WM-Spieltag 16: Startplatzgerangel

Die K.o.-Phase der WM 2014 startet mit einer Fiesta. Sämtliche Teams der beiden heutigen Achtelfinals kommen aus Südamerika. Die überzeugenden Auftritte der Lateinamerikaner ließen aufhorchen, begleitet von einem medialen Abgesang des europäischen Fußballs, der nicht einmal die Hälfte seiner Starter in die K.o.-Runde brachte. Das Abschneiden der Europäer könnte FIFA-Chef Sepp Blatters darin bestärken, die Startplatzvergabe für künftige Weltmeisterschaften neu zu regeln. 

Blatter eröffnete die Startplatz-Diskussion im Herbst 2013. Der Schweizer sprach sich dafür aus, die 13 europäischen Startplätze zu reduzieren und im Gegenzug den Asiaten und Afrikanern zusätzliche zur Verfügung zu stellen. UEFA-Präsident Michel Platini unterstützt das Ansinnen, wenngleich nicht auf Kosten der Europäer. Er appelliert für eine Aufstockung des WM-Feldes auf 40 Teilnehmer, wodurch die Europäer sogar einen Startplatz hinzugewinnen würden. Angesichts der jetzt schon horrenden Kosten für eine WM-Endrunde und einer weiteren Aufblähung des Turniers, ein „interessanter“ Vorschlag. Die Äußerungen Blatters wie Platinis – dem Ambitionen auf die Nachfolge Blatters nachgesagt werden – dürfen getrost als Stimmenfang gewertet werden. Sitzen in Afrika und Asien doch nahezu die Hälfte aller Mitgliedsverbände und somit reichlich Wahlmänner.

Mehr Startplätze = mehr Erfolg
Blatter möchte, dass Asien und Afrika endlich den Status erhalten, den sie im Zuge der Chancengleichheit verdient hätten. Insbesondere Afrika sei „schmerzlich unterrepräsentiert“ und könne deshalb möglicherweise nie einen interkontinentalen Titel gewinnen. Europäer und auch Südamerikaner könnten nicht darauf beharren, die Mehrzahl der Startplätze einzunehmen. Blatters Logik: Je mehr afrikanische und asiatische Teams an Weltmeisterschaften teilnehmen, desto besser die Resultate. Zurückliegende Meriten oder Leistungsstärke würden demnach keine Rolle mehr spielen, es gelte vielmehr die Startplatzvergabe an der Mitgliederstärke der Kontinentalverbände auszurichten.

Gruppenphasen-Bilanz: Europa mau, Südamerika stark, Nord- und Mittelamerika verbessert
Mit ihren Gruppenphasen-Bilanzen bei den letzten beiden Weltmeisterschaften liefern die Europäer kaum Argumente gegen eine Reduzierung ihrer Startplätze. 2010 und 2014 schafften lediglich 46 Prozent (6 von 13 Startern) von ihnen den Einzug in die K.o.-Phase. Südamerikas Auftrumpfen in Südafrika und Brasilien dürfte es Blatter hingegen schwer machen, ihnen einen der 4,5 Plätze streitig zu machen. Vor vier Jahren zogen alle Südamerikaner ins Achtelfinale ein, dieses Mal blieb lediglich Ecuador hängen. Auch zuvor lasen sich die Bilanzen der Südamerikaner – abgesehen von 2002 – schon gut. Die Nord- und Mittelamerikaner konnten dank starker Mexikaner und verbesserter US-Amerikaner in den vergangenen 20 Jahren ebenfalls deutlich zulegen und rechtfertigen für den Moment ihre 3,5 Startplätze.

WM-Gruppenphasenbilanz nach Kontinentalverbänden 1954-2014 (Tabelle: Kickschuh-Blog)

WM-Gruppenphasenbilanz nach Kontinentalverbänden 1954-2014 (Tabelle: Kickschuh-Blog)

Afrika und Asien ohne Durchbruch
Die WM-Bilanzen der Afrikaner und Asiaten lesen sich bescheiden. Ob eine Aufstockung der Teilnehmer daran etwas ändert, darf bezweifelt werden. Schon in den vergangenen Jahrzehnten brachten mehr Startplätze für beide Kontinentalverbände nicht den erhofften Durchbruch. Afrika verfügt seit 1982 über mindestens zwei Startplätze, seit 2002 sogar über fünf. Dennoch schafften es erst jetzt mit Algerien und Nigeria zwei Teams gleichzeitig die Vorrunde bei einem Turnier zu überstehen. Bei den Asiaten sieht es nicht besser aus. Wie in diesem Jahr fahren häufig alle asiatischen Teams bereits nach der Vorrunde wieder nach Hause. Lediglich bei der Heim-WM 2002 und 2010 in Südafrika schafften es Japan und Südkorea gemeinsam bis in die K.o.-Phase.

Die direkten Duelle
Die ausbaufähige Bilanz lässt sich auch in den direkten Duellen ablesen. Sofern in den vergangenen zwei Wochen Teams aus Europa oder Südamerika auf Kontrahenten aus Asien und Afrika trafen, setzte sich lediglich einmal eine afrikanische (Nigeria – Bosnien-Herzegowina 1:0) und nie eine asiatische Auswahl durch. Zwischen Europäern und Südamerikanern behielten überwiegend die starken südamerikanischen Vertreter die Oberhand, die sich beim Turnier auf dem heimischen Kontinent bestens vorbereitet und äußerst willensstark präsentieren.

Europäer im WM-Finish stark
Die durchwachsene Gruppenphasenbilanz der Europäer muss hingegen noch nichts über den Ausgang einer WM aussagen. Ein Blick auf die Halbfinalteilnehmer aller Weltmeisterschaften seit 1954 zeigt, dass Südamerika und Europa nahezu vollständig dominieren. Lediglich Südkorea gelang als Gastgeber 2002 der Einzug in die Vorschlussrunde. Ansonsten standen sich ausschließlich Europäer und Südamerikaner gegenüber, mit einem Plus auf europäischer Seite.

Halbfinalteilnehmer der Weltmeisterschaften nach Kontinentalverbänden 1954-2014 (Tabelle: Kickschuh-Blog)

Halbfinalteilnehmer der Weltmeisterschaften nach Kontinentalverbänden 1954-2014 (Tabelle: Kickschuh-Blog)

Erweiterung des Teilnehmerfeldes greift zu kurz
Die Debatte um vermeintlich schwächelnde Europäer und zu stärkende Asiaten bzw. Afrikaner ist im Endeffekt darauf zurückzuführen, dass Europa eine breite Spitze zur Weltmeisterschaft schicken darf, während für Asien und Afrika lediglich die absolute Spitze zur Endrunde fährt. Doch selbst diese schafft es überwiegend und regelmäßig nicht sich durchzusetzen. Warum sollte also ausgerechnet eine Erweiterung des afrikanischen und asiatischen Teilnehmerfeldes dafür sorgen wettbewerbsfähiger zu werden? Im Endeffekt fehlt den Fußballverbänden in diesen Weltregionen doch zuallererst das Geld, um ein stabiles Fundament zu legen. Zum einen für einen professionellen Ligabetrieb und allen voran für eine gezielte Nachwuchsförderung. Will man es provokant formulieren, dann leisten die Europäer schon heute Aufbauarbeit für den afrikanischen Fußball. 20 WM-Spieler aus Algerien, Kamerun, Nigeria, Ghana und der Elfenbeinküste spielten vormals für europäische Nachwuchsnationalteams. Im Zuge der Wettbewerbsfähigkeit hatte die FIFA in ihren Regularien die Option eines Verbandswechsels für Nationalspieler unter gewissen Bedingungen gestattet.

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