Einwurf: Zwei makellose Nationalspieler

Am 12. August 2009 verließen die DFB-Nationalspieler nach getaner Arbeit den Rasen im aserbaidschanischen Baku. Treffer von Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose hatten im WM-Qualifikationsspiel einen ebenso schmucklosen wie pflichtschuldigen 2:0-Sieg besiegelt. Das Länderspiel sollte damit in den Annalen verschwinden. Viereinhalb Jahre später kann diese Begegnung jedoch etwas differenzierter betrachtet werden. Im DFB-Tor stand der depressive Robert Enke, im defensiven Mittelfeld hielt der homosexuelle Thomas Hitzlsperger die Grundordnung aufrecht. Eine Erkenntnis, die noch vor nicht allzu langer Zeit für viele Fans und vielleicht auch Fußballer absurd erschien. 

Nur drei Monate nach dem Länderspiel in Aserbaidschan sollte Enke – von seiner Depression gepeinigt – Selbstmord begehen. Gestern eröffnete Fußball-Rentner Hitzlsperger der Öffentlichkeit, dass er es bevorzuge mit einem Mann zu leben. Beide boten Zeit ihrer Karrieren wenig Angriffsfläche für Fans, sei es ihrer eigenen oder der gegnerischen Klubs sowie der deutschen Nationalmannschaft. Sicher wird die ein oder andere Leistung äußerst kritisch bewertet worden sein, aber der Grundtenor war doch, dass beide ebenso diszipliniert wie leidenschaftlich ihrer Profession nachgingen. Sie hatten beide im In- und Ausland reüssiert und zählten im Nationalteam über Jahre hinweg als feste Größen, Enke gleichwohl lange Zeit als Ersatzkeeper. Beide entsprachen somit dem Leistungsgedanken an der Spitze des Profifußballs, selbst wenn Enke letztlich tragischerweise an ihm zerbrach.

Enke und Hitzlsperger führen Vorurteile ad absurdum
Was lehrt uns das? Auf dem Rasen ist es schlicht und ergreifend egal, wie jemand tickt. Welche Gedanken und Gefühle er in sich trägt. Letztlich zählt im Fußballsport die Leistung und beide waren imstande diese über ein Jahrzehnt hinweg auf höchstem Niveau zu zeigen. Beide waren auf dem Platz keine Sensibelchen. Sie zogen nicht zurück, wie es uns Vorurteile glauben machen wollen. Sie stellten sich ihren Aufgaben. Beide waren Kapitäne ihrer Teams: Enke in Hannover, Hitzlsperger in Stuttgart. Letzterer sogar einmal in der Nationalelf, als er angesichts der ungeklärten Kapitänsfrage nach der WM 2010 die Elf für ein Spiel anführte. Folglich waren nicht nur ihre Leistungen herausragend, sie waren offenkundig auch für das Sozialgefüge innerhalb ihrer Teams wichtig. Angesichts dieser Verdienste wirkt es mehr als lächerlich psychisch labile beziehungsweise homosexuelle Spieler zu beschimpfen, zu erniedrigen oder auch nur gering zu schätzen. Hitzlsperger und Enke haben gezeigt, dass sie imstande waren Großes zu leisten. Und ganz sicher tun dies zahlreiche andere Fußballprofis mit den genannten „Schwächen“ ebenfalls Woche für Woche. Gleichwohl sehen sich diese – wie auch Hitzlsperger und Enke – nicht imstande hierüber Zeit ihrer Karriere öffentlich zu sprechen. Doch muss das überhaupt sein? Enke hätte es möglicherweise sein Leben gerettet. Hitzlsperger hat durch sein gestriges Coming-Out gezeigt, dass es nicht nur schwule Turmspringer, Basketballer, Rugbyspieler oder Eiskunstläufer gibt, sondern eben auch Profifußballer. Damit sollte die von deutschen Medien praktizierte Suche nach dem ersten schwulen Kicker de facto beendet sein. Es ist nun endlich offenkundig, dass es schwule Bundesligaspieler und auch Nationalspieler gibt. Und diesen wurde durch das öffentliche Bekenntnis von Hitzlsperger hoffentlich der innere Zwiespalt und Druck genommen. Outen müssen sie sich deshalb noch lange nicht.

Beide öffneten sich nicht gegenüber Mitspielern
Enke und Hitzlsperger waren trotz ihrer vermeintlichen „Schwächen“ durch und durch makellose Sportler. Und alleine das sollte die Erkenntnis ihrer Karrieren sein. Nichts mehr und nichts weniger. Man hätte sich nur gewünscht, dass sich die beiden schon als Nationalspieler einander anvertraut hätten. So musste Hitzlsperger acht Tage nach Enkes Drama sein vorletztes Länderspiel gegen die Elfenbeinküste über 90 Minuten bestreiten. In dem Bewusstsein, dass sein ehemaliger Mitspieler an seiner Depression zerbrochen war, ohne sich seinen Mitspielern gegenüber geöffnet zu haben. Nach Enkes Selbstmord und Hitzlspergers Coming-Out ändert sich dies hoffentlich zukünftig, so dass Fußballer in ähnlichen Situationen fortan – zumindest teamintern – Unterstützung und Verständnis ernten.

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