Sonnenhof Großaspach: Ein Dorfklub startet durch

Jeder Fußball-Nerd, den es im „kicker“ auf die hinteren Seiten des Innenteils verschlägt, oder der im ARD-Videotext die hohen 290er Nummern durchklickt, findet immer wieder kurios anmutende Klubnamen in der deutschen Fußballprovinz. So zum Beispiel in der Regionalliga Südwest, in der sich eine gewisse SG Sonnenhof Großaspach hartnäckig in der Spitzengruppe hält. Verläuft alles nach Plan, dürfte der ambitionierte Klub aus der 8.000 Einwohner-Gemeinde Aspach allerdings bald national von sich reden machen.

Am vergangenen Sonntag fuhr zum Abschluss der Hinrunde der Hoffenheimer Mannschaftsbus in Großaspach vor. Die Zweite des Bundesligisten gastierte beim Dorfklub vor den Toren Backnangs und verlor mit 0:1. Einige Beobachter neigen dazu, beide Vereine in einen Topf zu werfen: beide kommen aus einem eher provinziellen Landstrich, beide sind dank eines Machers im Hintergrund außerordentlich gut aufgestellt und beide geben sich mit dem bislang Erreichten nicht zufrieden. Hoffenheim – immerhin schon sechs Jahre Bundesligist – strebt in absehbarer Zeit die internationalen Plätze an, die Sportgemeinschaft aus Großaspach will Liga 3 entern. Und die Chancen stehen nicht schlecht. Nach 17 von 34 Spieltagen rangiert die SG Sonnenhof auf Position 2 und damit auf einem Platz, der im Frühjahr 2014 zu einem Aufstiegsduell gegen einen Meister der vier anderen Regionalligen berechtigt.

Blutjunger Emporkömmling
Dabei ist die SG Sonnenhof Großaspach noch vergleichsweise jung. Hervorgegangen aus einer Freizeitmannschaft, die im Umfeld des Familienhotels Sonnenhof aus Kleinaspach anzusiedeln ist, meldete sich die bunte Truppe zur Saison 1987/88 am regulären Spielbetrieb an. Drei Aufstiege später fusionierte der damalige Landesligist mit der Spielvereinigung Großaspach zur SG Sonnenhof Großaspach und konnte fortan das bessere Vereinsgelände nutzen. Nochmals drei Aufstiege später spielt der Klub seit 2009 in der viertklassigen Regionalliga.

Uli Ferber, der Macher des Erfolgs
Gut möglich, dass der Dorfverein aus dem Rems-Murr-Kreis in Kürze zum siebten Mal aufsteigen wird. Der Macher hinter dem Erfolg ist Uli Ferber. Er hob den Verein mit aus der Taufe und nimmt heute die Rolle des Gönners und Aufsichtsratsmitgliedes ein. Doch damit ist die Rolle des 51-jährigen noch nicht hinreichend erklärt. Neben seiner Funktion als einer der Geschäftsführer des mittlerweile zum Erlebnis- und Kongresshotel aufgestiegenen Sonnenhofs, ist er Inhaber einer Marketingfirma und einer Spielerberaterlizenz der FIFA. Und als Spielerberater gehört er zu Deutschlands größeren Nummern. Insbesondere seine guten Kontakte zum VfB aus dem nahen Stuttgart stechen ins Auge. Momentan zählen mehr als 15 seiner Schützlinge zu aktuellen oder ehemaligen Spielern des VfB, die er meist als junge Spieler unter Vertrag nahm. Zu seinen Klienten gehören Mario Gomez, Bernd Leno, Antonio Rüdiger oder Cristian Molinaro.

Gut vernetzt
Ferber spielt in puncto Fußball-Know-how seit geraumer Zeit in der Bundesliga. Die daraus entstandenen Netzwerke, weiß er geschickt zu nutzen. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass der VfB Stuttgart das Qualifikationsspiel zur Europa League gegen den bulgarischen Vertreter Batev Plovdiv in diesem Jahr im Aspacher Schmuckkästchen comtech-Arena austrug? Oder, dass Triple-Sieger Bayern München in diesem Sommer für zwei Nächte im Sonnenhof abstieg und gegen die SG zum Saisonvorbereitungsspiel antrat? Seine Kontakte reichen auch in die Politik. Schließlich führt den Aufsichtsrat der SG mit Norbert Barthle ein langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestags. Zum 60-jährigen Jubiläum des Sonnenhofs entsendete Stefan Mappus als damaliger Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg seine Grußworte. Sicherlich nicht selbstverständlich für ein Hotel in Familienbesitz.

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Volles Haus in Großaspach: Die Bayern bitten im Juli 2013 zum Tanz

Kicker aus dem eigenen Pool
Dank seiner Szenekenntnis und seiner Kontakte hat er den ein oder anderen viel versprechenden Kicker für Großaspach gewinnen können. Zuletzt gelang es ihm mit Sahr Senesie (ehemals Borussia Dortmund, zuletzt Wacker Burghausen) und Manuel Fischer (dem 2008 als junger Stürmer beim VfB durchaus eine ähnliche Rolle zugeschrieben wurde, wie aktuell Timo Werner) zwei bekanntere Namen zu verpflichten. Beide werden bezeichnenderweise von seiner Agentur betreut. Insgesamt zählen momentan vier seiner Spieler zum Kader der SG. Unter ihnen Simon Skarlatidis, der gar als Azubi in seiner Agentur angestellt ist.

Gisdol und Zorniger starten ihre Karrieren in Großaspach
Dass Großaspach ein gutes Näschen für ebenso junge wie ambitionierte Trainer besitzt, zeigen Markus Gisdol (heute Hoffenheim) und Alexander Zorniger (heute RB Leipzig). Beide konnten jeweils vom VfB Stuttgart für den aufstrebenden Verein gewonnen werden und sind mittlerweile bei anderen wirtschaftsstarken Emporkömmlingen gelandet. Mit Ralf Rangnick ist der Mastermind des deutschsprachigen Fußball-Imperiums von Red Bull zudem der Pate der U-19 der SG. Nicht ganz von ungefähr. Kennen er und Ferber sich doch noch aus gemeinsamen Zeiten bei der Viktoria aus Backnang. Bei Uli Ferber könnte man also meinen, ist die Welt ganz schön klein. Und er nutzt es zum Wohle seines Vereins.

8.000 Einwohner – 10.000 Zuschauerplätze
Doch nicht nur in das Team will investiert sein. Die 10.000 Zuschauer fassende comtech-Arena wirkt für eine 8.000 Einwohner zählende Gemeinde überdimensioniert. Sie zeigt aber auch ganz klar, wohin der Weg führen soll: in den bezahlten Fußball! Ferber erwies sich beim Bau des Stadions erneut als gewieft. Der Bau konnte durch eine Investorengruppe realisiert werden, zu der neben seinem Schützling Mario Gomez auch der ebenfalls von ihm betreute Aleksandr Hleb zählt. Wohl dem, der solche Geschäftsmodelle ersinnen und dank eines potenten Netzwerks realisieren kann. Ausverkauft war die Arena bisher allerdings eher selten, in Punktspielen schon gar nicht. Am ehesten ist die Bude voll, wenn Ferbers Frau zum Stelldichein bittet: Schlagerstar Andrea Berg feiert alljährlich ihr „Heimspiel“ in Großaspach und füllt das Stadion.

Hopp und Ferber – die Macher der Dorfklubs
Großaspachs Aufstieg erinnert also tatsächlich ein wenig an die TSG Hoffenheim. Dietmar Hopp wie Uli Ferber können auf erfolgreiche Berufskarrieren verweisen. Der eine als SAP-Mitbegründer, der andere als Geschäftsführer mehrerer gut gehender Unternehmen. Beide beeinflussen durch ihr Geschick, ihr Netzwerk und sicher auch ihre finanzielle Unterstützung das Schicksal ihrer Klubs positiv. Neben Hopp hat es auch Ferber geschafft seinem Verein ein grundsolides Fundament zu verpassen und reichlich Sachverstand um sich zu scharen. Zudem profitierten beide von der guten Basisarbeit des VfB Stuttgart, indem sie dort ausgebildete Spieler verpflichteten.

Waldhof vs. Großaspach: Glorreiche Vergangenheit meets goldene Zukunft?
Am Wochenende reist Großaspach zum Rückrundenauftakt übrigens nach Mannheim. Vor 25 Jahren, als die SG gerade erst ihre zweite Runde im Ligaspielbetrieb hinter sich gebracht hatte, spielte der Waldhof noch eine gute Rolle in der Bundesliga. Seither purzelten sie – begleitet von Misswirtschaft – die Ligen hinunter. Großaspach kannte hingegen nur den Fahrstuhl nach oben. Der Waldhof hält sich derzeit lediglich im Mittelfeld der Regionalliga Südwest, lässt damit aber andere altbekannte Vereine hinter sich: Hessen Kassel, die TuS Koblenz, den SSV Ulm 1846 und die Kickers aus Offenbach.

Der Fluch der Traditionsvereine
Die Ursache, warum die ehemaligen Großen gegen den kleinen Emporkömmling nicht ankommen, liegt maßgeblich in zwei Punkten begründet: den Finanzen und den Entscheidern. Während die Traditionsvereine mit enormen finanziellen Altlasten zu kämpfen haben, ist Großaspach hervorragend aufgestellt. Und dies ist ein maßgeblicher Verdienst von Uli Ferber. Sein Klub hat gleichwohl nicht annähernd mit solch (überzogenen) Erwartungen seiner Anhänger zu kämpfen wie die alten, großen Vereine. Deren Verantwortliche sehen sich deshalb immer wieder in Zugzwang ins unkalkulierbare Risiko zu gehen. Sehr zum Leidwesen der genannten Vereine, die allesamt schon Zwangsabstiege zu beklagen hatten.

Sportliche Entwicklung baden-württembergischer Klus 1989 - 2014 (Tabelle: M.Kneifl)

Sportliche Entwicklung baden-württembergischer Klus 1989 – 2014 (zum Vergrößern auf Tabelle klicken)

Baden-Württemberg: Verkehrung der Vorzeichen in 25 Jahren
Gerade in Baden-Württemberg verkehrten sich im letzten Vierteljahrhundert die Vorzeichen. Auf der einen Seite der Waldhof aus Mannheim, die Stuttgarter Kickers und mit Abstrichen der Karlsruher SC, die allesamt in den 1980er und 1990er Jahren Stammgäste in der 1. und 2. Liga waren. Heute sind sie finanziell alles andere als auf Rosen gebettet. Stattdessen schlossen Klubs aus kleineren Städten und Dörfern wie Hoffenheim, Aalen, Sandhausen, Heidenheim und Großaspach auf oder zogen gar vorbei. Außer Aalen sind alle Emporkömmlinge finanziell gut aufgestellt. Heidenheim kann etwa auf über 300 Sponsoren verweisen, mit dem Maschinenbauer Voith und der ebenfalls in der Stadt ansässigen Hartmann AG an der Spitze. Beides Unternehmen mit Milliardenumsätzen.
Und auch in der fünftklassigen Oberliga Baden-Württemberg spielen interessante Klubs. Astoria Walldorf spielt um den Aufstieg, zählt am Hauptstandort von SAP zum Hopp-Umfeld und hat zwei A-Junioren-Teams in der Bundesliga bzw. der zweitklassigen Oberliga-Baden-Württemberg. In dieser spielt auch die A-Jugend des FSV Hollenbach, dessen Herrenteam Ligakontrahent der Walldorfer ist. Der FSV aus einem 2.000-Seelendorf stieg seit Ende der 1990er Jahre aus der Kreisliga empor. Hinter dem Erfolg steht mit Rudi Sprügel ein Einheimischer, der zugleich Gründer und Inhaber des Sportbekleidungsherstellers JAKO ist.

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