Trainertrend: Jung, unverbraucht, ehemaliger Juniorencoach

Hannover 96 wartete gestern mit einer faustdicken Überraschung auf. Neuer Chefcoach der Niedersachsen ist Tayfun Korkut. Den 39-jährigen – in Stuttgart geborenen – Türken hatte wohl niemand ernsthaft als Nachfolger von Mirko Slomka auf der Rechnung. Wenig verwunderlich, sind die Referenzen des ehemaligen türkischen Nationalspielers bislang doch äußerst überschaubar; trainierte Profivereine: 0, trainierte Juniorenteams: 3. Immerhin assistierte er bis zum Sommer 2013 in der türkischen Nationalelf. Aufgrund seiner geringen Meriten diskutieren Medien und Fans die Unerfahrenheit des jungen Coaches. Doch so absurd es klingen mag, Korkuts Vita steht mittlerweile für ein durchaus typisches Anforderungsprofil in der Bundesliga.

Die Werdegänge von Thomas Tuchel, Christian Streich, Thomas Schneider, Markus Gisdol und Tayfun Korkut weisen Parallelen auf. Sie alle trainieren aktuell deutsche Erstligaklubs und für alle ist es die erste Station als Chefcoach bei einem Profiverein. Alle fünf verfügen zudem über mehrjährige Erfahrungen bei der Betreuung von Bundesliga-Nachwuchsteams. Jens Keller hat bei Schalke 04 zwar bereits seine zweite Chefcoachstelle in der Bundesliga inne, gelangte jedoch beim VfB Stuttgart, wie bei Schalke über den Umweg des Juniorentrainers auf den Chefcoachposten. Insofern durfte ein Drittel aller aktuellen Bundesligatrainer zum Zeitpunkt ihrer Anstellung mit dem Prädikat „jung, unverbraucht, ehemaliger Juniorencoach“ versehen werden. Insbesondere eine Anstellung im Nachwuchsbereich des VfB Stuttgart scheint ein gewisses Prädikatsmerkmal zu sein. Neben Keller haben auch Gisdol, Tuchel, Schneider und eben Korkut dort schon einmal eine U-Mannschaft betreut.

Ausländischer Trainermarkt ebenfalls im Fokus
Neben diesen Newcomern scheinen profilierte Wandervögel wie Felix Magath, Friedhelm Funkel oder Christoph Daum in der 1. Liga für Erste nicht mehr gefragt. Eher schauen Profiklubs noch auf den ausländischen Trainermarkt, wie die Beispiele Bert van Marwijk (HSV), Gertjan Verbeek (1. FC Nürnberg), Pep Guardiola (FC Bayern) oder Sami Hyypiä (Bayer Leverkusen) zeigen. Für einstmals hoffnungsvolle Jungtrainer wie Markus Babbel, Marco Kurz oder gar Thomas Doll dürfte es unter diesen Gesichtspunkten zukünftig schwerer werden, nochmals auf einen Erstligaposten zu rutschen.

Tuchel und Streich agieren als erfolgreiche Trendsetter
Nicht ganz unerheblich bei der zuletzt häufiger getroffenen Entscheidung für Nonames, dürften die Erfolge von Thomas Tuchel in Mainz und Christian Streich in Freiburg sein. Beide kannten ihre jeweiligen Vereine aus dem Effeff. Beide hatten deren Jugendkonzepte entscheidend mitgeprägt und sollten diese dann im Profibereich zur Geltung bringen. So erscheint auch die jüngste Entscheidung des VfB für Thomas Schneider nur zu nachvollziehbar. Bestechen die Schwaben doch seit Jahrzehnten durch ihre exzellente Jugendarbeit. Allerdings kamen zuletzt viel zu wenige Talente in der Profielf an. Korkut kann zwar keine Vergangenheit in Hannover vorweisen, wird allerdings bei seinen Engagements in den Nachwuchszentren von San Sebastian, Stuttgart und Hoffenheim genügend Rüstzeug für eine nachhaltige Neuausrichtung der Niedersachsen mit auf den Weg bekommen haben.

Weinzierl und Lieberknecht starten in Liga 3
Weitere Youngster am Ruder von Bundesligisten sind Markus Weinzierl in Augsburg und Torsten Lieberknecht in Braunschweig. Ihnen sprachen als Mittdreißiger vor einigen Jahren Drittligisten ihr Vertrauen aus. Weinzierl machte seine Sache in Regensburg so gut, dass ihn wenig später Bundesligist Augsburg abwarb. Lieberknecht (im Übrigen ebenfalls ehemaliger Juniorencoach) führte die Braunschweiger höchstpersönlich in die 1. Liga.

Erfahrungen der Chefcoaches in der Bundesliga (Stand: 01.01.2014, Tabelle: M.Kneifl)

Zusammenstellung der Chefcoaches in der Bundesliga (Stand: 01.01.2014, zum Vergrößern auf Tabelle klicken)

Arrivierte Coaches vs. Newcomer
Mit Jos Luhukay (4. Profistation), Dieter Hecking (6. Profistation) und Armin Veh (7. Profistation) gibt es derzeit nur drei Wandervögel unter den aktuellen Bundesligatrainern. Lucien Favre, Bert van Marwijk und Gertjan Verbeek zählen als Trainer im fortgeschrittenen Alter ebenfalls dazu, sofern man die Stationen in ihren Heimatländern hinzuzählt. Pep Guardiola und Jürgen Klopp arbeiten zwar erst für ihren jeweils zweiten Profiklub, zählen allerdings aufgrund ihrer immensen Erfolge schon zu den arrivierten Coaches. Guardiola selbst galt zum Zeitpunkt seiner Inthronisation in Barcelona übrigens ebenfalls als faustdicke Überraschung. Hatte der damals 37-jährige doch zuvor lediglich Erfahrung bei der Zweitvertretung der Katalanen sammeln können.
Die altgedienten Bundesligatrainer sehen sich mittlerweile einer ganzen Armada von Newcomern gegenüber, die das Bild der Bundesliga in den nächsten Jahren entscheidend prägen können. Und warum sollte Tayfun Korkut nicht tatsächlich einer von ihnen werden? Die jungen Coaches geben neue Impulse, waren durch ihre Arbeit in den Nachwuchszentren mitverantwortlich für die immer bessere Ausbildung der deutschen Jungprofis und stehen vielleicht auch für eine andere Art der Mannschaftsführung.

Ausgebremste Hoffnungsträger
Doch es gibt auch Beispiele von Hoffnungsträgern, bei denen sich die positiven Effekte nicht einstellten: Marco Pezzaiuoli stieg im Winter 2010/11 in Hoffenheim vom Assistenz- zum Chefcoach auf. Ein halbes Jahr später merkten die Kraichgauer, dass der Bundesliganovize mit reichlich Jugendtrainer-Erfahrung beim DFB wohl doch nicht der richtige Coach sei und entließen ihn wieder. Seither kam der heute 45-jährige nirgendwo im Profifußball mehr unter. Auch Michael Oenning ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr im Geschäft. Nach mehreren Co-Trainerstationen und einem Engagement als U19-Trainer beim VfL Bochum beerbte er in Nürnberg und beim HSV als Assistenzcoach den zuvor entlassenen Cheftrainer. Seit September 2011 wartet er auf neue Angebote. Marcus Sorg durfte 2011 in Freiburg lediglich ein halbes Jahr an der Seitenlinie der Bundesliga auf sich aufmerksam machen. Zuvor hatte der damals 45-jährige außer ein paar unterklassigen Teams hauptsächlich in Freiburgs Nachwuchszentrum gewirkt. Heute ist er für die U19 des DFB verantwortlich. Der Sportdirektor, der ihn damals in Freiburg installierte, hieß … Dirk Dufner! Er ist der zukünftige Vorgesetzte von Tayfun Korkut.

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