French Open: Der offene Titelkampf der Ligue 1

Olympique Lyon, Girondins Bordeaux, Olympique Marseille, OSC Lille und nun also der Montpellier Hérault Sport ClubFünf verschiedene Klubs errangen in den fünf vergangenen Spielzeiten die französische Meisterschaft. Eine Bilanz, die europaweit ihresgleichen suchen dürfte. Erst recht in einer so starken Liga wie der französischen. Seit 1996 errangen darüber hinaus vier Klubs das erste Mal den französischen Meistertitel. Auch dies ein Beleg für einen erfreulich offenen Wettbewerb in der Ligue 1. Das Herz aller Fußballromantiker dürfte angesichts dieser Ausgeglichenheit höher schlagen. Erst recht, wenn sie sich näher mit dem frischgebackenen Champion aus Montpellier befassen.

2009 spielte der Fußballklub aus dem Departement Hérault noch in der zweiten französischen Liga. Nur drei Jahre später reckten die Underdogs am vergangenen Sonntagabend den französischen Meisterpokal in die Höhe. Und das nach Platz 14 im vergangenen Jahr und einem Etat, der in etwa in dieser Region unter den 20 Erstligisten anzusiedeln ist. In den vergangenen vier Spielzeiten investierte der Provinzverein gerade einmal 7,3 Millionen Euro in neue Spieler. Das Gros konnte ablösefrei an Land gezogen werden. Für Olivier Giroud, der als Torschützenkönig die Meisterschaft maßgeblich ermöglichte, überwies MHSC vor zwei Jahren 2 Millionen Euro nach Tours. Damit avancierte er zum Königstransfer. Zum Vergleich: Meisterrivale FC Paris St. Germain blätterte in den vergangenen zwölf Monaten sage und schreibe 106 Millionen Euro für neue Spieler auf den Tisch und stieg damit zum turmhohen Favoriten auf. Der krasse Außenseiter aus Montpellier weigerte sich jedoch dies anzuerkennen und drehte den Hauptstädtern letztlich eine lange Nase.

Der SC Freiburg als Deutscher Meister?
National gesehen hat Montpellier noch nie eine bedeutende Rolle gespielt. In der ewigen Rangliste der Ligue 1 liegt der Mittelmeerverein gerade einmal auf Rang 23. Den überschaubaren Etat miteingerechnet wäre dies auf die Bundesliga übertragen am ehesten vergleichbar mit einer Meisterschaft des SC Freiburg. Ein wenig realistisches Szenario. Die Ligue 1 bestätigt mit dem Überraschungsmeister jedenfalls ihren Ruf eine der offensten Meisterschaften zu sein. Und auch im Abstiegskampf ging es bis zuletzt eng zu. Am letzten Spieltag trennten den 12. Valenciennes FC und den auf dem ersten Abstiegsrang 18 platzierten AC Ajaccio nur zwei Punkte. Sieben Teams gingen also mit der Hypothek ins letzte Spiel noch absteigen zu können.

Einzig Lyon versteht es den Titel in den vergangenen 19 Jahren zu verteidigen
Zehn verschiedene Meisterklubs in den vergangenen 19 Jahren untermauern auch über einen längeren Zeitraum das Image einer offenen französischen Meisterschaft. In den 1990ern gaben sich die Teams aus Paris, Auxerre, Nantes, Lens und Monaco quasi die Türklinke zur Meisterschaft in die Hand. Seit 1992 gelang es einzig Olympique Lyon die nationale Krone zu verteidigen. Lyon sorgte dann aber gleich für eine untypische Dominanz in Frankreich. Nachdem der Verein 2002 erstmals überhaupt die nationale Meistertrophäe erringen konnte, dominierte er den Wettbewerb sieben Jahre lang. Zuletzt ging aber auch ihnen die Puste aus und sie platzierten sich mit zum Teil deutlichem Abstand hinter den Meisterteams.

Zwangsabstiege öffnen Anfang der 1990er die Tür zur Tabellenspitze
Die Gründe für das muntere Wechselspiel in der Meisterliste sind vielfältig. Bevor es ab 1993 zum Kommen und Gehen an der Tabellenspitze kam, dominierten Girondins Bordeaux und Olympique Marseille die französische Meisterschaft. Nachdem Olympique jedoch die Zahlung von Bestechungsgeldern an einen Ligakonkurrenten nachgewiesen wurde, musste der Klub 1994 die Strafversetzung in die zweite Liga hinnehmen, was die goldenen Jahre der Südfranzosen schlagartig beendete. Bordeaux musste bereits 1991 den Gang in die Zweitklassigkeit antreten, nachdem bei ihnen ebenfalls Unregelmäßigkeiten in Form von „schwarzen Kassen“ entdeckt wurden. Das Fehlen der beiden Platzhirsche ließ den anderen Mannschaften Platz zur Entfaltung, ohne dass sich freilich eine als Kronprinz etablieren konnte. Dies ist mit ein Grund, warum bis heute der AS St. Étienne mit vergleichsweise bescheidenen zehn Titeln Rekordmeister in Frankreich ist. Und das, obwohl der letzte Erfolg des Michel-Platini-Klubs aus dem Jahr 1981 datiert.

Ausbleibender Erfolg auf europäischer Ebene
Die Ausgeglichenheit der Liga kann auch mit dem ausbleibenden Erfolg der französischen Vereine auf europäischer Ebene erklärt werden. Seit dem Ende der 1990er Jahre ist es mit Ausnahme des AS Monaco (2004) keinem Klub gelungen in ein europäisches Pokalfinale einzuziehen. Lyon konnte zu seinen Glanzzeiten immerhin beständig die Gruppenphase der lukrativen Champions League hinter sich lassen und sogar einmal (2010) bis in die Vorschlussrunde der europäischen Königsklasse einziehen. Damit verschaffte sich OL prompt ein finanzielles Zubrot, das ihm eine kostspielige Personalpolitik erlaubte, was wiederum zur sieben Jahre währenden Abonemmentsmeisterschaft (2002-2008) führte. Mittlerweile hat sich dieser Effekt abgeschwächt und im nächsten Jahr wird Lyon erstmals seit über einem Jahrzehnt wieder in der Champions League fehlen. Ihnen gelang es schlicht und ergreifend nicht, sich unter den ersten 3 der französischen Liga zu platzieren. Ein Schicksal das auch Olympique Marseille ereilte, weshalb die Südfranzosen das erste Mal seit fünf Jahren nicht am lukrativen Wettbewerb teilnehmen.

Paris droht die Ausgeglichenheit zu beenden
Dennoch zeichnet sich ein neuer Platzhirsch im französischen Fußball ab: Paris St. Germain. Seit Sommer 2011 verfügen die Hauptstädter auch ohne Einnahmen aus dem internationalen Wettbewerb über eine prall gefüllte Schatulle. Dies liegt am Einstieg von Qatar Sports Investment, der dazu führte, dass seit zwölf Monaten reichlich Petrodollar in den Kader fließen. Alles andere als eine Meisterschaft im nächsten Jahr wäre für das Team von Carlo Ancelotti eine große Blamage. So stünde mit Paris 2013 zwar der sechste Klub im sechsten Jahr am Ende der Saison auf Platz 1, dies wäre jedoch höchstwahrscheinlich der Auftakt zu einer nationalen Dominanz. Damit wäre der offene Wettbewerb in der Ligue 1, deren Klubs sich bislang überwiegend auf ein gutes Scouting in Afrika und den Beneluxländern sowie eine gute Jugendarbeit verließen, vorerst Geschichte. Schade eigentlich.

Der Meilenstein zur Meisterschaft: Das 1:0 des Montpellier HSC am vorletzten Spieltag gegen den amtierenen Meister OSC Lille fiel in der Nachspielzeit.

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