VfB: Es geht schon wieder los

Der von den Fans wenig geliebte Manager Fredi Bobic erhielt am Mittwoch seine Arbeitspapiere. Am selben Abend überraschte der VfB mit einem Punktgewinn in Dortmund. Und dennoch dürften sich die Anhänger des Vereins für Bewegungsspiele von 1893 wieder mal im falschen Film fühlen. Erneut hat sich ihr Verein nach wenigen Spieltagen ganz unten in der Tabelle einsortiert. Verkorkste Saisonverläufe haben bei den Schwaben mittlerweile Tradition.

Warum kommt der VfB Stuttgart in den letzten Jahren eigentlich nicht so recht aus dem Quark? Seit dem Meistertitel 2007 zählen die Schwaben streng genommen nicht mehr zu den Spitzenteams der Liga. Seit der Saison 2010/11 ist sogar der Aufenthalt in der oberen Tabellenhälfte ein seltenes Vergnügen. Die Konstanz der Stuttgarter lag bestenfalls darin, äußerst unbeständig Fußball zu spielen. In vier der letzten fünf Spielzeiten – also überwiegend den Bobic-Jahren – lieferten die Spieler des VfB zumindest eine Halbserie ab, in der sie spielten wie ein Absteiger. Einer stärkeren bis herausragenden zweiten Saisonhälfte war es zu verdanken, dass sie tatsächlich nicht den Gang in die Zweitklassigkeit antreten mussten (s. Tabelle 1). Die Stuttgarter sind gewissermaßen der Dr. Jekyll & Mr. Hide-Klub der letzten Jahre. Damit ist nun wahrlich kein Blumentopf zu gewinnen, geschweige denn ein internationaler Startplatz.

Zunehmend durchwachsen: Die letzten Saisonbilanzen des VfB Stuttgart

Tabelle 1: Zunehmend durchwachsen – die jüngsten Saisonbilanzen des VfB Stuttgart (Tabelle zum Vergrößern anklicken)

Schwankende Leistungen – Wechselnde Trainer
Die Flatterhaftigkeit lässt sich in einen direkten Zusammenhang mit den zahlreichen Trainerwechseln bringen. Seit Meistermacher Armin Veh im Spätherbst 2008 seinen Hut nehmen musste, coachten sechs Trainer den Klub vom Cannstatter Wasen. Nur ein Trainer schaffte es in diesem Zeitraum, sich eine komplette Saison zu halten: Bruno Labbadia, der zwischen Dezember 2010 und August 2013 schon fast eine Ära begründete. Mehrere der Kurzzeittrainer schienen sofort an den richtigen Stellschrauben zu drehen, oder zumindest den Kopf der Kicker mit dem roten Brustring freizukriegen. Doch der Effekt war nie von Dauer. Spätestens in der darauffolgenden Saison war er wieder verpufft.

Junge Coaches glänzen nur kurz und werden wieder geschasst
Die Bilanzen von Markus Babbel, Christian Gross und Thomas Schneider ähneln sich frappierend (s. Tabelle 2). Zunächst enterten sie die Liga im Hurra-Stil, nur um binnen Jahresfrist eine vergleichbare Negativserie hinzulegen, die sie aus dem Amt spülte. Vielleicht liegen ihre sonderbaren Statistiken daran, dass sie Novizen waren? Markus Babbel saß 2008 in Stuttgart ebenso erstmals als Chefcoach auf der Trainerbank, wie Thomas Schneider 2013 und auch Jens Keller 2010. Der Schweizer Christian Gross hatte vor seinem Engagement 2009 zwar in seiner Heimat Erfolge gefeiert, die Bundesliga war für ihn jedoch Neuland. Schon mit „Langzeittrainer“ Bruno Labbadia wurde ein erfahrenerer Bundesligatrainer geholt. Dennoch war auch er in seinen zweieinhalb Jahren nie über jeden Zweifel erhaben. Von den Fans wurde er eher geduldet, als geliebt. Trotz abgewendetem Abstieg 2011. Trotz Platz 6 2012. Trotz Pokalfinaleinzug 2013. Mit den letzten Verpflichtungen von Huub Stevens und Rückkehrer Armin Veh erfolgte endgültig ein Paradigmenwechsel. Die alten Fahrensmänner sollten Ruhe in den Laden bringen, quasi als Schutzschild für das verunsicherte Team gegenüber Fans und Medien fungieren. Ob die Rechnung mit Veh aufgeht?

Tabelle 2:

Tabelle 2: Wie gewonnen, so zerronnen – die Leistungsnachweise der letzten VfB-Trainer (zum Vergrößern Tabelle anklicken)

Die Rolle der Fans
Gut möglich, dass die eigenen Fans ein nicht unerheblicher Teil des Problems sind. Schließlich versteht es der Schwabe bereits als Lob, wenn nicht gebruddelt – also gemosert – wird. Die VfB-Anhänger scheinen sich jedenfalls im eigenen Stadion nicht gerade als leistungsfördernd zu erweisen. Die Erwartungshaltung scheint die Spieler zu lähmen. In drei der letzten vier Spielzeiten zählte der VfB zu den schwächsten Heimteams der Liga. (s. Tabelle 1) In jeder dieser Saisons verließen die Gästeteams häufiger den Platz als Sieger. Und das trotz des so lange herbeigesehnten reinen Fußballstadions, das seit 2011 Realität ist. Dass Teile der Fans nicht gerade zimperlich gegenüber dem eigenen Team auftreten, stellten sie mehrmals unter Beweis. Etwa im Dezember 2009 durch eine Sitzblockade und Drohgebärden vor (!) einem Spiel oder durch die offizielle Stellungnahme von „Commando Cannstatt“ in der vergangenen Woche, die sich unter anderem massiv gegen Bobic und VfB-Präsident Wahler, aber auch gegen die Mannschaft richtete.

Finanzielle Zwänge
Zu allem Überfluss fehlt es dem VfB auch noch an wirtschaftlicher Potenz. Trotz fast 60 Millionen Euro Einnahmen, die alleine die Abgänge von Mario Gomez, Sami Khedira, Christian Träsch und Bernd Leno seit 2009 einbrachten, schafften es die Verantwortlichen nicht, mit den Einnahmen das Niveau der Mannschaft hoch zu halten. Sicher floss ein großer Batzen der Transfererlöse in den Umbau der Arena, aber kostspielige Verträge mit Leistungsträgern, die sich dann nicht als solche entpuppten, trugen zur heutigen Selbstbeschneidung auf dem Transfermarkt zu.

Neuer Jugendstil?
Da wäre es doch an der Zeit, sich wieder auf die guten alten Tugenden zu besinnen. 2002/03 war der VfB finanziell ebenfalls nicht auf Rosen gebettet. Felix Magath setzte notgedrungen auf die „Jungen Wilden“ Kevin Kuranyi, Andreas Hinkel, Alexander Hleb, Christian Tiffert, Ioannis Amanatidis sowie Timo Hildebrandt und zog in die Champions League ein. 2007 waren die jungen Sami Khedira und Mario Gomez maßgeblich am Titelgewinn beteiligt. Neben Schalke und Bayern bringt kein Klub so viele eigene Nachwuchsspieler in die Bundesliga wie der VfB. Mit einem erfolgreichen Thomas Schneider im Chefsessel hätte sich eine solche Politik beinahe wieder durchgesetzt. Rani Khedira oder Robin Yalzin durften jedenfalls unter ihm Bundesligaminuten sammeln. Gegen Dortmund standen mit Sven Ulreich, Antonio Rüdiger, Daniel Didavi, Timo Werner und Christian Gentner immerhin fünf Eigengewächse in der Startelf. Was dem Team allerdings momentan an allen Ecken und Enden fehlt, ist ein ruhiges Umfeld und Korsettstangen auf dem Platz, die verlässlich Leistung bringen. Denn auch 2002/03 konnten die Jungstars um Kevin Kuranyi nur glänzen, weil ihnen Fernando Meira, Marcelo Bordon, Zvonimir Soldo und Krassimir Balakov den Rücken freihielten. Und weil mit Felix Magath ein erfahrener Coach über jeglicher Kritik stand. Er war damals übrigens Coach und Manager in Personalunion. Für den Moment ist dies auch Armin Veh.

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