Tschechien vs. Portugal: 1996 reloaded

1996 kam der Fußball nach Hause. Die Europameisterschaft gastierte in England und gebar einige Helden. Einer von ihnen war Karel Poborsky, langmähniger Mittelfeldakteur von Slavia PragEr führte seine Tschechen gegen die portugiesische Elf mit einem wahnwitzigen Lob ins Halbfinale. Fast genau auf den Tag 16 Jahre später stehen sich die beiden Nationalteams erneut bei einer EURO in der Runde der letzten Acht gegenüber.

23. Juni 1996, Villa Park in Birmingham: Es läuft die 53. Minute, als Poborsky rund 35 Meter vor dem portugiesischen Tor einen Pass von Jiri Nemec aufnimmt. Sofort sieht er sich von drei Gegenspielern umringt, setzt aber trotzdem zu einem Solo Richtung Strafraum an. Paulo Sousa spitzelt ihm den Ball vom Fuß, schießt dabei allerdings Oceano an, von dem der Ball wiederum zu Poborsky prallt, der die unverhoffte Gelegenheit nutzt und sein Solo fortsetzt. Von Oceano und Fernando Couto verfolgt schneidet ihm Hélder den direkten Weg zum Tor ab, das Vítor Baía bereits ein wenig verlassen hat. Poborsky bleiben kaum noch Optionen und er nutzt die eleganteste. Er schlenzt die Kugel im Sprint von der Strafraumlinie in hohem Bogen in den Kasten. Ein wahrlich magischer Moment.


Die Highlights des Viertelfinals von 1996 mit Poborskys Tor ab Minute 0:21

Das favorisierte portugiesische Team rannte in der Folge vergeblich an. Ihnen fehlte es jedoch an einem Stürmer mit Vollstreckerqualitäten. Die Goldene Generation mit Luís Figo, Rui Costa, Joao Pinto und eben Sousa, Couto und Baía war ein erstes Mal mit der A-Nationalmannschaft bei einem großen Turnier aufgetreten und gestrauchelt. 1989 hatten einige von ihnen die U20-WM gewonnen, die die anderen zwei Jahre später verteidigten. Seitdem galten die Jahrgänge 1969 bis 1972 als das große Versprechen endlich auch mit dem Nationalteam einen großen Titel nach Portugal zu holen.

Beide scheiterten schon einmal im Auftakt- und Endspiel an ein und demselben Gegner
Tschechiens Weg endete damals erst im Finale gegen das deutsche Team. Gegen die DFB-Elf hatten sie bereits das Auftaktspiel bestritten und ebenfalls verloren. Dasselbe Schicksal wiederfuhr acht Jahre später der portugiesischen Auswahl gegen einen anderen Gegner. Griechenland spielte sowohl im Auftakt-, wie auch im Endspiel den Spielverderber. Die Goldene Generation der Selecao hatte damit ihre letzte Chance verspielt einen Titel zu gewinnen. Auch in das aktuelle Turnier sind beide Mannschaften mit Niederlagen gestartet. Vielleicht also ein gutes Omen, um bis ins Finale vorzustoßen.

Das Turnier bisher: Portugal
Die Portugiesen sind für mich heute Abend der Favorit. Sie überstanden die stärkste Vorrundengruppe und verlangten der deutschen Elf im ersten Spiel alles ab. Am Ende ließen sie selbst einige gute Chancen liegen, weshalb ein Unentschieden ein leistungsgerechtes Ergebnis gewesen wäre. Gegen Dänemark drohten sie eine komfortable 2:0-Führung zu verspielen, entschieden die Partie auf der Zielgeraden aber doch noch für sich. Gegen die Niederlande drehten sie schließlich die Begegnung und die beiden Treffer von Superstar Cristiano Ronaldo könnten bedeuten, dass er nun endlich im Turnier angekommen ist. Um ihn herum agiert jedenfalls eine laufstarke und kompakte Elf, die sowohl technisch wie kämpferisch zu überzeugen weiß.

Das Turnier bisher: Tschechien
Die Tschechen haben sich nach der Klatsche gegen Russland zurück ins Turnier gekämpft. Nach meinem Empfinden ließen einige Tschechen im Auftaktspiel gegen Russland die richtige Einstellung vermissen. Statt bei Ballverlust in der Offensive sofort nachzusetzen, drehte so mancher Spieler erst einmal ab oder haderte. In den folgenden beiden Partien präsentierte sich das Team homogener und giftiger. Vorne fehlt es ihnen zwar noch an der nötigen Durchschlagskraft, mit Dauerläufer Petr Jiracek verfügen sie aber über einen Mittelfeldakteur mit starkem Offensivdrang, wie sein entscheidendes 1:0 gegen Polen zeigte. Auch sein künftiger Teamkollege beim VfL Wolfsburg, Vaclav Pilar, gefällt mir gut. Er ist technisch stark und gibt keinen Ball verloren. Sollte das tschechische Team diszipliniert und kompakt verteidigen, sollte Torhüter Petr Cech seine Form vom Champions-League-Finale abrufen und sollten entschlossene Gegenstöße gefahren werden, dann wäre sogar eine Überraschung drin. Karel Poborsky hat es 1996 vorgemacht.

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