„Wir sind das Vereinsgedächtnis“ – Das Eintracht-Museum in Frankfurt

Matze Thoma, Leiter Eintracht-Museum (Quelle: kickschuh.wordpress.com)

Matze Thoma, Leiter Eintracht-Museum (Quelle: kickschuh.wordpress.com)

Immer mehr Klubs denken nicht nur an das nächste Spiel oder die kommende Saison, sie erinnern sich auch ihrer eigenen Wurzeln. So verfügen inzwischen der Hamburger SV, Werder Bremen, Schalke 04, Borussia Dortmund, der 1. FC Köln oder auch Eintracht Frankfurt über ein Vereinsmuseum. Ich sprach mit Matthias „Matze“ Thoma (39), Leiter des Eintracht-Museums in Frankfurt, über die Initialzündung für das Museum, den Neid von Real Madrid und geschichtsinteressierte Profis.

Matze, Du warst als Mitglied des Eintracht-Fan-Archivs eine treibende Kraft beim Aufbau des Museums. Was war die Initialzündung?
Matze Thoma: Das war eine DSF-Reportage, die ich über Bert Trautmann gesehen habe, den legendären deutschen Tormann. Er spielte in den 1950ern bei Manchester City und gewann den FA-Cup. In dem Film war zu sehen, wie er noch nach vielen Jahren von den Fans für seinen Einsatz gefeiert wurde. Da habe ich mir gedacht: So etwas machen wir mit der Eintracht-Meisterelf von 1959! Wir Fans legten für eine Nachbildung der Meisterschale zusammen und gewannen die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth für unsere Idee. 2004 überreichte sie den noch lebenden Meistern die Schale zum 45-jährigen Jubiläum im Römer. Der Tag war ein voller Erfolg und erfuhr in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Dann meinte Guido Derckum, der damalige Leiter der Fan- und Förderabteilung, zu mir: „Matze, jetzt machen wir ein Museum.“ Ich war da anfangs etwas skeptisch, aber so nahm die Sache ihren Lauf.

"Im Herzen der Eintracht": Matze Thoma, Leiter des Eintracht-Museums (Foto: M.Kneifl)

„Im Herzen der Eintracht“: Matze Thoma, Leiter des Eintracht-Museums (Foto: M.Kneifl)

Wie habt ihr die Verantwortlichen des Vereins überzeugt?
Matze Thoma: Die Rahmenbedingungen waren günstig. Die Eintracht spielte in einem neuen Stadion und stieg 2005 in die Bundesliga auf, was eine Euphorie rund um den Verein entfachte. Wir haben dann gemeinsam mit der Fan- und Förderabteilung einfach mal Vitrinen angemietet und in einem leerstehenden Raum des Stadions aufgebaut. Darin haben wir den Verantwortlichen der Eintracht unsere Schätze präsentiert und so ein „Gefühl“ für das Museum vermittelt. Danach setzten wir uns mit Vertretern des Vereins, der Fußball AG und des Stadionbetreibers an einen Tisch. Die Museumsidee gefiel und wir legten fest, dass wir uns bezüglich der Umsetzung bestehende Vereinsmuseen ansehen.

Wie nahm das Museum letztlich Gestalt an?
Matze Thoma: Verein und Fußball AG sagten uns als Startkapital ein Darlehen zu, mit dem wir schon mal planen konnten. Bei der Umsetzung stand uns der Hessische Museumsverband beratend zur Seite, in dem wir Mitglied geworden waren. Wir baten dann fachkundige Firmen um Konzepte, die wir mit allen Entscheidungsträgern auswerteten und das Gewinnerkonzept weiter verfeinerten. Im November 2007 stand schließlich die Dauerausstellung unter der Haupttribüne der Arena und wir konnten öffnen.

Wie gelangt ihr eigentlich an Eure Exponate?
Matze Thoma: Wir verfügen mittlerweile über mehr als 1.000 Exponate, von denen nur ein Teil ausgestellt ist. Vieles hatten wir bereits im Archiv am Riederwald zusammengetragen. Inzwischen kommen aber auch Fans oder Angehörige von Verstorbenen auf uns zu und überlassen uns Sammlungen oder Erinnerungsstücke, weil sie wissen, dass sie hier gut aufgehoben sind. Ehemalige Spieler geben uns ebenso gerne Gegenstände, die sie mit besonderen Ereignissen verbinden. Etwa Matthias Hagner, der uns seine Kickschuhe gab, mit denen er 1995 zwei Tore zum 4:1-Sieg gegen die Bayern beisteuerte. Genauso Christoph Preuß, der mit dem ausgestellten Schuh 2007 per Fallrückzieher das Tor des Monats gegen die Bayern erzielte. Solche Ausstellungsstücke werden von den Fans wesentlich häufiger fotografiert als etwa die Gründungsurkunde von 1899 oder der erste Spielbericht aus demselben Jahr. Die historische Relevanz bleibt da hinter der emotionalen zurück.

Was sind die wertvollsten Stücke Eurer Sammlung?
Matze Thoma: Dazu gehört sicher die besagte Gründungsurkunde. Dann eine Originalflasche von 1932, die einem Eintracht-Spieler nach dem verlorenen Finale um die Deutsche Meisterschaft ausgehändigt wurde. Auf ihr ist der Schriftzug „der tapferen Elf“ aufgebracht. Natürlich nicht zu vergessen der Endspielball aus dem Landesmeisterfinale von 1960, das die Eintracht in Glasgow gegen die Starelf von Real Madrid mit 7:3 verlor. Der verstorbene Nationalspieler Richard Kress hatte ihn sich nach dem Schlusspfiff geschnappt und seine Frau hat ihn uns vermacht. Ein Exponat, um das uns Real Madrid ernsthaft beneidet! Damit uns der Ball noch lange erhalten bleibt, bringen wir ihn alle zwei Jahre zum Ledermuseum nach Offenbach. Dort wird er auf möglichen Pilzbefall untersucht. Auch wenn Offenbach sonst ein rotes Tuch für die Eintracht ist, diese Hilfe nehmen wir gerne in Anspruch.

Habt ihr beim Aufbau der Sammlung auch Lehrgeld bezahlt?
Matze Thoma: Oh ja. So wollten wir ursprünglich die Gründungsurkunde im Original ausstellen. Da haben die Experten vom Hessischen Museumsverband die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und uns geraten eine originalgetreue Kopie anzufertigen. Das haben wir dann auch gemacht. Bei der besagten Flasche von 1932 hat der Besitzer immer mehr Geld verlangt, da kam ich richtig ins Schwitzen. Auf so ein Gefeilsche gehen wir heute nicht mehr ein. Zudem müssen wir aufpassen, dass die Sachen, die uns angeboten werden, Originale sind. Dafür haben wir mittlerweile einen guten Blick und ausreichend Experten in der Hinterhand.

Ein Museum ist ja oftmals ein Zuschussbetrieb. Wie finanziert ihr Euch?
Matze Thoma: Einnahmen generieren wir durch die Eintrittsgelder für das Museum und besondere Veranstaltungen. Wir stellen unser Museum aber auch für Weihnachtsfeiern, Kindergeburtstage oder Firmenpräsentationen zur Verfügung. Auch das bedeutet Einnahmen. Dem stehen zwei große Posten auf der Ausgabenseite gegenüber. Zum einen die Miete, zum anderen die Rückzahlung des Startdarlehens. Grundsätzlich gehen wir sehr sparsam mit unseren Mitteln um.

Das Eintracht-Museum hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet (Foto: M.Kneifl)

Das Eintracht-Museum hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet (Foto: M.Kneifl)

Was sind das für besondere Veranstaltungen von denen Du sprachst?
Matze Thoma: Wir führen regelmäßig nachts durchs Stadion. Die Arena zeigt sich dann von einer ungewohnten Seite, die Atmosphäre ist faszinierend und das kommt sehr gut an. Dann schleusen wir vor den Heimspielen eine Besuchergruppe durch das Stadion, die Katakomben, die Spielerkabinen und unser Museum. Zudem heißt es sechsmal im Jahr „Tradition zum Anfassen“. Wir laden zu ausgewählten Themen Ehemalige ein und schwelgen ein wenig in den Erinnerungen. Um Erinnerungen geht es auch bei den erst seit kurzem angebotenen Friedhofsbesuchen, bei denen wir die Gräber ehemaliger Spieler und wichtiger Funktionäre der Eintracht besuchen. Ich hätte es nicht unbedingt erwartet, aber die Nachfrage ist enorm.

Wie viele Besucher kommen in das Eintracht-Museum?
Matze Thoma: Inklusive der erwähnten Veranstaltungen hatten wir von Juli 2010 bis Juni 2011 rund 25.000 Besucher. Unter ihnen sind regelmäßig Gästefans, die an den Spieltagen ihr Team begleiten. Wir passen unsere Museums-Führung deshalb an den jeweiligen Gegner an und geben drei bis vier denkwürdige Anekdoten zum Besten.

Das Museum feierte vor kurzem sein vierjähriges Bestehen. Wie steht der Verein heute dazu?
Matze Thoma: Ich denke, wir haben uns als Vereinsgedächtnis etabliert. Die Verantwortlichen erkennen, dass die Eintracht ein Kulturgut ist, mit viel Kreativität und Engagement rund um den Verein. Wir stellen diese Kultur und Tradition dar, denn das ist es, was die Eintracht so einzigartig macht.
Der Verein greift gerne auf unser Wissen zurück, etwa wenn bei Jubiläen oder Trauerfeiern Reden oder Beiträge erwartet werden. Wir bestreiten zudem feste Rubriken in der Stadionzeitung, dem Vereinsmagazin und der Zeitung der Fanabteilung. Wir geben so immer wieder wertvolle Informationen aus dem Eintracht-Gedächtnis preis, das gut dokumentiert ist. So reicht unsere Sammlung der Vereinszeitung bis ins Jahr 1920 zurück, der Eintracht-Pressespiegel bis in die 1950er Jahre. Nicht zuletzt deshalb erhalten wir regelmäßig Anfragen von Medienvertretern, wenn historische Informationen zu bestimmten Duellen gefragt sind.

Wie beurteilt die Kurve Eure Arbeit?
Matze Thoma: Da ernten wir viel Zuspruch, was vielleicht nicht so überraschend ist, da wir als Träger des Museums ja selbst aus der Kurve stammen. Es ist halt ein Museum von Fans für Fans und das sehen auch die Ultras so, die in ihrem Selbstverständnis ja die Bewahrer der Tradition sind.

Was sagen ehemalige Spieler?
Matze Thoma: Viele freuen sich, wenn an sie und ihre Zeit erinnert wird. Wir kümmern uns viel um die 59er-Meisterelf, und die finden das natürlich toll. Generell würde ich sagen, je älter ein ehemaliger Spieler ist, desto größer ist seine Wertschätzung unserer Arbeit. Insbesondere, wenn sie das Rentenalter erreicht haben. Zu der besagten Reihe „Tradition zum Anfassen“ kommen alte Eintrachtler immer gerne und erzählen von damals. Wie zuletzt vor dem Zweitliga-Derby gegen den FSV. Da haben wir Spieler eingeladen, die beim letzten Duell in den 50er Jahren auf dem Platz standen. Plötzlich waren an dem Abend zehn Medienvertreter hier, die den Abend als Inspiration für ihre Berichterstattung nutzten. Das zeigt unseren Mehrwert.

Führt die Eintracht neue Spieler durch das Museum, um ihnen die Historie „ihres“ Vereins näherzubringen?
Matze Thoma: Bis jetzt nicht. Wir bieten den Trainern am Saisonbeginn an, die Mannschaft 30 Minuten durch die Ausstellung zu führen. Friedhelm Funkel und Michael Skibbe gingen leider nicht darauf ein. Bei Armin Veh habe ich ein besseres Gefühl, vielleicht kommt es ja nach der Winterpause dazu. Der ein oder andere Spieler findet aber auch aus eigenem Antrieb den Weg zu uns. Über Albert Streit wird oft kontrovers diskutiert. Er hat sich aber einmal zwei Stunden lang das Museum angeschaut, da er mehr über den Verein erfahren wollte, für den er bereits in der Jugend gespielt hat. Auch Ümit Korkmaz hat sich schlau gemacht, in wessen Fußstapfen er hier tritt.

In den nächsten Jahren entsteht in Dortmund das DFB-Fußballmuseum. Seid ihr auch in die Aufbauarbeit involviert?
Matze Thoma: Ich stehe tatsächlich in regelmäßigem Kontakt zum Ausstellungskurator Dr. Martin Wörner. Wir haben uns schon über mögliche Exponate ausgetauscht, die wir aus Frankfurt beisteuern können. Zudem konnte ich meine Expertise über den Fußball in der NS-Zeit einbringen. Grundsätzlich freue ich mich, dass der DFB nun dieses Projekt in Angriff genommen hat und bin schon sehr gespannt, wie das Endprodukt aussehen wird.

Matze, herzlichen Dank für den ausführlichen Einblick, den Du in die Arbeit des Eintracht-Museums gegeben hast. Für die Zukunft weiterhin alles Gute und viel Erfolg.

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