Wo oben unten ist: Fußball in Schleswig-Holstein

Sticker: Tote Hose - Landkreis Nixlos (Quelle: http://www.ue-ei-portal-sammlerkatalog.de/details.php?image_id=34941)„Tote Hose – Landkreis Nixlos“. Ein Sticker aus den 1980er Jahren beschreibt vortrefflich den Zustand des Fußballs in ganz Schleswig-Holstein. Seit Einführung der Bundesliga 1963 hat es keinen Verein aus dem nördlichsten Bundesland dorthin verschlagen. Die Anzahl der Zweitligaspielzeiten von Klubs aus Schleswig-Holstein lassen sich an zwei Händen abzählen und auch Bundesligaprofis stammen äußerst selten von dort.

10. März 2012: Der VfB Lübeck empfängt in der Regionalliga Nord seinen alten Dauerrivalen Holstein Kiel. Doch nur 3.888 Zuschauer wollen das ewig junge holsteinische Derby im Stadion an der Lohmühle verfolgen. Drei Viertel der Plätze bleiben leer. Die Kieler reisen als Tabellenführer an und können auf eine Erfolgsserie von neun Spielen ohne Niederlage zurückblicken. Der VfB hingegen, der nach 3 Spieltagen noch auf Rang 2 stand, purzelte bis zum Derby auf Platz 14 hinab. Die Ausgangslage war klar, die Kieler durften nicht und konnten deshalb nur verlieren. Und das taten sie dann auch. Dass die „Störche“ genannten Kieler kurz vor Schluss noch einen Elfer verbaselten passte ins Bild. Nach einer weiteren Niederlage gegen die Zweitvertretung von Hertha BSC liegen die Holsteiner nun schon fünf Punkte hinter RB Leipzig. Der erhoffte und ersehnte Sprung in die 3. Liga droht außer Reichweite zu gelangen. Irgendwie bezeichnend, dass der eine schleswig-holsteinische Viertligist, für den es um nichts mehr ging, den anderen auf dem Weg in die nächsthöhere Klasse zum Straucheln brachte. Da es sich bei beiden um die einzigen Vertreter Schleswig-Holsteins handelt, die oberhalb der fünftklassigen Schleswig-Holstein-Liga spielen, wird klar, wie weit unten sich der Fußball in dem nördlichsten Bundesland befindet. Der aktuelle Tabellenführer der Schleswig-Holstein-Liga und damit die drittbeste Mannschaft zwischen Nord- und Ostsee heißt … Holstein Kiel II. Die Konkurrenten der jungen „Störche“ hören auf solch illustre Namen wie NTSV Strand 08, FC Sylt, SV Todesfelde oder Eider Büdelsdorf.

Ein Ort namens Malente
Der lange Zeit berühmteste Fußballort in Schleswig-Holstein hieß hingegen weder Kiel noch Lübeck, sondern Malente. Doch dahinter verbirgt sich kein Spitzenklub, sondern eine Sportschule. In dieser holten sich 1974 und 1990 die DFB-Teams den letzten Feinschliff auf dem Weg zum WM-Erfolg. Heutzutage bereitet sich die Nationalelf in ausländischen Luxusressorts auf die Endrunden vor. Der Herbergscharme von Malente ist nicht mehr gefragt und unterstreicht damit sinnbildlich den „abgehängten“ Zustand des Fußballs zwischen den Küsten.

Sachsen-Anhalt und Thüringen: Keine Bundesligaerfahrung, aber internationale Erfolge
Neben Schleswig-Holstein gibt es mit Sachsen-Anhalt und Thüringen zwei weitere weiße Flecken auf der ewigen Bundesliga-Karte. Beide durften jedoch zu DDR-Zeiten stolz auf ihre Fußballer sein. Der 1. FC Magdeburg gewann als einziger DDR-Verein einen Europapokal: 1974 den Europapokal der Pokalsieger. Im selben Wettbewerb sollten sieben Jahre später die Thüringer des FC Carl Zeiss Jena ins Finale vorstoßen. Von ähnlichen Höhenflügen können die Fußballfans aus Schleswig-Holstein, selbst wenn sie noch so weit zurückblicken, nicht berichten. Die einzig nennenswerte Fußnote hinterließ Holstein Kiel noch zu Kaisers Zeiten: 1912 errangen die „Störche“ den deutschen Meistertitel. Profifußballluft in der 1974 gegründeten 2. Bundesliga schnupperten neben Holstein Kiel (1978-1981) bisher nur die Rivalen vom VfB Lübeck, die 1995 und 2002 für jeweils zwei Spielzeiten mitmischten.

Eine Handvoll Spitzenfußballer
Auch Fußballer, die zwischen den Küsten groß wurden, haben bisher kaum Ausrufezeichen setzen können. Der letzte deutsche Nationalspieler, der bei einem schleswig-holsteinischen Verein spielte, war 1957 Willi Gerdau vom Heider SV. Der letzte bekannte Schleswig-Holsteiner im DFB-Dress war der in Kiel geborene Andi Köpke. Doch es passt zum schleswig-holsteinischen Dilemma, dass viele Fans den ehemaligen Nationalkeeper aufgrund seiner langjährigen Karriere beim 1.FC Nürnberg für einen Franken halten dürften. Heutzutage klopft kein Nordlicht an das Tor zur Nationalelf.
Gerade einmal zwei talentierte Spieler von der Küste haben es derzeit zu arrivierten Bundesligaprofis geschafft: Jan-Ingwer Callsen-Bracker vom FC Augsburg und Sidney Sam von Bayer Leverkusen. Callsen-Bracker ist in Schleswig geboren. Sam jagte bis zu seinem 16. Lebensjahr in seiner Geburtsstadt Kiel dem runden Leder nach. Ebenfalls Wurzeln in Schleswig-Holstein haben Cedrick Makiadi vom SC Freiburg, der zwar im Kongo geboren wurde, aber immerhin in Lübeck aufwuchs und der Kieler Christopher Avevor, der gerade bei Hannover 96 seine ersten Profierfahrungen sammelt. Gut möglich, dass die überschaubare Kolonie der schleswig-holsteinischen Erstligakicker demnächst Zuwachs erhält. Mit Fin Bartels, Fabian Boll und Benedikt Pliquett begehren drei gebürtige Nordlichter mit dem FC St. Pauli Einlass in die Bundesliga. Einen anderen Weg ging Kolja Afriyie. Der 29-jährige Deutsch-Ghanaer kam in Flensburg auf die Welt, spielte aber die meiste Zeit seiner Karriere in Dänemark. Derzeit zählt der ehemalige U21-Nationalspieler zu den Stammkräften beim FC Midtjylland und belegt mit seinem Klub Rang 4 in der dänischen 1. Liga.

Schwächephasen, Handball und Finanzen
Doch was sind nun die Gründe für die erschreckend schwache Fußball-Bilanz Schleswig-Holsteins?

  1. Insbesondere Holstein Kiel könnte mit dem Schicksal hadern. Als es noch keine deutschlandweite Bundesliga gab, gehörten sie nach 1945 durchweg zu den stärksten norddeutschen Teams. Zweimal zogen sie sogar in die Endrunde der Deutschen Meisterschaft ein. Als es dann 1963 galt, sich für die Bundesliga zu qualifizieren, scheierten sie als sechstbestes Nordteam am Cut. 1965 stand in der Aufstiegsrunde Borussia Mönchengladbach im Weg, deren weiterer Werdegang hinlänglich bekannt ist. 1974 stoppte sie ein ausgeklügeltes Punktesystem beim Sprung in die neugeschaffene 2. Bundesliga. Die „Störche“ waren der achtbeste Nordverein, die ersten sieben qualifizierten sich. Bei der Herausbildung der nationalen Eliteklassen kamen die „Störche“ immer wieder zu kurz und rannten fortan dem professionellen Fußball hinterher.
  2. Fußball spielt in Schleswig-Holstein nicht die erste Geige, sondern der Handball. Der THW Kiel ist der FC Bayern München des deutschen Handballs. Der deutsche Serienmeister ist auch auf der europäischen Bühne eine große Nummer. Mit der SG Flensburg-Handewitt hat sich ein weiterer Nordverein in der Tabellenspitze der Handball-Bundesliga etabliert. Beide bestritten 2007 sogar das Finale der Champions League. Eine Zahl belegt den Stellenwert des Handballs in Schleswig-Holstein. Deutschlandweit betrachtet spielen 5,5 Prozent aller Handballer in Schleswig-Holstein. Bei den Fußballern sind es nur 2,2 Prozent. Ein Blick in die DFB-Mitgliederstatistik besagt, dass nur 5,3 Prozent der Schleswig-Holsteiner Mitglieder in einem Fußballverein sind. Mit dieser Quote liegen sie unter den westdeutschen Bundesländern mit deutlichem Abstand auf dem letzten Platz. Die Spitze bilden Bayern (11,7 Prozent) und Rheinland-Pfalz (11,6 Prozent).
  3. Die bescheidenen Erfolge der Fußballer machen sich auch bei der Suche nach Sponsoren bemerkbar. Der letztjährige Meister der Schleswig-Holstein-Liga, der VfR Neumünster, verzichtete aufgrund finanzieller Überlegungen auf den Aufstieg in die Regionalliga Nord. Der Etat von Holstein Kiel beträgt in dieser Spielzeit immerhin rund 2,3 Millionen Euro. Damit liegen sie aber deutlich hinter den Handballer des THW Kiel, die über ein Budget von 9,5 Millionen Euro verfügen. Der nur knapp der Insolvenz entronnene VfB Lübeck muss in diesem Jahr mit lediglich 1,1 Millionen Euro auskommen.

Aussicht auf Besserung?
Bezüglich der Finanzen setzen die Fußballer in Schleswig-Holstein ihre Hoffnungen in das neue Glücksspielgesetz! Hier schert das nördlichste Bundesland im Vergleich zu den anderen 15 Bundesländern aus. Die Regierung Carstensen hat ein deutlich liberaleres Glücksspielgesetz aufgesetzt, das die Zahl der Glücksspielanbieter nicht begrenzt und auch Online-Pokern erlaubt. Die Fußballer hoffen, dass das Land damit eine lukrative Einnahmequelle aufgetan hat, von der sie selbst über die Sportförderung profitieren. Die Sache ist hingegen noch nicht in trockenen Tüchern. Sollte die EU die restriktivere Regelung der anderen 15 Bundesländer billigen, die am Lottomonopol des Staates festhalten, dann würde auch Schleswig-Holstein von seinem liberaleren Gesetz abrücken. Die SPD-Opposition in Kiel hat ohnehin schon verlautbaren lassen, dass sie im Falle eines Wahlsieges das Gesetz kippen würde. Die Fußballer können sich also nicht auf ein staatliches Finanzdoping verlassen.
Holstein Kiel hat sich in den vergangenen Jahren immerhin ein Umfeld geschaffen, das professionelles Arbeiten erlaubt. Ein Gelände mit fünf Plätzen und einem hochmodernem Leistungszentrum soll dazu beitragen eine nachhaltige Rückkehr in den Profifußball zu realisieren. Warten wir es also ab, ob die „Störche“ bald deutschlandweit gesichtet werden.

Erfolgreicher als ihre kickenden Landsleute sind die Pinneberger „Fettes Brot“. Zusammen mit Bela B. (Die Ärzte), Marcus Wiebusch (Kettcar) und Carsten Friedrichs (Superpunk) ist ihnen 2006 eines der – wie ich meine – schönsten und ehrlichsten Fußballlieder gelungen:

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