Schottland im Jahr 1 nach den Rangers

Im vergangenen Sommer erschütterte ein Erdbeben den schottischen Fußball. Rekordmeister Glasgow Rangers hatte finanziell so lange über seine Verhältnisse gelebt, dass er die bittere Strafversetzung in die Viertklassigkeit antreten musste. Das seit 1986 andauernde Duell mit dem Stadtrivalen Celtic um den schottischen Meistertitel war damit schlagartig beendet. Mittlerweile sind in der Scottish Premier League 26 Spieltage im Jahr 1 nach den Rangers gespielt. Wie stellt sich die Situation dar?

Sportlich gesehen, ist das Erwartbare eingetreten. Celtic zieht an der Tabellenspitze einsam seine Kreise und führt die Liga bereits mit 17 Punkten Abstand an. Auch international scheint Celtic davon zu profitieren, dass der nationale Rivale abhanden gekommen ist. Zuhause kaum gefordert, können sich die Grün-Weißen sicher sein, auch im nächsten Jahr wieder als schottischer Meister an der Champions-League-Qualifikation teilnehmen zu dürfen. So konnten sie sich im Herbst auf die Gruppenphase der europäischen Königsklasse konzentrieren und ließen sensationell Spartak Moskau und Benfica Lissabon hinter sich. Gegen die Übermannschaft des FC Barcelona gelang im heimischen Stadion gar ein nie für möglich gehaltener 2:1-Erfolg. Zum dritten Mal nach 2007 und 2008 zog Celtic damit in die K.o.-Phase der Champions League ein.

Best of the rest?
Da mit den Rangers ein Dauerabonnent auf einen der ersten beiden Plätze fehlt, ist die spannendste Frage, wer sich als Nummer 2 im schottischen Fußball herauskristallisiert. Die Antwort bis dato: Keiner. Das Verfolgerfeld von Celtic reicht in der Zwölferliga von Platz 2 bis Platz 11, denn diese zehn Teams liegen gerade einmal neun Punkte auseinander. Am ehesten ist der Platz hinter Celtic dem derzeit Drittplatzierten Motherwell FC zuzutrauen, der mit einem Punkt und einem Spiel Rückstand hinter dem Überraschungszweiten Inverness Caledonian Thistle rangiert. Schon in der vergangenen Saison nahm das Team aus Motherwell den „Verfolgerplatz“ hinter den beiden Großklubs aus Glasgow ein. Im direkten Duell gegen Inverness können die „Steelmen“ am Wochenende wieder auf Platz 2 vorrücken. Und die Chancen stehen gut, denn Motherwell konnte die ersten beiden Saisonduelle gegen Inverness deutlich mit 4:1 und 5:1 für sich entscheiden. Um sich als dauerhafter Kronprinz zu etablieren, fehlt dem Team allerdings bis dato die Fähigkeit die restlichen Klubs zuverlässig in Schach zu halten.

Außer Celtic kein Klub international wettbewerbsfähig
Wer auch immer am Saisonende die Plätze 2 und 3 belegt, die beide zur Europa League Qualifikation berechtigen, die Hoffnung international Fuß fassen zu können ist außer Celtic keinem schottischen Verein zuzutrauen. Am Anfang dieser Saison schafften es weder Motherwell noch Dundee United in die Gruppenphase der Europa League vorzudringen. Motherwell hatte zuvor bereits anstelle der Rangers erfolglos versucht in die Champions League einzuziehen. Am Ende standen 0 Punkte und 0:8 Tore aus den Partien gegen Panathinaikos Athen und UD Levante. Das Abenteuer Europa war also bereits beendet, bevor es richtig losging. Mit solchen Resultaten büsst der schottische Fußball wertvolles Terrain in der für die Europapokalstartplätze maßgeblichen UEFA-Fünfjahreswertung ein. Schon jetzt ist Schottland jenseits Platz 20 abgerutscht. Das bedeutet, Celtic muss zukünftig noch früher in die Champions-League-Qualifikation einsteigen und damit steigt auch das Risiko auf der Strecke zu bleiben. Dennoch dürfte Schottlands internationales Wohl und Wehe bis auf Weiteres an Celtic hängen. So fließt natürlich auch kein Geld aus den internationalen Wettbewerben in die Kassen der Klubs aus der schottischen „Mittelschicht“. Dabei könnten der Motherwell FC, Dundee United, Heart of Midlothian, Hibernian Edinburgh oder der Aberdeen FC eine zusätzliche Finanzspritze ganz gut gebrauchen. Die Tatsache, dass aus der Konkursmasse der Rangers lediglich der Ersatztorwart zu einem anderen schottischen Erstligisten wechselte, spricht Bände.

Deutlicher Zuschauerschwund
Durch den Verlust der Rangers beklagen sämtliche Premier League-Klubs Einnahmeverluste an anderer Stelle. Mit dem schottischen Rekordmeister ist ihnen ein verlässliches Zugpferd an den Stadiontoren abhanden gekommen. Der Zuschauerschnitt in der schottischen Eliteklasse nahm in dieser Saison von fast 14.000 auf etwas über 10.000 ab. Die Hälfte aller Erstligisten heißt durchschnittlich keine 5.000 Zuschauer willkommen. Ein Langzeittief. Immerhin blieb den schottischen Teams ein gut dotierter TV-Vertrag mit „Sky“ und Zweitrechteverwerter „ESPN“ erhalten. Wenn auch dem Vernehmen nach nicht mehr die noch vor dem Rückzug der Rangers kolportierten 100 Millionen Euro für die nächsten fünf Jahre fließen dürften.

Highland-Klubs mischen mit
Mit zum geringen Zuschauerschnitt in dieser Saison dürfte noch ein anderes Phänomen beitragen. Erstmals überhaupt spielen mit Inverness und Aufsteiger Ross County FC aus dem 20 Kilometer entfernten Dingwall zwei Klubs aus den Highlands in der Premier League. Beide weisen allerdings einen Zuschauerschnitt von gerade mal 4.000 Zuschauer auf. Die Distanz zum nächstgelegenen Erstligisten in Aberdeen beträgt für beide über 170 Kilometer. Und selbst Aberdeen stellt für die restlichen schottischen Eliteklubs schon eine Fernreise dar, denn rund Dreiviertel aller Erstligisten sind traditionell im südlich gelegenen Dreieck Dundee, Edinburgh und Glasgow zu finden. Die Klubs aus dem höher gelegenen Landesteil „drängen“ erst seit relativ kurzer Zeit in die Scottish Football League (SFL), die die zweite bis vierte Profiliga umfasst und den Unterbau für die Scottish Premier League darstellt. Inverness und Ross starteten 1994 in der viertklassigen Third Division. Zuvor spielten sie mit anderen Klubs aus dem nördlichen Landesteil in der nicht an die SFL gekoppelten Highland Football League, die nach wie vor existiert. Zwei weitere Highlandklubs haben 2000 ebenfalls den Wechsel in die SFL gewagt. Elgin City sowie Peterhead FC hängen allerdings immer noch in der Third Division fest, messen sich dabei aber immerhin mit den Glasgow Rangers.


Erstmals trafen im Oktober 2012 zwei Klubs aus den Highlands in der Scottish Premier League aufeinander:
Inverness Caledonian Thistle vs. Ross County FC 3-1

Die Rangers als Zuschauermagnet …
Und die Rangers sorgen in der vierten Spielklasse für nie gesehene Zuschauerzahlen. Im heimischen Ibrox Park wollten bisher durchschnittlich 46.000 Fans die eigene Elf gegen Provinzklubs spielen sehen. Damit ist der blaue Verein Glasgows in dieser Saison der meistbesuchte Verein Schottlands! Erstmals seit Jahren überrunden sie damit sogar den Stadtrivalen Celtic, dessen Zuschauerschnitt ohne die Rangers um 8.000 auf 42.000 zurückging. Auch die anderen Viertligisten profitieren von der Anwesenheit der Rangers, denn für sie heißt es Zahltag, sobald die Rangers zu Gast sind. Sportlich gesehen dominieren die Blauen aus Glasgow die Liga ohnehin.

… und vor dem Absprung nach England?
Doch die Rangers tragen sich mit dem Gedanken is englische Ligasystem zu wechseln. Warum? Der schottische Fußball überlegt derzeit seine vier Profiligen zu reformieren. Die 42 Profiteams sollen zukünftig in drei statt vier Profiligen zusammengefasst werden. In der untersten 3. Liga würden dann 18 Teams kicken. Das passt den Rangers nicht, denn nach dem sportlichen Aufstieg würden sie doch nur wieder gegen einen Großteil der alten Gegner spielen. Die derzeitige Saison würde somit sportlich entwertet. Dabei blenden sie jedoch aus, dass sie so oder so nur noch zwei Aufstiege von der Scottish Premier League entfernt wären. Als Viertligist hätten sie im englischen Ligasystem hingegen eine wahre Ochsentour vor sich, ohne Garantie jemals in der lukrativen Premier League anzukommen. Und so dürfte der 54-malige Landesmeister dem schottischen Fußball auch weiterhin erhalten bleiben. Vielleicht ja in nicht allzu ferner Zukunft wieder in Liga 1. Die Celtic-Fans würde es sicher freuen. Denn auch wenn der Zwangsabstieg des Konkurrenten mit Häme begleitet wurde, ohne das „Old Firm“ genannte Duell der Dauerrivalen fehlt der schottischen Liga irgendwie das Salz im Haggis.

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