Der Darmstädter Gegenentwurf

Lilie_DSCN8652_500pxAcht Spieltage ist die aktuelle Zweitligasaison alt. Die Aufsteiger aus Leipzig und Darmstadt liegen punkt- und torgleich auf Rang 2. War Finanzkrösus Leipzig dort durchaus zu erwarten, so zeigen sich die Medien vom Darmstädter Höhenflug überrascht. Dabei kommt das ganze nicht von ungefähr: Beim Sportverein aus Darmstadt müssten eigentlich alle Fußballromantiker und -traditionalisten ins Schwärmen geraten. Das Stadion wirkt aus der Zeit gefallen und hat seit 33 Jahren keine wesentlichen Veränderungen mehr erfahren. Der Verein ging aus der Beinahe-Insolvenz 2008 geläutert hervor und wirtschaftet mit überschaubaren Mitteln äußerst solide. Den Platz betritt ein Team, das keine Stars, Egoismen und Schönwetterspieler kennt. Und dann ist da noch die jüngere Vergangenheit: 2011 steigen die 98er nach zwei Jahren an der Schwelle zur Fünftklassigkeit unvermittelt in die 3. Liga auf. Im Mai 2013 scheint das Abenteuer schon wieder beendet, doch aufgrund der Insolvenz der Offenbacher fällt der Abstieg aus. Im Mai 2014 verlassen die Lilien dann tatsächlich die 3. Liga … nach oben. In einem Herzschlag-Finale besiegt der Drittligist in allerletzter Minute Bielefeld im Relegationsduell. Es folgt der gelungene Start in die 2. Bundesliga. Die positive Entwicklung der Südhessen fußt auf einem gut abgestimmten Kollektiv, einem Vater des Erfolgs und einem Geburtshelfer.

Der Geburtshelfer
Als Geburtshelfer erweist sich Präsident Rüdiger Fritsch, der die grundsolide Politik seines Vorgängers Hans Kessler fortsetzt und der im Winter 2012 eine wegweisende Personalentscheidung trifft. Die Lilien hängen damals in der Abstiegszone der 3. Liga fest. Kosta Runjaic war zu Beginn der noch jungen Saison dem Lockruf aus Duisburg gefolgt und Fritsch, gerade erst neu im Amt, installiert im September 2012 Jürgen Seeberger. Doch der neue Coach kultiviert eher den Negativtrend, als dass er ihn abwendet. Fritsch korrigiert drei Monate später seine Entscheidung und holt Dirk Schuster zum Tabellenletzten. Mit dem Engagement des gebürtigen Sachsen verbindet der besonnene Präsident sein eigenes Schicksal. Die Lilien justieren den Kader nach. Der heutige Kapitän Aytac Sulu entpuppt sich sofort als Stabilisator. Das Team steht sicherer, kassiert wenig Tore, erzielt aber auch kaum welche. Am letzten Spieltag erleben 13.600 Fans das 1:1 gegen die Stuttgarter Kickers; zu wenig.

Der Vater
Die Lilien liegen am Boden, doch die Insolvenz der Offenbacher ermöglicht eine zweite Chance. Dirk Schuster – der den DFB-Trainerlehrgang 2007 als Jahrgangsbester abschloss – kann sich in der Folge endlich als Vater des Erfolgs betätigen. Er formt den Kader nach seinen Vorstellungen, baut auf ablösefreie, deutschsprachige Spieler, die anderswo weggeschickt werden und schweißt so eine Schicksalsgemeinschaft zusammen. Wie Aytac Sulu Anfang 2014 gegenüber dieser Seite berichtet, trifft sich am Böllenfalltor im Sommer 2013 eine Ansammlung von Absteigern (Link): Stürmer Dominik Stroh-Engel kommt aus Wehen, wo er nach einer guten Saison in Babelsberg kein Bein auf den Boden bekommen hat. Aus Wehen kommt auch der vertragslose Milan Ivana. Der ehemalige Bundesligaspieler Marcel Heller ist nach dem Drittligaabstieg mit Aachen kaum mehr gefragt. Sandro Sirigu und Marco Sailer genügen den ambitionierten Ansprüchen in Heidenheim nicht mehr. Jerôme Gondorf spielt bei den Stuttgarter Kickers keine Rolle. Sie alle wittern in Darmstadt ihre Chance, sind hungrig genug diese zu nutzen und ergänzen damit die die verbliebenen Spieler aus der Abstiegself vortrefflich. Schuster schenkt den Kickern sein Vertrauen und sie zahlen es zurück. Um das bestmögliche aus seinen Spielern herauszuholen, überlässt Schuster nichts dem Zufall. So ist zu hören, dass er auf Anregung der medizinischen Abteilung die Spieler mit Kompressionsstrümpfen trainieren lässt, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Bislang scheint die Maßnahme Früchte zu tragen. Die Lilien beklagen kaum Verletzte. Auch nach den Partien tragen die Spieler die kniehohen Strümpfe.

Zwischenbilanz_Dirk-Schuster_565px

Das Kollektiv
Das A und O ist für Schuster die Defensive. Solange die Grundordnung stimmt und jeder Spieler gewillt ist, sein Ego dem laufintensiven Spiel unterzuordnen, kommt die Gruppendynamik der Hessen voll zur Geltung. Der Gegner erhält kaum Raum zur eigenen Entfaltung. Seit Schuster Coach ist, erzielen die Kontrahenten in fast der Hälfte aller Partien kein Tor. Die Lilien hingegen nutzen die sich ihnen bietenden Chancen zuverlässig. Allen voran Goalgetter Stroh-Engel, der alles andere als ein Alleinunterhalter ist, sondern der letzte Baustein eines gut aufeinander abgestimmten Kollektivs. Gerade in dieser Saison stechen die Lilien besonders häufig als erstes Team zu (s. Tabelle). Schuster baut auch in Liga 2 weiter stark auf die Aufstiegsmannschaft. Die Neuzugänge passen ins letztjährige Beuteschema. Während Mitaufsteiger Leipzig reichlich Geld für zumeist junge Überflieger in die Hand nimmt, bauen die Südhessen zwangsweise auf ablösefreie Spieler, die bereits den einen oder anderen Knick in ihrer Karriere erlebten. Darmstadt stellt damit einen formidablen Gegenentwurf zu RB dar. Romain Brégerie und Tobias Kempe erweisen sich sofort als Verstärkungen und kommen mit reichlich Zweitligaerfahrung, waren zuvor aber mit Dresden abgestiegen. Florian Jungwirth führte 2008 die U19-Junioren mit den Bender-Zwillingen und Ron-Robert Zieler als Kapitän zum Europameistertitel. Seither kam er über Zweitligaengagements in Dresden und Bochum nicht hinaus. Torwart Christian Mathenia spielt erstmals höher als Regionalliga. Maurice Exslager wirkte nicht maßgeblich am Erstligaaufstieg der Kölner mit und soll nun ebenso wie der Herthaner Fabian Holland in der 2. Liga zeigen was er kann. Der in dieser Woche verpflichtete Leon Balogun war zuletzt vertragslos. Einzig Neuzugang Christian Wetklo, langjähriger Bundesligakeeper in Mainz, wollte nicht so recht ins Bild passen. Prompt trennten sich die Wege schon vor dem Saisonstart wieder.

Ausgeprägter Realismus
Vereinsführung, Trainerstab und Mannschaft kennzeichnet, dass sie nichts auf Momentaufnahmen geben. Am Böllenfalltor ist allen bewusst, dass sie nicht dauerhaft zuhause siegen und auswärts punkten werden. Vor Jahresfrist war Bielefeld als Aufsteiger ähnlich gut gestartet wie die Darmstädter. Heute spielen die Ostwestfalen gegen den VfB II, Sonnenhof Großaspach und Jahn Regensburg. Man darf getrost davon ausgehen, dass Schuster seiner Mannschaft dieses Schicksal gesteckt hat. Die Spieler und erst recht der Verein haben schon schlechtere Zeiten erlebt und deshalb wissen alle den momentanen Höhenflug richtig einzuordnen. Das Team um Kapitän Sulu sieht sich jedenfalls nach wie vor in der Underdog-Rolle und fühlt sich darin seit 15 Monaten pudelwohl.

Kommende Nagelproben
Die Ausgangslage ist derzeit gut, doch abgerechnet wird bekanntlich zum Schluss. Die Lilien werden weiterhin hungrig bleiben und den jeweils nächsten Gegner mit der gewohnten Akribie bespielen und bearbeiten. Alles andere käme überraschend. Dafür sorgt zum einen der Coach und es müsste schon sehr verwundern, wenn der bislang tadellose Charakter des Teams plötzlich ins Wanken geraten würde. Der Kader besitzt mit den spät verpflichteten Jungwirth und Balogun eine Breite, die den Ausfall von drei oder vier Leistungsträgern auffangen kann. Die Nagelprobe wird kommen, sollte es mehrere Niederlagen hintereinander setzen. Bislang hat es der Spielplan gut gemeint. Fortan werden die Darmstädter vermehrt auf Kontrahenten aus der oberen Tabellenhälfte treffen. Seit Dirk Schuster am Böllenfalltor anheuerte, gab es nur einmal eine nennenswerte Negativserie. Im November 2013 verloren die 98er dreimal in Folge. Sie schüttelten sich kurz und setzten sich dann beharrlich in der Spitzengruppe fest. Alle Fußballromantiker und -traditionalisten sollten die Lilien also im Blick behalten!

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