Agdam, Famagusta & Co – Fußballklubs fernab der Heimat

Am heutigen Abend kehrt die Frankfurter Eintracht nach siebenjähriger Abwesenheit auf die europäische Fußballbühne zurück. Das Los wollte es so, dass die Hessen in den Play-off-Spielen zur Gruppenphase der Europa League auf den FK Qarabag Agdam treffen. Die Groundhopper der Eintracht dürften sich erst einmal schlau gemacht haben, welchen Länderpunkt ihnen die UEFA denn da eigentlich beschert hatte. Kurze Recherche: Aserbaidschan. OK. Doch wo liegt Agdam? Etwas längere Recherche: Im Niemandsland!

Agdam ist eine Stadt, von der nach den Wirren des post-sowjetischen Konflikts zwischen Armeniern und Aserbaidschanern im wahrsten Sinne des Wortes kaum etwas übrig geblieben ist. Agdam – immerhin einmal eine Stadt mit mehreren zehntausend Einwohnern – lag in der von beiden Völkern beanspruchten Region Bergkarabach, der der Gegner der Eintracht seinen Klubnamen Qarabag entlehnt. Nach dem Zerfall der UdSSR gehörte es zu Aserbaidschan, gleichwohl lebten dort mehrheitlich christliche Armenier. Rasch entbrannte ein militärischer Kampf um den Landstrich. 1993 eroberten armenische Milizen Stadt und Umland, just als sich der FK Qarabag erstmals zum aserbaidschanischen Meister aufschwang. Die über 300 Kilometer östlich von Baku liegende Stadt wurde in der Folge geschliffen, an eine Rückkehr der Aserbaidschaner ist bis heute nicht zu denken. Für den Verein bedeutete dies, dass er eine Odyssee durch Aserbaidschan antreten musste. Von einer ersten Station im Zentrum der Kaukasusrepublik ging es weiter in die Hauptstadt Baku. Nach einem zwischenzeitlichen Abstecher nach Guzanli, das ganz in der Nähe zu Karabach liegt, hat der amtierende Vizemeister heute wieder in Baku seine sportliche Heimat gefunden.

Der andere Klub aus Bergkarabach
Doch der FK Qarabag Agdam ist mit seinem Schicksal längst nicht allein. Bergkarabach beherbergte zum Zeitpunkt des militärischen Konflikts auch den FK Karabakh Stepanakert. Da in der Folge der gewaltsamen Auseinandersetzungen lange Zeit kein geregelter Fußballbetrieb in der Region mehr möglich war, orientierte sich der Klub aus der Hauptstadt Bergkarabachs nach Armenien. Die FIFA gestattete dem Klub allerdings nicht am armenischen Ligabetrieb teilzunehmen, da er nicht auf offiziell anerkanntem armenischen Staatsgebiet lag. Folglich zog auch dieser Verein um und zwar in die armenische Hauptstadt Eriwan. Dort firmierte er einige Jahre als Karabakh Eriwan, ohne allerdings eine nennenswerte Anhängerschaft hinter sich zu vereinen. So erfolgte vor wenigen Jahren die Rolle rückwärts und der Verein kehrte nach Bergkarabach zurück. Seitdem ist er also wieder zuhause, ohne allerdings an einem offiziellen Spielbetrieb teilnehmen zu können.

Zypern und immer wieder der Kaukasus
Eine bewaffnete Auseinandersetzung führte auch dazu, dass der 13-malige zyprische Meister Anorthosis Famagusta seine Heimspiele nicht mehr in Famagusta austrägt. Die Küstenstadt liegt seit dem militärischen Eingreifen der Türkei 1974 im abgespalteten nördlichen Teil Zyperns. In der Folge verlegte der erfolgreiche Verein seinen Sitz nach Larnaka, das südlich der Demarkationslinie in der Republik Zypern liegt. Für viele vertriebene griechischstämmige Nordzyprer hat der Verein deshalb heute noch eine große Bedeutung.
Auch der tschetschenische Vorzeigeklub Terek Grosny war aufgrund des dortigen Bürgerkriegs lange Zeit nicht in der Lage seine Spiele in der eigenen Stadt auszurichten. Mittlerweile ist er jedoch wieder zurückgekehrt und dies ist ganz im Sinne der russischen Regierung. Sie statuierte an dem Verein ein Exempel und verhalf ihm mit finanzieller Unterstützung zum Sprung in die erste russische Liga. Allen voran um die Zugehörigkeit der Region an den Zentralstaat zu unterstreichen. Hierfür war es allerdings zwingend erforderlich, dass der Klub seine Spiele wieder in Grosny ausübt, was er seit 2008 wieder tut.
Aus dem ebenfalls kaukasischen Dagestan kommt Anschi Machatschkala. Auch dort ist die politische Situation verfahren und muslimische Terroristen versuchen mit regelmäßigen Anschlägen die Region zu destabilisieren. Der UEFA war dieser Sachverhalt zu heikel und sie bestimmte, dass der Klub seine Europapokalspiele nicht in Machatschkala austragen durfte. So blieb beispielsweise Hannover 96 im letzten Jahr das Abenteuer Dagestan erspart und sie konnten in Ramenskoja nahe Moskau antreten. Im Endeffekt bedeutete dies auch für die Spieler des Vereins keine Umgewöhnung, trainieren sie doch ohnehin dort und mitnichten im unsicheren Machatschkala. Der Profikader hat derzeit folglich kaum einen Bezugspunkt zur Heimstätte des Klubs.

Kleinasiatische Wurzeln griechischer Topklubs
Dass es um das Verhältnis zwischen Griechen und Türken nicht zum Besten bestellt ist, ist bekannt. Die ständigen Konflikte beider Völker mündeten 1923 im Vertrag von Lausanne, der die bereits erfolgten Vertreibungen von Griechen und Türken legalisierte und einen nahezu vollständigen Bevölkerungsaustausch festlegte. So wurden die in Griechenland lebenden Türken in die Türkei umgesiedelt und die überwiegend in Kleinasien siedelnden Griechen in das Staatsgebiet des heutigen Griechenland. Und mit ihnen zahlreiche namhafte Fußballklubs. AEK Athen und der gestrige Schalke-Gegner PAOK Saloniki berufen sich auf Wurzeln oder gar Vorgängervereine im ehemaligen Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Beide unterstreichen dies durch den byzantinischen Doppelkopfadler in ihren Wappen. Im kleinasiatischen Izmir nahm Panionios Athen 1890 seinen Ausgang und fand nach der Umsiedlung der dortigen Griechen seine Fortsetzung in Athen.

Die Grenzgänger des Derry FC
Vollkommen anders, aber nicht minder kurios, stellt sich der Fall des Derry FC dar. Auch heute noch trägt der Verein seine Spiele im nordirischen Londonderry aus, wie die Stadt von den Protestanten genannt wird. Dass sich der Verein Derry nennt, zeigt, dass er sich als Verein der katholischen Bevölkerung versteht. Und damit wird die Sache kompliziert. Ende der 1960er Jahre flammte der nordirische Bürgerkrieg zwischen den Konfessionen auf und kulminierte im Bloody Sunday von 1972, just in (London)Derry. Im Anschluss daran sahen sich weder der Klub, noch die anderen Vereine und der nordirische Verband imstande den Derry FC weiterhin am Spielbetrieb zu beteiligen. Er zog sich folglich zurück und fand erst über ein Jahrzehnt später einen Ausweg aus seinem Dilemma. Ab 1985 nahm er – im Einverständnis der nordirischen und irischen Klubs – am Ligabetrieb des irischen Verbandes teil. Seither heimste er zwei irische Meistertitel, vier irische Pokal- und zehn irische Ligapokalsiege ein.

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