U21: Deutschland gegen die Türkei oder Tolgay meets Hakan

Am Mittwoch trifft Deutschlands ältester Juniorenjahrgang zum Freundschaftsspiel auf seine türkischen Altersgenossen. Dass die türkische Auswahl mit einer gehörigen Portion „deutschem Know-how“ antritt, ist mittlerweile Usus. So zählt mit Hakan Calhanoglu der in Mannheim geborene Shooting-Star des Karlsruher SC zu den interessanteren Spielern des türkischen Aufgebots. Ihm gegenüber steht im DFB-Team mit Tolgay Arslan ein in Paderborn geborener Deutsch-Türke, der bereits vor zwei Jahren sein U21-Länderspieldebüt feierte … allerdings für die Türkei!

Dieser Sachverhalt zeigt, das deutsch-türkische Verhältnis ist im Fußball ein ganz besonderes. Immer mehr Jugendliche mit türkischen Wurzeln drängen in die Nachwuchszentren deutscher Profivereine. Auch für die deutschen Nachwuchsnationalmannschaften laufen mittlerweile zahlreiche Spieler mit türkischen Eltern oder Großeltern auf. Nicht weniger als acht Deutsch-Türken verhalfen der deutschen U17-Auswahl bei der WM 2011 zum dritten Platz. Natürlich weckte der Erfolg auch Begehrlichkeiten beim türkischen Verband, der über ein eigenes Europabüro verfügt, das gezielt auf die Suche nach türkischstämmigen Nachwuchsfußballern geht, um sie für den eigenen Verband zu gewinnen. Erdal Keser, ehemaliger Profi bei Borussia Dortmund und heute Leiter des Europabüros, ließ sich noch während des U17-Weltturniers zu der Aussage hinreisen, dass zwei bis drei der türkischstämmigen Spieler später für die türkische Nationalelf spielen werden. Eine Aussage, die den damaligen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer erzürnte. Der Kampf um die deutsch-türkischen Talente wird also verbissen geführt. Dies zeigt auch ein Beitrag unter http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de vom 20. Januar 2012. Demnach reiste der türkische Nationaltrainer Abdullah Avci im Januar nach Deutschland, um zusammen mit Keser auszuloten, wie es um den Wechsel einiger Talente zum türkischen Verband aussehe. Laut Beitrag betonten jedoch gegenüber deutschen Medien nur wenige der erfolgreichen U17-Spieler ihr Interesse für die Türkei aufzulaufen. Lediglich Levent Aycicek (Werder Bremen) soll damals gesagt haben, sich einen Wechsel vorstellen zu können, sofern er längere Zeit nicht vom DFB nominiert werden würde.

Zurück zu den Wurzeln
Betrachtet man den aktuellen Kader des türkischen A-Nationalteams, so sieht man, dass früher oder später tatsächlich einige Deutsch-Türken für den türkischen Verband optieren. Beim letzten Spiel in der WM-Quali in Ungarn kamen sieben in Deutschland geborene Spieler zum Einsatz. Mit Mehmet Ekici (Werder Bremen) und Ömer Toprak (Bayer Leverkusen) gar zwei Kicker, die zuvor noch in deutschen Nachwuchsnationalteams aufgelaufen waren. Zuletzt kündigte Gladbachs U20-Nationalspieler Tolga Cigerci an, künftig für das Land seiner Vorfahren zu spielen. Für mich ein Indiz, dass ein Wechsel durchaus das Resultat nüchternen Abwägens sein kann, so wie es Ayciceks Aussage nahelegt. Die Leistungsdichte der Löw-Elf ist so eng, dass es für den ein oder anderen Spieler eine sichere Bank zu sein scheint, für die Türkei aufzulaufen. Er könnte so internationale Erfahrung sammeln und sogar die Chance erhalten bei einem großen Turnier mitzumischen. Wenn ab der nächsten Europameisterschaft 24 Teams teilnehmen, gilt auch die Türkei als verlässlicher Anwärter auf einen Endrundenplatz. Es ist also nicht auszuschließen, dass ein paar der talentierten Deutsch-Türken wie Emre Can (Bayern München) oder Samed Yesil (Liverpool FC) später für die Türkei auflaufen, wenn die Tür zur A-Nationalelf des DFB nicht frühzeitig aufgeht. Der türkische Verband setzt jedenfalls weiterhin stark auf die Karte im Ausland ausgebildeter Profis. Das ist ein legitimes Mittel. Ob es für den türkischen Verband von Vorteil ist, bleibt abzuwarten. Der „Import“ im Ausland aufgewachsener Talente schlug sich jedenfalls noch nicht in durchschlagendem Erfolg nieder. Vielleicht sollten Türkeis Fußballverantwortliche verstärkt in das eigene Nachwuchssystem investieren, so wie es zahlreiche andere Verbände (Spanien, Schweiz, Niederlande, Deutschland) getan haben. Bei einem Volk mit 80 Millionen Einwohnern und einer derart großen Fußballbegeisterung sollte das doch ein durchaus vielversprechender Ansatz sein.

Die Adlerträger
Denn es gibt auch Spieler, die dem türkischen Werben nicht nachgeben. Allen voran Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Auch Serdar Tasci gehörte bis zur WM 2010 zum erweiterten Stamm der DFB-Elf. Der in Hamburg geborene und derzeit verletzte türkische Nationalspieler Tunay Torun vom VfB Stuttgart wurde in einem türkischen Magazin nach seiner Meinung gefragt, warum diese Spieler für Deutschland optierten. Er meint: „Die Wahl der Nationalmannschaft ist eine Sache der Erziehung und des Umfelds in dem man aufwächst. Wahrscheinlich fühlen sie sich der deutschen Kultur und Deutschland näher. Aber wir müssen diese Entscheidungen respektieren und sie auch dabei unterstützen. Umso mehr Türken in der deutschen Nationalmannschaft spielen, desto stolzer sollten wir darauf sein. Denn es ist keine einfache Sache in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen.“ Demzufolge wäre die Entscheidung für oder gegen den DFB primär dem persönlichen Umfeld geschuldet. In seinem nachgeschobenen letzten Satz schimmert aber auch die von mir vermutete taktische Abwägung durch.

Die Rückkehrer
Momentan ist auch Tolgay Arslan vom Hamburger SV gewillt, den Weg durch die deutschen Auswahlen zu gehen. Dennoch ist der Werdegang des Paderborners absolut ungewöhnlich. Nachdem er 2009 und 2010 noch für die türkische U19- und U21-Auswahl aufgelaufen war, revidierte er seine Entscheidung und lief 2011 erstmals für die deutsche U20 auf. Solch ein Verbandswechsel ist im Juniorenbereich problemlos möglich, vorausgesetzt natürlich, man verfügt über die entsprechende Staatsbürgerschaft. Erst wenn ein Pflichtspiel für die A-Nationalelf absolviert wurde, ist ein Wechsel nicht mehr möglich.
Für das Testspiel am Mittwoch wurde der aktuelle Stammspieler des Hamburger SV erstmals für die deutsche U21 nominiert. Dass er dabei ausgerechnet auf seine ehemalige Landesauswahl trifft, ist natürlich kurios. Neben dem eingangs erwähnten Hakan Calhanoglu stehen mit Kenan Karaman (1899 Hoffenheim), Bertul Kocabas (Kardemir Karabükspor) und Nurettin Kayaoglu (Kayserispor) noch drei weitere Deutsch-Türken in der Auswahl der Südeuropäer. Sollte sich Arslan am Mittwoch gut präsentieren und in der Folge in der Bundesliga weiter zum Stammpersonal gehören, könnte er womöglich noch auf den EM-Zug aufspringen. Schließlich hat sich die deutsche U21 vor wenigen Wochen für die nächstjährige EURO in Israel qualifiziert. Ob dann auch Taner Yalcin hinzustößt, darf derzeit angezweifelt werden. Der ehemalige Profi des 1.FC Köln gehört nach seinem Wechsel zu Istanbul BB nur zu den Ergänzungsspielern des Bosporusklubs. Sein Weg ähnelt aber dem von Torun. Nach anfänglichen Spielen für die Türkei, lief er ab der U19 ebenfalls für den DFB auf und kam vor zwei Jahren zu seinem ersten, zugleich aber auch einzigen U21-Länderspiel für Deutschland. Seitdem stagniert seine fußballerische Entwicklung, weshalb keine weitere Einladung zur deutschen U21 folgte.

Option Süper Lig
Mit seinem Wechsel zu einem türkischen Klub liegt Yalcin jedoch voll im Trend. Mehrere Dutzend deutsch-türkischer Fußballer spielen derzeit in der Süper Lig. Und manch einer startet dann erst richtig durch. Wie ehedem der in Kempten geborene Ilhan Mansiz, seines Zeichens türkischer WM-Held von 2002 oder aktuell die Stammkraft hinten links in der türkischen Milli Takim, Hasan Ali Kaldirim. Der gebürtige Neuwieder ging 2010 von Mainz II nach Kayserispor und entwickelte sich dort zum Nationalspieler. Im Sommer klopfte schließlich Topklub Fenerbahce erfolgreich an. Viel weiter nach oben kann es ein deutsch-türkischer Fußballer in der Türkei nicht schaffen.

Fußballer mit Potential: Eine beeindruckende Statistik zu Fußballprofis mit türkischen Wurzeln, die in Deutschland geboren sind und/oder aufwuchsen. (Tabelle: M.Kneifl)

Fußballer mit Potential: Eine beeindruckende Statistik zu Fußballprofis mit türkischen Wurzeln, die in Deutschland geboren sind und/oder aufwuchsen.

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