WM-Spieltag 18: Der bulgarische Rückhalt

Afrika blickt heute nach Brasilien. Erstmals haben zwei afrikanische Teams eine WM-Gruppenphase überstanden und sind ins Achtelfinale eingezogen. Zunächst trifft Nigeria auf Frankreich, dann Algerien auf Deutschland. Etwas, das beide Auswahlen eint, ist ein starker Rückhalt zwischen den Pfosten. Während Nigerias Vincent Enyeama mittlerweile seinen Stammplatz bei Frankreichs Spitzenklub OSC Lille gefunden hat, sucht Algeriens Rais M’Bolhi auf Vereinsebene noch sein Glück.

Das Abschneiden in Brasilien ist schon jetzt der größte Erfolg einer algerischen Mannschaft und fußt auf vielen Ursachen. Die Wüstenfüchse (Fennecs) genannte Auswahl tritt kompakt und diszipliniert auf, sie besitzt eine gute Moral, sie kann auf eine Vielzahl in Frankreich geborener und in Europa spielender Akteure zurückgreifen, sie hat im Vergleich zur Null-Tore-WM vor vier Jahren ein offensiveres System etabliert und so ihre Abschlussschwäche überwunden und dann hat sie auch noch einen Keeper, der an seine starken Leistungen von der WM 2010 anknüpft: Rais M’Bolhi, der in Bulgarien für ZSKA Sofia das Tor hütet!

Französischer Juniorennationalspieler
Der 28-jährige hat eine bislang erstaunliche, wenngleich wenig ruhmreiche Klub-Karriere vorzuweisen. Die einzige Konstante scheinen Vereinswechsel zu sein, die ihn sogar bis nach Japan geführt haben. Geboren ist M’Bolhi in Paris, wo er auch das Fußballspiel erlernte. Sein Talent fiel offenbar schon früh auf, denn der Sohn eines Kongolesen und einer Algerierin brachte es auf mehrere Juniorenländerspiele für Frankreich. Seine Nachwuchskarriere beendete er bei Olympique Marseille, ohne dass sich daran eine Profikarriere anschloss.

Über Schottland, Griechenland, Japan und Bulgarien zur WM in Südafrika
Von der Zweitvertretung der Franzosen wechselte er nach Edinburgh zu Hearts of Midlothian. Ohne einen Einsatz führte ihn seine Odyssee weiter nach Griechenland, wo er zwischen 2006 und 2008 in der zweiten und dritten Liga spielte. Und es kam noch exotischer. 2008 wagte er ein einjähriges Intermezzo beim unterklassigen japanischen Klub FC Ryukyu, wo er als Stammkraft zum Zuge kam. Danach führte ihn sein Weg zu Slavia Sofia, wo er erstmals im europäischen Erstligafußball angekommen war. Er absolvierte eine tolle Saison, nach der ihn seine Torhüterkollegen zum besten Keeper der Liga wählten. Seine überzeugenden Auftritte in Bulgarien brachten ihn in den Fokus des algerischen Fußballverbands. Als relativ unbeschriebenes Blatt stand er im Mai 2010 erstmals zwischen den Pfosten der Nordafrikaner und sprang auf den letzten Drücker noch auf den WM-Zug auf. Nachdem der Stammkeeper im ersten Spiel gepatzt hatte, zeigte M’Bolhi gegen England und die USA zwei hervorragende Vorstellungen. Ein Gegentor in der Nachspielzeit gegen die USA blieb das einzige „Makel“ seiner WM-Premiere. Im Anschluss an seine beiden WM-Auftritte erhielt er Lob von vielen Seiten, unter anderem von seinem US-amerikanischen Torhüterkollegen und Premier-League-Veteran Tim Howard, der von einer Meisterleistung M’Bolhis sprach.

Zahlreiche Ausleihen enden wieder in Bulgarien
In England hatten sich seine guten Leistungen schon vor der WM und erst recht danach herumgesprochen, so dass er im Sommer 2010 einmal ein Probetraining bei Manchester United und einmal bei West Ham United absolvierte, ohne jedoch verpflichtet zu werden. Stattdessen lieh ihn ZSKA Sofia, wo er seine gute Form bestätigte und anschließend zu Samara in Russlands 1. Liga transferiert wurde. Da er sich dort nicht dauerhaft durchsetzen konnte, folgten weitere Ausleihen zurück zu ZSKA und im letzten Jahr zum französischen Zweitligisten Ajaccio. 2013 fand er dann endgültig bei ZSKA Sofia eine feste Anstellung und konnte rechtzeitig vor der WM eine komplette Rückserie erstklassig spielen.

Starker Rückhalt der algerischen Nationalelf
In der Nationalelf Algeriens ist er ungeachtet seiner wechselvollen Klubkarriere eine feste Größe. 2013 führte er die Auswahl zum Africa Cup, wo allerdings schon nach der Vorrunde Schluss war. In der WM-Qualifikation erwies er sich als ebenso großer Rückhalt, wie in den bisherigen WM-Partien. Zwei ebenso späten, wie unhaltbaren Gegentoren bei der Niederlage gegen Belgien, folgten zwei weitere Gegentore beim 4:2-Sieg gegen Südkorea, die ihm jedoch kaum anzulasten sind. Beim wichtigen Unentschieden gegen Russland hielt er alles was zu halten war und stellte damit den emotionalen Achtelfinaleinzug sicher.

M’Bolhi ein traditioneller Torhütertyp
Bei der WM erweist sich M’Bolhi etwa im Vergleich zu Manuel Neuer als traditionellerer Torwarttyp. Neuer läuft bei der WM bislang deutlich mehr und weist weitaus mehr Ballkontakte auf, was aussagt, dass er mehr ins Spiel einbezogen wird und als letzter Mann auch bei potentiell brenzligen Situationen mitspielen muss. M’Bolhi konzentriert sich hingegen auf das klassische Torwartspiel, das im Verhindern von Gegentoren besteht. Im Gegensatz zu seinen starken Reflexen, wird ihm eine gewisse Schwäche in der Strafraumbeherrschung nachgesagt.  Der „kicker“ sieht ihn sowohl bei diesem, als auch beim Turnier in Südafrika, als einen der notenbesten Spieler Algeriens. Angesichts seiner überzeugenden Darbietungen wäre es nicht verwunderlich, wenn er nach der WM erneut seine Koffer packen sollte. Dieses Mal allerdings auf dem Weg zu einem größeren Verein in einer größeren Liga.

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