Sotschi lässt grüßen: Fußball und Politik

Seit heute werden bei den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi Medaillen gesammelt. Die Vorberichterstattung in den hiesigen Medien war geprägt von Negativschlagzeilen. Milliarden wurden verschleudert, die Sportstätten auf Kosten der Umwelt aus dem Boden gestampft, Arbeiter ausgebeutet, Anwohner umgesiedelt und über allem steht die Geltungssucht des russischen Präsidenten. Mithin gelten die Spiele als politisch. Doch das ist nun wahrlich nicht nur ein Phänomen des olympischen Sports. Auch der Fußball hat deutlich politische Komponenten. Da genügt schon ein Blick in die regionale Nähe Sotschis. Ein aktueller Auszug:

Sotschi – Grenze zu Georgien (35 Kilometer): Wer Sotschi entlang der Schwarzmeerküste in südöstlicher Richtung verlässt, stößt nach 35 Kilometern auf die Grenze zu Georgien und findet sich nach dem Grenzübertritt in Abchasien wieder. Und damit fängt das Problem an. Abchasien ist eine autonome georgische Republik, die von Russland als eigenständiger Staat anerkannt wird. 2008 gipfelte ein zwischenstaatlicher Disput in einem kurzen militärischen Konflikt zwischen Russland und Georgien. Folglich sahen sich die Fußballverbände Russlands und Georgiens in den letzten Jahren nicht mehr in der Lage gegeneinander anzutreten. Erst vor wenigen Wochen erklärten beide Seiten ihre Bereitschaft, bei der kommenden Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 wieder gegeneinander spielen zu wollen. Vorausgesetzt natürlich, sie werden in eine Gruppe gelost.

Sotschi – Grosny (482 Kilometer): Ein Fußballverein mit eindeutig politischer Strahlkraft ist der russische Erstligist Terek Grosny. Der Verein aus der tschetschenischen Hauptstadt wurde nach der Jahrtausendwende inmitten des zweiten Tschetschenienkrieges wiederbelebt und stark vom russischen Staat gefördert. Die enge Verquickung zwischen Staat und Verein manifestierte sich in den Vereinspräsidenten, die in Personalunion auch Präsidenten Tschetscheniens waren und enge Bande zur russischen Staatsspitze pflegten. Da war zunächst Achmat Kadyrow und nach dessen Ermordung 2004 bis ins Jahr 2011 dessen Sohn Ramsan Kadyrow.

Sotschi – Donetsk (514 Kilometer): Die ukrainischen Protestbewegungen gegen Präsident Viktor Janukowitsch wurden Ende Januar in mehreren Städten von organisierten Fußballfans unterstützt. Beispielsweise im ostukrainischen Donetsk, wo sich Fans von Schachtjor den Kundgebungen anschlossen. Auch die Anhänger von Dynamo (Kiew), Dnipro (Dnjepropetrowsk) und Metallist (Charkiw) schlossen sich den Protestlern an und ließen verlauten, die Demonstranten vor Übergriffen schützen zu wollen. Dafür wurde ihnen von den Führern der Oppositionsparteien auf dem Maidan in Kiew ausdrücklich gedankt. Dass unter den Fangruppierungen einige deutlich rechtsextremen bis nationalistischen Gefühlen anhängen, sei hier nur am Rande erwähnt. Der hohe Organisierungs- und Mobilisierungsgrad der Fans – von Ultras bis Hooligans – ist jedenfalls von Vorteil.
Ähnliches lässt sich für die Aufstände und Protestkundgebunden in Istanbul und Kairo sagen. Auch hier taten sich in den letzten beiden Jahren sehr gut organisierte Fans von Al Ahly und Besiktas sowie der anderen großen Istanbuler Klubs hervor. Sie ergriffen für die Demonstranten und gegen die Polizeigewalt Partei, mitunter in den Farben ihrer Vereine. Dies belegten einige aufschlussreiche Beiträge der Zeitschrift 11Freunde.

Sotschi – Machatschkala (634 Kilometer): Die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Dagestan beherbergte bis zur vergangenen Saison eines der heißesten Projekte des europäischen Fußballs, den Profiklub Anschi. Der russische Milliardär Suleiman Kerimov übernahm den Klub Anfang 2011 und investierte mehr als ordentlich in ihn. Die Süddeutsche Zeitung vermutete vor zwei Jahren, dass dieses Investment ganz im Sinne der politischen Führung in Moskau sei, um in der Krisenregion „etwas Normalität zu suggerieren“. Nicht zuletzt, weil die Olympischen Winterspiele ja quasi um die Ecke stattfinden würden. So machte es Sinn mehrere russische Nationalspieler zum Klub zu lotsen. Altstars wie Roberto Carlos und Samuel Eto’o verliehen dem ganzen einen äußerst illustren internationalen Anstrich und Guus Hiddink auf der Trainerbank rundete das Gesamtpaket eindrucksvoll ab. Doch die äußerst unsichere Lage in Dagestan ließ sich nicht so einfach ignorieren und deshalb trainierte die Startruppe in Moskau und flog lediglich zu den Heimspielen in die Unruheprovinz. Die UEFA sah dem Treiben deshalb nicht lange zu und entschied, Europapokalspielen in Machatschkala einen Riegel vorzuschieben. Für die Zukunft hat sich das Thema aber ohnehin erledigt, Gönner Kerimov drehte Anfang der Saison den Geldhahn zu. In deutschen Medien wurde über finanzielle Probleme Kerimovs spekuliert.

Sotschi – Karabach (717 Kilometer): Die von Armenien und Aserbaidschan beanspruchte Region Karabach führte Anfang der 1990er Jahre zu einem militärischen Konflikt zwischen den beiden jungen Staaten. Heute stellt die von Armenien besetzte Region eine Art Niemandsland dar, wird auf allen internationalen Karten jedoch weiterhin Aserbaidschan zugeschlagen. Folglich ist der Konflikt nach wie vor ungelöst und führt dazu, dass sich die Fußballverbände beider Staaten nicht miteinander messen wollen. Die UEFA verzichtet dementsprechend darauf beide in eine gemeinsame Qualifikationsgruppe zu losen (s. auch den Hintergrundbericht zur Lage der beiden Karabacher Klubs FK Qarabag Agdam und FK Karabakh Stepanakert).

Sotschi – Gibraltar (3.884 Kilometer): Doch es gibt noch eine andere Paarung, die es aufgrund politischer „Verstimmungen“ im Laufe der Qualifikation zur EURO 2016 nicht geben wird. Spanien gegen Gibraltar! Jahrelang verstand es Spanien das britische Überseegebiet vor der eigenen Haustür aus den internationalen Fußballverbänden herauszuhalten. Die UEFA änderte gar 2001 ihre Aufnahmeregularien zum Nachteil Gibraltars. Demnach konnten nur noch Verbände aus einem Land aufgenommen werden, das von der UNO anerkannt wurde. Letztlich klagte Gibraltar erfolgreich vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS und Spanien musste schließlich auf der UEFA-Tagung 2013 in – Achtung – London klein beigeben, als neben ihr nur noch Weißrussland gegen eine Aufnahme stimmte. Diese Schmach will der spanische Verband nicht noch schlimmer machen und verweigert sich einem Aufeinandertreffen im Rahmen der anstehenden EURO-Qualifikation.

Es gibt mithin auch fernab von Sotschi – inmitten der EU – politische Ränkespiele, die sich auf den Fußball auswirken.

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