Steel-City-Derby No. 127

In welcher Stadt kickt der älteste Fußballverein der Welt? Wo pilgern Fußballfans in das weltweit älteste Fußballstadion, in dem 1878 zudem das allererste Fußballspiel unter Flutlicht stattfand? Die Antwort lautet jeweils Sheffield. Am Sonntag (26.02.) bitten die beiden fußballerischen Aushängeschilder der mittelenglischen Stadt – „United“ und „Wednesday“ – als Zweiter und Dritter zum Spitzenspiel in der englischen League One. An der League One ist allerdings nur der Name erstklassig. Hinter ihr verbirgt sich die Tristesse der dritten Liga.

Owls (Wednesday) vs. Blades (United) – Eulen gegen Klingen – heißt es an diesem Wochenende zum 127. Mal in einem Pflichtspiel. Die Fanlager beider Klubs fiebern schon seit langem dem legendären Steel-City-Derby entgegen. Folgerichtig ist Wednesdays‘ Hillsborough Stadion seit langem restlos ausverkauft. Angesichts der großen Fußballtradition Sheffields ist es ein Jammer, dass die stärksten Klubs der Stadt gerade mal in Liga 3 ihre Kräfte messen. Denn in der sechstgrößten Stadt Englands wurden in den 1850er Jahren die Grundlagen des modernen Fußballs gelegt. Die „Sheffield Rules“, die zuerst vom Sheffield FC, dem ältesten, heute noch existierenden, Fußballverein der Welt, befolgt wurden, finden sich noch heute im Fußball-Regelwerk wieder. Egal ob Eckball, Einwurf oder Freistoß, die „Sheffield Rules“ legten sie als verbindlich fest.

Those were the days . . .

Während der Sheffield FC bis heute seinem Amateurstatus treu blieb, strebten das 1867 gegründete Wednesday und das 1889 gegründete United früh nach Höherem. Und die ersten Erfolge stellten sich rasch ein. United errang nur neun Jahre nach seiner Gründung die bis heute einzige nationale Meisterschaft. Auch die vier FA-Cup-Erfolge (1899, 1902, 1915 und 1925) fielen in die Frühphase des Klubs. Wednesday blieb es vorbehalten erstmals eine nationale Trophäe in die „Stahlstadt“ zu bringen. 1896 errangen sie den prestigeträchtigen FA-Cup, was 1907 und 1935 nochmals gelang. Der Meisterpokal wanderte 1903, 1904, 1929 und 1930 in den Trophäenschrank der Eulen. An diese frühen Erfolge konnten beide Vereine nie mehr anknüpfen, gleichwohl sie lange Jahre zum festen Inventar der englischen Eliteklasse gehörten. United zählte bisher in 60 Spielzeiten zur ersten Liga, Wednesday sogar 66-mal.

Matches to remember
Die Steel-City-Derbies, an die sich die Fanlager beider Klubs am meisten erinnern, fanden jedoch außerhalb der ersten Liga statt. 1951 fegte United Wednesday in der zweiten Liga mit 7:3 aus dem heimischen Stadion an der Bramall Lane. Wobei heimisches Stadion? Ausgerechnet Wednesday spielte von 1868 bis 1888 an der Bramall Lane, bevor die Owls ihr eigenes Stadion bezogen. Die Bramall Lane war somit ohne Fußballverein, was den dort ansässigen Cricket-Klub veranlasste eine eigene Elf zu gründen: Sheffield United. Insofern war Wednesday nicht ganz unbeteiligt an der Existenz des Dauerrivalen. Die Bramall Lane beherbergte übrigens schon 1855 Fußballspiele, was sie zum weltweit ältesten „football ground“ macht, in dem bis heute Spiele stattfinden. 23 Jahre später fand hier das erste Spiel unter Flutlicht statt.
1979 kam es zum nächsten legendären Duell der beiden Kontrahenten. Am 2. Weihnachtsfeiertag demütigte Wednesday im heimischen Hillsborough United beim „Boxing Day Massacre“ vor der Drittliga-Rekordkulisse von 50.000 Zuschauern mit 4:0. Der Sieg war umso süßer, als United als Tabellenführer und Favorit in die Begegnung gegangen war und die Partie an Weihnachten stattfand, was in England immer ein Highlight ist. Am Ende der Saison war Wednesday aufgestiegen und United ins Mittelfeld der Tabelle abgerutscht. Nach einem Jahrzehnt des Darbens bedeutete dies für die Wednesday-Anhänger zugleich die lange ersehnte Wachablösung in der Stadt.
1993 fand eine Partie der beiden Teams dann wieder nationale Aufmerksamkeit. 75.000 Zuschauer wohnten dem FA-Cup-Halbfinale zwischen Wednesday und United im Londoner Wembley-Stadion bei. Wednesday behielt mit 2:1 nach Verlängerung die Oberhand, verlor allerdings das Finale unglücklich im Wiederholungsspiel gegen Arsenal London.


Ein Dokument aus einer anderen Zeit: Das Boxing-Day-Massacre von 1979 in bescheidener Bildqualität

Gründungsmitglieder der Premier League
Im Frühjahr 1993 wurde zugleich der erste englische Meister in der Premier League gekrönt. Die neu gegründete Bel Étage des englischen Fußballs war vom nationalen Fußballverband an die Vereine übergegangen, die fortan von den Möglichkeiten des Selbstmarketings profitieren sollten. Die beiden Sheffielder Vereine zählten zu den Gründungsmitglieder der Premier League und United-Spieler Brian Deane blieb es vorbehalten das erste Tor zu erzielen. United beendete die Premierensaison als 14., Wednesday als 7. Während sich United ein Jahr später aus der Premier League verabschiedete, hielt sich Wednesday bis ins Jahr 2000 im englischen Oberhaus. United kehrte 2006 für eine Saison zurück, spielte aber ansonsten zweitklassig, bis es am Ende der vergangenen Saison den bitteren Gang in die Drittklassigkeit antreten mussten. Wednesday schaffte es nach dem Abstieg nicht mehr zurück in die Premier League. Nach einem weiteren Abstieg 2003 gehörten die Owls sogar für zwei Jahre der dritten Liga an. Seit 2010 spielen sie nun erneut nur in der drittstärksten englischen Division. Und das, obwohl das heimische Hillsborough Stadion mit knapp 40.000 Plätzen das größte außerhalb der Premier League ist.

. . . und heute?

Die Fans im Hillsborough hätten also wahrlich namhaftere Gegner verdient, als Hartlepool United, FC Bury oder die Wycombe Wanderers. Da die Blades jedoch vor der Saison ebenfalls in die League One abstiegen, ist geteiltes Leid nur noch halbes Leid. Passenderweise teilen beide Vereine nicht nur das gleiche Schicksal, sondern auch die Trikotsponsoren. Während United zu Hause mit „Westfield Health“ auf der Brust aufläuft, wirbt Wednesday auswärts für die Gesundheitsorganisation. Zu Hause beflockt Wednesday seine Trikots dafür mit „Gilder Group“, was United bei seinen Auswärtstrikots macht.

Alles auf Aufstieg
Beide Vereine setzen alles auf eine Rückkehr in die zweite englischen Liga. Viele Experten handelten die beiden Rivalen vor Saisonbeginn ebenfalls als klare Aufstiegskandidaten. Die Favoritenstellung der beiden Vereine schlägt sich auch in deren Kader nieder. United besitzt das teuerste Team der Liga, Wednesday das zweitteuerste. Beide können sich zudem auf den treuen Support ihrer Anhänger verlassen. Wednesday empfing in dieser Saison durchschnittlich knapp 20.000 Zuschauer, United etwas über 18.000. Beides ebenfalls Spitzenwerte der League One. Doch nicht nur hier. Sogar in der zweiten Liga würden sie in dieser Statistik zahlreiche Klubs hinter sich lassen und selbst in der Premier-League Wigan Athletic und die Queens Park Rangers.

Wednesday unter Druck
Das Hinspiel an der Bramall Lane vor über 28.000 Zuschauern endete im Oktober 2:2. United führte schnell mit 2:0 und kassierte die beiden Gegentreffer erst in den letzten acht Minuten. Ein veritalbes Ärgernis für alle Blades-Fans und ein Fest für alle Anhänger der Gäste. Der Druck vor dem Rückspiel am Sonntag lastet dennoch auf Wednesday, das die letzten drei Partien – z.T. gegen Kellerkinder – verlor. Der vierfache Meister hält sich nur noch deshalb auf Platz 3, da die nachfolgenden Mannschaften bis zu drei Spiele im Rückstand sind. Spitzenreiter Charlton Athletic ist bereits zwölf Punkte enteilt. Der Vorsprung auf Platz 7, der nicht mehr zu den Play-offs um den Aufstieg berechtigt, ist allerdings noch beruhigend. Platz 2, der bereits den direkten Aufstieg bedeutet, belegt United. Nach zuletzt drei Siegen in Folge, u.a. im Spitzenspiel gegen Huddersfield Town, liegt das Momentum eindeutig bei den Blades, die im Übrigen von Danny Wilson betreut werden. Aufgrund seiner Vergangenheit als Wednesday-Spieler und -Trainer genießt er bei vielen United-Fans nur so lange Bleiberecht, wie er Erfolge garantiert. Wednesday, das wiederum vom Premier-League-erfahrenen Gary Megson trainiert wird, hat in dieser Woche auf die Negativserie reagiert und Stürmer Michail Antonio vom klassenhöheren Reading FC ausgeliehen. Sollte er die Eulen zum Sieg schießen, hätte er sie nicht nur im Rennen um den Aufstieg gehalten, sondern auch einen festen Platz in der Historie des Steel-City-Derbies.

Sheffields größter Exportschlager der letzten Jahre war kein Fußballer, sondern die Indie-Rock-Band „Arctic Monkeys“. Sie selbst bezeichnen sich als glühende Wednesday-Fans. Deshalb zur Einstimmung auf das sonntägliche Steel-City-Derby „Dancing Shoes“ vom 2007er Glastonbury-Festival:

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