Fear and loathing in Bad Cannstatt

Der VfB Stuttgart steht am Abgrund. 20 Punkte nach 24 Spieltagen bedeuten Platz 18 in der Bundesliga. Das rettende Ufer liegt zwar noch in Schlagdistanz, es erhärten sich aber die Indizien, dass es die Schwaben in diesem Jahr erwischen könnte.

Vor acht Jahren grüßte der VfB noch als Deutscher Meister, doch seitdem ist am Wasen herzlich wenig zusammengelaufen. Kaum eine Saison wurde mehr auf einem gleichbleibend hohen Niveau absolviert. Einer ordentlichen bis guten Hälfte, stand zumeist eine desaströse zweite gegenüber. Sollte in den verbleibenden elf Spieltagen keine Serie folgen, hätten die Schwaben den mageren 17 Pünktchen aus der Hinrunde nichts entgegenzusetzen. Lediglich drei Remis in sieben Rückrundenspielen geben im Moment wenig Anlass zur Hoffnung. Umso mehr, als in diesem Jahr definitiv keine 27 Punkte zum Klassenerhalt reichen werden, wie es im letzten Jahr dem HSV vergönnt war.

Heimschwächste Teams stiegen in den letzten zehn Jahren immer ab
Was besonders ins Auge sticht, ist die frappierende Heimschwäche des VfB. Sechs Punkte und sechs Tore in zwölf Heimspielen sind die Kennzahlen eines Absteigers. Überflüssig zu sagen, dass dies aktuell den letzten Platz in der Heimtabelle bedeutet. Von diesem sollten sie sich aber schleunigst entfernen, denn in den letzten zehn Jahren stieg der Tabellenletzte in dieser Kategorie ausnahmslos ab: 2004/05 Freiburg, gefolgt von Duisburg, Aachen, nochmals Duisburg, Bielefeld, Hertha, St. Pauli, Kaiserslautern, Greuther Fürth und zuletzt Nürnberg.

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Mercedes-Benz-Arena lähmt das Team 
Dabei erscheint es schon fast wie ein Treppenwitz, dass die Stuttgarter in der Mercedes-Benz-Arena nicht ins Rollen kommen. Über Jahre hinweg forderten die Fans den Umbau des alten Neckarstadions in eine reine Fußballarena und naturgemäß versprach sich auch der Klub viel davon. Seit 2011 spielt der VfB endlich im runderneuerten Stadion, nur mit dem Punktesammeln wollte es lediglich in der Premierensaison mit 33 Punkten klappen. 2012/13 und 2013/14 kamen nur noch je 19 Punkte zusammen. Bei noch sechs verbleibenden Heimspielen wird es in dieser Spielzeit nicht einmal mehr zu dieser bescheidenen Ausbeute kommen. In den letzten 46 Heimspielen gelangen den Schwaben gerade mal elf Siege, denen 24 Niederlagen gegenüberstehen. Eine ernüchternde Bilanz, die bei Fans wie Spielern für Frust sorgt.

Restprogramm: Zu Hause zum Siegen verdammt, schwere Auswärtsaufgaben
Mit Mainz, Hamburg und Freiburg kommen in dieser Spielzeit noch drei Mannschaften nach Stuttgart, die in der zweiten Tabellenhälfte zu finden sind. Angesichts der frappierenden Heimschwäche müsste man dem VfB wünschen, diese Sechs-Punkte-Partien auswärts spielen zu dürfen. So dürfte der ohnehin schon taumelnde VfB auf defensiv kompakt und diszipliniert stehende Kontrahenten treffen, die, wie es Hertha heute gezeigt hat, den zum Agieren gezwungenen VfB zur Verzweiflung bringen können. Auf ihre Auswärtsstärke dürfen sich die Schwaben ebenfalls nicht verlassen, denn sie müssen noch nach Leverkusen, Wolfsburg, Schalke und Augsburg. Allesamt heimstarke Teams, die zusammen in dieser Saison bislang erst viermal auf eigenem Platz verloren haben.

Krisenmix: Gestandene Profis im Drittligateam, Unruhe im Verein, keine Trendwende unter Stevens
Da kann es einem um die Schwaben angst und bange werden. So mancher befürchtet nächste Saison schon ein Stadtderby mit den Kickers in Liga 2, deren Aufstieg vorausgesetzt. Immerhin dürfte es dann im VfB-Kader schon den ein oder anderen Spieler geben, die den Rivalen aus eigener Erfahrung kennen. Denn der VfB erlaubt sich den Luxus gestandene Profis wie Konstantin Rausch, Karim Haggui, Sercan Sararer, Daniel Ginczek und Mohammed Abdellaoue immer wieder in der Zweitvertretung spielen zu lassen. Das deutet entweder darauf hin, dass es den genannten Spielern an der Klasse oder der richtigen Einstellung mangelt. Vielleicht ist es aber doch vielmehr ein Zeichen einer verfehlten Einkaufspolitik und einer immensen Unruhe im Verein. Acht Trainerwechsel seit 2008, mehrere Wechsel auf dem Präsidentenstuhl und der Managerposition sprechen nicht gerade für Kontinuität. So wurde mit jedem Wechsel ein neuer Kurs gefahren, der zumeist nach Jahresfrist schon wieder Makulatur war. Und nach einem halben Jahr wird Huub Stevens angezählt. In den Medien ist zu lesen, er und Neu-Sportvorstand Robin Dutt könnten nicht so recht miteinander. Das hätte der Verein auch anders haben können. Denn schließlich hat er sich ein Vierteljahr Zeit gelassen, einen neuen Sportvorstand zu installieren. Zwischenzeitlich war er gezwungen einen neuen Trainer zu suchen, nachdem Armin Veh überraschend das Handtuch geworfen hatte. Da lag offenbar nichts näher, als Vehs Vorgänger Stevens zurückzuholen. Dutt, der eigentlich die sportliche Richtung vorgeben soll, blieb so erst einmal tatenlos.

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Versucht es der VfB nun nach 2010/11 und 2013/14 erneut mit einem dritten Coach?
Das dürfte sich mit dem heutigen Pünktchen gegen Hertha ändern. Zehn Spiele, zehn Punkte, nur zwei Siege. Das sind keine Fakten, die für Stevens sprechen. Die Mechanismen legen nahe, dass in Kürze eine Entscheidung fällt, es mit einem dritten Coach zu versuchen. Die Schwaben würden sich gewissermaßen treu bleiben. Drei Trainer in einer Saison hatten sie bereits 2010/11 (Christian Groß, Jens Keller, Bruno Labbadia) und 2013/14 (Bruno Labbadia, Thomas Schneider, Huub Stevens).

Verpasster Jugendstil 
Letztlich hätte man es dem Jungtrainer Thomas Schneider gewünscht, mit dem VfB Erfolg zu haben. Denn unter ihm schienen sich die Schwaben wieder auf ihre Tugenden zu besinnen und auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Sie waren in der Historie der Stuttgarter schon oftmals das Fundament für Erfolge. Die Vizemeisterschaft 2003 trug nicht ausschließlich, aber doch zu einem beträchtlichen Teil die Handschrift der Eigengewächse Andreas Hinkel, Kevin Kuranyi, Aliaksandr Hleb, Ioannis Amanatidis, Timo Hildebrand und Christian Tiffert. In der Meisterelf von 2007 standen die jungen Christian Gentner, Sami Khedira, Serdar Tasci und Mario Gomez. Heute gibt es zwar Daniel Didavi, Timo Werner, Timo Baumgartl und Antonio Rüdiger, doch die plagen sich zum Teil mit langwierigen Verletzungen oder sind noch blutjung und damit im Abstiegskampf fehleranfällig. Andere Absolventen der VfB-Akademie hatte man in den letzten Jahren ziehen lassen: Etwa Bernd Leno, Sebastian Rudy, Ermin Bicakcic, Rani Khedira oder Joshua Kimmich.

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Die Vereinspolitik der letzten Jahre wirkt wie die eines Getriebenen. Die Mannschaft spielt glücklos und phasenweise konfus. Huub Stevens findet nicht die richtigen Stellschrauben. In einer Arena, für die Champions League erdacht, könnte bald der SV Sandhausen vorspielen: Fear and loathing in Bad Cannstatt.

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4 Gedanken zu “Fear and loathing in Bad Cannstatt

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  2. Klingt nach einer schlüssigen Analyse. Allerdings ist bei Vereinen wie dem VfB (oder Hamburg, Frankfurt, Bremen, Köln, Hannover, Berlin…) die Frage, ob man Nachwuchsspieler „ziehen lässt“ oder nicht viel eher „ziehen lassen muss“. Gerade die von Dir genannten Spieler sind alle bei wesentlich finanzstärkeren Clubs gelandet. Sicher muss man nicht so hektisch-aktionistisch wie der VfB oder der HSV agieren, ein großes Problem aber bleibt es bei allen Vereinen, die auf externe Geldspritzen verzichten müssen. Den Kampf um Nachwuchstalente haben die sog. „Traditionsclubs“ längst verloren. Und das liegt meiner Meinung nach nicht in erster Linie an schlechtem Management (das es sicher auch da gibt).

    • Dann ergibt sich eine Folgefrage: Warum hat der VfB angeblich nicht die finanziellen Mittel, Nachwuchssspieler zu halten? Immerhin ist der VfB der Platzhirsch in einer Region, in der der Stadtrivale in der dritten Liga spielt und Hoffenheim und Freiburg weiter weg (und zudem badisch) sind. Außerdem ist der VfB in einer der wirtschaftsstärksten Regionen Europas ansässig, Porsche ist nicht weit entfernt (und kürzlich beim Stadtrivalen Kickers eingestiegen), und Mercedes sowieso nicht. Der Chef des mächtigen Aufsichtsrats war Marketingchef bei Mercedes, außerdem sitzen in dem Gremium Vertreter anderer großer Unternehmen. Da müsste es für diesen in und um Stuttgart konkurrenzlosen Verein doch möglich sein, mehr Einnahmen und Sponsorengelder zu generieren. Vielleicht liegt die Wahrheit eher in der Vereinspolitik: Zu wenig Mut, auf Eigengewächse zu setzen (trotz seit Jahren erfolgreicher Jugendarbeit), zu viele Spieler aus dem Ausland, mit denen sich die Fans nicht identifizieren können. Und die der Mannschaft – und das ist ein Hauptproblem dieses Teams – keine klare Struktur und Hierarchie geben. Daran wird auch ein (wieder) neuer Trainer nichts ändern können.
      Eine Anmerkung zum Text: Gut und informativ geschrieben, wie immer. Ginczek spielte in der Zweiten, weil er lange verletzt war und Spielpraxis brauchte. Außerdem würde mich interessieren, in welchem Presseorgan stand, dass Dutt und Stevens sich nicht verstehen würden. In Stuttgarter Medien wird das Gegenteil behauptet, und die beiden Protagonisten selbst versichern glaubhaft, dass das auch so ist.

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