Der älteste Profiklub der Welt: 150 Jahre Notts County FC

1862 tobte in den USA der Bürgerkrieg, Otto von Bismarck stieg zum preußischen Ministerpräsidenten auf und in Nottingham taten sich ein paar Herren zusammen, um einen Fußballverein zu gründen. Während der Amerikanische Bürgerkrieg und der spätere Reichskanzler längst Geschichte sind, ist der Fußballverein nach wie vor präsent. Der englische Drittligist Notts County kann in diesem Jahr auf 150 bewegte Jahre zurückblicken.

Seinen ersten Auftritt feierte das Team im November 1862 gegen einen heute nicht mehr bekannten Gegner. Da es noch keine einheitlichen Fußballregeln gab, zählten bei diesem Spiel nicht nur die erzielten Tore, sondern auch die Schüsse, die innerhalb einer bestimmten Distanz neben das Tor gingen zum Endergebnis hinzu. Mangels existierendem Liga- und Pokalwettbewerb, bestritt Notts County zunächst ausschließlich Freundschaftsspiele. An gegnerischen Teams herrschte kein Mangel, denn überall auf der Insel schossen die Fußballklubs wie Pilze aus dem Boden. Eine Entwicklung, die in Deutschland erst 30 bis 40 Jahre später einsetzte.

1894: Erster und einziger Titel
County duellierte sich in der Anfangszeit mehrmals mit dem 1857 gegründeten Sheffield FC. Auch ihn gibt es heute noch, weshalb er als der älteste Fußballklub gilt, wenngleich er es nie in den Profifußball geschafft hat. Gegen eben jenen Sheffield FC kam es 1867 zu einer Premiere für die Notts-Spieler. Erstmals trugen sie ein einheitliches, orange-schwarz gestreiftes Trikot. Zuvor markierten gleichfarbige Mützen oder Schals das Team, so wie es damals durchaus üblich war. 1877 kreuzten sich die Wege der beiden Teams dann in der ersten Runde des FA Cups. Der englische Pokalwettbewerb war 1871 ins Leben gerufen worden, Notts nahm allerdings erst ab 1877 teil. Nach einer Niederlage im Entscheidungsspiel war in der ersten Runde bereits Endstation. Nur ein Jahr später kam es in der ersten Runde zum ersten Pflichtspiel-Showdown mit dem 1865 gegründeten Lokalrivalen Nottingham Forest, das Notts ebenfalls verlor. Die Duelle beider Mannschaften gelten heute übrigens als das älteste Lokalderby der Welt.
In den 1880ern verfeinerten die County-Spieler ihren Stil und schwangen sich zu einer der besten Teams Englands auf. Kein Wunder, dass regelmäßig Spieler zur englischen Nationalmannschaft abgestellt wurden. Im FA Cup agierte Notts County zunehmend erfolgreicher. Ging das erste Finale 1891 noch verloren, so machten sie es 1894 besser und besiegten die Bolton Wanderers mit 4:1. Bis heute blieb dies allerdings der einzige nationale Titel im Trophäenschrank des Clubs.

Gründungsmitglied der Football League
Wenige Jahre zuvor hatte Notts County dem professionellen Fußball in England auf die Beine geholfen. 1888 gehörte der Klub zu den zwölf Gründungsvereinen der Football League, die im Hin- und Rückspiel die erste nationale Meisterschaft ausspielten. Angesichts des raschen Erfolgs nahmen immer mehr Vereine an der Meisterrunde teil, so dass 1890 die Second Division als Unterbau der Football League eingeführt werden musste, in die Notts County 1893 erstmals abstieg. Der Klub aus Nottingham kehrte 1897 in die Football League zurück, die bis zur Einführung der Premier League 1992 die Eliteklasse des englischen Klubfußballs darstellte.

Das Notts-Trikot findet seinen Weg nach Italien
Nach einigen farblichen Experimenten hatte County in den 1890ern endgültig seine bis heute gültigen Trikotfarben gefunden: schwarz-weiß gestreift. Entsprechend wird das Team „Magpies“ (Elstern) genannt, einen Spitznamen, den sie sich mit Newcastle United teilen. Doch das Notts-Trikot sollte zu Höherem berufen sein. Als 1903 die Spieler des noch jungen Juventus Turin auf der Suche nach neuen, beständigeren Trikots waren, ließ ein englisches Klubmitglied seine Kontakte in die Heimat spielen und besorgte einen Trikotsatz von Notts County. Seitdem spielt der erfolgreichste italienische Verein in den Farben des nicht annähernd so erfolgreichen Klubs aus den East Midlands.

Ein Fahrstuhlklub
Seit 1910 trägt Notts County seine Spiele an der Meadow Lane aus. Mit dieser örtlichen Kontinuität kann der sportliche Werdegang jedoch nicht mithalten. Der Verein durchlebte bis heute 13 Auf- und 15 Abstiege. So viele wie kein anderer englischer Verein. 1926 verabschiedete sich der Traditionsverein für 55 Jahre aus der Erstklassigkeit. In den 1960er Jahren verschlug es Notts County sogar erstmals in die vierte Liga, die in England auch noch professionelle Strukturen besitzt.
Unter Coach Jimmy Sirrell ging es in den 1970er Jahren wieder bergauf und er führte den Klub 1981 bis in die erste Liga. Just zu diesem Zeitpunkt erlebte der Stadtrivale Forest seine erfolgreichsten Jahre. Dem Meistertitel 1978 fügte Forest im Jahre 1979 den europäischen Landesmeistertitel hinzu, der 1980 verteidigt werden konnte. 1984 gelang noch der Einzug ins Halbfinale des UEFA-Cups. Im gleichen Sommer verabschiedeten sich die Magpies schon wieder in die zweite Liga, kurz darauf sogar in die dritte. 1991/92 konnte sich Notts County zum bislang letzten Mal Erstligist nennen, wenn auch nur für ein Jahr. Just zur Einführung der finanziell lukrativen Premier League stieg Notts County wieder in die zweite Liga ab. Weitere Abstiege folgten, so dass sich der Verein 1997 in der vierten Liga wiederfand. Dem prompten Wiederaufstieg folgten gravierende finanzielle Probleme, die Ende 2003 fast zur Auflösung des Vereins geführt hätten. In sprichwörtlich letzter Minute retteten die Stadt und ein lokales Konsortium den Verein. Doch dem finanziellen Überleben folgte der erneute Abstieg in die Viertklassigkeit, die für sechs triste Jahre die Heimat des arg gebeutelten Traditionsvereins wurde.

A bright shining future?
Doch dann kam der märchenhafte Sommer 2009, der sich alsbald in einen Alptraum verwandeln sollte. Zwei englische Geschäftsleute, Russell King und Nathan Willett, gaben bekannt, dass „Munto Finance“ im großen Stil in Notts County investieren und es schnurstracks in die Premier League führen wolle. Das weithin unbekannte Konsortium genoss angeblich die finanzielle Rückendeckung arabischer und europäischer Investoren, was weder Verein, noch Fans oder Medien allzu kritisch hinterfragten. King und Willett gaben dem Konsortium ein Gesicht und überzeugten die Fans, ihre Mehrheitsanteile am Verein zu veräußern. Das blinde Vertrauen ging sogar so weit, dass das Klubwappen geändert und mit dem Logo eines übergeordneten Konsortiums versehen wurde.
Um die Ernsthaftigkeit der großen Pläne zu untermauern, installierten King und Willett mit Sven-Göran Eriksson den ehemaligen englischen Nationaltrainer als Sportdirektor. Nur wenig später gab der Klub die Verpflichtung des Altinternationalen Sol Campbell und des aufstrebenden dänischen Torwarts Kasper Schmeichel (Sohn der Torwart-Legende Peter Schmeichel) bekannt. Alles schien also bereit für einen nachhaltigen Sprung nach oben.

Ein veritables Luftschloss!
Dass die Sache nicht ganz koscher war, dämmerte vielen Fans, als Sol Campbell die Magpies Ende September 2009 nach nur einem Spiel verließ. Er schien den vollmundigen Versprechungen der neuen Investoren nicht zu glauben. Gewissheit, dass etwas faul war, erlangten die Fans allerdings erst, als die Football League, unter deren Obhut die League 2 steht, vom Verein die Nennung seiner Eigentümer forderte. So kam heraus, dass King und Willett ein veritalbes Luftschloss gebaut hatten, denn „Munto Finance“ war eigens für die Übernahme von Notts County gegründet worden, hatte seinen Sitz auf den Jungferninseln und verfügte mitnichten über zahlungskräftige Scheichs. King wurde als vorbestrafter Hochstapler entlarvt, verschwand daraufhin spurlos und County hatte den Schaden. Der Plan der Betrüger sah wohl vor mit der Verpflichtung von Campbell und Eriksson Gelder weiterer Investoren zu generieren. Der älteste Profiverein war so zum finanziellen Spekulationsobjekt geworden. Ein Schicksal, das schon andere unterklassige Vereine ereilt hatte. Investoren erwarben die Klubs, veräußerten deren Tafelsilber – bevorzugt die Stadien – und machten sich hernach wieder aus dem Staub. Diese Schmach blieb den Magpies erspart. Dem finanziellen Kollaps entging der Verein, nachdem ein neuer Besitzer ihn zum Jahreswechsel 2009/10 für die symbolische Summe von einem Pfund erwarb. Eriksson – der offenkundig den Visionen seiner Geschäftspartner auf den Leim gegangen war – packte nach der Rettung der Magpies seine Koffer. Umso erstaunlicher, dass der Verein trotz dieser Umstände den Aufstieg in die dritte Liga (League 1) realisierte und diese sogar mit Ach und Krach halten konnte. 

Und heute?
Die aktuelle Saison begann aus Sicht der Anhänger von Notts County mit einem Leckerbissen. Anfang August pilgerten sie zum FA-Cup-Spiel einen Kilometer über den Fluss zum Stadion des Stadtrivalen Forest. Erst im Elfmeterschießen verloren die Magpies gegen den einen Liga höher spielenden Erzrivalen. Kurz darauf folgte das zweite Highlight. Am 8. September 2011 gastierte der englische Drittligist in Turin, um bei der Einweihung des neuen Juve-Stadions als Premierengegner anzutreten. Diese Ehre gebührte den Magpies aufgrund der gemeinsamen Trikothistorie. Im Gegenzug versprach Juve in diesem Jahr zum 150. Geburtstag nach Nottingham zu kommen.
Anfang Januar 2012 ist der Jubiläumsverein in der Dritten Liga auf Platz 11 zurückgefallen. Nur ein Punkt aus den fünf Partien rund um die Weihnachtszeit hat County aus der Play-Off-Zone gespült. Der Zuschauerzuspruch ist ebenfalls optimierbar. Knapp über 6.000 Fans verloren sich bisher im Meadow Lane Stadium, was nicht einmal einem Drittel der Stadionkapazität entspricht.
Passend zum Jubiläumsjahr tritt der Verein am 24. Januar eine Reise in die Vergangenheit an. Dann empfängt er zum Punktspiel Preston North End. Zusammen mit den Magpies gehörte der Verein aus Nordengland zu den zwölf Gründungsmitgliedern der Football League. Während County die erste Ligasaison 1889 auf Rang elf abschloss, holte sich Preston den ersten englischen Meistertitel. 123 Jahre sehen sich beide in der Drittklassigkeit wieder.

Hard times: Eine kurze Doku über die Rettung von Notts County, die 2003 in letzter Minute erfolgte.

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