Historische Glücksgefühle am Mersey

Das Stadion des Liverpool FC an der Anfield Road und der Goodison Park, die Heimstätte des Everton FC, liegen nur etwas mehr als einen Kilometer voneinander entfernt. Ähnlich nah beieinander liegen derzeit die Glücksgefühle der Anhänger beider Klubs. Liverpool greift nach einem Vierteljahrhundert wieder nach der Meisterschaft, Everton kratzt drei Spieltage vor Schluss am Tor zur Champions League.

Liverpool und Everton durchlebten in den 1980er Jahren äußerst turbulente, letztlich aber auch erfolgreiche Zeiten. Liverpool gewann 1981 und 1984 den kontinentalen Landesmeisterpokal, und als Fans wie Mannschaft 1985 das Brüsseler Heysel-Stadion in jeglicher Hinsicht als Verlierer verließen, schnappte sich Everton die europäische Krone im Pokalsiegerwettbewerb. Seither versuchen beide an diese großen Erfolge anzuknüpfen.

Liverpool FC: lange stark, aber nie spitze
Die Reds vom Liverpool FC gewannen zwar noch einmal den UEFA-Pokal und 2005 sensationell die Champions League, doch in England zählten sie spätestens nach dem Aufstieg von Manchester City nicht einmal mehr zu den „Großen Vier“. Der letzte Meistertitel datiert aus dem Jahr 1990. Einem Jahr, in dem die globale Marke Premier League noch gar nicht aus der Taufe gehoben war. In den letzten vier Jahren beendeten sie die Liga auf den Plätzen 7, 6, 8 und 7.

Everton FC: lange unten, mittlerweile gut dabei
Everton durfte 1987 letztmals die Meistertrophäe in Empfang nehmen. Seither spielten sie keine nennenswerte Rolle mehr im englischen Spitzenfußball. Der blaue Klub aus Liverpool hielt sich im Grunde genommen große Teile der 1990er Jahre und letztmals 2004 gefährlich nahe der Abstiegszone auf. Nicht von ungefähr haben es die Toffees in ihren 22 Jahren Premier-League-Zugehörigkeit noch an keinem einzigen Spieltag auf Rang 1 geschafft. Immerhin wendete sich unter dem in dieser Woche bei Manchester United entlassenen David Moyes das Blatt und seit 2007 hat sich das Toffees genannte Team an der Schwelle zu den Topklubs etabliert. In den letzten sieben Jahren beendeten sie die Saison immer zwischen Platz fünf und acht.

Liverpools Lauf
Die beiden Liverpooler Aushängeschilder hatten sich also tabellarisch zuletzt wieder angenähert. Sie beendeten die Spielzeiten in Schlagdistanz zueinander, die letzten vier sogar in direkter Nachbarschaft. Die Tabellenspitze erspähten beide freilich bestenfalls durchs Fernglas. In dieser Saison hat sich das nachhaltig geändert. Everton hat mit 69 Punkten schon jetzt einen Bestwert in der Premier-League-Ära erzielt. Auch Liverpool hat drei Spieltage vor Schluss mit aktuell 80 Punkten noch die Chance die Bestmarke von 86 Zählern aus der Saison 2008/09 zu toppen. Was die Anzahl der Tore anbetrifft, so sind sie ohnehin auf der Überholspur. 96 Tore durften der Anhang der Reds in der Premier League noch nie bejubeln. Noch wichtiger: Elf Siege in Folge spülte Liverpool seit Anfang Februar von Platz 4 auf Rang 1. In diesem Jahr kassierte der Klub noch keine einzige Ligapleite. Schlechter als Rang 3 kann der ruhmreiche Verein nicht mehr einkommen, das Ziel ist aber mittlerweile ganz klar der Meistertitel.

Everton wittert die Chance
Everton hat die Europa League auf Rang fünf so gut wie sicher. Das sechstplatzierte Tottenham liegt sechs Zähler dahinter und hat das deutlich schlechtere Torverhältnis. Doch insgeheim schielt Everton nach vorne, denn nur einen Punkt vor ihnen rangiert der Arsenal FC auf dem zur Champions-League-Qualifikation berechtigenden Platz vier. Unlängst schickten die Toffees die Londoner im direkten Aufeinandertreffen mit 3:0 nach Hause. Eine klare Ansage, dass jetzt der Coup gelingen soll. Acht der letzten zehn Ligapartien verließen sie als Sieger das Spielfeld. Zusammen mit dem Lokalrivalen sind sie das Team der Stunde (s. Tabelle). Dass die Liverpooler Klubs im letzten Saisondrittel derart aufdrehen, verdanken sie womöglich der fehlenden Doppelbelastung auf europäischer Ebene. Während Manchester United, Manchester City, Arsenal und Chelsea komplett in der Champions League und teilweise den nationalen Pokalwettbewerben gefordert waren, konnten die Liverpooler Klubs ohne Reisestrapazen den Fokus auf Training und Punktspiele legen.

2013/14: Tabelle der letzten zehn Spieltage (Tabelle: M. Kneifl)

Das Restprogramm
Zwischen dem Titelgewinn und den Reds stehen lediglich noch Chelsea, Crystal Palace und Newcastle United. 25 Jahre nach dem Drama von Hillsborough könnte die Meisterschaft zu keinem emotionaleren Zeitpunkt kommen. Ein Sieg am Sonntag gegen Verfolger Chelsea würde diesen bereits entscheidend distanzieren. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, sollte ausgerechnet in den letzten beiden Heimpartien gegen Chelsea und Newcastle die furiose Heimbilanz reißen. Von 17 Partien gewannen sie 15 und verloren lediglich am fünften Spieltag gegen Southampton. Arsenal, Man City und Everton konnten bereits an der Anfield Road besiegt werden, doch ausgerechnet Chelsea gelang als bislang einzigem Topteam ein Auswärtssieg bei einem anderen Meisteranwärter (s. zweite Tabelle). Auf Everton warten in den ausstehenden Partien noch Auswärtsfahrten nach Southampton und Hull sowie das Heimspiel gegen Manchester City. Mit einem Sieg gegen Man City könnten sie sich nicht nur selbst gut im Rennen um Platz vier positionieren, sondern auch den Verein von der Anfield Road zum Meister machen.

2013/14: Direktvergleich der Topteams (Tabelle: M. Kneifl)

2013/14: A campaign to remember!
Egal wie die letzten drei Spiele enden. In der kommenden Saison werden erstmals seit der Saison 2009/10 – und zum elften Mal überhaupt – beide Liverpooler Klubs zeitgleich in Europa am Start sein. Sollte Everton Arsenal noch abfangen, könnten beide in der Champions League starten. Das wäre ein Novum und war bislang nur mehreren Klubs aus London und Manchester vorbehalten. Sollte der Liverpool FC die Meistertrophäe in Empfang nehmen, hätten sie 19 Meistertitel auf dem Briefbogen und könnten Man United (20 Titel) auf die Pelle rücken. Eine Aussicht, die Alex Ferguson nicht gefallen dürfte. Hatte der langjährige Coach von Man United doch dereinst selbst die letztlich erfolgreiche Entthronung Liverpools als Ziel ausgegeben.

Die Köpfe hinter der aktuellen Erfolgssaison:

Die Trainer
Brendan Rodgers (Liverpool FC seit 2012) und Roberto Martinez (Everton FC seit 2013) sind beide noch recht frisch bei ihren Klubs, weisen jedoch Ähnlichkeiten in ihrer Vita auf. Beide sind Jahrgang 1973, beide können auf keine glorreiche Spielerkarriere zurückblicken und beide besitzen eine walisische Vergangenheit. Der Nordire Rodgers schlug sehr früh den Trainerberuf ein und lernte ihn von der Picke auf in der Jugend des Chelsea FC. Ausgerechnet José Mourinho, der heutige Rivale um den Meistertitel, holte ihn dort ins Trainerteam der Profis, bevor Rodgers seine Chefcoach-Karriere in Watford, Reading und Swansea startete. Letztere führte er 2011 in die Premier League und dort auf Platz 11, was für ihn das Eintrittsticket für Liverpool bedeutete. Martinez wirkte lange Jahre als Profifußballer in England, allerdings nie in der Premier League. 2006 ergriff er den Trainerberuf und führte mit Swansea City 2008 den zweiten walisischen Profiklub von der Dritt- in die Zweitklassigkeit. Von 2009 bis 2013 hielt er Wigan Athletic in der Premier League, bis ihn letztes Jahr der Abstieg ereilte. Der zugleich überraschend errungene FA-Cup-Erfolg war für seinen Einstieg bei Everton sicher nicht ganz unwichtig.

Die Sturmführer
Liverpools Coach Rodgers hat in dieser Saison die Offensive entfesselt. Luis Suárez ist mit seinen 30 Toren und insgesamt 51(!) Scorer-Punkten in 30 Einsätzen die personifizierte Torgefahr. In seinem Windschatten schwang sich Daniel Sturridge zu 20 Treffern auf, so dass beide an glorreiche Premier-League-Sturmduos anknüpfen, wie Andy Cole/Peter Beardsley (55 Tore für Newcastle 1994) oder Didier Drogba/Frank Lampard (51 Tore für Chelsea 2010). Die Offensive ist das Prunkstück der Reds, so dass eine nicht immer sattelfeste Defensive kaum ins Gewicht fällt.
Chelsea-Leihgabe Romelo Lukaku führt mit 13 Treffern die Torschützenliste Evertons an. Sein derzeit verletzter belgischer Landsmann Kevin Mirallas folgt mit 8 Toren auf Rang 2. Lukaku hat also nicht im entferntesten die Quote wie Suárez oder Sturridge, erzielte aber oft wichtige Tore, die letztlich zu Punktgewinnen beitrugen.

Die Routiniers
Die Stärke des blauen Klubs aus Liverpool ist ohnehin die Defensive. Lediglich Mourinhos Chelsea musste weniger Gegentreffer hinnehmen. Der ehemalige US-Nationalkeeper Tim Howard zählt immer noch zu den besten Keepern der Premier League und hält mit den nicht minder erfahrenen Verteidigern Phil Jagielka, Sylvain Distin und Leighton Baines den Laden dicht. Mit Routinier Gareth Barry von Man City fing Everton auf Leihbasis den Verlust von Marouane Fellaini auf, der zu Man United wechselte.
Liverpool kann hingegen weiterhin auf Steven Gerrard zählen, der zehn seiner 13 Saisontore per Elfmeter erzielte. Er agiert im aktuellen System defensiver als zuvor, hebelt dafür aber mit weiten Pässen effektiv die gegnerischen Reihen aus. Innenverteidiger Martin Skrtel stellt bei Standards gerne seine Torgefahr unter Beweis und netzte schon neun Mal ein.

Die Youngster
Im Sog der erfahrenen Spieler fielen bei beiden Vereinen einige Jungspunde auf, die ihren Teil zur erfolgreichen Kampagne beitragen konnten. Ross Barkley (20 Jahre, 32 Einsätze) gilt bei Everton als der Shooting Star, der sich gute Chancen auf eine WM-Nominierung ausrechnen darf. Gerard Deulofeu (20 Jahre, 22 Einsätze) kam für diese Saison auf Leihbasis vom FC Barcelona und trug mit seinem vehementen Solo am vorletzten Spieltag dazu bei, den 1:0-Sieg beim AFC Sunderland, und somit drei wichtige Punkte, zu sichern. John Stones (19 Jahre, 19 Einsätze) steht seit Anfang des Jahres in der Innenverteidigung seinen Mann und ließ die Verletzungspause von Kapitän Jagielka nicht ins Gewicht fallen. Mit James McCarthy (23 Jahre, 31 Einsätze) holte Coach Martinez zudem einen seiner Zöglinge aus Wigan nach Everton, der dort nicht aus dem zentralen Mittelfeld wegzudenken ist.
Gleiches gilt beim Liverpool FC für Jordan Henderson (23 Jahre, 34 Einsätze), der zum Dauer(b)renner im Zentralen Mittelfeld mutierte. Ausgerechnet vor den finalen Saisonspielen muss er allerdings eine Rotsperre absitzen. Er wird ebenso wie Raheem Sterling (19 Jahre, 30 Einsätze) auf der Insel als potentieller WM-Fahrer gehandelt. Der wuselige Youngster fabriziert zwar immer wieder Fehler in seinem Spiel, macht dies jedoch mit einigem Enthusiasmus wett. 15 Torbeteiligungen lassen dies erahnen. Zuguterletzt darf der Brasilianer Coutinho (21 Jahre, 30 Einsätze) nicht unerwähnt bleiben, der im offensiven Mittelfeld überzeugt und mit seinem 3:2-Siegtreffer über Man City vor zwei Wochen zum Held avancierte.

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