Einwurf: Und wieder droht die leidige M-Frage

Bekanntermaßen startet die Bundesliga heute in ihre 50. Saison. Eigentlich Grund genug ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen und die Jubiläums-Spielzeit langsam an Fahrt gewinnen zu lassen. Wer trägt neuerdings abenteuerliche Muster auf seinen Trikos? Welche neuen Spieler haben sich fürs Erste etabliert? Wer weiß spielerisch zu überzeugen? Wie heißt die Viererkette der Fürther? Doch vermutlich werden an diesem Wochenende bereits erste Spieler, Trainer und Funktionäre die M-Frage über sich ergehen lassen müssen: „Werden Sie jetzt (noch) Meister?“ Gähn, Schnarch, Fremdschäm.

Vor fünf Wochen startete die 3. Liga und das Eröffnungsspiel zwischen Arminia Bielefeld gegen Alemannia Aachen war gerade abgepfiffen, da fragte der WDR-Reporter den Aachener Neuzugang Sascha Rösler noch auf dem Spielfeld, was Ergebnis und Leistung nun für den anvisierten Aufstieg bedeuten. Geht’s noch? Die Alemannia hatte gerade einmal 90 von 3.420 Minuten in der Spielzeit 2012/13 absolviert und schon kommt diese einfältige Frage um die Ecke.

Fußball = Tagesgeschäft
Ich befürchte, wir werden die Frage aller Fragen auch an diesem Wochenende in der Köngisklasse des deutschen Fußballs hören. Eigentlich egal ob Werder Bremen heute Abend ein gutes Resultat bei Titelverteidiger Borussia Dortmund erzielt oder dort untergeht. Egal ob Bayern München unerwartet in Fürth strauchelt oder die Kleeblätter vom Platz fegt. Dortmunder wie Bayern werden sich Reportern gegenübersehen, die die M-Frage stellen. Dabei ist Fußball primär Tagesgeschäft. Wen interessiert es noch im Mai 2013, ob die Borussen am ersten Spieltag strauchelten oder siegten? Wen interessiert es im Saisonendspurt, ob Rekordmeister Bayern am 25. August 2012 schwächelte oder haushoch gewann? Wen interessiert es genau genommen noch in zehn Tagen? Niemanden! Dennoch beharrt eine hypernervöse Fußballjounaille auf dieser ach so investigativen Frage nach der besten Mannschaft im Feld und treibt damit immer wieder diese in die Tage gekommene Sau durchs Fußballdorf.

Dumme Frage = Vorhersehbare Anwort
Dabei werden die Antworten so vorhersehbar sein, wie das Wetter in der Atacama-Wüste. Bayern und Dortmund waren zuletzt so dominant und sind so gut aufgestellt, dass sie die Favoritenrolle sogar proaktiv annehmen. Alle anderen werden sich sicher nicht gegen einen Titelgewinn sträuben, wissen aber sehr wohl, dass eine offensive Meisteransage nur Unruhe produziert und den Erwartungsdruck steigert, was in den seltensten Fällen leistungsförderlich wirkt. So dürften alle Beteiligten gebetsmühlenartig wiederholen, dass sie nur von Spiel zu Spiel denken und erst 40, 50, 60 Punkte einfahren wollen, bevor die Saisonziele angepasst werden. Und damit haben sie verdammt nochmal recht. Noch nie wurde ein Meistertitel in der Hinrunde gewonnen, geschweige denn in den ersten Spieltagen. Mit Wolfsburg gewann 2009 der Tabellenneunte nach der ersten Halbserie den Titel. Und auch wenn die Medien den Bayern regelmäßig den schlechtesten Saisonstart andichten, spätestens im Oktober oder November grüßen sie wieder aus der Spitzengruppe. Selbst als Dortmund in der vergangenen Spielzeit nach sechs Spieltagen auf Platz 11 „dümpelte“ und die Bayern mit acht Punkten Vorsprung scheinbar schon enteilt waren, war dies vielleicht für die Schlagzeilenjäger des Boulevards eine Vorentscheidung.

Der frühe Vogel fängt … meist nichts
Überraschende Höhenflieger gab es in den vergangenen Jahren genug. Sie taten gut daran, beharrlich auf die Euphoriebremse zu treten, denn durch kamen sie nur in den seltensten Fällen. Mainz 05 startete vor zwei Jahren mit sieben Siegen in die Saison und schon dichteten ihnen erste unseriöse Schreiberlinge Meisterträume an. Zwei Jahre zuvor begann Hoffenheim sein Projekt Bundesliga mit einer mitreißenden Hinrunde. Angesichts eines omnipotenten Geldgebers wollten viele Journalisten frühzeitig den kommenden Meister gesehen haben. 2009/10 holte sich Leverkusen den Rekord der am längsten ungeschlagenen Mannschaft, ehe sie am 25. Spieltag erstmals verloren. Auch sie hatten sich zuvor immer wieder mit der Meisterfrage beschäftigen müssen. Die Medien jazzen eine Mannschaft hoch, bis diese nicht mehr mit den medial geschürten Erwartungen mithalten kann und lassen das Team dann wie eine heiße Kartoffel fallen. Ein verlogenes Spiel.

Zwei turmhohe Favoriten und ein Außenseiter
Deshalb nochmals für alle Fußball-Journalisten zum Mitschreiben: Mit Bayern München und Borussia Dortmund gibt es vor der Saison 2012/13 ganze zwei Vereine, die sich klar dazu bekennen Meister werden zu wollen. Die restlichen Vereine halten sich aus gutem Grund bedeckt. Schalke und Leverkusen sind zu oft vergeblich angerannt, als dass sie nun Platz 1 als Ziel ausgeben, nur um mit dieser Bürde 34 Spieltage zu leben und im Falle des Misserfolgs die Medienhäme zu ernten. Zudem hat Schalke vorletzte Spielzeit gezeigt, wie schwer es ist, Champions League und Bundesliga gleichermaßen ambitioniert anzugehen.
Einen Klub können die Reporter hingegen gerne mit der Meisterfrage konfrontieren: den „sympathischen“ VfL Wolfsburg. Zwar lautet das offizielle Saisonziel „Einzug ins internationale Geschäft“. Dass damit mehr als nur die Europa League gemeint sein dürfte, zeigt der qualitativ hochwertige Kader von Felix Magath. Mit zahlreichen namhaften Neuzugängen und Rückkehrern (Naldo, Emanuel Pogatetz, Ivica Olic, Bas Dost, dem gleichwohl verletzten EM-Fahrer Vaclav Pilar sowie Diego) erscheint alles andere als ein Angriff auf die Spitzengruppe der Liga als Selbstverleugnung. Zudem muss der mit VW-Millionen geförderte Klub keinen Europapokalpflichten nachkommen und kann sich voll und ganz der Liga und dem Pokal widmen. Dass sie es als Underdog verstehen zuzuschnappen, haben sie mit dem Titelgewinn 2009 bewiesen. Dennoch führt die Meisterschaft nur über die Bayern und den BVB. Die M-Frage an Überraschungsteams (also alle anderen 16 Klubs) können sich die Medien im Grunde genommen sparen. Zumindest für das restliche Kalenderjahr 2012.

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2 Gedanken zu “Einwurf: Und wieder droht die leidige M-Frage

  1. …obwohl ich es gerne hören würde, wenn Heribert Bruchhagen nach einer möglichen Meisterschaft der Eintracht gefragt werden würde. Das wäre gewiss eine herrliche Antwort zum auf T-Shirts drucken.

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