Merkel, Schmidtgal & Co.: Nationalelfkarrieren in Osteuropa

Von Kickschuh-Gastspieler Maximilian (Blog: https://internationalassociationfootball.wordpress.com/)

Eine große Karriere war ihm vorausgesagt worden. Kein Wunder, wenn man mit 16 zum AC Mailand wechselt und mit 18 sein Debüt in der Champions League feiert. Jetzt sitzt Alexander Merkel bei den Grasshoppers Zürich zumeist auf der Tribüne. Und statt mit der DFB-Elf international um Titel zu kämpfen, steht der Mittelfeldmann vor dem Debüt für die Nationalelf Kasachstans. Der Kickschuh-Blog wirft einen Blick auf ihn und andere deutsche Spieler, die für andere osteuropäische Nationenen spielen – oder spielen könnten.

Alexander Merkels Karriere ist ins Stocken geraten

Am 28. März empfängt Kasachstan in der EM-Quali Island. Merkel könnte gegen die Nordmänner bereits sein Debüt feiern. Am 22. Februar 1992 wurde der mittlerweile 23-jährige in der Nähe des kasachischen Almaty geboren. Seine Eltern sind deutscher Abstammung und zogen 1998 in den Westerwald, wo auch Merkels fußballerische Karriere begann. Über die Jugend des VfB Stuttgart wechselte er zum AC Mailand und rückte nach seinen Debüt in den Fokus der Presse.

Dabei spielte der Shootingstar kurzzeitig beim AC Milan im Konzert der ganz Großen

Doch Merkel konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Durch das undurchsichtige italienische Verleihsystem von Spielern landete Merkel erst beim CFC Genua, dann bei Udinese Calcio. Weder bei dem einem, noch beim anderen Team kam er über Kurzeinsätze hinaus. Daher wurde er 2014 nach Watford in die zweite englische Liga verliehen. Auch dort fiel die Bilanz bescheiden aus (11 Spiele, ein Tor, ein Platzverweis), sodass er mittlerweile bei den Grasshoppers Zürich landete.

Doch auch in der Schweiz findet der Kreativspieler kein Glück und durfte seit September nicht mehr spielen – und daran wird sich wohl bis zum Sommer nichts mehr ändern. Die Gründe? Im Interview mit dem Fachblatt kicker äußerte sich Merkel logischerweise zurückhaltend. Genaueres wisse er selbst auch nicht.

Beim DFB durchlief der Blondschopf von 2007 bis 2011 U15, U16, U17, U18, U19 und U20. Ende 2014 begannen dann die Gespräche mit dem kasachischen Verband. Mit dem Resultat, dass Merkel ab sofort für die Zentralasiaten aufläuft.

In der deutschen U15 ist er unten rechts neben Mario Götze zu sehen

Was so exotisch klingt, ist bei genauem Hinsehen aber gar nicht mal so selten. Schließlich tummeln sich im deutschen Profi-Fußball einige Spieler mit Wurzeln in den ehemaligen Sowjetrepubliken.

Engel, Schmidtgal, Karimov – Kasachstans „Deutsche“
Zu diesen gehört Merkels neuer Teamkamerad Konstantin Engel. Der Außenverteidiger ist neben Merkel der einzige Legionär im Kader der Kasachen. Der in der zweiten Liga bei Primus Ingolstadt spielende Engel wurde 1988 in Karagandy geboren, kam aber bereits im Alter von sechs Monaten nach Deutschland. Teile der Familie, inklusive der Großmutter, leben noch dort. 2012 gab er sein Debüt für die Kasachen und durfte am 26. März 2013 beim Auswärtsspiel gegen die DFB-Elf in Nürnberg (1:4) gleich von Beginn an ran.

Heinrich Schmidtgal, damals Torschütze des Ehrentreffers, reiht sich ebenfalls in die Reihe der Deutsch-Kasachen ein. 2010 erhielt der in Esik geborene Flügelspieler den kasachischen Pass und feierte unter dem damaligen Nationalspieler Bernd Storck sein Debüt. Zurzeit ist der Düsseldorfer allerdings verletzt.

Heinrich Schmidtgal im Einsatz für die Nationalelf Kasachstans

Auch Sergej Karimov (ehemals Wolfsburg II und Duisburg) lief immerhin einmal für Kasachstan auf. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines russischen Vaters kam in Saran zur Welt und durfte 2010 in einem Freundschaftsspiel gegen den Oman ran. Seitdem wurde er allerdings nicht mehr nominiert.

Weitere Kandidaten, die für den 138. der Weltrangliste auflaufen könnten, sind Juri Judt (Erfurt, ehemals Fürth und Nürnberg) sowie Willi Evseev (Nürnberg, ehemals Hannover und Wolfsburg). Wie bei den oben erwähnten, wanderten auch ihre Eltern aus Kasachstan aus. Sie selbst wuchsen in Deutschland auf und spielten für DFB-U-Teams.

Andreas Wolf und Alexander Huber potentiell für Tadschikistan spielberechtigt
Doch Kasachstan ist nicht das einzige Land, das auf deutschsprachige Spieler zurückgreifen könnte. Tadschikistan ist in Asien weit von der fußballerischen Spitze entfernt, doch zwei durchaus bekannte Spieler hätten für das acht Millionen Einwohner Land auflaufen dürfen. Der langjährige, jetzt nicht mehr aktive, Club-Kapitän Andreas Wolf wurde in Khujand geboren und kam mit acht Jahren nach Deutschland. Eine Länderspielkarriere verfolgte er aber nicht.

Diese Möglichkeit steht Alexander Huber noch offen. Auch der Stammverteidiger des FSV Frankfurt erblickte in Khujand das Licht der Welt. Der mittlerweile 30-jährige besitzt angeblich sogar einen tadschikischen Pass. Inwiefern es aber interessant ist, die großen Reisestrapazen für ein paar internationale Einsätze gegen eher kleinere Gegner in Kauf zu nehmen, bleibt fraglich.

„Exot“ Alexander Geynrikh
Deutlich näher an der sportlichen Spitze – zumindest in Asien – ist Usbekistan. Stürmer Alexander Geynrikh schnürrt bereits seit 2002 die Schuhe für die „Weißen Wölfe“ und traf in 84 Einsätzen 28-mal. Auch Geynrikh hat russlanddeutsche Wurzeln. Im Gegensatz zu den anderen lebte er nie in Deutschland, lässt sich allerdings durch eine deutsche Spieleragentur beraten.

Für Russland hätte Andreas Beck spielen können. Der Hoffenheimer Kapitän stammt ursprünglich aus Kemerovo (Sibirien). Ab dem dritten Lebensjahr lebt der Außenverteidiger in Baden-Württemberg, die Entscheidung für Deutschland ergab sich für den U21-Europameister von 2009 früh. Seit der WM-Quali 2010 kam er allerdings auch nicht mehr in Pflichtspielen zum Einsatz.

Rausch für Russland? Neustädter für die Ukraine?
Der ehemalige Hannoveraner und aktuell beim VfB aufs Abstellgleis geratene Konstantin Rausch hätte ebenfalls die Möglichkeit für die „Sbornaja“ aufzulaufen. Der Flügelspieler wurde in Koženikovo im Tomsk Oblast geboren. Luftlinie nach Deutschland: über 5.000 Kilometer! Zum Vergleich: Nach Peking sind es lediglich knapp 3.000.

Konstantin Rausch könnte für Russland spielen, kämpft derzeit aber beim VfB um den Anschluss

Wie auch Merkel durchlief Rausch die deutschen U-Teams, inklusive U21. Im Jahr 2011 berichteten russische Medien davon, dass Rausch Interesse habe, für Russland zu spielen, allerdings nicht vom Verband angesprochen wurde. Der Wahrheitsgehalt dieser Berichte kann schwer überprüft werden. Fakt ist, dass Rausch die Möglichkeit offen steht – sofern natürlich der Verband mitspielt. Beim VfB Stuttgart geht es für den 25-jährigen derzeit aber primär darum, wieder den Anschluss an die Bundesligaelf zu finden.

Der wohl interessanteste Kandidat für eine Nationalelfkarriere in Osteuropa ist aber wohl Schalkes Defensivallrounder Roman Neustädter. Sein Vater Peter wurde als Sohn eines Wolga-Deutschen und einer Ukrainerin in Kirgistan geboren. Neustädter senior lief dreimal international für Kasachstan auf, Sohn Roman wurde während seiner Zeit bei Dnipró Dnipopetróvs’k geboren, vier Jahre später ließ sich die Familie in Süddeutschland nieder.

Für Deutschland absolvierte der 27-jährige zwar bereits zwei Kurzeinsätze, allerdings nur in Freundschaftsspielen. Damit ist er noch nicht „festgespielt“ und hat weiterhin eine breite Auswahl: er kann für Deutschland, Kirgistan, die Ukraine und Kasachstan spielen.

2011 gab es im Vorfeld zur EM in der Ukraine Kontakte zum Verband, zu einer Berufung kam es aber nicht. Einen ukrainischen Pass besitzt Neustädter nicht, der Landessprache spricht er jedoch. Da auf der Position im defensiven Mittelfeld in der DFB-Elf wohl die größte Leistungsdichte herrscht, sind weitere Einsätze fraglich. Die Tür für die Ukraine steht also weiterhin offen.

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2 Gedanken zu “Merkel, Schmidtgal & Co.: Nationalelfkarrieren in Osteuropa

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