Lilien vs. Kickers: Wer packt’s?

Am Samstag kommt es im Böllenfalltorstadion des SV Darmstadt 98 zum Showdown. Die Lilien empfangen am letzten Spieltag der 3. Liga die Stuttgarter Kickers. Der Sieger bleibt in jedem Fall drin, wobei die Ausgangslage der Kickers mit 39 Punkten auf Platz 16 besser ist als die der 98er mit 37 Punkten auf dem ersten Abstiegsplatz 18. Wer wird sich also retten? Eine Frage, die mich und meinen alten Studienkumpel Wolfi entzweit. Er ein Anhänger der Blauen aus Stuttgart, ich ein Fan der Blauen aus Darmstadt. Er sah in der letzten Woche auf der Waldau Daniel Engelbrecht in der Schlussminute allein auf den Chemnitzer Torwart zulaufen und scheitern. Ich sah vor zwei Wochen am Bölle Hakan Calhanoglus Freistoß in der 89. Minute im Lilientor einschlagen. Ebenso symptomatische, wie deprimierende Szenen der abgelaufenen Saison.
Während des Studiums kickten wir gemeinsam mit unseren Jungs auf einem Bolzplatz einen Steinwurf vom Bölle entfernt und zockten bis tief in die Nacht FIFA 98. Heute kommentieren wir leidenschaftlich den Kampf unserer Teams ums nackte Überleben in Liga 3. Keiner von uns will seinen Verein wieder in den regionalen Niederungen der 4. Spielklasse wissen … an tristen Sonntagnachmittagen gegen Hoffenheim II. Beide befürchten wir, dass es dann für lange Zeit aus ist mit einem Platz auf der Fußballkarte Deutschlands, der doch erst 2011 bzw. 2012 ergattert wurde. Wer darf also am 17. Mai um 15:20 Uhr am Bölle die Faust in die Luft recken? Wir sehen beide unsere Vereine vorne!

Fünf Argumente, die für die Lilien sprechen:

1. Der Coach:
Mit Dirk Schuster verordnete der dritte Lilientrainer der Saison dem Team ein stabileres Spielsystem. Er führte seine Mannschaft nach einer völlig verkorksten Hinrunde vom letzten Platz an die Schwelle zum Klassenerhalt. 21 Punkt aus 16 Partien sind ein mehr als ordentlicher Schnitt. Er und sein Team vermitteln den Eindruck eine Einheit zu bilden, das Vertrauen ineinander ist da. Zudem kennt er den Gegner aus dem Effeff. Er trainierte ihn ja immerhin bis vergangenen November. In dieser Hinsicht müssen die Kickers, deren Kader er wesentlich zusammengestellt hat, sogar als sein Team gelten. Er weiß besser als ein normaler Spielbeobachter, wie die gegnerische Elf tickt. Welcher Spieler reagiert in Drucksituationen labil oder passiv? Wer verliert schon mal die Konzentration? Wo ist der wunde Punkt? Ein unschätzbarer Vorteil!

2. Der Heimvorteil:
Die Lilien zuhause als eine Macht zu beschreiben wäre vielleicht etwas dick aufgetragen. Sie fühlen sich hier aber naturgemäß viel wohler und wissen die Fans im Rücken. Umso mehr nach dem immens wichtigen Sieg vom vergangenen Wochenende, als in Erfurt bereits das Aus drohte. Die Fans werden also bedingungslos und stimmgewaltig hinter ihrer Elf stehen, so wie sie es bereits gegen Karlsruhe getan haben. Dass es damals nach dem frustrierenden Last-Minute-K.o. keine Pfiffe von den Rängen gab, zeigt, dass das Verhältnis zwischen Team und Fans intakt ist.

3. Die zuletzt gezeigten Leistungen:
Die Lilien schienen schon oft weg vom Fenster zu sein. Zur Winterpause, Anfang März, letztes Wochenende. Doch sie kamen immer wieder zurück. In den letzten drei Wochen punkteten sie sogar auswärts dreifach, was nahezu so selten vorkam wie ein 29. Februar. Der Sieg in Offenbach wurde ebenso willensstark und hochverdient eingefahren, wie der Erfolg in Erfurt. Der dazwischen liegende Pokalerfolg gegen den OFC unterstrich diesen Trend. Die unglückliche Niederlage gegen Ligaprimus Karlsruhe zeigte, dass die Lilien mithalten können. Nun haben es die Lilien gegen die Kickers selbst in der Hand, während sie vergangenes Wochenende nicht nur gewinnen, sondern auch noch auf die Patzer der Konkurrenz hoffen mussten. Mehr Druck als vor sieben Tagen geht also nicht. Und dem haben sie beeindruckend Stand gehalten.

4. Die Defensive:
Hinten steht bei den Lilien die Null. Blieb der Klub in den ersten 21 Saisonspielen gerade einmal in zwei Partien ohne Gegentor, so kamen 2013 sage und schreibe neun hinzu. In den meisten Vergleichen kamen die gegnerischen Teams also überhaupt nicht zum Torerfolg. So lange die im Winter neu formierte Defensive um Abwehrchef Aytac Sulu nichts zulässt, genügt am Samstag ein Törchen, um sich aller Sorgen zu entledigen.

5. Zwei wiedererstarkte Stürmer:
Und das traut man Preston Zimmerman oder Marcus Steegmann mittlerweile wieder zu. Erst recht gegen einen Gegner, der in 15 von 18 Auswärtsspielen immer mindestens ein Gegentor zugelassen hat. Zugegeben, über neun lange Monate hinweg war das Offensivspiel der 98er an Harmlosigkeit nicht zu überbieten. Stürmertore galten als ein vom Aussterben bedrohtes Phänomen. Doch dann fanden Zimmerman und Steegmann Ende April ihr Zielwasser wieder. Der US-Amerikaner erzielte seither in drei Spielen drei Tore (einmal fehlte er gesperrt). Steegmann traf in fünf Spielen fünf Mal, wobei insbesondere sein Dreierpack vom vergangenen Wochenende Gold wert war. Jetzt heißt es also am Samstag nachlegen, bei höchstwahrscheinlich 90 (plus x) strapaziösen Minuten.

Das Stadion am Böllenfalltor und das Stadion auf der Waldau (Quelle: M.Kneifl / W.-D.Retzbach)

Wo wird in der kommenden Saison noch Drittligafußball zu sehen sein: Am Darmstädter Böllenfalltor (l.) oder auf der Stuttgarter Waldau (r.)?

Fünf Argumente, die für die Kickers sprechen:

1. Die Ausgangslage:
Das gewichtigste Argument für den Klassenerhalt der Kickers: Die Schwaben benötigen für die Rettung maximal einen Punkt bei den Hessen. Der Gastgeber muss gewinnen und hat nur einen Matchball, die Gäste haben zwei Matchbälle: Remis oder Sieg. Dass die Kickers auswärts antreten müssen, spielt keine gewichtige Rolle. In der Fremde haben die Blauen nur drei Punkte weniger als im eigenen Stadion geholt, und das bei einem Auswärtsspiel weniger und der potentiell schwierigeren Punktejagd auf fremden Plätzen. Dass die Kickers in der Auswärtstabelle auf Rang 12 stehen, ist für einen Abstiegskandidaten eine beachtliche Leistung. Sicher, das Stadion am Böllenfalltor wird gut mit Lilienfans gefüllt sein. Aber die Kickers haben in dieser Saison in Bielefeld oder Heidenheim trotz knapper Niederlagen spielerisch mehr als nur gut mitgehalten, und das bei einer ähnlich aufgeheizten Stimmung (Heidenheim! Derby!), wie sie nun in Darmstadt zu erwarten ist.  Und mit Druck können die Kickers gut umgehen: Wer drei Spieltage vor Schluss als Abstiegskandidat bei einem Aufstiegskandidaten (Münster) gewinnt, der hat auch vor dem Spiel in Darmstadt keine Angst.

2. Der Torjäger:
Gestatten: Marco Grüttner, 18 Saisontore. Wer einen solch treffsicheren und stets kämpfenden Stürmer in seinen Reihen hat, kann auch in einem entscheidenden Spiel wie in Darmstadt mindestens einen Treffer von ihm erwarten, nein: verlangen. Denn die Kickers werden umso mehr Räume bekommen, je länger Darmstadt nicht führen wird und je extremer sich die Gastgeber in der Defensive öffnen werden müssen. Außerdem will sich Grüttner mit einem Erfolgserlebnis von den Kickers verabschieden: Der 27-Jährige wechselt zur neuen Saison zur zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart. Und die Torjägerkrone hat Grüttner noch nicht aus den Augen verloren: Ihm fehlen zwei Treffer zur Spitze. Grüttner wird gegen die Lilien also alles daran setzen, nochmal zu treffen. Und nochmal. Und nochmal.

3. Der Kickers-Trainer:
Er trainierte Spieler aus mehr als 35 Nationen, er war Jugendcoach, Co- und Cheftrainer, er arbeitete in mehr als sieben verschiedenen Ländern und kann sich in acht Sprachen ausdrücken. Er war für die ghanaische Nationalmannschaft tätig, er assistierte Giovanni Trapattoni bei Bayern München, er hospitierte bei Guus Hiddink, Rafael Benitez oder Claudio Ranieri, er arbeitete für Fabio Capello oder Arrigo Sacci, er scoutete für den AC Mailand und den SSC Neapel. Jetzt ist Massimo Morales bei den Stuttgarter Kickers gelandet. „Ich glaube, dass ich Erfahrungen gesammelt habe, wie sie die wenigsten Trainer in ihrer dann zum Teil doch recht kurzen Laufbahn machen konnten“, sagt der Trainer. „In diesem Beruf ist, so denke ich, Erfahrung das Allerwichtigste. Ich glaube, dass ich dadurch schon früh einen Reifegrad als Trainer erreicht habe, um jeder Aufgabe auf hohem Niveau gewachsen zu sein.“ Also auch einem Endspiel in Darmstadt. Massimo kriegt das schon hin. Das Lilien-Spiel wird nicht die erste Reifeprüfung sein, die er besteht. Das gibt ihm die nötige Gelassenheit und Gewissheit des eigenen Könnens – eine Mentalität, die auf seine Spieler abfärbt.

4. Der Lilien-Trainer:
Na klar, mein Kumpel hat sicher Recht, wenn er behauptet, die aktuelle Besetzung des Darmstädter Trainerpostens ist ein Endspiel-Vorteil für die Lilien. Immerhin war deren Coach Dirk Schuster bis vor einem halben Jahr noch unterm Degerlocher Fernsehturm angestellt. Er behauptet, Schuster kennt die Kickers-Spieler gut und weiß, wie sie in welcher Situation reagieren. Stimmt. Einerseits. Andererseits kann dieses Argument aber auch umgedreht werden: Schuster wird allein durch seine Anwesenheit den Stuttgarter Spielern den Extra-Schub Motivation geben, der die Kickers noch angriffslustiger und bissiger machen wird als ohnehin schon. „Unserem ehemaligen Trainer zeigen wir, dass er jetzt das schlechtere Team trainiert“ – mit dieser Einstellung werden die Stuttgarter in das Endspiel gehen. Oder um es mit den Worten von Kickers-Verteidiger Patrick Auracher zu sagen: „Unser Ziel ist, Darmstadt in die 4. Liga zu schießen.“ Mitsamt dem ehemaligem Trainer.

5. Die Moral:
Der Worte sind genug gewechselt, fehlt als Argument nur noch die Moral der Gäste. Viel zu oft haben sie gegen oft starke Gegner genauso stark mitgehalten, dann aber doch verloren (Heidenheim, Bielefeld, Rostock). Davon haben die Blauen sich nicht entmutigen lassen, ebenso wenig von Durchhängern und schlechten Leistungen, die zweifelsohne auch dem farblosen Trainer Gerd Dais anzulasten sind. Vor und nach dessen Demission verloren die Kickers innerhalb von vier Tagen zwei vermeintlich entscheidende Heimspiele gegen damals direkte Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg jeweils mit 0:1, die meisten gaben danach keinen Pfifferling mehr auf die Kickers. Das war Anfang April. Nun, elf Punkte aus fünf Spielen später, haben wir Mitte Mai, und die Stuttgarter haben von vier gefährdeten Teams die besten Chancen, nicht abzusteigen. Diese Mannschaft gibt nicht auf und kämpft, bis mit dem letzten Pfiff der Saison der Klassenerhalt gesichert ist.

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