Die zwei aramäischen Nationalteams aus Södertälje

Vor einem Jahr schrieb ich in diesem Blog über die Nationalteams aus dem Baskenland und Katalonien (Link), die traditionell um den Jahreswechsel ihre „Länderspiele“ austragen. Auch die Volks-, beziehungsweise Religionsgruppe der Aramäer verfügt über eine Art „Nationalteam“. Genau genommen sogar über zwei. Im Gegensatz zur baskischen oder katalanischen Auswahl nehmen die beiden Mannschaften ganz regulär am Pflichtspielbetrieb teil. Wo? Nicht in ihrem angestammten Siedlungsgebiet im Nahen Osten, sondern in der 86.000 Einwohner zählenden mittelschwedischen Stadt Södertälje! Wann? An jedem Spieltag der ersten und zweiten schwedischen Liga!

Der Syrianska FC hält die Fahne Södertäljes in der schwedischen Allsvenskan, der ersten Liga, hoch. Doch er hat auch darüber hinaus eine immense Bedeutung. Der 1977 von aramäischen Einwanderern gegründete Verein, gilt momentan als inoffizielles Nationalteam der Aramäer, die überwiegend christlichen Glaubens sind und vor allem aus der Türkei, Syrien, Iran, dem Irak und dem Libanon stammen. Doch es kommt noch besser: selbst Södertäljes zweite Adresse in Sachen Fußball hat ihre Wurzeln unter den aramäischen Einwanderern. Assyriska Föreningen, 1974 gegründet, spielt in der zweitklassigen Superettan, hatte es aber 2005 schon einmal für ein Jahr in die erste Liga geschafft. Beide teilen sich im Übrigen nicht nur ihre Herkunft, sondern auch das Stadion, die Södertäljes Footballsarena. Aufgrund der ersten Erfolge und des früheren Gründungsdatums wurde zunächst Assyriska lange Zeit als Nationalmannschaft der Aramäer bezeichnet. Mit dem Erstliga-Aufstieg des aramäischen Lokalrivalen Ende 2010 hat sich das Blatt jedoch gewendet. Immerhin hat der ältere der beiden Klubs mit Kennedy Bakircioglu einen ehemaligen Jugendspieler ausgebildet, der sich tatsächlich in offiziellen Länderspielen beweisen durfte. Zwischen 2001 und 2008 spielte der türkischstämmige Mittelfeldspieler für die schwedische Nationalelf.

Assyriska vs. Syrianska – eine Dauerfehde
Trotz des gemeinsamen Migrationshintergrunds, gelten die beiden Vereine als handfeste Rivalen. Dies mag damit zusammenhängen, dass sich die beiden Klubs zumindest anfänglich unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Einwandererschaft zuordnen ließen. So bezogen die Gründer Assyriskas ihr Selbstverständnis angeblich aus der Abstammung vom antiken Volk der Assyrer, während die Gründungsväter Syrianskas ganz explizit ihren christlichen Glauben herausstrichen. Gewiss dürften jedoch auch profane Meinungsverschiedenheiten innerhalb der aramäischen Gemeinde Södertäljes zur Befeuerung der Rivalität beigetragen haben. Wie auch immer, beide bewältigten die Ochsentour durch sämtliche schwedischen Divisionen von ganz unten bis in den Profifußball erfolgreich.


Der Beginn des Machtwechsels in der aramäischen Fußballwelt: Der Kracher (nach 0:50 min) zum 1:0-Endstand für Syrianska beim 2009er Derby in der 2. Liga.

Warum Södertälje?
Es dürfte in jedem Fall einzigartig sein, dass zwei Einwanderervereine, die sich auf dieselbe Migrationsgruppe beziehen und aus ein und derselben Stadt kommen, im Profifußball angekommen sind. Södertälje bot sich als Nährboden für Migrantenklubs an. In der Stadt lebten 2010 rund 38.000 Einwohner, die selbst im Ausland geboren wurden, oder deren beide Elternteile im Ausland auf die Welt kamen. Dies entspricht einem Prozentsatz von 44 Prozent. 25 Prozent aller Einwohner Södertäljes haben ihre Wurzeln im Irak, der Türkei, dem Libanon oder Syrien. Die allermeisten sind Aramäer und so kann es nicht überraschen, dass Södertälje gar einen aramäischen TV-Sender beherbergt. Die ersten von ihnen kamen Anfang der 1970er Jahre in die mittelschwedische Stadt, da die politischen Verhältnisse in ihren Heimatländern sie zur Migration veranlassten. Die vergleichsweise offene Einwanderungspolitik Schwedens und die brummende Wirtschaft in Södertälje taten ihr Übriges, viele von ihnen nach Mittelschweden zu lotsen. Auch heute arbeiten noch rund 15.000 Angestellte für die beiden größten Arbeitgeber der Stadt, den Nutzfahrzeughersteller Scania und Astra Zeneca, ein weltweit agierendes Pharmaunternehmen.

Maues Interesse vor Ort, große Aufmerksamkeit weltweit
Die hohe Anzahl an Aramäern in der Stadt schlägt sich jedoch nicht im Zuschauerschnitt der beiden überaus erfolgreichen Klubs nieder. Gerade einmal die direkten Derbys elektrisieren die Fanlager. Spielen beide – wie derzeit – in unterschiedlichen Ligen, hält sich das Interesse in Grenzen. In der abgelaufenen Saison passierten durchschnittlich nur 1.900 Zuschauer die Kassenhäuschen bei Heimspielen von Assyriska. Mit einem Zuschauerschnitt von rund 2.500 kann auch der erstklassig spielende Syrianska FC das Stadion nicht einmal zur Hälfte füllen und verfügt über den geringsten Zuschauerzuspruch in der Allsvenskan. Dafür werden die Spiele der beiden Vereine im Zeitalter des Internets im Ausland aufmerksam verfolgt. Der assyrische TV-Sender aus Södertälje überträgt regelmäßig Spiele der Klubs, die bei in Deutschland, Nordamerika und Australien sesshaft gewordenen Aramäern Beachtung finden. Als Assyriska 2005 in der schwedischen Eliteklasse spielte, wurden die Spiele in über 80 Länder übertragen. Bisweilen reisen sogar ganze aramäische Reisegruppen zu Heimspielen der Klubs nach Södertälje. Für ohnehin in Schweden zu Besuch weilende Exil-Aramäer gehört es angeblich zum guten Ton ein Spiel der beiden Vereine zu verfolgen.

Ein deutscher Aramäer bei Syrianska
Da tut es dem ganzen auch keinen Abbruch, wenn sich die Teams nur noch zu rund einem Drittel aus Aramäern zusammensetzen. Das Gros der Kader rekrutiert sich mittlerweile aus alteingesessenen Schweden und Spielern aus anderen Ländern. Dennoch heuern auch Spieler mit aramäischen Wurzeln aus anderen Ländern an, wie zuletzt Christian Demirtas. Der in Südhessen geborene Defensivspezialist, spielte für Mainz 05 und den Karlsruher SC über 100-mal in der 1. und 2. Bundesliga. Ende August wechselte der 28-jährige zu Syrianska und agierte in den letzten drei Saisonspielen als Rechtsverteidiger. Sein Wechsel war für ihn aufgrund seiner aramäischen Wurzeln interessant, wie er in einem transfermarkt-Interview (Link) gestand. Noch ist nicht klar, ob er auch nächstes Jahr wieder für Syrianska aufläuft. Der Klub hat es in jedem Fall geschafft, sich auch in seiner zweiten Erstligasaison gegenüber der Konkurrenz zu behaupten. Platz 13 in der 16er-Liga bedeuteten das Ticket für eine weitere Saison in der Allsvenskan. Assyriska muss sich hingegen nach wie vor mit der zweiten Liga begnügen. Mit Platz 8 waren sie 2012 weit von den Aufstiegsplätzen entfernt und müssen so im neuen Jahr einen weiteren Versuch starten, ihre fürs Erste enteilten aramäischen Brüder von Syrianska einzuholen. Das wäre dann ein weiteres Novum. Zwei erstklassige Migrantenvereine aus einer Stadt. Dann könnten beide im direkten Duell auf oberster Ebene ausspielen, wer sich tatsächlich als Nationalelf der Aramäer bezeichnen darf.

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3 Gedanken zu “Die zwei aramäischen Nationalteams aus Södertälje

  1. Sehr guter Text! Hat die Situation in Södertälje auf den Punkt gebracht.
    Ich stand beim Tor (zum Machtwechsel) genau hinter dem Tor!
    Es war ein Gefühl, welches ich noch nie beim Fussball erlebt habe – Emotionen pur!

  2. Pingback: Heja Sverige: Ligaauftakt in der Allsvenskan | kickschuh

  3. Pingback: Von Einwanderer- zu Profiklubs: Drei Beispiele aus Schwedens 2. Liga | Kickschuh-Blog

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