Der DFB und seine Junioren im europäischen Vergleich

Das enttäuschende Abschneiden der deutschen U21-Nationalelf bei der Europameisterschaft und die fehlgeschlagene EM-Qualifikation der U19-Junioren haben in den Medien und zahlreichen Foren zu heftigen Diskussionen über das Nachwuchskonzept des DFB gesorgt. Selbst die in den letzten Jahren überaus erfolgreiche U17 hatte sich in diesem Jahr nicht für die kontinentale Endrunde qualifizieren können. Dabei herrschte doch lange Zeit beim DFB, in den Medien und an den Stammtischen das Selbstverständnis vor, der deutsche Nachwuchs verkörpere europäische Spitzenklasse. Doch ist dem wirklich so?

Der blamable Auftritt der A-Nationalelf bei der EURO 2000 nötigte den DFB damals seinen Fokus auf die Nachwuchsarbeit zu legen. Die Profiklubs wurden dazu angehalten Nachwuchsleistungszentren zu schaffen und so professionelle Strukturen im eigenen Juniorenbereich einzuführen. Die Installation von Jürgen Klinsmann als Nationaltrainer nach der nicht minder verkorksten EURO 2004 sorgte dafür, dass auch an der Spitze der Nationalmannschaften ein neuer Wind wehte und fortan innovativer gearbeitet wurde. Die rasch aufeinanderfolgenden EM-Titel der U17, U19 und U21 in den Jahren 2008 und 2009 schienen zu bestätigen, dass der DFB an den richtigen Stellschrauben gedreht hatte. Doch seither wollen sich keine rechten Erfolgserlebnisse mehr einstellen. Die U17 erreichte zwar noch 2011 und 2012 das EM-Finale, die U19 fehlte jedoch seit dem EM-Titel 2008 bei jeder der folgenden Endrunden. Auch die U21 konnte den Erfolg von 2009 nicht bestätigen, obwohl doch mittlerweile so viele Jungprofis in der Bundesliga oder gar im Ausland mitmischen wie nie zuvor.

Verzockt?
Irgendetwas scheint also nicht zu funktionieren in der Otto-Fleck-Schneise. Schon während der aktuellen U21-Kampagne monierte Fußball-Deutschland immer wieder, dass Julian Draxler, Ilkay Gündogan und André Schürrle nicht bei der U21 mitspielten , obwohl sie noch spielberechtigt gewesen wären. Und auch Toni Kroos und Mario Götze hätten ohne Verletzungen nicht zur Verfügung gestanden. Sicher, Norweger und Niederländer traten mit einer Fülle von Junioren an, die bereits über reichlich A-Nationalelferfahrung verfügten. Prompt zogen beide ins Halbfinale ein. Spanien konnte sich trotz Confed-Cup den Luxus leisten die herausragenden Alcantaras, Iscos, Muniains, Rodrigos und de Geas zur U21 abzustellen, da sie über noch mehr Topspieler in der A-Elf verfügen. Mit Italien hat es hingegen der letzte Halbfinalteilnehmer verstanden ohne die Jungstars von Milan (Mario Balotelli, Stephan El Shaarawy und Mattia de Sciglio) anzutreten und mühelos die Vorrunde zu bewältigen. Selbst wenn man einwendet, dass deren Vorrundengruppe einfacher war, so ist deren Abwesenheit schon ein schmerzlicher Verlust für jedes Team. Es hätte also auch beim DFB gut gehen können. Doch dazu hätte es gegen die Niederlande ein wenig mehr Konzentration und individueller Klasse bedurft. Letztlich war das Team nicht auf der Höhe: nicht in der ersten Hälfte gegen die Oranjes und noch viel weniger während des gesamten Spiels gegen Spanien. So hat sich der DFB mit seiner Entscheidung Spieler mit Potential frühzeitig nach oben zu ziehen letztlich doch geschwächt. Doch nicht nur die U21 musste bluten. Auch der U19 hätte es gut zu Gesicht gestanden, wenn Matthias Ginter und Emre Can nicht mit der U21 nach Israel gefahren wären, sondern mit Ihren Altersgenossen zur Quali nach Norwegen. So hatten zwei DFB-Teams den Verlust von Führungsspielern zu verkraften, auf Kosten eines wahrscheinlicheren Erfolgs.

Keine Leitlinien
Doch es scheint beim DFB noch viel grundlegendere Probleme zu geben. Michael Horeni hat dies vor drei Tagen in der FAZ treffend kommentiert. „Seit Jahren kann man in Deutschland wissen, welche Leistungszentren und Jugendtrainer gute Arbeit leisten. Beim DFB kommt davon nicht viel an; personell nichts, inhaltlich zu wenig. Der DFB-Trend geht weiter zu ehemaligen Profis und Nationalspielern, von Innovation und Nachhaltigkeit ist wenig zu spüren.“ Und weiter: „Bis heute gibt es kein Konzept und keine Person, die eine Spielvorstellung für den gesamten Nachwuchs repräsentiert.“ Und damit hat er ganz offenkundig recht. Während die Vereine sehr gut ausgebildete Spieler liefern, fehlt beim DFB eine klare – über alle Altersklassen hinweg geltende – Linie, wie er dieses Material gewinnbringend auf den Rasen bringen will. In Ansätzen hatte dies auch der abgewanderte DFB-Sportdirektor Robin Dutt erkannt, der im Januar 2013 davon sprach, dass die Kommunikation zwischen dem DFB und den Landesverbänden sowie den Klubs im Vordergrund stehen müsse: „Wenn wir es schaffen, dieses komplette Wissen zu bündeln, zusammenzufassen, dann können wir eine Qualitäts-Dynamik bekommen. Dann wird uns keiner einholen, dann ist das die Chance, die goldene Generation der Spanier vielleicht doch zu knacken.“ Was ihn allerdings dabei ritt folgenden Satz nachzuschieben, das wird wohl nur er selbst wissen: „Dann ist vielleicht die Qualität da, dass Titel gar nicht zu verhindern sind.“

Von Spanien lernen, heißt siegen lernen
Wie Titel gar nicht zu verhindern sind, dass weiß man wohl bei den Spaniern am allerbesten. Sie haben schließlich das vergangene Jahrzehnt im europäischen Nachwuchs dominiert. Folglich gilt es vom dortigen System zu lernen. Mit Julen Lopetegui und Santi Denia begleiten zwei Coaches verschiedene Juniorenauswahlteams über mehrere Jahre und durch mehrere Altersstufen hinweg. Zudem assistieren sich auch noch gegenseitig. So ist eine größtmögliche Kontinuität gewahrt. Den Spielern wird über einen längeren Zeitraum ein Spielsystem eingeimpft, bei dem jeder weiß, wie er zu agieren hat. So treten die Nationalmannschaften ähnlich wie Vereinsteams auf, die sich aus dem täglichen Trainingsbetrieb kennen. Zudem finden Neueinsteiger leichter in ein bereits funktionierendes Mannschaftsgefüge. Die ebenfalls erfolgreichen Niederländer folgen einem ähnlich einheitlichen Ausbildungsprinzip. Die atemberaubenden Erfolge sämtlicher spanischer U-Teams geben den Iberern recht. Von den 26 zwischen 2004 und in diesem Jahr ausgetragenen bzw. noch stattfindenden Europameisterschaften der U17-, U19- und U21-Junioren, nahmen die Spanier an 18 teil und erreichten dabei 13-mal das Halbfinale. Letztlich stehen acht Titel und drei zweite Plätze zu Buche. Zum Vergleich: Deutschland brachte mit zwölf Endrundenteilnahmen noch nicht einmal jedes zweite Team zu einer Endrunde. Den drei Erfolgen aus den Jahren 2008 und 2009 stehen lediglich die beiden ebenfalls schon genannten Finalteilnahmen der U17 gegenüber. Drei weitere Male war im Halbfinale Schluss, viermal hieß es nach der Vorrunde die Koffer packen. Sogar England, das doch mit seiner Premier League gemeinhin als die Ausgeburt des global vernetzten Fußballkapitalismus gilt, in dem der eigene Nachwuchs (angeblich) kaum einen Fuß in die Profiteams bekommt, kann zwei EM-Teilnahmen und Halbfinaleinzüge mehr vorweisen. Selbst das kleine Serbien dreht dem DFB eine lange Nase. Es hat zwar im letzten Jahrzehnt keinen Titel errungen, sich aber einmal häufiger qualifiziert.

Europameisterschaftsbilanz der Juniorennationalteams nach Ländern (2004-2013) (Tabelle: M.Kneifl)

Die Tabelle entspricht dem Stand vor den Halbfinals der aktuellen U21-EM (13.06.2013). Die Teilnehmer der anstehenden U19-EM wurden berücksichtigt.

Es bleibt also abzuwarten, ob der DFB die richtigen Lehren aus den zuletzt erzielten Resultaten zieht. Denn die Tabelle zeigt eindrucksvoll, dass Deutschland in puncto Juniorenausbildung mitnichten der Nabel der Fußballwelt ist. Andere Nationen schlafen auch nicht und machen aus weniger (Finanzen, Einwohner und Fußballer) mehr, nämlich Titel und Endrundenteilnahmen.

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2 Gedanken zu “Der DFB und seine Junioren im europäischen Vergleich

  1. Das ist alles richtig. Allerdings ausgehend von dem Gedanken, dass es das oberste Ziel des DFB sein sollte, auch im Jugendbereich soviele Titel wie möglich zu sammeln. Ist das so? Wird das von Verbandsseite so kommuniziert?
    Evtl. ist der Ansatz ja auch der, dass die Spieler so früh wie möglich in der höchstmöglichen Mannschaft spielen um Erfahrungen zu sammeln, die ihnen (irgendwann vielleicht) in der A-Nationalmannschaft helfen? Profitiert ein Julian Draxler im Hinblick auf die WM 2014 mehr von der USA-Reise der A-Nationalmannschaft? Sind die Erfahrungen eines Emre Can bei der U21 wertvoller als bei der U19? Auf Vereinsebene wird ja meist nach diesem Prinzip verfahren.

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