Wenn zwei sich streiten …

… dann könnte sich der OSC Lille freuen. Nach 18 Spieltagen führen mit Paris St. Germain und dem AS Monaco die finanzstarken Klubs die Ligue 1 an. Einzig der OSC Lille hält auf Rang 3 noch Schritt. Am Sonntag gastieren die Nordfranzosen in Paris. 

Man nehme den Meistertrainer von 2012, lotse ihn zum Meister von 2011 und heraus kommt ein Titelkandidat. Das mag vielleicht ein wenig dick aufgetragen sein, aber Fakt ist, Lille lässt sich im französischen Titelrennen partout nicht abschütteln. Während es bereits vor der Saison als ausgemacht galt, dass die Meisterschaft nur zwischen den beiden neureichen Klubs aus Paris und Monaco entschieden wird, drehen die Kicker aus Lille allen Experten eine lange Nase. Der Ibrahimovic-Klub aus der Hauptstadt weist 43 Zähler auf, die Monegassen 41 und Lille 39. Ein Sieg des Außenseiters am Wochenende und der Titelkampf wäre zur Halbzeit völlig offen. Schon das wäre mehr, als alle neutralen Beobachter zu hoffen gewagt hatten. Woran liegt’s?

Großer Aderlass vor der Saison
Um es kurz zu machen: An einem formidablen Lauf, an einer rekordverdächtigen Defensive, an einer grundsoliden Vereinspolitik und an einem Glücksgriff auf dem Trainerposten. Zwar ist Lille in den oberen Tabellenregionen der Ligue 1 nun wirklich kein seltener Gast (seit ihrem Wiederaufstieg in die Ligue 1 im Jahr 2000 landeten sie zehnmal unter den ersten sechs), doch vor dieser Saison war der qualitative Aderlass im Klub immens. Mit Dimitri Payet, Aurélien Chedjou und Lucas Digne verließen drei absolute Leistungsträger den Verein. Zudem verkörperte Payet die eingebaute Torgarantie, war er mit 12 Treffern und 18 Vorlagen an mehr als der Hälfte aller Tore seines Klubs beteiligt. Schließlich verließ auch noch Rudi Garcia – Meistertrainer von 2011 – den Klub nach fünf Jahren zum AS Rom, mit dem er die Serie A im Sturm enterte. Angesichts dieses Sachverhalts kam es den Nordfranzosen – mit dem ebenso treuen wie frenetischen Anhang – gerade recht, dass René Girard auf dem Markt war. Der 59-jährige zeichnete lange Zeit verantwortlich für diverse Nachwuchsteams des französischen Verbandes, bevor er 2009 den Erstligaaufsteiger HSC Montpellier übernahm. Drei Jahre später machte er den Underdog sensationell zum Meister und suchte nun eine neue Herausforderung. Lilles Verantwortliche nahmen im zurückliegenden Juni dankend an, denn sowohl beim Verband, wie auch in Montpellier hatte er gezeigt, dass er auch ohne gestandene Topstars einiges bewegen kann.

Das Modell Lille: Talente groß machen und dann verkaufen
Dabei hätte Girard eigentlich in diesem Sommer vernünftig in den Kader investieren können. Geld für Verstärkungen war ausreichend vorhanden. Für Chedjou, Payet, Digne und Florian Thauvin – den Lille zunächst verliehen hatte – nahmen sie satte 45 Millionen Euro ein. Doch Lille kaufte nicht blindlings ein, sondern baute unter anderem auf Spieler, die sie zuvor verliehen hatten und blieben damit ihrer disziplinierten Politik der vergangenen Jahre treu. Seit 2007 hat der OSC Jahr für Jahr einen Transferüberschuss erzielt. Die Nordfranzosen integrierten immer wieder Kicker aus dem eigenen Akademiesystem oder dem B-Team in ihren Profikader, brachten sie dort groß raus und verkauften sie dann teuer. In den vergangenen Jahren starteten Eden Hazard, Mathieu Debuchy, Yohan Cabaye, Kevin Mirallas, Adil Rami, Jean Makoun, Digne und Chedjou ihre Profikarriere nahe der belgischen Grenze und der Klub erlöste für sie satte 96 Millionen Euro. Geld, das teilweise in das hochmoderne Stade Pierre-Mauroy investiert wurde, das seit 2012 die 50.000 Zuschauer fassende Heimstätte des Klubs ist.

Keine namhaften Verstärkungen im Sommer
Vor der Saison überwiesen die Verantwortlichen lediglich 3 Millionen Euro für neue Spieler an andere Vereine. Im Vergleich zu den beiden Titelkandidaten aus Paris und Monaco, die beide über 100 Millionen ausgaben, nimmt sich diese Summe geradezu lächerlich gering aus. Königstransfer der Nordfranzosen war für stolze 2,5 Millionen Euro der Däne Simon Kjaer, der beim VfL Wolfsburg nie wirklich Fuß fassen konnte. Auch der aktuelle Marktwert des Teams ist ein Indiz für die überschaubare Risikobereitschaft Lilles. Der Klub liegt in diesem Ranking auf Platz 6 in der 20er-Liga.

Defensive das Prunkstück
Doch trotz des Verkaufs von Leistungsträgern, trotz des Verzichts auf namhafte Neuzugänge und trotz des neuen Trainers verläuft die aktuelle Spielzeit herausragend. In Schlagdistanz zum Spitzenduo beträgt der Vorsprung auf Platz 4 bereits neun Punkte. Allen voran die Defensive entpuppt sich als Erfolgsgarant, obwohl die Viererkette zur Hälfte neu besetzt werden musste und auch der Platz im Tor neu vergeben wurde. In der Abwehr ersetzte Girard die verkauften Chedjou und Digne durch Kjaer und Pape Souaré. Letzterer kehrte nach einer einjährigen Ausleihe aus Reims zurück, wo er zum Erstligaspieler gereift war. Im Tor steht nunmehr Nigerias Nationaltorwart Vincent Enyeama. 2011 kam er mit einigen Vorschusslorbeeren nach Lille, verbrachte aber eine komplette Saison nur auf der Bank. Nach einem Jahr Ausleihe kehrte er vor dieser Saison aus Israel nach Lille zurück und ist seither im Gehäuse des Olympique Sport Clubs unantastbar. Dies verdankt er einer fast schon beängstigenden Serie: Nachdem Lille zwei der ersten fünf Partien verloren hatte, kassierten sie von der zweiten Septemberhälfte bis Anfang Dezember kein Gegentor mehr. Am 8. Dezember zog Bordeauxs Landry N’Guemo aus 25 Metern ab, Lille-Verteidiger Kjaer fälschte den Ball ab und so landete nach 1.062 Minuten mal wieder ein Ball in Lilles Tor. Dieser unglückliche Treffer war für Lille erst das fünfte Gegentor der Saison und gleichbedeutend mit der dritten Saisonniederlage.

Offensive bislang ohne Durchschlagskraft
Was im Gegensatz zum Defensivverhalten definitiv noch nicht rund läuft, ist das Offensivspiel. Lediglich 20 Tore nach fast der Hälfte der Saison, zeigen deutlich, wo der Schuh drückt. Offensivwirbler Payet konnte bislang nicht gleichwertig ersetzt werden. Das liegt auch zu einem Gutteil an Ausfällen in vorderster Front. Mittelstürmer Nolan Roux konnte erst am sechsten Spieltag eingreifen und erzielte sofort beide Treffer beim 2:0-Sieg in Sochaux. Auch Titelkandidat Monaco schoss er Anfang November mit zwei Treffern im Alleingang ab. Mittlerweile hat er sechs Treffer auf seinem Konto, Salomon Kalou fünf. Der Ivorer ist einer der wenigen Kicker, die über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt sind. Er stieß nach dem Champions-League-Titel mit Chelsea 2012 nach Lille und trifft seitdem zuverlässig, wenngleich nicht überragend: 19 Tore in 46 Spielen. Mit Ryan Mendes, dem talentierten, jungen Nationalstürmer der Kapverden, laboriert ein weiterer Stürmer seit einem Jahr an Knöchelverletzungen und kommt nur sporadisch zum Einsatz. Der 19-jährige Belgier Divock Origi stammt aus dem eigenen Nachwuchs, erhält regelmäßig Einsatzzeiten, ist aber eher eine Option für die Zukunft.

Beste Abwehr gegen stürmische Topstars
Von der Niederlage in Bordeaux zeigte sich Lille am vergangenen Wochenende im übrigen gut erholt und wies Bastia mit 2:1 in die Schranken. So kommt es nun am Sonntagabend zum in ganz Frankreich erwarteten Showdown mit dem amtierenden Meister aus der Hauptstadt. Es wird spannend sein zu sehen, wie die bisher so sattelfeste Defensive mit den Ausnahmekönnern Zlatan Ibrahimovic und Edinson Cavani zurecht kommt. Beide erzielten im bisherigen Saisonverlauf zusammen sechs Tore mehr als das Kickerkollektiv aus Lille. Die Ausgangslage ist also klar: Hier der turmhohe Favorit, dort der zähe Underdog aus der Provinz, der am Ende ja vielleicht doch der lachende Dritte sein könnte. Vielleicht nicht sehr wahrscheinlich, aber René Girard hat mit Montpellier schon einmal bewiesen, was möglich ist.

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