Ostklubs: Klassentreffen in der 3. Liga

Am Samstag ging die eingleisige 3. Liga in ihre siebte Saison. 20 Klubs werden um den Aufstieg streiten, um den Klassenerhalt kämpfen oder einfach eine Saison ohne große Höhen und Tiefen erleben. Sechs Vereine der 20er-Liga kommen aus der ehemaligen DDR. Ein „historischer“ Bestwert für die Ostvereine.

Doch Jubel ist angesichts dieser Tatsache sicher nicht angesagt. Schließlich fehlen den Klubs aus der ehemaligen DDR die Ausreißer nach oben. Seit sich Energie Cottbus 2009 aus der Bundesliga verabschiedet hat, wartet der Osten auf einen Erstligaklub. Und auch die 2. Bundesliga beherbergt nur ein kleines Grüppchen aus dem Gebiet der früheren DDR. Aktuell stellen Erzgebirge Aue, Union Berlin und RB Leipzig die einzigen Zweitligisten. Ausnahmslos Teams, die in der letzten DDR-Spielzeit gar nicht erstklassig oder noch gar nicht gegründet waren. Mit RB Leipzig werden dem ungewöhnlichsten Klub aus den neuen Bundesländern die besten Chancen auf einen baldigen Bundesliga-Aufstieg eingeräumt. Im Gegensatz zu den alt eingesessenen Klubs kommt das „Fußballprojekt“ des Red-Bull-Konzerns ohne Altlasten daher. Der Klub hat erst 2009 die Lizenz des damaligen Fünftligisten SSV Markranstädt übernommen und sich seither kontinuierlich nach oben gespielt. Der Aufstieg des Klubs wird generalstabsmäßig geplant. Er verfügt auf dem Platz über reichlich Talent und abseits des Platzes über großen Fußball-Sachverstand. Finanzielle Zwänge kennt RB nicht und das schmucke WM-Stadion bietet den passenden Rahmen für den ambitionierten Klub.

Die fünf Topteams der letzten DDR-Saison treffen erstmals wieder aufeinander
Während die Zukunft des Ostfußballs also gar keine DDR-Vergangenheit besitzt, lebt in der aktuellen 3. Liga gewissermaßen die alte DDR-Oberliga wieder auf. Hansa Rostock, Dynamo Dresden, Rot-Weiß Erfurt, der Hallesche FC und der Chemnitzer FC rangierten am Ende der letzten DDR-Oberligaspielzeit auf den Plätzen 1 bis 5. Nach 24 Jahren schließt sich mit der aktuellen Saison der Kreis, denn seitdem haben diese fünf Klubs nie wieder zeitgleich in einer Liga gespielt. Energie Cottbus komplettiert die Riege der Ostklubs in Liga 3, zählte 1991 allerdings nicht zu den Spitzenteams der finalen DDR-Saison. Sie belegten lediglich Platz 13 der 14 Mannschaften umfassenden DDR-Oberliga.

3. Liga das „natürliche Reservat“ der Ostklubs
Die 3. Liga stellt für den Moment das „natürliche Reservat“ der Ostklubs im bezahlten Fußball dar. Seit der Wiedervereinigung haben es überhaupt nur vier Teams aus der ehemaligen DDR in die Bundesliga geschafft: Der VfB Leipzig (eine Saison), Dynamo Dresden (4 Spielzeiten), Energie Cottbus (6 Spielzeiten) und Hansa Rostock (12 Spielzeiten). Seit der Gründung einer eingleisigen nationalen 3. Profiliga im Jahr 2008 spielten immer mindestens vier Teams aus der Region zwischen Ostsee und Erzgebirge in dieser Klasse. Neben den aktuellen Klubs gehörten auch schon die heutigen Zweitligisten sowie Carl-Zeiss Jena und der SV Babelsberg 03 der 3. Profiliga an. Der international erfolgreichste DDR-Klubs, der 1. FC Magdeburg, klebt derweil in der 4. Liga fest wie an einem Kaugummi.

Tabelle: Kickschuh-Blog

Entscheidende Begleitumstände
Sicher ist der Werdegang der allermeisten DDR-Vereine nach der Wiedervereinigung unbefriedigend. Manche Teams waren dem stärkeren Wettbewerb im Westen schlichtweg nicht gewachsen. Oft hakte es aber an den Finanzen sowie der mangelnden Erfahrung in den entscheidenden Vereinsgremien. Viele Klubs blieben gegenüber der Konkurrenz aus dem Westen auf der Strecke. Umso mehr, als im Laufe der 1990er Jahre das Bezahlfernsehen richtig Geld in den Fußball pumpte. Die Ostklubs kämpften damals bestenfalls zweit-, oft nur drittklassig. Der Zugang zu den Fleischtöpfen blieb verwehrt. Die Lücke zum Rest sollte sich so schnell nicht schließen lassen … bis heute. Cottbus und Rostock schafften zwar temporär den Anschluss, mussten alsbald aber wieder abreißen lassen.

Vergleichbares Dilemma tief im Westen
Das viel beklagte Dilemma der Ostklubs lässt sich hingegen auch in anderen Regionen Deutschlands finden. Dazu muss man nur mal tief im Westen nachschauen. Das Ruhrgebiet gilt als die Fußballregion Deutschlands. Doch seit geraumer Zeit halten lediglich Schalke 04 und Borussia Dortmund die Fahne hoch. Als die alte Bundesrepublik ihre letzte Fußballsaison bestritt, spielten Dortmund, Bochum und Wattenscheid erstklassig. Duisburg und Schalke stiegen in die Bundesliga auf. Rot-Weiss Essen war ebenfalls noch zweitklassig. Von den sechs Vereinen spielen Wattenscheid und Essen seit geraumer Zeit nur noch viertklassig. Duisburg leistet den Ostklubs in der 3. Liga Gesellschaft und Bochum spielte zuletzt in der 2. Liga mehr schlecht als recht. Der Westdeutsche Fußballverband, der ganz Nordrhein-Westfalen umfasst, stellte 1991 noch 13 Vereine in der 1. und 2. Liga. Heute sind es lediglich acht. Ehedem namhafte Bundesligisten wie Oberhausen, Krefeld oder Aachen finden sich in der 4. Liga. Der Wuppertaler SV kickt gar nur noch in der 5. Liga.

Vorbeiziehende Klubs
Der Fußball hat in den letzten 20 Jahren einen unglaublichen Wandel vollzogen: organisatorisch, spielerisch, medial und wirtschaftlich! Dieser Prozess hat viele sogenannte Traditionsvereine in Ost und West abgehängt. Stattdessen zogen Klubs vorbei, die zur richtigen Zeit am richtigen Platz waren oder schlichtweg auf Konzerne, Gönner und Macher mit einem guten Netzwerk zurückgreifen können: Hoffenheim, Wolfsburg, Augsburg, Ingolstadt oder eben Leipzig.

Anteil der ostdeutschen Profiklubs entspricht genau der Quote ostdeutscher Teams im DFB
Vielleicht ist die ausbaufähige Quote ostdeutscher Profiklubs aber nicht nur eine Frage der Qualität, sondern auch eine Frage der Quantität. Die ostdeutschen Fußballverbände verfügen laut aktueller DFB-Mitgliederstatistik (Link) über weniger Mannschaften, Vereine und Mitglieder als Bayern oder Nordrhein-Westfalen alleine. Die neuen Bundesländer inklusive Berlin stellen innerhalb des DFB 15,8 Prozent aller Mannschaften im Seniorenbereich. Genau 16 Prozent aller Teams aus den drei Profiligen kommen aus Ostdeutschland (ohne Hertha BSC). Insofern liegt der Osten genau im Soll, es fehlt einfach die absolute Spitze, sprich Erstligisten. Aber vielleicht betreten einige der sechs prominenten Ostklubs am Ende dieser Drittliga-Saison wieder den Fahrstuhl nach oben.

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3 Gedanken zu “Ostklubs: Klassentreffen in der 3. Liga

  1. Hab jetzt mehrere deiner Blogeintraege gelesen und muß sagen: Gefaellt mir!
    Sehr angenehm zu lesen und nicht so ein Muell wie die vorgebliche serioese (Boulevard)Presse.
    Danke dafuer !

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