Rickie Lambert im Spielzeugladen

Rickie Lamberts Fußballkarriere dürfte es eigentlich gar nicht geben. Zumindest nicht in heutigen Zeiten. Er ist ein lebender Anachronismus. Und gerade deshalb ist seine Geschichte so erstaunlich. Fakt ist, Rickie Lambert debütierte am 14. August 2013 in der Nationalelf. Als 31-jähriger. Sein erstes Erstligaspiel lag da gerade einmal zwölf Monate zurück. Bis zu seinem 29. Lebensjahr war er gar noch nie über die 3. Liga hinausgekommen. Dass Rickie Lambert inzwischen tatsächlich für die stolze englische Nationalelf aufläuft, mag nur auf den ersten Blick verwundern. 

Rickie Lambert dürfte sich Anfang August 2013 gefühlt haben wie ein kleines Kind im Spielzeugladen. Gerade noch bereitete er sich beim Southampton FC auf seine zweite Saison in der englischen Premier League vor, da erhielt er die Einladung zur englischen Nationalelf und tummelte sich sogleich inmitten der englischen Kickerelite. Dass er im Testspiel gegen Schottland dann nur drei Minuten nach seiner Einwechslung das Sieg bringende 3:2 köpfte, setzte dem ganzen noch die Krone auf. Spätestens mit diesem Tor galt Lamberts Geschichte auf der Insel als märchenhaft. Und auch die Nationalelfkollegen freuten sich nach seinem Treffer sichtlich mit dem in die Jahre gekommenen Debütanten. Lamberts Nominierung galt als faustdicke Überraschung. Zwar war vor dem Schottlandspiel mit Daniel Sturridge ein gesetzter Stürmer verletzt ausgefallen, doch dass Hodgson auf den betagteren Profi zurückgriff, verwunderte. Hatte der englische Nationalcoach doch bei der EURO 2012 mit dem viertjüngsten Aufgebot aller Teilnehmer eine Verjüngung des überalterten Kaders eingeleitet.


Ein Einstand wie gemalt: Der 31-jährige Lambert erzielt drei Minuten nach seinem Nationalelfdebüt den Siegtreffer

Lambert trifft seit 2009 quer durch die Ligen
Nüchtern betrachtet war Lamberts Nominierung nachvollziehbar, denn er avancierte in seiner Premier-League-Debütsaison sofort zum treffsichersten englischen Spieler. Und auch zuvor hatte er nun wahrlich nicht mit Toren gegeizt. Seit der gebürtige Liverpooler 2009 beim Southampton Football Club anheuerte, ging es für beide schnurstracks nach oben. Bis dahin war Lambert ein überaus zuverlässiger Torjäger in der englischen 3. Liga, der League One (44 Tore für die Bristol Rovers in zwei Spielzeiten). Damit erfüllte er das Anforderungsprofil der Saints, wie der Klub aus Southampton genannt wird, denn der ehemalige Premier-League-Klub war gerade in die für ihn unbekannte League One abgestiegen. Der 27-jährige übererfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen sofort. In der ersten Saison wurde er Torschützenkönig, in der zweiten schoss er seine Saints mit 21 Treffern in die Championship genannte 2. Liga. Und Southampton hielt sich nicht lange in der Zweitklassigkeit auf, sondern marschierte 2011/12 geradewegs in die Premier League. Erneut heimste Lambert die Torjägerkrone ein. Zu seinen 27 Toren gesellten sich in 42 Spielen noch 18 Assists. In der vergangenen Saison hielt Southampton mit Rang 14 die Klasse. Lamberts Bilanz: 15 Tore, 7 Vorlagen. Damit war der Spätstarter zugleich zweitbester englischer Scorer hinter Arsenals Theo Walcott. Lambert hielt also trotz seines verhältnismäßig hohen Alters durchweg Schritt mit den gewachsenen Anforderungen.


Äußerst treffsicher: Lamberts komplette Torpalette der letzten Premier-League-Saison

Lambert momentan fester Bestandteil der englischen Auswahl
Auch in der aktuellen Spielzeit läuft es hervorragend für Lambert und die Saints. Nach elf Spieltagen steht der südenglische Klub ebenso überraschend wie verdient auf Rang drei. Umrahmt von den Schwergewichten Arsenal, Liverpool, Chelsea und Manchester United. Lediglich fünf Gegentore und nur eine Niederlage zeigen, dass das Defensivspiel bestens funktioniert. Mit vier Treffern und drei Assists war Lambert an sieben der 15 Treffer beteiligt. Folglich erscheint es konsequent, dass der sichere Elfmeterschütze weiterhin zum Aufgebot der Three Lions zählt. Bei seinem zweiten Einsatz glänzte er im WM-Qualifikationsspiel gegen Moldawien bis zu seiner Auswechslung als Torschütze und zweifacher Vorbereiter. In der Ukraine stürmte er über die vollen 90 Minuten. Nach einer im Training erlittenen Verletzung verpasste er das jüngste Testspiel gegen Chile. Gegen das deutsche Team soll er übermorgen aber wieder zum Aufgebot zählen.

Aufschwung à la Southampton
Mittlerweile ist Lambert sogar fast schon so etwas wie ein Hoffnungsträger der englischen Fans geworden. Die WM-Qualifikation war keineswegs ein Selbstläufer und die am Freitag erlittene 0:2-Niederlage gegen Chile wirkte ernüchternd. Dabei will Hodgson die beiden Testspiele gegen Chile und den DFB ganz offensichtlich nutzen, um ausgiebig zu testen, Novizen unter die Lupe zu nehmen und wertvolle Erkenntnisse zu sammeln. Denn im kommenden Jahr bleibt vor der Nominierung des WM-Kaders nur noch ein einziges Kurztrainingslager inklusive Testspiel. Deshalb verwundert es nicht, dass Hodgson letzte Woche eine Auswahl berief, in der elf Feldspieler noch keine zehn Länderspiele aufweisen konnten. Zum Vergleich: Löw nominierte lediglich vier. Und das obwohl mit Miroslav Klose, Mario Gomez, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan fünf gesetzte Nationalspieler fehlten. Hodgson holte mit Jay Rodriguez und Adam Lallana gar zwei Mannschaftskameraden von Lambert ganz ohne jede Nationalelferfahrung zu den Tests und honorierte damit Southamptons Maxime englischen Spieler vergleichsweise viel Einsatzzeiten zu geben.

Englische Spieler haben schweren Stand in der Premier League
Dass Lambert, Lallana und Rodriguez den Sprung ins Nationalteam geschafft haben, ist dem Mut von Hodgson zuzuschreiben, vielleicht ist es aber auch ein Stück weit der Mut der Verzweiflung. Denn englische Spieler haben es in der heimischen Liga schwer. Newcastle United setzt beispielsweise auf zehn Franzosen (Link), von denen sechs bis sieben regelmäßig in der Startelf stehen. Imposante 70 Prozent aller Premier-League-Spieler sind Ausländer. Zum Vergleich: In Italien sind es 54 Prozent, in Frankreich und Deutschland 45 und in Spanien mittlerweile nur noch 40. Im Gegensatz zu den genannten Ländern verfügt England auch in ausländischen Ligen über so gut wie keine Spieler von Nationalmannschaftsformat. Der einzige im aktuellen Kader ist Keeper Fraser Forster … und der spielt bei Celtic in Schottland.

Englisches Stürmerdilemma
Im Sturm tritt das Dilemma Hodgsons am deutlichsten zutage. Zu den treffsichersten englischen Spielern gehören in der Premier League und der Nationalelf seit Jahren Wayne Rooney und Frank Lampard. Der eine ist eine hängende Spitze, der andere ein Mittelfeldspieler. Reine Sturmspitzen, die in der Liga in letzten Jahren zumindest zeitweise treffsicher agierten, sind Darren Bent (29, Fulham FC), Jermain Defoe (31, Tottenham Hotspur), Andy Carroll (24, West Ham), Denny Welbeck (22, Manchester United) und Daniel Sturridge (23, Liverpool FC). Bent spielt in der Nationalelf schon seit zwei Jahren keine Rolle mehr und hat auch im Verein zu kämpfen, Carroll ist seit einem Jahr bei den Three Lions außen vor und plagt sich derzeit mit einem Fußbruch. Bleiben noch Welbeck und Defoe, die aktuell keine Stammspieler in ihren Vereinen sind. Einzig Sturridge ist bei Liverpool ebenso gesetzt wie treffsicher. Neben ihm drängt sich derzeit tatsächlich nur noch Lambert auf. Doch beide sind auf internationalem Niveau Novizen. Sturridge kommt in acht Länderspielen auf zwei Treffer, Lambert in drei auf ebenfalls zwei.

4-2-3-Lambert?
Sturridge und Lambert gelten momentan also als die heißesten Anwärter auf den Platz im Sturmzentrum. Superstar Rooney soll dort nicht „verschenkt“ werden. Schließlich ist Rooney mit seiner Technik, Wucht und Schnelligkeit in der Lage Chancen aus der zweiten Reihe zu kreieren, wie 39 Torvorlagen in der Premier League seit 2010 belegen. Anders noch als bei der EURO 2012 setzt Hodgson deshalb mittlerweile nicht mehr auf das 4-4-2-System. Er bevorzugte 2013 das 4-2-3-1-System mit einer zentralen Sturmspitze. Die offensive Dreierreihe hinter dem Stoßstürmer bildeten bevorzugt Rooney im Zentrum, sowie Welbeck auf links und Theo Walcott (24, Arsenal FC) oder Andros Townsend (22, Tottenham Hotspur) auf rechts. Lamberts Chancen binnen drei Jahren vom herausragenden Drittligastürmer zum WM-Teilnehmer zu werden, stehen also alles andere als schlecht. Vielleicht nicht als Stürmer Nummer 1. Doch die Kontrahenten müssen sich nach heutigem Stand gewaltig steigern, um ihm seinen Platz in der englischen Auswahl streitig zu machen.


They’re singing, coz they’re winning: Ein Chant der Southampton Fans über ihre „goal machine“

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