WM-Spieltag 15: Usbekistans Stolz

Ravshan Irmatov dürfte bislang unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der meisten deutschen Fußballfans geblieben sein. Heute Abend pfeift der Usbeke das Spiel Deutschland gegen die USA. Einige mögen nun die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und einen weiteren Schiedsrichter-Exoten im Spiel vermuten. Doch weit gefehlt! Irmatov zählt zu den renommiertesten Unparteiischen des Weltfußballs, wenngleich Thomas Müller ihn nicht in allerbester Erinnerung haben dürfte.

Der 36-jährige Usbeke begann seine internationale Schiedsrichterkarriere wie üblich mit der Leitung von Spielen bei Juniorenturnieren. Mit 26 Jahren pfiff er bereits die ersten A-Länderspiele. Wie der ehemalige Juniorennationalspieler Usbekistans vor der WM in einem Interview gegenüber der FIFA erklärte, wäre er selbst nie auf die Idee gekommen Schiedsrichter zu werden. Nachdem eine schwere Knöchelverletzung seine Fußballerkarriere früh beendet hatte, habe ihm sein Vater das Schiedsrichterwesen nahe gelegt. Er war jedoch der Meinung, dass das nichts für ihn sei, da er sich als Spieler immer mit den Unparteiischen gestritten habe. Erst nachdem er bei einem Jugendspiel für einen nicht erschienen Schiedsrichter eingesprungen war, habe er seine Meinung geändert.

Götze und Mustafi pfiff er bereits bei der U17-WM 2009
2009 pfiff er erstmals ein Spiel mit deutscher Beteiligung. Bei der U17-Weltmeisterschaft trafen die DFB-Junioren mit den heutigen WM-Fahrern Mario Götze und Shkodran Mustafi auf Gastgeber Nigeria. Der Spielverlauf war aus deutscher Sicht wenig zufriedenstellend. Nigeria hatte eine deutsche 3:0-Führung noch egalisieren können, nachdem Irmatov einen deutschen Spieler des Feldes verwiesen hatte.

Überzeugende Auftritte bei der WM 2010 
Irmatov sammelte weiter fleißig internationale Erfahrung. Er leitete Spiele bei den Asienmeisterschaften, in der asiatischen Champions League, bei der Klubweltmeisterschaft und in der WM-Qualifikation. Seine Nominierung für die WM 2010 in Südafrika war folgerichtig. Mit 32 Jahren avancierte er zum jüngsten Schiedsrichter des Turniers und hatte die Ehre das Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Südafrika und Mexiko zu pfeifen. Am Ende stand er in fünf WM-Partien auf dem Platz, mehr als jeder andere Schiedsrichter. Das Fachmagazin „kicker“ beurteilte seine Auftritte mit einer Gesamtnote von 2,4 positiv. Gelobt wurden seine gute Kommunikation mit den Spielern, seine korrekten Zweikampfbewertungen und auch seine konsequente Linie. Einzig im Halbfinale zwischen der Niederlande und Uruguay lastete ihm der „kicker“ drei falsche Abseitsentscheidungen an, in denen er seinen Assistenten gefolgt war. Im Viertelfinale pfiff er übrigens das zweite Mal eine DFB-Auswahl. Am berauschenden 4:0-Sieg über Argentinien gab es aus deutscher Perspektive lediglich eines auszusetzen, die kleinliche gelbe Karte gegen Shootingstar Thomas Müller, die ihn um seinen Halbfinaleinsatz gegen Spanien brachte.

Mehrfach ausgezeichnet
Seither bestätigte er seine Leistungen auf hohem Niveau, wurde mehrfach zu Asiens Schiedsrichter des Jahres gekürt und landete bei der Wahl zum Weltschiedsrichter des Jahres – zwischen einer Phalanx aus UEFA-Kollegen – immer in den Top Ten. Laut übereinstimmender Berichte im Internet verlieh ihm der usbekische Präsident angesichts seiner Auftritte bei der WM 2010 sogar den Ehrentitel „Stolz Usbekistans“. Heftiger Kritik sah er sich erstmals beim Confed-Cup 2013 ausgesetzt. Im Spiel Italien gegen Brasilien zeigte er in einer Szene zunächst auf den Elfmeterpunkt. Da fast zeitgleich mit dem Foul aber auch ein Tor fiel, entschied er sich um und erkannte den Treffer an. Das war vielleicht im Sinne der Vorteilsauslegung, aber nicht regelkonform.

Ausgiebige WM-Vorbereitung
Auf die aktuelle WM habe sich Irmatov – nach eigenen Angaben – seit zwei Jahren unter Anleitung der FIFA intensiv vorbereitet. Persönlich wolle er so viele Spiele wie möglich zu leiten. Und er ist schon wieder auf dem besten Wege dahin. Die Partie des DFB gegen die US-Auswahl ist bereits sein dritter WM-Einsatz 2014. Ein Ausweis des Vertrauens, das die FIFA in ihn setzt. Als Usbeke und Asiate dürften ihm noch weitere Einsätze winken, da er bei der Fülle an amerikanischen und europäischen Teams in der K.o.-Phase per se als unparteiisch gilt.

Licht und Schatten bei aktueller WM
Seine ersten beiden Auftritte bei der laufenden Weltmeisterschaft sahen Licht und Schatten. Aus der Partie Schweiz gegen Ecuador bleibt allen voran seine grandiose Vorteilsauslegung zugunsten der Schweizer in Erinnerung. Es lief die letzte Minute der Partie, als Valon Behrami den Ball im eigenen Strafraum erkämpfte und einen schnellen Gegenzug einleitete. Sein Gegenspieler rammte ihn im Mittelfeld in Rugby-Manier um, doch Behrami rollte sich nur ab und lief sofort weiter. Die meisten Schiedsrichter hätten schon beim Zusammenprall auf Foul entschieden und damit das 1:1 besiegelt. Irmatov erkannte jedoch auf Vorteil und 15 Sekunden später zappelte der Ball zum 2:1 im Netz der Südamerikaner.


Schweiz vs. Ecuador: Irmatovs spielentscheidende Vorteilsauslegung im Video nach 0:08 Minuten

Sein zweiter Auftritt in der Partie Mexiko gegen Kroatien brachte ihm Kritik ein, als er ein offensichtliches und absichtliches Handspiel von Dario Srna im Strafraum übersah. Der „kicker“ bewertete ihn nicht zuletzt aufgrund dieser Szene schlecht, attestierte ihm zudem über die 90 Minuten ohne klare Linie geblieben zu sein. Andere Beobachter bescheinigten ihm hingegen in einer hitzigen Partie nie die Kontrolle über das Spiel verloren zu haben. Deutsche wie US-Amerikaner dürfen sich jedenfalls auf einen Schiedsrichter einstellen, der genug Erfahrung im Weltfußball mitbringt und der mit seiner dritten Partie bereits im WM-Rhythmus angekommen ist.

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