Von Drachen und Schwänen in der Premier League

Ab Samstag bittet die englische Premier League wieder zum allwöchentlichen Showdown. Doch das Oberhaus des englischen Fußballs war vermutlich nie weniger englisch als in diesem Jahr. Rund zwei Drittel aller Spieler kommen aus dem Ausland und sogar zehn Prozent aller Vereine. Mit Swansea City und Aufsteiger Cardiff City spielen erstmals in der Geschichte des englischen Ligafußballs zwei walisische Klubs zeitgleich in der obersten englischen Spielklasse. Dabei könnten die beiden walisischen Emporkömmlinge unterschiedlicher nicht sein.

Wales verfügt zwar über ein eigenes Ligasystem mit einer eigenen Premier League. Dennoch entschieden sich einige Vereine für den Weg in den stärkeren und ungleich lukrativeren englischen Ligafußball. Neben Cardiff und Swansea hat es jedoch mit Viertligist Newport County nur ein weiterer walisischer Klub in den englischen Profifußball geschafft, der die ersten vier Ligen umfasst.
Nun mischen also erstmals zwei walisische Klubs in der englischen Beletage mit: Swansea City heißt zum Ligaauftakt die Startruppe von Manchester United willkommen. Der Swans genannte Verein geht in seine dritte Premier-League-Saison und darf sich nach den Plätzen 11 und 9 sowie dem Ligacuperfolg im vergangenen Februar schon fast als etabliert betrachten. Der alte walisische Rivale aus Cardiff muss zum Stelldichein in Englands guter Stube nach London reisen, wo er auf West Ham United trifft. Bei den Spielern des Teams, das eigentlich die Bluebirds genannt wird, wird dann groß der walisische Drachen auf der Brust prangen.

Cardiff als Blaupause der globalisierten Fußballwelt
Bis zum vergangenen Jahr war dies kaum vorstellbar. Und auch heute werden noch zahlreiche Anhänger der Bluebirds zwiegespalten sein, wenn sie daran denken, wie ihr Eigentümer den Verein im vergangenen Jahr einer Generalsanierung unterzog. Das lange dominante Bluebird im Vereinswappen wanderte über Nacht ans untere Ende und erscheint gegenüber dem heute dominanten roten Drachen nur mehr als blauer Klecks. Doch damit nicht genug. Seit 1908 liefen die Spieler des südwalisischen Vereins in blauen Trikots auf. Im Sommer 2012 entschied Klubeigentümer Vincent Tan aus Malaysia, dass die zukünftige Trikotfarbe Rot sei. Selbst das Auswärtstrikot ist in dieser Spielzeit gelb, erst das Ausweichtrikot erstrahlt im traditionellen Blau. Tan erhofft sich von diesem neuen Erscheinungsbild bessere Vermarktungsmöglichkeiten im Premier-League-verrückten Asien.
Einen Aufruhr hatte dieses Gebaren dennoch nicht zur Folge, wie das Magazin 11Freunde in seiner Oktoberausgabe 2012 eindrücklich beschrieb. Die Sehnsucht nach Erfolg mit einem – wenngleich eigenwilligen – Mäzen war größer, als das Szenario auf absehbare Zeit nur noch unterklassigen Fußball zu erleben. Schließlich hatte der malaysische Industrielle den hochverschuldeten Klub 2010 übernommen und die Absicht geäußert zu investieren. Und er hielt Wort. Er überzeugte den walisischen Nationalstürmer Craig Bellamy von Manchester City zunächst für ein Jahr in die zweite Liga zu wechseln, ohne jedoch den Erfolg sofort erzwingen zu können. Nachdem Cardiff 2010, 2011 und 2012 knapp in den Play-offs um den Aufstieg gescheitert war, holten sie sich in der letzten Saison souverän die Meisterschaft und damit das Eintrittsticket für die Premier League. Wie lange Investor Tan dem Verein die Treue hält, bleibt freilich ungewiss. Selbst nach dem errungenen Aufstieg vermeldete die BBC im Mai 2013, dass sich der Miliardär mit dem Gedanken tragen würde Klub-Anteile in Fernost zu veräußern. So oder so wird der Klub auf absehbare Zeit von potenten (und wahrscheinlich ausländischen) Geldgebern abhängig sein.

Swansea als fußballromantisches Gegenmodell
Ganz anders stellt sich die Situation im 55 Kilometer entfernten Swansea dar. Der Klub wird von Eigentümern geführt, die Geschäftsleute, aber auch langjährige Anhänger des Vereins sind und ihn vor zehn Jahren vor dem Bankrott retteten. Damals stand Swansea ganz unten in der Pyramide des englischen Profifußballs. Letzter in der untersten Profiliga. Hinter diesem Engagement steckt also Hingabe. Cardiffs Eigentümer Tan übernahm den Verein zwar ebenfalls in finanzieller Schieflage, allerdings an der Schwelle zur Premier League. Hinter diesem Engagement steckt also Kalkül. Mittlerweile besitzt die Fanvereinigung Swansea City Supporters Society Ltd. zwanzig Prozent an den Swans. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, Swansea City ist mit seinen Haupteignern und der Fanvereinigung fest in den Händen seiner Anhänger. Dass er es damit bis hinauf in die Premier League schaffte und sich dort sogar mit attraktivem Kurzpassspiel behauptet, ist eigentlich der Treppenwitz im neoliberalen Königreich. Ausgerechnet dort also, wo immer mehr ausländische Investoren Vereine kaufen und auf Teufel komm raus zum Erfolg hochjazzen wollen, bis sie die Lust verlieren. Bei ihrem Höhenflug verwandeln die Fans der Schwäne das heimische Stadion in einen kleinen – 20.500 Plätze fassenden – Hexenkessel. In 29 von bislang 38 Premier-League-Spielen war das heimische Stadion ausverkauft. In der kommenden Saison tingelt Swansea City gar durch Europa. Möglich gemacht hat es der Erfolg im Ligapokal.

Swansea vertraut auf spanisches Know-how
Doch international ist die Truppe selbst. Sieben der zwanzig Profis stammen aus Spanien, unter ihnen Mittelfeldspieler Michu, der mit 18 Toren zur Sensation der vergangenen Spielzeit mutierte. Dass mit dem ehemaligen Weltklassefußballer Michael Laudrup ein Trainer mit reichlich Spanienerfahrung den Verein coacht, passt ins Bild und trägt dazu bei, das Kurzpassspiel weiterhin zu kultivieren. Vorne soll ab dieser Spielzeit Michu durch Wilfried Bony entlastet werden, den Torschützenkönig der abgelaufenen Saison in den Niederlanden. Der Ivorer kommt mit der Empfehlung von 31 Toren und erzielte für seinen neuen Klub bereits zwei Tore in der Europa League Qualifikation gegen Malmö. Die 14 Millionen Euro, die Swansea für ihn zahlte, stellen eine noch nie dagewesene Summe für den Verein dar. Dass die Waliser dabei renommierte Mitkonkurrenten wie West Ham und Chelsea ausstechen konnten, spricht für die gestiegene Wertschätzung der Schwäne, die in den vergangenen beiden Jahren Millionen-Gewinne erwirtschafteten. Wahrlich keine Selbstverständlichkeit in der Premier League und ein Beleg für Transfers mit Augenmaß sowie ein gesundes Gehaltsgefüge im Kader.
Zu den Stützen des Teams gehören der niederländische Nationaltorwart Michel Vorm und vor ihm Innenverteidiger Ashley Williams. Williams zählt zu den absoluten Identifikationsfiguren im Team. Der gebürtige Engländer mit einem walisischen Großvater kam zu den Swans, als diese noch drittklassig waren und wurde aufgrund seiner starken Leistungen im Frühjahr 2013 mit Spitzenklubs der Premier League in Verbindung gebracht. Doch … der walisische Nationalspieler blieb. Das Team, in dem auch der deutsche Torwart Gerhard Tremmel spielt, scheint bestens gewappnet, um weiterhin eine gute Rolle in der Liga zu spielen.

Cardiff versucht sich in der Mission Nichtabstieg
Ganz anders dürften die Ziele beim walisischen Mitkonkurrenten sein. Beim Wettanbieter Ladbrokes rangiert das Team zum Auftakt der Saison auf Position 18 und damit einem Abstiegsplatz. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Drachenträger überwiegend auf den Aufstiegskader setzen. Lediglich fünf Neuzugänge sind bisher zu verzeichnen, wobei die Verantwortlichen primär in die Defensive investierten. Für 13 Millionen Euro erwarben sie mit Gary Medel einen defensiven Mittelfeldspieler vom FC Sevilla. Der Chilene verfügt über reichlich internationale Erfahrung und gehörte beim WM-Auftritt der Chilenen in Südafrika zum Stammpersonal. Mit Steven Caulkner holten sie für neun Millionen Euro einen Innenverteidiger aus Tottenham, der im Sommer für England bei der U21-EM auflief. Einzig der 20-jährige Däne Andreas Cornelius soll die Offensivbemühungen unterstützen. Der dänische Nationalspieler erzielte in der abgelaufenen Saison 18 Tore für den FC Kopenhagen und soll den Isländer Heidar Helguson ersetzen. Der Stürmer war mit acht Toren der „Goalgetter“ der Bluebirds, beendete aber mit 35 Jahren seine Karriere. Im Kader des Aufsteigers steht übrigens nur ein Waliser: Craig Bellamy, dessen besten Tage allerdings schon lange hinter dem einstigen Topstürmer liegen. Das Team dürfte sich folglich vom ersten Spieltag an im Abstiegskampf befinden. Doch auch Swansea war vor drei Jahren als krasser Außenseiter gestartet und vielleicht investiert der malaysische Eigentümer ja noch, sofern der Saisonauftakt in die Hose gehen sollte.

Vom Zuschauerminusrekord in der Vierten Division zum Premier-League-Duell in anderthalb Jahrzehnten
Am 3. November kommt es dann in Cardiff zum ersten Aufeinandertreffen der beiden walisischen Premier-League-Vereine. Dann ist ein volles Haus zu erwarten. Ganz im Gegensatz zum historischen Tiefpunkt: Im Dezember 1996 wollten lediglich 3.700 Zuschauer das Derby der damaligen Viertligisten in Cardiff verfolgen. Doch damals trugen die Bluebirds noch Blau, ausländische Investoren waren im englischen Fußball noch fern und die Premier League für beide Klubs Lichtjahre entfernt.

Los Campesinos! bitten zum Tanz.
Die walisische Combo stammt zwar aus Cardiff, zeigt mit ihrem Namen jedoch eine ebensogroße Affinität zu Spanien wie die Verantwortlichen von Swansea City.

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