Interview: Plätze, die die Welt bedeuten

Seit kurzem bereichert der Frankfurter Christian Hahn (37) mit seiner Homepage platzbesichtigung.de das weltweite Netz. Seine über 300 Panoramabilder aus 15 Ländern zeigen Hochglanzarenen neben Waldsportplätzen, heruntergekommene Stadien neben schon fast spießigen Sportanlagen. Sein Stilmittel ist es, die Panorama-Bilder deutlich erkennbar aus einzelnen Aufnahmen zusammenzufügen. Was steckt hinter dem Bildprojekt des Eintracht-Fans?

Christian, wie kommt man darauf Fußballplätze beziehungsweise -stadien in Gouda, Istanbul, Fränkisch Crumbach, Berlin, Békéscsaba oder Manchester zu fotografieren?
Christian:
Den Anstoß hierzu gab 2002 ein Stadionbesuch im Old Trafford. Ich studierte in Manchester und ich empfand das Stadion als unglaublich groß. Da ich auch meiner Freundin einen Eindruck von der schieren Dimension vermitteln wollte, habe ich es mit meiner Pocketkamera in mehreren Bildern aufnehmen müssen. Danach habe ich sie aneinandergefügt und seitdem hat mich die Faszination nicht mehr losgelassen.

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Der Auftakt zur „Platzbesichtigung“: Das Old Trafford im Jahre 2002

Aus welchen Ländern stammen Deine Bilder?
Christian:
Das Spektrum reicht von der Türkei bis England, von Spanien bis Weißrussland. Das Gros stammt natürlich aus Deutschland.

Welche Eindrücke nimmst Du von Deinen Stadionbesuchen im Ausland mit?
Christian:
Ich bin der festen Überzeugung, dass man beim Besuch eines Fußballspiels sehr viel über das Gastland lernen kann. Der Fußball stellt meines Erachtens einen geeigneten, weil niederschwelligen Zugang zur landestypischen Kultur dar.

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Auch ungarische Stadien sind mit von der Partie: Békéscsaba

Wo fühlst Du dich am wohlsten?
Christian: England und Italien faszinieren mich am meisten. Die Fans nehmen den Fußball dort sehr ernst, schon über Generationen hinweg. In Italien gibt es zudem so gut wie keine renovierten Stadien und das garantiert Bilder mit einem ganz individuellen Charme.

Dein Bilder wecken Erinnerungen an die Fotografien von Hans van der Mer oder Reinaldo H. Coddou, deren Bilder im Fanzine „11Freunde“ Bekanntheit erlangten. Haben sie dich inspiriert?
Christian:
Ich finde es tatsächlich super, was van der Mer macht. Allerdings habe ich seine Arbeiten erst später kennengelernt und er hat auch einen anderen Fokus. Er stellt in seinen Bildern den Amateurfußball in seinen komischen Ausprägungen dar, was er auch dadurch erreicht, dass er die Umgebung betont, in denen die Plätze liegen. Coddous Bilder sind auch toll, allerdings viel cleaner. Er hat, denke ich, einen anderen Zugang.

Bei so vielen fotografierten Plätzen drängt sich die Frage auf, welche dich am meisten beeindruckt haben.
Christian:
Sicher zählt das Craven Cottage von Fulham zu den Highlights, da es einfach ein schönes altes Fußballstadion ist. Der alte Bökelberg war ebenfalls ein außergewöhnlich schönes Stadion durch seine Nähe zum Spielfeld und die Steilheit der Ränge. Zudem war er lange Zeit eines der wenigen reinen Fußballstadien in Deutschland. Zu unvergesslichen Stadien zählen sicher auch das von Rijeka und das von Besiktas Istanbul. In Rijeka blickt man direkt auf die Adria und vom Inönü aus blickt man auf Minarette, den Bosporus und Asien.

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Eines der Highlights: Das Inönü von Besiktas Istanbul

Gibt es Stadien, die Du unbedingt besuchen möchtest?
Christian:
Ich habe tatsächlich eine Liste mit mehreren deutschen und ausländischen Stadien. So reizt mich etwa das Rosenau-Stadion in Augsburg, die Krefelder Grotenburg oder der Uhlenkrug in Essen. Im Ausland fände ich das gewaltige Asadi-Stadion in Teheran, das Bombonera in Buenos Aires und das Stadion von Neapel sehr interessant.

Zu Deiner Aufzählung gehören deutsche Stadien, die ihre besten Tage schon hinter sich haben.
Christian:
Wenn ich die Wahl habe zwischen dem Besuch eines Champions-League-Stadions oder eines vom Abriss bedrohten, dann entscheide ich mich grundsätzlich für das zweite. Einige der von mir fotografierten Stadien stehen schon gar nicht mehr, so dass ein Nebenprodukt meines Projekts die Erinnerungskultur ist. Hier werden die Stadien gewissermaßen konserviert.

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Those were the days … der alte Tivoli in Aachen

In Deiner Sammlung gibt es immer wieder Bilder von Stadien, die komplett leer sind. Wie kommst Du da rein?
Christian:
Entweder ich nutze die ganz regulären Stadiontouren oder ich frage einfach direkt vor Ort, ob es möglich ist einen Blick ins Stadion zu werfen. Das klappt in der Regel ganz gut. Bisher haben sie mich lediglich in Sofia nicht ins Stadion gelassen. Da halfen auch die Bestechungsversuche bei den Wachleuten nichts, die waren recht, ääh, humorlos.

Ein weiteres Merkmal Deiner Sammlung ist, dass Du viele Dorf- oder Waldsportplätze ablichtest. Was reizt dich an diesen?
Christian:
Ich besuche sehr gerne unterklassige Spiele, denn hier steht für mich immer noch das Live-Erleben im Vordergrund. Da muss das Spiel noch nicht einmal spannend sein, der Sportplatz bleibt aber immer ein emotionaler Ort und den fange ich mit meinen Bildern ein. Obwohl die kleinen Dorfsportplätze relativ konturlos sind – ein schlichter Rasen, ein Geländer, vielleicht noch ein paar Stufen und Flutlichtmasten – reizen sie mich definitiv mehr, als die zuletzt gebauten Arenen, die ich oft einfach nur langweilig und uninspiriert finde. Zudem kommt mir entgegen, dass in Deutschland fast jedes Dorf seinen Sportplatz hat. Kirche und Sportplatz sind definitiv verlässlich vorzufindende Orte. Deshalb nutze ich gerne die Chance mich etwas umzuschauen, wenn ich zu Besuch in fremden Dörfern oder Städten bin. Die Flutlichtmasten weisen ja quasi den Weg.

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Idyllisch gelegen, der Sportplatz im südhessischen Jossa.

Was war der Beweggrund, dass Du Deine Bilder nun ins Netz gestellt hast?
Christian:
Es ist tatsächlich die einfachste Art und Weise meinen Freunden die Fülle an Bildern zu zeigen, die in all den Jahren zusammengekommen sind. Leider kommt im Internet die wahre Größe der Bilder nicht zum Tragen. Ausgedruckt wären sie 1,50 Meter breit, im Netz sind es gerade einmal 1.100 Pixel.

Christian, vielen Dank für den Einblick in Dein Projekt und Dir noch viele unvergessliche Stadionbesuche.

Tipp: Seit dem 7. Februar zeigt das Eintracht Frankfurt Museum im Rahmen einer Ausstellung Bilder von Frankfurter Sportstätten. Hierzu hat Christian ebenfalls Bilder beigesteuert. Link

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