Zurück nach 7.728 Tagen

Lilie_DSCN8652_500pxDer SV Darmstadt 98 ist zurück. 7.728 Tage oder 21 Jahre nach seinem Abstieg aus der 2. Bundesliga kehrt der südhessische Klub wieder in sein angestammtes Revier zurück. Trotz der langen Abstinenz stehen die „Lilien“ immer noch auf Platz 14 der ewigen Zweitligatabelle. Die Einstellung im Comeback-Jahr dürfte stimmen, denn Verein und Mannschaft wissen nur zu gut aus welchen Tiefen sie ganz unvermittelt empor gestiegen sind:

Als sich am 6. Juni 1993 der verbliebene Rest der Lilienfans auf den Weg zum letzten Zweitliga-Heimspiel macht, dominieren Culture Beat, Shaggy, Dr. Alban und Ace of Base die Charts. Der Blockbuster „Jurassic Parc“ steht in den Startlöchern, der Kassenschlager ist aber noch „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Der Filmtitel sollte für die Anhänger der 98er zum Programm werden, denn die kommenden beiden Jahrzehnte fristet der Verein ein tristes Dasein zwischen 3. und 4. Liga.

Meppen spielt den Rausschmeißer
Den Rausschmeißer aus der 2. Bundesliga spielt an dem Frühsommertag im Juni 1993 der SV Meppen. Gerade mal 1.000 Zuschauer wohnen der 0:2-Niederlage bei, die Meppens Rainer Rauffmann in den letzten zehn Minuten besiegelt. Ein passender Schlusspunkt unter eine vollkommen missratene Saison. Nur neun Siege glücken in der auf 24 Mannschaften aufgeblähten 2. Bundesliga. Den Tabellenletzten aus Darmstadt trennen elf Punkte vom rettenden Ufer. Mit von der Partie sind damals die Bundesliga erfahrenen Gerhard Kleppinger und Stephan Täuber sowie der junge Keeper Tom Eilers, der heute als Berater des Vereins fungiert.

Verpasster Bundesligaaufstieg leitet Niedergang ein
Der Abstieg hatte sich abgezeichnet. Nachdem die Lilien 1988 den Bundesligaaufstieg gegen Waldhof Mannheim im Elfmeterschießen des Relegations-Entscheidungsspiels verspielt hatten, ging es stetig bergab. 1990, 1991 und 1992 retteten sich die Lilien gerade so auf den letzten Platz über dem Strich. 1993 gab es dann aber kein Entkommen mehr. Wer damals an einen baldigen Wiederaufstieg glaubt, der irrt gewaltig.

Der SC Weismain spielt Schicksal
Denn die 98er wollen sich partout nicht berappeln. Im Gegenteil, sie schlittern immer tiefer. Ausgerechnet zum 100-jährigen Vereinsjubiläum folgt mit dem Abstieg in die 4. Liga der fußballerische Super-Gau. Schicksal spielt ein Verein namens SC Weismain, der heute gar nicht mehr existiert. Der damalige Abstiegskonkurrent aus Oberfranken besiegt die Lilien im letzten Heimspiel der Saison 1997/98 mit 2:0 und verdammt die Darmstädter zum bitteren Gang in die Hessenliga. Es folgen in den kommenden Jahren mehrere Auf- und Abstiege. Am Böllenfalltor gastieren Eintracht Wald-Michelbach, der VfB Unterliederbach oder der Hünfelder SV. Zwischenzeitlich spielt gar der 1. FC Eschborn aus dem Frankfurter Speckgürtel eine Liga höher.

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Hoffnungsträger Bruno Labbadia
Hoffnung keimt erstmals wieder mit Bruno Labbadia auf. Das ehemalige Eigengewächs des SV 98 wagt 2003 sein Trainerdebüt bei den gerade wieder einmal in die Hessenliga abgestiegenen Darmstädtern. Nach dem prompten Wiederaufstieg führt er sie zweimal in die Nähe der Aufstiegsränge der damaligen Regionalliga Süd. Zwei fünfte Plätze sind die beste Ausbeute seit langem. Mergim Mavraj und Ivo Ilicevic aus dem eigenen Nachwuchs starten von Darmstadt aus ihre Profikarrieren. Doch schon zeichnen sich neue Turbulenzen ab.

Erneuter Absturz und drohende Insolvenz
Nach Unstimmigkeiten zwischen ihm und dem Präsidium verlässt Labbadia den Verein und den Klub damit das Glück. Mit einem ambitionierten Kader und dem neuen Coach Gino Lettieri soll der Aufstieg klappen. Die Lilien verlassen am Ende der Saison tatsächlich die Regionalliga, allerdings wieder einmal in die falsche Richtung: nach unten! Und es kommt noch dicker. Im März 2008 beantragt Darmstadt 98 Insolvenz. Schuld sind nachzuzahlende Lohnsteuern und Sozialversicherungsbeiträge, die aus einem Vereinsgebaren resultieren, das eher einfältig als clever ist. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung schaffen Verein, Stadt und Fans das nahezu Unmögliche: Die erfolgreiche Abwendung der Insolvenz. Höhepunkt der Retter-Aktionen ist ein Rekordspiel gegen den SSV Ulm, das zwar über 11.000 Zuschauer an einem frischen Märztag anzieht, allerdings mit 0:4 verloren geht.

Am Rande der sportlichen Bankrotterklärung
Die Lilien überleben wirtschaftlich, agieren sportlich aber wohl nie so schlecht wie in jenen Tagen. 2008 führt der DFB die eingleisige 3. Profiliga ein, von der der SV 98 Lichtjahre entfernt scheint. Die Lilien vermeiden 2009 und 2010 nur mit Mühe den Absturz in die 5. Liga. Zweimal Rang 15 lassen Fans und Verein in Verbindung mit der abgewendeten Insolvenz viel Demut lernen. Wobei Fans? Im 20.000 Zuschauer fassenden Rund verlieren sich oft genug weniger als 2.000 Anhänger.

Königstransfer auf dem Trainerstuhl
Eine Personalie küsst den Klub wieder wach. Die Lilien präsentieren im Frühjahr 2010 den unbekannten Kosta Runjaic als Coach. Der heutige Trainer des 1.FC Kaiserslautern wendet den Abstieg ab und landet in der darauffolgenden Saison ausnahmslos Volltreffer bei den Neuzugängen. So gelingt es ihm etwa den ebenso jungen wie kampf- und spielstarken Yannick Stark per Leihe ans Böllenfalltor zu holen. In der Winterpause justiert er zwischen den Pfosten nach und lotst Jan Zimmermann von Eintracht Frankfurt nach Darmstadt. Wendepunkt der Aufstiegssaison ist das Duell mit Tabellenführer und Dauerrivale Hessen Kassel. Nach nicht einmal zehn Minuten liegen die Lilien mit 0:2 zurück. Eine rote Karte gegen Enrico Gaede bringt die Südhessen wieder ins Spiel und Abdelaziz Ahanfouf drückt in den Schlussminuten doch tatsächlich den Ball zum 3:2-Sieg für Darmstadt über die Linie. Es folgen nur noch Siege und ein nie erwarteter Aufstieg. Die letzten Zweifel beseitigt am vorletzten Spieltag ein Auswärtssieg in Worms. Als Stark kurz vor Schluss einen Distanzschuss zum 2:1 in die Maschen wuchtet, versetzt er die rund 3.000 mitgereisten Darmstädter Fans in Ekstase.

Oldschool Baby: Das Bölle im Aufstiegsjahr 2011 (Quelle: Kickschuh-Blog)

Oldschool Baby: Das Bölle im Aufstiegsjahr 2011 (Quelle: Kickschuh-Blog)

Ein Glücksgriff in schwieriger Situation
In der ersten Drittligasaison verhindert Runjaic mit seinem Team frühzeitig den Abstieg. Wieder hat er seinen Kader gut und günstig verstärkt. Ein schleppender Start in die zweite Drittligasaison lässt erahnen, dass der erneute Klassenerhalt kein Selbstläufer wird. Runjaic heuert nach wenigen Spieltagen in Duisburg an, die Neuzugänge stechen nicht, das spielerische Niveau ist mau. Der neue Coach Jürgen Seeberger zementiert die Lilien in der Abstiegszone und wird in der Winterpause geschasst. Die Führungsetage holt Dirk Schuster, der sich im Nachhinein als Glücksgriff entpuppt. Er verstärkt vor allem die Defensive. Der heutige Kapitän Aytac Sulu wird sofort zum Fixpunkt. Um den Klassenerhalt sportlich sicherzustellen, fehlt den Lilien letztlich die Offensivpower. Am letzten Spieltag erleben 13.600 Zuschauer ein 1:1 gegen die Stuttgarter Kickers, das den wiederholten Gang in die 4. Liga bedeutet.

Eine unglaubliche Aufstiegssaison
Der Rest ist Geschichte: Lizenzentzug für Kickers Offenbach – Klassenerhalt durch die Hintertür – preiswerte Volltreffer in der Transferperiode – eine verschworene Truppe auf und neben dem Platz – eine stabile Defensive – eine wirbelnde Offensive mit Toptorjäger Dominik Stroh-Engel – ein Lauf von 17 ungeschlagenen Spielen – eine wachgeküsste Fußballbegeisterung in und um Darmstadt mit Auswärtsfahrten per Charterflieger, Sonderzug und Mietdampfer und … ein Herzschlagfinale im Relegationsduell gegen Arminia Bielefeld, das jetzt schon Legende ist.

Fußball-Feiertage für den Underdog
Nach 7.728 Tagen werden die Fans den Lilien ein rauschendes Comeback in der 2. Bundesliga bereiten. In seinem nahezu unveränderten Oldschool-Stadion wird der Aufsteiger allerdings ordentlich strampeln müssen, um den Abstieg zu vermeiden. Der Verein, der vor 14 Monaten kurzzeitig Viertligist war, ist eigentlich noch eine Nummer zu klein für die 2. Bundesliga. Stadion und Vereinsstrukturen müssen von jetzt auf nachher mit dem sportlichen Erfolg Schritt halten. Daran sind schon ganz andere Klubs gescheitert. Präsident Rüdiger Fritsch erkennt: „Wir werden uns wieder ans Verlieren gewöhnen müssen.“ Wie auch immer, das Umfeld ist jedenfalls angefixt. Das belegen 4.500 abgesetzte Dauerkarten. Vermeintlich längst verloren geglaubte Anhänger erwärmen sich wieder für die Lilien. Duelle gegen Nürnberg, St. Pauli, Kaiserslautern oder 1860 München hätte es in den letzten zwei Jahrzehnten bestenfalls im Falle einer DFB-Pokalteilnahme gegeben. Doch werden solch potentielle Fußball-Feiertage auch dann noch von den Fans gefeiert, wenn sich die Lilien im grauen November im Abstiegskampf wiederfinden? Entscheidend wird sein, wie schnell sich die Aufstiegsmannschaft an die neue Spielklasse gewöhnt, die für nahezu alle Aufstiegshelden Neuland bedeutet. Zudem müssen – wie in den letzten Jahren – die Neuzugänge einschlagen. Dirk Schuster und seinen Lilien kommt immerhin die Rolle des Underdogs bestens zupass. Schon in der vergangenen Saison beharrten sie bis weit in die zweite Saisonhälfte auf dem Saisonziel Nichtabstieg. Das Ende ist bekannt: Zweitliga-Rückkehr nach 7.728 Tagen.

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3 Gedanken zu “Zurück nach 7.728 Tagen

  1. Allez les bleus!!! Ja, der November wird es zeigen, aber mit den vielen Dauerkarten ist zumindest eine Mindestkulisse sichergestellt. Und bei aller Aufstiegseuphorie scheint diesmal der gesunde Menschenverstand nicht ausgesetzt worden zu sein. Auf jeden Fall ist überall in Darmstadt die Freude auf den morgigen 2. Liga-Start zu spüren. Mehr als 10.000 Zuschauer gegen Sandhausen !!! Die Leute freuen sich, sind neugierig wie es mit dem Stadion weitergeht (Merck wird als geizig wahrgenommen. Es hätte schon mehr als 300.000 pro Saison sein können …) und erwarten eine schwierige Saison. Das ist doch eine recht realistische Herangehensweise. Wie sagt doch der Datterich: “ … eher wie net.“

  2. Klasse geschrieben; vielen Dank! Die Euphorie wird uns sicher noch eine Weile tragen und spätestens Ende des Jahres wird man dann schon erkennen, wo die Reise hin geht. Ich freue mich auf die 2. Liga und glaube an unsere Lilien. Mission Klassenerhalt beginnt morgen gegen Sandhausen. Die Sonne scheint … NUR DER SVD!!

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