England vs. Ukraine: Das verrückte Jahr des Andriy Pyatov

Die Nationalelf der Ukraine sorgte im Vorfeld der EURO für kuriose Schlagzeilen. Im Monatsrhythmus kam dem Team ein Torhüter nach dem anderen abhanden. Alle Keeper, die Nationalcoach Oleh Blokhin in den acht Länderspielen zwischen August 2011 und Ende Februar 2012 eingesetzt hatte, standen ihm nicht mehr zur Verfügung. Zunächst war da Oleksandr Rybka, der Ende Januar aufgrund eines Dopingvergehens gesperrt wurde. Dann erlitt Andrey Dikan im März bei einem Spiel seines Vereins Spartak Moskau schwere Gesichtsverletzungen und schließlich musste Routinier Oleksandr Shovkovski im April mit einer Schulterverletzung passen. So war überall zu lesen, dass mit Andriy Pyatov nur die Nummer 4 das Tor der Ukraine hüten würde. Doch Pyatov ist alles andere als eine Notlösung.

Pyatov hat ein verrücktes und zugleich schweres Jahr hinter sich. Bis Sommer 2011 war der heute 27-jährige unumstrittener Stammtorhüter von Shaktar Donezk. Er hielt für sein Team drei ukrainische Meistertitel fest, feierte zwei Pokalsiege, 2009 den UEFA-Cup-Sieg und war 2010 sogar bester Spieler der ukrainischen Liga. In 22 Champions-League-Spielen sammelte er reichlich internationale Erfahrung auf hohem Niveau. Auch im Nationalteam kam er folgerichtig zum Einsatz und hütete das Tor von August 2007 bis Juni 2011 24-mal. 2006 war er nach dem überraschenden Vizeeuropameistertitel mit der ukrainischen U21-Auswahl sogar ins WM-Aufgebot der A-Nationalelf gerutscht, freilich ohne zum Einsatz zu kommen.

Von der Sonnenseite auf die harte Shaktar-Bank
Im Sommer 2011 erfolgte dann ein Bruch in der bis dahin so erfolgreichen Torhüter-Karriere. Shaktar verpflichtete den 24-jährigen Oleksandr Rybka von Obolon Kiew, der 2006 hinter Pyatov bereits die Nummer 2 bei der erfolgreichen U21-EM gewesen war. Rybka hatte Pyatov damals sogar im Halbfinale gegen Serbien & Montenegro kurz vor dem Elfmeterschießen ersetzt und hielt prompt den entscheidenden Elfmeter. Die beiden kannten sich also schon seit langem und Rybkas Verpflichtung durfte auch als Kampfansage des Klubs an seinen Stammtorwart verstanden werden, gilt Rybka doch als überaus talentierter Rückhalt. Als Pyatov dann zu Beginn der Saison angeschlagen war, erhielt sein Konkurrent den Vorzug und etablierte sich mit starken Leistungen. Die langjährige Nummer 1 durfte in der Hinrunde nur einmal das Shaktar-Tor hüten und die EURO-Teilnahme schien für Pyatov langsam aus dem Blickfeld zu geraten. Umso mehr als Nationaltrainer Blokhin Newcomer Rybka auch noch in der Nationalelf aufbot. So rotierte Blokhin in der Saison 2011/12 munter zwischen den Torhütern Rybka, Dikan und Shovkovski, für Pyatov schien kein Platz mehr zu sein.

Pyatov als logische Nummer 1
Doch das Schicksal meinte es gut mit Pyatov. Sein Kontrahent im Verein nahm sich selbst aus dem Rennen, da er gewichtsreduzierende Präparate schluckte, die auf der Dopingliste standen. Pyatov konnte sich nun wieder im Shaktar-Gehäuse beweisen und trug durch seine Leistungen dazu bei die vierte Meisterschaft mit Shaktar zu erringen. Als sich mit Dikan und Shovkovski die beiden verbliebenen Nationaltorhüter im Frühjahr verletzten, kam Pyatov sprichwörtlich wie Phönix aus der Asche. Seine Leistungen nach seiner Rückkehr ins Shaktar-Tor und seine internationale Erfahrung prädestinierten ihn für eine Rückkehr in die Nationalelf. Ihn eine Notlösung zu nennen wäre folglich überzogen. Andere Nationen wären froh, sie hätten eine solche „Nummer 4“. Fragt mal bei England nach.

Pyatov hielt bisher was zu halten war
In den beiden ersten Partien der EURO gehörte Pyatov zu den besten Ukrainern. Die internationale Presse bescheinigte ihm, die 0:2-Niederlage gegen Frankreich noch in Grenzen gehalten zu haben. Nun soll er im alles entscheidenden Gruppenspiel dazu beitragen die englische Offensive zu entschärfen. Doch ausgerechnet gegen die Ukraine dürfen die „Three Lions“ wieder auf den bislang gesperrten Wayne Rooney zurückgreifen. Für die Ukraine wird es jedoch nicht reichen hinten die Null zu halten. Sie benötigt einen Sieg und so wird sie vorne auf den lieben Gott und Andriy Shevchenko hoffen. Vielleicht ist dies im ukrainischen Fußball aber auch ein und dasselbe.

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