Kickschuh-Gastspieler Kay: Gladbach im Rausch des erhofften Erfolgs

Zum einjährigen Bestehen des Kickschuh-Blogs kommt es heute zu einer Premiere. Erstmals betritt ein Gastspieler das Feld. Mein Kumpel Kay hat sich so seine Gedanken über die letzten beiden Saisoneröffnungen der Borussia aus Mönchengladbach gemacht und staunt:

Ich beginne gleich mit einem Bekenntnis: Weder bin ich ein Gladbach-Fan noch ein ausgewiesener Fußballexperte. Ich mag den Sport, fühle mich vielleicht zu Hoffenheim hingezogen, aber letztlich genieße ich die meisten Spiele als recht neutraler Zuschauer. Für mich ist Fußball in erster Linie ein Sport, keine Lebensphilosophie. Dennoch in den vergangenen Jahren lernte ich Borussia Mönchengladbach näher kennen. Aus einer Bekanntschaft wurde allmählich Freundschaft. Je öfter ich in den vergangenen Jahren den Borussia-Park oder Auswärtsspiele gesehen habe, um so faszinierender erschien mir die Welt rund um Spieler, Transfers, Erfolg, Niederlagen und Fans. Dass der Fußball zugleich extrem schnelllebig ist, zeigt ein Vergleich der Saisoneröffnungen Gladbachs in den Jahren 2011 und 2012.

Es hat sich was gedreht
Die Kicker der einzig wahren Borussia sind schon lange nicht mehr wegen ihrer Erfolge bekannt. Dennoch halten viele Fans zu ihrem Verein vom Niederrhein. Das Fan-Sein wird innerhalb von Familien vererbt, wo eine Generation von Fohlen die nächste gebiert. Mit dem neuen sportlichen Erfolg scheint allerdings eine Vermehrung vonstattenzugehen. Die beiden letzten Saisoneröffnungen zeigen, es hat sich im Lauf der vergangenen Saison etwas verändert. Die Frage ist: Weil Gladbach zu neuen Höhen in der Bundesliga und in Europa aufgestiegen ist? Motiviert der Erfolg mehr Menschen, sich zu Gladbach zu bekennen und mit dem Verein zu fiebern?

Der Aufgalopp der Fohlen
Als sportliches Ereignis sind Saisoneröffnungskicks wohl eher unter die Rubrik „freundliche Begegnung bevor es richtig ernst wird“ einzuordnen. Es handelt sich um Freundschaftsspiele, die aber auf den ersten Blick immer interessant und vielversprechend klingen. Konkret geht es um die Partie Gladbach gegen den FC Sunderland (2011) bzw. gegen den FC Sevilla (2012). Wenngleich sportlich nichts auf dem Spiel steht, die Fans erwarten die Präsentation ihrer Mannschaft. Es beginnt mit der Vorstellung des Kaders und endet viel, viel später mit der Saisoneröffnungsparty, auf der auch der ein oder andere Spieler zum Mikrofon greift. Dementsprechend gleicht die ganze Saisoneröffnung einem Schaulaufen. Sportlich passiert nichts. Die Spieler beider Seiten schonen sich und betrachten das Ganze wohl eher als gute Gelegenheit ihre Trainingsleistung abzurufen. Wer als unbedarfter Zuschauer Champions League- oder wenigstens Europa League-reifes Engagement erwartet, wird enttäuscht nach Hause fahren. Doch darum geht es nicht, nicht bei der Saisoneröffnung. Gerade deshalb eignen sich diese Spiele als Gradmesser für den raschen Wandel in der Anhängerschaft Gladbachs.

Erfolg macht sexy
Die erste Beobachtung im Vergleich der beiden Spiele klingt nach Phrase, ist aber leider auch im selbstverliebten Kosmos der Fohlen Realität: Erfolg macht sexy. War der Borussia Park 2011 nach dem Beinahe-Abstieg aus der Bundesliga nur spärlich besetzt, sah die Lage ein Jahr später grundlegend anders aus. Ausverkauftes Stadion. Der Grund: Neben den echten Fohlen vom vergangenen Jahr scheint der Erfolg viele Gelegenheits-Fans motiviert zu haben, ihrem Verein die Aufwartung zu machen. Sportlicher Erfolg wie auch neue interessante Spieler (vor allem Granit Xhaka scheint sich bei den weiblichen Fohlen großer Beliebtheit zu erfreuen) machen die nun europäisch aktiven Gladbacher attraktiver. Neben der Vorfreude, die neuerliche Erfolgsstory von Beginn an mitzuerleben, folgt eine weitere Beobachtung bezüglich der sich wandelnden Fankultur. Ohne jetzt den Gender-Aspekt auf das Niveau eines Machos zu senken. Die erfolgreichen Gladbacher locken mehr weibliche Fohlen an. Im Unterschied zu 2011 ist der Frauenanteil im Publikum deutlich gestiegen. Bezogen auf das Outfit der Zuschauer nutzt man den sportlichen Erfolg der Mannschaft gleich für das eigene „sehen und gesehen werden“. Das ein oder andere Luxus-Fohlen – oder sogar manches Fohlen-Luder – ist im Stadion zu beobachten.

Mitreisende Atmosphäre
Was die ehrwürdigeren Fans von Gladbach mit spielender Leichtigkeit schaffen, ist die Motivation von allem und jedem im Borussia Park. Fangesänge, Hymnen, Fahnen, das reißt einfach mit. Die mitfühlende, zuweilen gehässige Mentalität der Gladbacher Fans springt auf den Gelegenheitsbesucher über. Es entsteht eine Atmosphäre, der man sich nicht verschließen kann, auch wenn kein Liga-Spiel zu bestaunen ist, sondern „nur“ eine überdimensionierte Trainingseinheit. Hier offenbart sich schon die Liebenswürdigkeit des typischen Fohlens. Es schwenkt seine Fahnen, singt die Hymnen, jubelt bei jeder Torchance, grämt sich über Misserfolge, verzeiht Fehler und Formschwächen der Spieler, grollt aber auch den abtrünnigen Spielern, die den Verein verlassen. Dieses ständige Auf und Ab der Gefühle macht selbst eine sportlich folgenlose Partie zum Erlebnis. Die Emotionalität ist im Stadion – auch bei der Saisoneröffnung – mit Händen zu greifen. Freude, Enttäuschung und Wut liegen eng beieinander, das zeigt sofort der Gesichtsausdruck der Fans. Trotzdem, selbst bei Misserfolgen bleibt die Grundhaltung friedlich. Kritische Gespräche unter den Fans enden meist nur mit verbalen Androhungen.

Was kommt?
In dieser Hinsicht scheinen die Gladbach-Fans ihre „Verstärkung“, die ja eigentlich nur den Erfolg sehen will und nur deshalb gekommen ist, mitzunehmen. Was bei Saisoneröffnungsspielen glückt, lässt sich hoffentlich auf die gesamte Saison übertragen. Demnach wäre die Vorfreude die beste Freude, da sie zu einer Vergrößerung der Fangemeinde führt. Ein erstes Indiz für meine These findet sich auf der Borussia-Homepage, Dauerkarten werden nicht mehr verkauft und Tageskarten sind kurz nach der Terminierung der Spieltage ausverkauft. Letztlich liegt aber der weitere Verlauf der Geschichte in den Füßen der Spieler. Sie sind es, die den Erfolg erspielen und damit ein größeres Fanpotential dauerhaft hinter sich vereinen können. Damit bleibt zu wünschen, dass Gladbach weiterhin so schön spielt, um seinen Fans den ein oder anderen erlebnisreichen Spieltag in der Bundesliga zu schenken. Bleibt dieser Wunsch unerfüllt, blicke ich schon jetzt gespannt der Saisoneröffnung 2013 entgegen. Vielleicht dann wieder mit überwiegend eingefleischten Fans der Borussia und ganz ohne Fohlen-Luder.

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