Verkappte Portugiesen – Afrika-Cup-Neuling Kap Verde

Wenn am Samstag der Africa Cup of Nations (ACN) startet, ist eine Nationalmannschaft dabei, die sich noch nie zuvor für ein internationales Turnier qualifizieren konnte: Kap Verde! Die Kicker von den 15 kleinen Inseln vor der Westküste Afrikas eliminierten in der letzten Qualifikationsrunde sensationell das afrikanische Schwergewicht Kamerun mit Weltstar Samuel Eto’o. Doch ganz so überraschend kommt der Erfolg dann doch nicht, denn Kap Verde betritt mit einer ordentlichen Prise Portugal die internationale Bühne.

Am 24. Oktober 2012 stand Kap Verde Kopf. An diesem Tag wurden in Südafrika die Vorrundengruppen für die Afrikameisterschaft 2013 ausgelost. Südafrikas Staatschef Jacob Zuma blieb es überlassen den Eröffnungsspiel-Gegner der heimischen Elf zu ziehen und er beförderte den Zettel mit der Aufschrift „Cape Verde“ aus dem Lostopf. Freudestrahlend hielt er den Zettel falsch herum in die Kameras, während die 523.000 Einwohner der Inselrepublik schier platzten vor Stolz. Bei der erstmaligen Teilnahme am Arika-Cup gleich das Eröffnungsspiel bestreiten zu dürfen, bedeutet, dass die gesamte Fußballwelt auf dieses Match schauen wird. Und die „Blaue Haie“ genannte Auswahl Kap Verdes wird alles daran setzen, der gastgebenden „Bafana Bafana“ das Leben schwer zu machen.

Beachtlicher Aufstieg in der FIFA-Weltrangliste
Marokko und die portugiesischen Sprachvettern aus Angola komplettieren Kap Verdes Vorrundengruppe. Obwohl die Inselkicker als einer der großen Außenseiter ins Turnier gehen, stellen sie derzeit das ranghöchste Team ihrer Gruppe (s. Tabelle), sofern man die FIFA-Weltrangliste zugrunde legt. Die „Blauen Haie“ rangieren auf Position 69 und damit einen Platz vor den wieder zu beachtenden Österreichern. Nach ihrer geglückten Qualifikation für den Afrika-Cup rangierten die Kapverder zwischenzeitlich gar auf Platz 51, was ein Allzeithoch bedeutete. Im April 2000 notierte sie die FIFA noch auf Rang 182. Es hat sich also einiges getan in der vergleichsweise jungen Fußballnation. Denn erst 1982 gründete sich im 1975 von Portugal unabhängig gewordenen Inselstaat ein Fußballverband. 1986 trat dieser der FIFA bei. Seit 2000 nimmt die Nationalelf regelmäßig an der Qualifikation zu Welt- und Afrikameisterschaften teil. Dabei tastete sie sich kontinuierlich näher an Endrundenteilnahmen heran. Bei der Quali für den Afrika-Cup 2012 scheiterte sie nur denkbar knapp hinter dem punktgleichen Mali, dessen Team später bis ins Halbfinale vordringen sollte.

Statistik zu den Teilnehmerländern am Afrika-Cup 2013 (Quelle: M.Kneifl)

Statistik zu den Teilnehmerländern am Afrika-Cup 2013 (zum Vergrößern Tabelle anklicken)

Kleine Inseln, große Namen
Eine starke Entwicklung der winzigen Nation, dessen Fußballverband laut FIFA auf gerade einmal 11.500 registrierte Fußballer zurückgreifen kann, die in 82 Vereinen dem runden Leder nachjagen. Trotz der noch jungen Verbandsgeschichte zählt Fußball schon länger zu den Hauptsportarten Kap Verdes. Die ehemalige portugiesische Kolonie hat schon namhafte Fußballer hervorgebracht, die allerdings in anderen Nationalteams für Furore sorgten. Etwa Frankreichs ehemaliger Kapitän Patrick Vieira, dessen Mutter von der Inselgruppe stammt, oder Henrik Larson, dessen Vater von dort nach Schweden kam. Momentan zählen die auf Kap Verde geborenen Nani (Manchester United) und Rolando (FC Porto) zum Stammpersonal der portugiesischen Elf. Und laut dem englischen „Guardian“ soll sogar eine Urgroßmutter des portugiesischen Superstars Cristiano Ronaldo von den Kapverden stammen.

Sieben Spieler im Ausland geboren bzw. aufgewachsen
Nimmt man den Afrika-Cup-Kader Kap Verdes unter die Lupe, dann spiegelt sich in ihm ein starker Portugal-Bezug wider. Zehn Nationalspieler verdienen in Portugals erster oder zweiter Liga ihr Geld. Mit Mittelfeldakteur David Silva von Zweitligist Sporting Olhanense kam einer von ihnen in Portugal auf die Welt. Drei weitere in Portugal geborene Kapverder spielen mittlerweile in anderen europäischen Ligen. Da drei weitere Auswahlspieler in den Niederlanden und Frankreich geboren bzw. aufgewachsen sind, findet die starke im Ausland lebende kapverdische Community ihre Entsprechung im Kader.

Nur der dritte Torwart spielt noch auf den Kapverden
Aus dem 23-Mann starken Afrika-Cup-Kader Kap Verdes spielt nur noch der dritte Torwart Rilly in der heimischen Liga, die beiden anderen Keeper verdienen ihr Geld in Angola. Sämtliche Feldspieler sind in Europa tätig, in Portugal, Frankreich, den Niederlanden, auf Zypern, in Rumänien und einer in Luxemburg. Acht spielen in zweiten Ligen, die meisten in ersten Ligen. Mit Ryan Mendes (OSC Lille), Fernando Varela (FC Vaslui), Nivaldo (Academia Coimbra), Marco Soares (Omonia Nikosia) und Carlitos (AEL Limassol) sammelten fünf in dieser Saison Erfahrungen in Europa und Champions League. Die meisten Nationalspieler spielen in ihren Vereinen tatsächlich eine nennenswerte Rolle, da sie in nahezu jedem Spiel zum Einsatz kommen oder gar unumstrittene Stammkräfte sind. Die meisten auf den Kap Verden geborenen Nationalspieler verließen zwischen 18 und 20 Jahren ihre Heimat und begannen oftmals bei kleineren Klubs ihr Auslandsengagement, bevor sie sich in den europäischen Profifußball spielten. Es darf also nicht wirklich verwundern, wenn es nun mit der erstmaligen Teilnahme am ACN geklappt hat.

Coach blickt José Mourinho über die Schulter
Der von seinem Job als Fluglotse freigestellte Nationaltrainer Lúcio Antunes hat für die Afrikameisterschaft eine homogene Truppe zusammengestellt. Er verzichtet auf die alten Haudegen Lito (37) und Dady (31), das Gros seines Teams besteht aus 20- bis 27-jährigen Spielern, die er zum Teil bereits als U21-Nationaltrainer betreute. Eine Handvoll älterer Akteure, wie der 34-jährige Kapitän und Innenverteidiger Fernando „Nando“ Neves, ergänzt das junge Team. Kurz vor dem Turnier verlor Coach Antunes mit Odair Fortes (Stade Reims) und Ze Luis (Sporting Braga) ungeplant zwei potentielle Stammkräfte. Für beide nominierte er mit Platini und Rambé zwei eher unerfahrene und weniger spielstarke Spieler nach, die bei portugiesischen Zweitligisten unter Vertrag stehen. Antunes wird dennoch wissen, was zu tun ist. Schließlich absolvierte er noch im Dezember ein einwöchiges Praktikum beim „einzigartigsten“ aller Trainer: Real-Coach José Mourinho. Da war sie also wieder, die portugiesische Komponente im kapverdischen Fußball.

Disziplinierte Defensive, giftige Konter
Mit durchschnittlich 11 Länderspielen ist der Kader eigentlich noch ein wenig grün hinter den Ohren. Dennoch bestanden sie den Härtetest im entscheidenden Qualispiel in Kamerun souverän. Die Grundordnung des Teams fußt auf einer soliden Abwehrarbeit, die im Handumdrehen in schnelle und flexible Angriffsaktionen umschlagen kann. Das Konterspiel zählt deshalb zu den Stärken der „Blauen Haie“, was ihnen gerade im Eröffnungsspiel gegen Südafrika in die Karten spielen könnte. Die Gastgeber werden alles daran setzen siegreich aus der Partie zu gehen, und das eröffnet wiederum Räume für giftige Gegenstöße über die flinken kapverdischen Außen. Auch bei den Standards sind die vermeintlichen Underdogs zu beachten.
Die Generalprobe für den Afrika-Cup verlief am 9. Januar positiv. Das höher einzuschätzende Nigeria konnte bei einem torlosen Unentschieden im portugiesischen Faro in Schach gehalten werden. Unklar ist, wie der heimliche Star des Teams, der antrittsstarke Stürmer Ryan Mendes vom OSC Lille, das Spiel weggesteckt hat. Nur 20 Minuten nach seiner Einwechslung musste der erst Anfang Dezember von einer längeren Knöchelverletzung genesene Stürmer den Platz schon wieder verlassen. Ob dies nur eine Vorsichtsmaßnahme war, oder ob mehr dahinter steckt, wird das Eröffnungsspiel am Samstag zeigen.

Kap Verdes Grundstein zum Afrika-Cup:


Der 2:0-Hinspielsieg über Kamerun hatte alles, was ein afrikanische Spiel haben „muss“ – jede Menge Spielfreude und Athletik, Diskussionen auf dem Platz, absurde Torwartfehler und grotesk vergebene Großchancen.

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