WM-Spieltag 8: Englands nightmare in Brazil

Uruguay und England treffen heute bei der WM aufeinander und stehen wegen ihrer Auftaktniederlagen schon gehörig unter Druck. Vor 64 Jahren nahmen die beiden Nationalteams schon bei der ersten WM in Brasilien teil und beide schrieben Fußballgeschichte. Uruguay holte sich gegen Brasilien den unerwarteten WM-Sieg. Das Mutterland des Fußballs war hingegen am 29. Juni 1950 an der ersten Sensation der WM-Geschichte beteiligt.

England hatte sich im Rahmen einer rein britischen Gruppenphase verlustpunktfrei für die WM-Endrunde 1950 qualifiziert. Ein Novum, denn zuvor hatten die Engländer stets darauf verzichtet, bei einer WM teilzunehmen. Als Erfinder des Spiels fühlten sie sich schlichtweg nicht in der Pflicht in einen Wettbewerb mit dem Rest der Welt zu treten. Der Auftakt ins Turnier verlief für die englische Auswahl planmäßig. Chile wurde mit 2:0 besiegt. Danach hieß es sich mit dem Fußballzwerg USA zu messen. Das aus ein paar Halbprofis und überwiegend Amateuren bestehende US-Team galt bei den Buchmachern als 500:1-Außenseiter auf den WM-Titel, die englische Quote stand bei 3:1.

Die Protagonisten auf dem Feld
Obwohl mit Stanley Matthews der stärkste englische Spieler gegen die USA geschont wurde, war die englische Elf immer noch bestens aufgestellt. Jimmy Dickinson hatte gerade erst mit Portsmouth die englische Meisterschaft verteidigt. Bert Williams, Billy Wright und Jimmy Mullen hatten mit Wolverhampton die Vizemeisterschaft errungen und ein Jahr zuvor den FA-Cup. Laurie Hughes kam als amtierender FA-Cup-Finalist vom Liverpool FC. Alf Ramsey schließlich gehörte zwar nur dem Zweitligameister aus Tottenham an, sollte aber 1951 die englische Meisterschaft mit den Londonern feiern. Die US-Auswahl wurde vom Schotten Eddie McIlvenny aufs Feld geführt, der allerdings wie Stürmer Joe Gaetjens gar kein US-Staatsbürger war, sondern bestenfalls die Aussicht darauf hatte. Das Team der Arbeiter und Angestellten umfasste zudem vier italienischstämmige Kicker, zwei Spieler mit portugiesischen Vorfahren und einen gebürtigen Iren.

Die Blamage und deren Anekdoten
Die Spielanteile spiegelten die Wettquoten der beiden Kontrahenten wieder. Die englischen Profis berannten von Beginn an das amerikanische Tor und erarbeiteten sich Chance um Chance. Mehr als das Torgestänge trafen sie jedoch nicht. Stattdessen fiel der einzige Treffer des Tages durch Gaetjens für die US-Amerikaner. Die Blamage war perfekt. Legende ist heute der Ausspruch des englischen Stürmers Wilf Mannion „Bloody ridiculous. Can’t we play them again tomorrow?” Gerne wird auch immer wieder berichtet, englische Zeitungen hätten das über den Atlantik gekabelte Ergebnis für so unwahrscheinlich gehalten, dass sie daraus kurzerhand einen 10:1-Sieg für die Three Lions machten. Einzig, laut BBC-Recherchen von 2010 stimmt die Anekdote nicht.

Eine Auswahl der größten Außenseitersiege bei bisherigen Weltmeisterschaften (Tabelle: Kickschuh-Blog)

Eine Auswahl der größten Außenseitersiege bei bisherigen Weltmeisterschaften (Tabelle: Kickschuh-Blog)

Englands frühes WM-Aus
Die Engländer waren angesichts der Schmach vollkommen von der Rolle. Die auf vier Positionen veränderte und um Matthews verstärkte Elf unterlag auch Spanien mit 1:0. Mit zwei Niederlagen im Gepäck traten die zuvor noch so selbstbewussten Engländer nach einer Turnierwoche wieder die Heimreise an. Die Engländer zuhause waren bitter enttäuscht. Sie hatten gemäß der BBC zuvor angenommen, ihr Team würde den Weltpokal eher abholen, als darum spielen zu müssen.

Die Aufarbeitung und das neuerliche WM-Scheitern
Folglich sah sich die FA nach der blamablen WM-Premiere harscher Kritik ausgesetzt. Sie setzte eine technische Kommission ein, die heute vermutlich Taskforce heißen würde. Die Kommission holte Meinungen von Vereinen, Trainern und Spielern ein. Es folgte eine breite Debatte, an deren Ende Vereine und FA ein besseres Verständnis füreinander aufbrachten. Zuvor hatten sie eher neben- als miteinander agiert. Doch die Erkenntnis, dass England nicht der Nabel der Fußballwelt war, sollte erst drei Jahre später folgen. Im Herbst 1953 führten die Ungarn die Briten im heimischen Wembley vor und demütigten sie beim 3:6. Im Mai 1954 folgte in Budapest die nächste Packung: 1:7. Einen Monat später startete die WM in der Schweiz, in der die Engländer erneut frühzeitig hängen blieben. Dieses Mal im Viertelfinale, in dem noch drei verbliebene Spieler aus der USA-Partie standen. Der Gegner von damals ist der Kontrahent von heute: Uruguay.

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