Kickschuh-Gastspieler Wolfi: Julius Hirsch – die Ermordung eines Nationalspielers

Gastspieler Nummer 2 betritt den Kickschuh-Blog. Mein früherer Mitspieler Wolfi erinnert an die dunkelste Seite der deutschen Geschichte, die einen deutschen Nationalspieler das Leben kostete. Julius Hirsch ließ jedoch nicht als Soldat sein Leben, sondern als Insasse eines Konzentrationslagers:

Julius Hirsch war der erste Nationalspieler, der in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vier Tore in einem Länderspiel erzielte. Das Leben des Stürmers und zweifachen Deutschen Meisters endete im Konzentrationslager Auschwitz: Die Nazis ermordeten Hirsch, weil er Jude war. Lange blieb die Geschichte des Fußballers vergessen. Jetzt erinnert der DFB an sein Schicksal – mit einer Medaille, die vor dem morgigen WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden wieder vergeben wird.

1912: Ein Frühlingstag in Zwolle
Der 24. März 1912 ist ein großer Tag im Leben von Julius Hirsch. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft tritt an diesem Tag in Zwolle zum Testspiel gegen die Niederlande an. Die Gäste sind Außenseiter, sie haben 1910 bereits zwei Spiele gegen die Niederlande verloren. Dass für die Deutschen auch dieses Match an jenem Frühlingssonntag 1912 nicht verloren geht, liegt vor allem an Julius Hirsch. Der 19-Jährige trifft zum 2:1, 3:1, 4:5, 5:5 ins niederländische Tor. Hirsch ist der erste Vierfach-Torschütze in der Geschichte des DFB. Es waren seine ersten Treffer im Nationaltrikot, es sollten zugleich seine letzten sein.

Zweifacher Meister, siebenfacher Internationaler
Hirsch trug sich auch als erster Spieler in die DFB-Annalen ein, der mit zwei Vereinen Deutscher Meister wurde: 1910 mit dem Karlsruher FV (KFV) im Endspiel gegen Holstein Kiel, 1914 mit der SpVgg Fürth im Finale gegen den VfB Leipzig. Der KFV war Hirschs erster Verein, in Karlsruhe ging der Knirps zur Schule, seine Eltern waren Badener. Hirsch war seit 1902 KFV-Mitglied, acht Jahre später hatte er, als 17-Jähriger, den Sprung in den Stamm der ersten Mannschaft geschafft. Von da an nahm die Karriere des jungen Fußballers an Fahrt auf: es folgten der Gewinn der süddeutschen Meisterschaft in drei aufeinanderfolgenden Jahren (1910 bis 1912), insgesamt sieben Länderspiele und die Olympiateilnahme 1912. Das 5:5 gegen die Niederlande im gleichen Jahr war Hirschs zweites Länderspiel, das Match gilt in Fachkreisen als eines der besten, wenn nicht als das beste deutsche Länderspiel vor dem Ersten Weltkrieg. „Ohne jeden Zweifel hat Deutschland einen Sieg verdient“, titelte eine niederländische Zeitung nach dem Remis. Julius Hirsch war auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Die Meisterelf des Karlsruher FV aus dem Jahre 1910 (Quelle: Wikipedia)

Die Meisterelf des Karlsruher FV aus dem Jahre 1910. Julius Hirsch sitzt als Zweiter von rechts im Kreise seiner Mannschaftskameraden. (Quelle: Wikipedia)

Dann kam der Krieg. Hirsch hatte seinem Land auf dem Fußballfeld zu Renommee verholfen, nun, von 1914 an, kämpfte er auf dem Schlachtfeld für sein Land, für Deutschland, in dessen Namen er 30 Jahre später ermordet werden sollte.

1933 und seine Folgen
Dass es soweit kommt, hätte sich Julius Hirsch 1933, nach der Machtübernahme der Nazis, nicht vorstellen können. Gleichwohl war er tief enttäuscht, als er im April jenes Jahres las, dass Juden aus Sportvereinen ausgeschlossen werden müssen. Hirsch meldete sich selbst als Mitglied beim KFV ab, seinem Austritt fügte er eine Erklärung an, in der es heißt: „Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehassten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und durch das Herzblut vergossene deutsche Juden gibt.“ In den folgenden Jahren arbeitete der ehemalige Geschäftsführer der Firma seines Vaters als Hilfsbuchhalter und als Hilfsarbeiter. 1939 ließ er sich von seiner evangelischen Frau scheiden, um sie und die beiden Kinder vor der Verfolgung durch die Nazis zu schützen.

Endstation Auschwitz-Birkenau
Vier Jahre später, 1943, erhielt Hirsch von der Gestapo die Aufforderung, zu einem „Arbeitseinsatztransport“ zu kommen. Der Transport startete am 1. März, es wurde eine Fahrt in den Tod: das Ziel war das Konzentrationslager in Auschwitz-Birkenau. Dort verliert sich Julius Hirschs Spur: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der ehemalige Fußballstar rückwirkend zum Mai 1945 für tot erklärt. Sein letztes Lebenszeichen ist eine Postkarte an seine Familie, abgestempelt am 3. März 1943, Hirsch schreibt: „Meine Lieben. Bin gut gelandet, es geht gut. Komme nach Oberschlesien, noch in Deutschland. Herzliche Grüße und Küsse euer Juller“.

Ein Preis gegen das Vergessen
Die Geschichte von Julius Hirsch blieb lange vergessen oder wurde verschwiegen. Erst Jahrzehnte nach Kriegsende arbeiteten Sporthistoriker die Lebensgeschichte des Vierfachtorschützen von Zwolle auf. Seit 2005 vergibt der DFB den Julius-Hirsch-Preis, mit der Stiftung will der Verband nach eigenen Angaben „ein öffentliches Zeichen für die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen setzen, in den Stadien und in der Gesellschaft“. Vor dem deutschen WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden an diesem Dienstag erhalten drei Faninitiativen aus Kaiserslautern, Berlin und Frankfurt den mit 20 000 Euro dotierten Julius-Hirsch-Preis. Das Kaiserslauterer Fanprojekt war gegen antisemitische Ausfälle gegenüber dem israelischen Spieler Itay Shechter vorgegangen. Die Fanprojekte in Berlin und in Frankfurt hatten mit Reisen, Filmen und Lesungen an den Holocaust erinnert.

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