der „Jungen Wilden“ beim VfB Stuttgart und vor allem als sensationeller Meistermacher des VfL Wolfsburg hatte er sich ein positives Image erworben. In den letzten anderthalb Jahren verkehrte er diesen Eindruck allerdings ins Gegenteil. Allen voran die wilde Transfer- und Personalpolitik des mittlerweile 58-jährigen sorgt für Befremden, scheint sie doch dem Prinzip des „trial and error“ zu folgen. Doch warum?

Als Sebastian Polter am vergangenen Samstag für Hasan Salihamidzic eingewechselt wurde, war die 30 voll. 30 Spieler hat Felix Magath an den ersten 16 Spieltagen dieser Saison bereits für die „Wölfe“ auf den Rasen geschickt. Nun könnte man hinter dieser Zahl eine veritable Verletztenmisere vermuten. Doch Pustekuchen. Magath verbannt Spieler nach schlechten Auftritten von der Startelf geradewegs auf die Tribüne (Sotirios Kyrgiakos, Jan Polak), lässt im Sommer verpflichtete Spieler regelmäßig auf der Bank schmoren (Patrick Ochs, Marco Russ, Rasmus Jönsson, Srdjan Lakic), schiebt gestandene Profis in die Reserveelf ab (Patrick Helmes, Thomas Kahlenberg) und verhilft reihenweise Youngstern aus dem Reserveteam zu ihren Bundesligadebuts (Yohandry Orozco, Bjarne Thoelke, Robin Knoche, Maximilian Arnold, Michael Schulze, Sebastian Polter). Da Magath in dem Ruf steht autoritär und wenig kommunikativ zu sein, hinterlässt er derzeit einen total verunsicherten 85-Millionen-Euro-Kader. Die fehlende „mentale Stärke“, die Magath nach der noch schmeichelhaften 1:4-Klatsche am vergangenen Samstag in Bremen bei seiner Mannschaft ausmachte, hat er mit seiner wirren Personalpolitik selbst befördert. Die mangelnde Erstligatauglichkeit, die er seinem Team ebenfalls attestierte, entpuppt sich als Boomerang. Schließlich hat er den Kader doch im Sommer höchstpersönlich stark korrigiert, nachdem er den Verein nach seiner Blitzrückkehr aus Schalke vor dem Abstieg gerettet hatte. 12 Zugängen und 6 „hochgezogenen“ Nachwuchsspielern standen 11 Abgänge gegenüber.

Der Leistungsnachweis der "30" des VfL Wolfsburg im "kicker" vom 12.12.2011 (Foto: M. Kneifl)

Der Leistungsnachweis der „30“ des VfL Wolfsburg im „kicker“ vom 12.12.2011 (Foto: M. Kneifl)

Die Jagd nach dem Rekord – 35 eingesetzte Akteure sind zu knacken
Wie gedenkt Magath nun mit der verfahrenen Situation umzugehen? Er erklärt, in der Winterpause einfach nochmals kräftig einzukaufen! Geld genug ist beim vom VW-Konzern gemästeten Verein ja vorhanden. So kann die „trial and error-Reihe“ in die nächste Runde gehen. Mit Vaclav Pilar und Petr Jiracek wollen die „Wölfe“ zwei Kräfte vom amtierenden tschechischen Meister Viktoria Plzen in das „System Magath“ einführen. Der „kicker“ berichtete vorgestern (12.12.) von einem angeblichen 7-Millionen-Euro-Angebot für Ricardo Rodriguez vom FC Zürich. Nahezu täglich werden weitere Spieler mit dem VfL in Verbindung gebracht. Mit seiner Personalpolitik begibt sich Magath auf Rekordjagd. Seit der Saison 2000/01 hält Eintracht Frankfurt mit 35 eingesetzten Spielern einen Saisonrekord in der Bundesliga. Auch daran wirkte Magath mit, trainierte er die Hessen doch damals bis kurz nach der Winterpause. Die angekündigte Winter-Fluktuation im aktuellen VfL-Kader dürfte auch den „kicker“ vor Probleme stellen. Bereits heute ist er in seiner Rubrik „Alle Spieler, alle Tore, alle Noten“ dazu gezwungen den Zeilenabstand zwischen den Spielern des VfL zu verringern, um sie alle auflisten zu können (s. Bild oben). Die anderen 17 Bundesligisten setzten übrigens erst durchschnittlich 22 Spieler ein.

Magaths Schalker Personalpolitik
Schon bei Schalke schien Magath im Sommerschlussverkauf 2010 vollkommen willenlos zuzuschlagen. Nachdem er bereits über ein halbes Dutzend Spieler verpflichtet hatte, holte er auf den letzten Drücker noch Nicolas Plestan, Jose Manuel Jurado, Hans Sarpei, Ciprian Deac und Klaas-Jan Huntelaar. Einige der Genannten versauerten jedoch im großen Nirvana des aufgeblähten Kaders. Bereits 2009 hatte er ihn von 29 auf 40 Spieler anschwellen lassen. Eine Saison später standen immer noch 36 Spieler im königsblauen Aufgebot. Als Magath im Winter 2010 noch die schwer vermittelbaren Angelos Charisteas und Ali Kharimi nach Schalke lotste (gleichwohl ohne Ablösesumme) plus Anthony Annan, brachte er für viele das Faß zum Überlaufen. Noch heute ist Schalke damit beschäftigt das reichhaltige Magath-Erbe auf ein trainierbares Maß an Spielern herunterzuschrauben.

Er kann auch anders: Magath als Jugendförderer
Seit Magath 2007 in der Doppelfunktion des Trainers und Managers beim VfL Wolfsburg anheuerte hat er 66 Spieler für den VfL Wolfsburg und Schalke 04 verpflichtet. Das bedeutet in viereinhalb Jahren holte der ehemalige Nationalspieler durchschnittlich mehr als sieben Neuzugänge pro Transferfenster.  Dass es auch anders geht, bewies Magath zwischen 2001 und 2004 beim VfB Stuttgart. Dort agierte er nach dem Rauswurf von Rolf Rüssmann erstmals in der Doppelfunktion als Trainer und Manager. Da die Schwaben finanziell nicht auf Rosen gebettet waren, formte er aus der guten Nachwuchsabteilung die „Jungen Wilden“ um Kevin Kuranyi, Alexander Hleb, Andreas Hinkel, Timo Hildebrand und Ioannis Amanatidis. Mit ihnen stieß er in die Bundesligaspitze vor und erreichte gar die Champions League. Auch in seinem ersten Schalker Jahr, in dem er vergleichsweise bescheidene 11 Millionen Euro investieren konnte, bewies er ein Händchen für junge Spieler. Er hiefte die vollkommen unbekannten Lukas Schmitz, Christoph Moritz und Joel Matip in den Profikader, wo sie 29, 28 bzw. 20 Bundesligaeinsätze bestritten.

Titeljagd durch Stammplatzkampf
Nach zwei Doubles mit dem FC Bayern und einer Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg kennt Magath jedoch das Gefühl Titel zu holen. Als erfahrener Trainer weiß er, dass er diese in der Regel nicht nur mit talentierten Jungspunden holt, es sei denn man heißt Borussia Dortmund. Dem Premium-Kader der Bayern kann nur Paroli bieten, wer investiert. So wie er es mit Wolfsburg bereits zwischen 2007 und 2009 getan hat, als er für knapp 64 Millionen Euro einkaufte und dabei ein Transferminus von 46 Millionen in Kauf nahm. Mit den Wolfsburger VW-Millionen und den Schalker Champions-League-Einnahmen im Rücken schien der Angriff auf die Bayern möglich. Warum er dabei allerdings nicht gezielt Qualität einkauft, sondern massenhaft, verstehe wer will. Er hält es für richtig in einem großen Kader den Kampf um die Stammplätze auf die Spitze zu treiben. Dass dies nach hinten losgehen kann, beweist er derzeit allwöchentlich eindrucksvoll. Ein funktionierendes Mannschaftsgefüge will sich so nicht herausbilden, das Selbstbewusstsein schwindet auf Kosten der Leistung. Der „kicker“ belegt dies, indem er den VfL Wolfsburg als notenschlechtestes Team der Liga ausweist. Dies dürfte die „hire-and-fire“-Politik von Magath erneut befeuern. Beweist sich der eine nicht, dann kommt halt der nächste. So nimmt die Halbwertszeit der Profis im Magath-Universum rapide ab und sicher auch die Chance die Bayern zu ärgern.

Dass er mit seinem Gebaren die ehrliche und hart kalkulierte Transferpolitik der Konkurrenzvereine ad absurdum führt, ist dabei das eigentlich Traurige. Nachfragen können gern an den 1. FC Kaiserslautern (Erik Jendrissek, Srdjan Lakic) oder Eintracht Frankfurt (Patrick Ochs, Marco Russ) gerichtet werden, deren ehemalige Leistungsträger in den Magath-Klubs versauerten oder versauern.

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