French Connection in Newcastle

Gestern ereignete sich im St. James Park zu Newcastle etwas Außergewöhnliches. Es lief die 57. Minute im Premier-League-Spiel Newcastle United gegen den Liverpool FC und Verteidiger Paul Dummett erzielte die 2:1-Führung für die Heimmannschaft. Der 22-jährige Waliser ist somit der erste Torschütze Newcastles in der laufenden Saison, der kein Franzose ist. Kein Wunder bei zehn Franzosen im Kader der Nordengländer.

Mathieu Debuchy, Moussa Sissoko, Hatem Ben Arfa, Mapou Yanga-Mbiwa, Loic Rémy, Yoan Gouffran, Yohan Cabaye, Sylvain Marveaux, Gabriel Obertan und Massadio Haidara. Das ist nicht etwa der Auszug aus einem Kader eines französischen Erstligisten, es handelt sich samt und sonders um Fußballer von Newcastle United. Von den zehn genannten Franzosen haben außer den beiden Letztgenannten tatsächlich alle schon in dieser Saison gespielt. Die meisten von ihnen zählen zum Stammpersonal. Mit dem Senegalesen Papiss Demba Cissé und dem Ivorer Cheik Tioté ergänzen zwei Afrikaner die französischsprachige Community bei United. In der Kabine der „Magpies“ dürfte folglich mehr Französisch als Englisch gesprochen werden, was zahlreiche englische Kommentatoren durchaus kritisch sehen. Etwa Alan Shearer, seines Zeichens Torjägerlegende beim Klub mit den schwarz-weiß gestreiften Trikots. Er bezeichnete es als „ungesund“, wenn so viele französische Spieler in der Kabine sind. Zwar habe Arsenal zu seinen besten Zeiten gezeigt, dass dies funktionieren könne, allerdings sei Newcastle weit davon entfernt ähnlich erfolgreich zu sein. Und wenn es dann einmal schlecht liefe, dann würden sich zwangsläufig Cliquen im Team herausbilden und bei so vielen Franzosen sei es naheliegend, wo die Trennlinie verlaufen würde.


Man United Legende Gary Neville hatte bereits im April 2013 ganz offensichtlich Probleme mit Newcastles Faible für französische Spieler.

Bis zu sieben Franzosen in der Startelf
Trotz allen Unkenrufen, die French Connection weiß bislang durch Leistung zu überzeugen. Denn wie sonst wäre es zu rechtfertigen, dass Spieltag für Spieltag mindestens fünf von ihnen zur Startelf gehören. Einmal kamen im Verlauf des Spiels gar acht von ihnen zum Einsatz. Gegen Liverpool zählten sieben zur Startelf. Inklusive Tioté standen so acht französischsprachige Spieler beim Anpfiff auf dem Platz und sie schafften es dem Tabellenzweiten einen Punkt abzutrotzen, obwohl Newcastle nach dem Platzverweis für Yanga-Mbiwa mehr als eine Halbzeit in Unterzahl agierte. Zehn der bislang elf erzielten Tore erzielten Franzosen, sämtliche Torvorlagen entfallen auf die Franzosen, Cissé und Tioté. Mit Rang zehn bewegt sich Newcastle nach acht Spieltagen – und damit einem Fünftel der Saison – im Mittelfeld.

Frankreich, die Niederlande und Belgien im Visier
Wer über die „französische Revolution“ in Newcastle spricht, der kommt am langjährigen Geschäftsführer Derek Llambias nicht vorbei. Llambias streckte während seiner Amtszeit (2008 bis 2013) seine Fühler gezielt nach Frankreich aus und erklärte noch Anfang dieses Jahres „Newcastle United are not finished in France“. Darüber hinaus sah er auch den niederländischen und belgischen Fußball als Fundgrube für Transferaktivitäten. Es bleibt offen, ob sein Abgang im Juni 2013 eine Kehrtwende bei den Nordengländern einläuten wird. Immerhin gingen sie im Sommertransferfenster vergleichweise leer aus und verpflichteten lediglich Rémy. Und das, obwohl der Verein zuvor mit Spielern wie Wilfried Bony, Pierre-Emerick Aubameyang und Bafétimbi Gomis in Verbindung gebracht wurde. Der Ivorer Bony wechselte schließlich von Arnheim nach Swansea, der Togoer Aubameyang von St. Etienne zu Borussia Dortmund und der Franzose Gomis spielt nach wie vor in Lyon.

Januar 2013: Fünf französische Transfers als Garantie für den Klassenerhalt
Llambias‘ Faible für französische Kicker brach sich im letzten Winter mehr als deutlich Bahn. Alleine fünf Spieler wechselten im Januar 2013 binnen weniger Tage von der Ligue 1 nach Newcastle. Die Gründe waren durchaus nachvollziehbar und dabei hilft ein Blick zurück. 2009 musste der Verein – mit dem ebenso treuen wie zahlreichen Anhang – nach 16 Jahren wieder den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Der Wiederaufstieg gelang prompt. Die Ligazugehörigkeit konnte im Jahr darauf mit dem französischen Neuzugang Ben Arfa souverän gesichert werden. Mit Cabaye, Obertan und Marveaux folgten im Sommer 2011 drei weitere Franzosen seinem Beispiel und wechselten nach Nordengland. Hinzu kam der aus der Bundesliga bekannte Demba Ba, seines Zeichens in Frankreich geborener Senegalese. In der Saison 2011/12 sollte Newcastle dann vollkommen überraschend in die Topregionen der Premier League vorstoßen. Die Magpies beendeten die Spielzeit auf Platz fünf, noch vor dem Chelsea FC und in Schlagdistanz zum Arsenal FC und Tottenham auf den Plätzen drei und vier. Ein Platz in der Europa League war der Lohn für das herausragende Resultat.  Doch damit begannen die Probleme. In der Liga geriet United angesichts der ungewohnten Doppelbelastung in Turbulenzen. Der Klub sah sich zum Handeln veranlasst, um den Klassenerhalt nicht aufs Spiel zu setzen. Umso mehr, als mit Ba der Topstürmer nicht gehalten werden konnte. Chelsea zahlte aber immerhin 15 Millionen Euro Ablöse. Das Geld reinvestierte Llambias umgehend in Gouffran, Debuchy, Yanga-Mbiwa, Sissoko und Nachwuchsspieler Haidara. Letztlich zahlte er für die unter seiner Ägide verpflichteten Franzosen Nummer sieben bis elf 21 Millionen Euro. Vergleichsweise wenig Geld, erst recht, wenn man bedenkt, dass sich Debuchy, Sissoko und Yanga-Mbiwa französische Nationalspieler nennen durften. Im Rennen um Debuchy und Sissoko war es im Übrigen sicher nicht von Nachteil, dass sie den selben Berater haben, wie der bereits in Newcastle reüssierende Ben Arfa.

Neuverpflichtungen stechen sofort
Die Neuverpflichtungen trugen jedenfalls – abgesehen von Perspektivspieler Haidara – als Stammspieler zum Klassenerhalt bei. Insbesondere Gouffran, der mit seinem 2:1-Siegtreffer gegen die Queens Park Rangers am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt unter Dach und Fach brachte. Oder Sissoko, der in seinen ersten beiden Spielen maßgeblich an zwei Siegen beteiligt war. Einmal als Vorlagengeber und gegen Chelsea als Torschütze zum 2:2 und 3:2. Aufgrund dieser Erfahrungen lag es nicht fern, im Sommer einen weiteren französischen Nationalspieler an die Tyne zu lotsen. Rémy hatte zuvor bei den Queens Park Rangers Premier-League-Erfahrung sammeln können und stellte für 2,3 Millionen Euro Ausleihgebühr keinerlei finanzielles Risiko dar.

Newcastle meets Equipe Tricolore
Aktuell zählen mit Cabaye, Debuchy, Sissoko und eben Rémy vier Newcastle-Spieler zum Aufgebot der französischen Equipe Tricolore. Sie stellten bei den WM-Qualifikationsspielen der vergangenen Woche das größte Kontingent eines Klubs in der französischen Auswahl. Und die Reisegruppe hätte durchaus noch größer ausfallen können, wäre Ben Arfa bei der Euro 2012 mannschaftsintern nicht derart negativ aufgefallen, dass er bis auf Weiteres außen vor bleibt.

Französische Spieler: Begehrt in der gesamten Premier League
Doch warum nun ausgerechnet Franzosen und nicht etwa Niederländer, Portugiesen oder Brasilianer? Ganz klar: Französische Spieler genießen in der Premier League grundsätzlich ein hohes Ansehen. Momentan spielen 35 Franzosen in Englands Eliteklasse. Keine andere Nation stellt mehr Spieler. Spanien (32),  Irland (27), Schottland (20) und die Niederlande (16) folgen auf den Plätzen. Jeder zehnte Ausländer der Premier League ist Franzose. 15 Vereine verfügen über Franzosen in ihren Kadern, vier weitere über Spieler, die in Frankreich geboren oder aufgewachsen sind. Lediglich Swansea City hat keinen Spieler mit Frankreich-Bezug in seinem Kader. Dafür zeigen sie mit acht Spaniern eine gehörige Affinität zur iberischen Halbinsel. Zudem hatte Newcastle schon vor der Ära Llambias gute Erfahrungen mit französischen Kickern gemacht: David Ginola startete Mitte der 1990er Jahre bei den Magpies seine erfolgreiche Premier-League-Karriere. Olivier Bernard, Laurent Robert und Charles N’Zogbia liefen nach der Jahrtausendwende allesamt mehr als 140-mal für Newcastle auf.

Gut ausgebildet und erschwinglich
Die Gründe für das hohe Ansehen französischer Spieler liegen auch im guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Sie sind sehr gut ausgebildet, fügen sich in der Regel sehr schnell in das englische System ein und verfügen oftmals – zumindest bis in den älteren Juniorenbereich – über Nationalelferfahrung. Zudem sind sie noch vergleichsweise erschwinglich. Das könnte sich mit den beiden omnipotenten Platzhirschen Paris St. Germain und AS Monacco zukünftig ändern. Auf dem englischen Spielermarkt wäre ein solch preisgünstiger Qualitätsgewinn hingegen kaum zu realisieren. Für englische Nationalspieler oder Shooting Stars werden gerne überzogene Summen fällig. Newcastle weiß dies aus eigener Erfahrung. Im Januar 2011 verließ das damals 22-jährige Eigengewächs Andy Carroll für heute unglaubliche 41 Millionen Euro die Magpies in Richtung Liverpool. Eine sehr gute Zweitligasaison (17 Tore, 12 Assists) und ein starkes erstes Halbjahr in der Premier League (11 Tore, 7 Assists) hatten genügt, um eine astronomische Summe aufzurufen und zu erhalten. Dann doch lieber Spieler verpflichten, die sich in Frankreich einen Namen machen und ungleich günstiger sind. Ob es dann jedoch gleich zehn auf einen Schlag sein müssen, muss Newcastle letztlich selbst abwägen. Mit Mike Williamson stand in dieser Saison jedenfalls nur ein Engländer in der Startelf Newcastles, ganze zwei Mal. Im Schnitt mischten im bisherigen Saisonverlauf britische Spieler gerade einmal 15 Minuten pro Spiel mit. Man spricht also bis auf Weiteres Französisch an der Tynemündung.

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3 Gedanken zu “French Connection in Newcastle

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