Die Stuttgarter Kickers – eine Saisonbilanz

Von Kickschuh-Gastspieler und Kickers-Fan Wolfi Die Stuttgarter Kickers, einst ein Urgestein der 2. Bundesliga, klopften in der abgelaufenen Saison erstmals seit langem wieder vehement ans Tor zur Zweitklassigkeit. Letztlich scheiterten sie knapp, da sie sich im Saisonendspurt eine kleine Schwächephase leisteten. Vor Wochenfrist endete die Saison für den Tabellenvierten mit einem 2:0 beim Relegationsteilnehmer Holstein Kiel versöhnlich. Der Kickschuh-Blog blickt heute auf die Saison der Blauen aus Stuttgart zurück und beginnt mit einer Referenz an die Überflieger aus Darmstadt:

Die Vorgeschichte:
Wer sich als Fan der Stuttgarter Kickers den unglaublichen Aufstieg des SV Darmstadt 98 vor Augen führt, der kommt nicht umhin, sich verwundert die Augen zu reiben. Waren sich die beiden Klubs nicht bis vor kurzem noch auf Augenhöhe begegnet? Aber sicher! Und heute? Ziehen die Lilien in die Bundesliga ein, während die Kickers vom aus dem Stuttgarter Stadteil Degerloch den Aufstieg in Liga 2 um Haaresbreite verpassten.

  • 21. Mai 2011: Am vorletzten Spieltag der Regionalliga Süd liegen die Stuttgarter Kickers beim FSV Frankfurt II nach einer Stunde mit 2:0 vorne. In der Live-Tabelle haben sie Darmstadt zu diesem Zeitpunkt vom Aufstiegsrang verdrängt. Ein Last-Minute-Tor in Worms lässt die Lilien wieder vorbeiziehen, die eine Woche später den Aufstieg klar machen.
  • 19. November 2012: Die Kickers waren mit Coach Dirk Schuster mittlerweile auch in Liga 3 eingezogen. Nach einem Sieg in zehn Spielen entlässt die Führung der Blauen jedoch Schuster – jenen Coach, der später mit Darmstadt erst in die zweite und jetzt in die erste Liga aufstieg.
  • 18. Mai 2013: In einem „Endspiel“ am Böllenfalltor sichern die Kickers die Klasse, Gastgeber Darmstadt steigt in die vierte Liga ab. Vermeinlicht. Einen Offenbacher Lizenzentzug und zwei Lilien-Aufstiege später trennen die beiden Vereine nach der Saison 2014/2015 zwei Ligen.
Der Kickers-Fanblock vor dem

Der Kickers-Fanblock vor dem „Endspiel“ im Mai 2013 am Böllenfalltor (Quelle: kickschuh.wordpress.com)

Lorbeeren:
Die abgelaufene Saison beginnt für die Kickers gut – mit einer 1:4-Niederlage. Er ziehe alle Hüte vor den spielstarken Kickers, sagt Jürgen Klopp nach dem (zu deutlichen) 4:1-Sieg seines BVB in der ersten Pokalrunde gegen die Kickers. Nach Spielende verbeugt sich Klopp, ein ehemaliger Fan des Stadtrivalen VfB Stuttgart, vor dem Kickers-Fanblock. Und auch während der Saison attestieren mehrere gegnerische Trainer den Schwaben, eines der spielstärksten Teams der Liga zu sein.

Ostphobie (oder: Enttäuschung der Saison):
Und doch schaffen es die Kickers weder auf einen Aufstiegs- noch auf den Relegationsplatz. Und das, obwohl sie gegen die zwei in der Schlusstabelle direkt vor ihnen platzierten Teams (Kiel und Duisburg) in vier Duellen sieben Punkte holen. Doch es gibt eine Art Ostphobie: In der Schlussphase der Saison gehen binnen weniger Wochen die Spiele in Rostock, in Cottbus und gegen Dresden verloren. Diese kurze Schwächephase kostet den Aufstieg. Auch wenn Kickers-Coach Horst Steffen behauptet, mit dem Saisonverlauf zufrieden zu sein, insgeheim hätte er sich wohl auch einen Tick mehr (Darmstädter) Konstanz gewünscht: Neun Niederlagen sind für einen Aufstiegskandidaten ein, zwei Niederlagen zu viel. Die 47 Gegentore sind ebenfalls kein Ruhmesblatt für die Abwehr und für den Torwart. So wurde vier Spieltage vor Schluss der bisherige Stammkeeper Korbinian Müller gegen Mark Redl ersetzt – und das von einem Coach, der sonst kein Freund großer Veränderungen in der ersten Elf ist. Im letzten (unbedeutenden) Saisonspiel in Kiel hütete wieder Müller das Tor. Vielleicht wird es nun besser: Mit Erol Sabanov (vor sieben Jahren Mannschaftskapitän in Heidenheim) verpflichtete der Verein jetzt einen neuen Torwarttrainer.

Das Positive:
Andererseits kann der vierte Platz tatsächlich als Erfolg betrachtet werden. Zum einen bedeutet er die direkte Qualifikation für den DFB-Pokal, zum anderen verkraftete das Team den Ausfall wichtiger Spieler. Topstürmer Elia Soriano (ein gebürtiger Darmstädter) musste die Saison frühzeitig mit einem Kreuzbandriss beenden. Und auch mit Enzo Marchese war der Spielführer und Leitwolf der Mannschaft viele Wochen weg vom Fenster. Positiv ist zudem die Moral des Teams: Es drehte in sechs Spielen einen Rückstand in einen Sieg, zweimal sogar ein 0:2 in ein 3:2 (in Mainz und in Münster).

Lichtblicke:
Besar Halimi nahm sich mitunter seine Auszeiten, ist aber der Spielgestalter, der für kreative Ideen zuständig ist und sie gekonnt umsetzt. Der 20-jährige wurde sieben Jahre lang bei Eintracht Frankfurt ausgebildet, ehe er 2007 für zwei Jahre in den Jugendteams der Lilien und anschließend bei den Junioren des 1. FC Nürnberg spielte. Danach heuerte er beim VfB II an, bevor ihm jetzt bei den Kickers der Durchbruch gelang. Die Folge waren mehrere Wechselangebote, unter anderem von Benfica Lissabon. Der zweite Lichtblick war gegen Ende der Saison Manuel Fischer. Beim Stadtrivalen VfB einst als aufstrebendes Jungtalent gehandelt, geriet seine Karriere rasch ins Stocken. Nach dem Ausfall Sorianos verpflichteten die Blauen den Angreifer von Ligakonkurrenten Sonnenhof Großaspach. Zuletzt kam Fischer bei den Kickers immer besser in Tritt. Sein entscheidendes Tor im Derby gegen den VfB II kurz vor Spielende, werden die Kickers-Fans so schnell nicht vergessen.

Kuriosum:
Die Kickers kickten in dieser Saison in insgesamt 21 Stadien – alle anderen Konkurrenten nur in 20. Zwölf Partien spielten die Kickers an der Reutlinger Kreuzeiche und wurden dabei zur besten „Heim“mannschaft der Liga: Acht Siege und vier Unentschieden. Im Februar ging es zurück ins mittlerweile umgebaute Kickers-Stadion auf der Waldau. Unterm Stuttgarter Fernsehturm setzte es die einzigen beiden Heimniederlagen der Saison (Bielefeld und Dresden). Mit Daniel Engelbrecht haben die Kickers den einzigen deutschen Profifußballer mit Defibrillator in ihren Reihen. Der herzkranke Spieler, der vor knapp zwei Jahren dem Tod nahe war, sorgte für den emotionalen Höhepunkt der Kickers-Saison: Am Nikolaustag 2014 erzielte Engelbrecht in der Nachspielzeit den Siegtreffer gegen Wehen – es war sein erstes Saisontor nach dem Comeback. Auf seinem Shirt war der Spruch zu lesen: „Nichts ist unmöglich.“

Sponsoren:
Neuer Trikotsponsor der Kickers ist MHP, ein Tochterunternehmen von Porsche. Der Zuffenhauser Automobilhersteller fördert seit neuestem auch die Nachwuchsarbeit der Kickers, die Fußball-Akademie des schwäbischen Clubs wird nach Porsche benannt. Das Tochterunternehmen MHP ist auch Hauptsponsor des Basketball-Bundesligisten Ludwigsburg.

Exkurs – die Relegation:
Die Relegation haben die Kickers um einen Platz verpasst. Stattdessen spielt Holstein Kiel nun um den Aufstieg in die zweite Liga – gegen 1860 München. Die Kieler Sportvereinigung Holstein, im Jahr 1900 gegründet und zwölf Jahre später als erster Nordklub Deutscher Meister, hat einen prominenten Mann in ihren Reihen: Ex-Bundesliga- und Kickers-Profi Karsten Neitzel ist der Trainer. Herzstück des Teams ist die Abwehr – sie ließ mit 30 Gegentoren die wenigsten aller Drittligamannschaften zu. Kiel könnte zum zweiten Darmstadt werden, nur eine Liga tiefer: Die Lilien benötigten 33 Jahre für die Rückkehr in die Bundesliga, die Kieler würden nach 34 Jahren wieder in der zweiten Liga spielen. Dann müsste, wie in Darmstadt, das alte Stadion modernisiert werden. Die Kieler Stadtwerke und das Land Schleswig-Holstein würden den Verein dabei unterstützen. Die Partie Kiel gegen 1860 gab es übrigens schon einmal in dieser Saison: Die Löwen gewannen im August im Pokalwettbewerb 2:1 in Kiel. Münchens Trainer Ricardo Moniz, der zu dieser Zeit den Aufstieg seines Teams in die erste Liga angekündigt hatte, war gut einen Monat nach dieser Partie entlassen.

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3 Gedanken zu “Die Stuttgarter Kickers – eine Saisonbilanz

  1. Pingback: Die Stuttgarter Kickers – eine Saisonbilanz | re: Fußball

  2. Das hat niemals ein Kickersfan geschrieben. Niemand, der auch nur ein bisschen mit den Kickers zu tun hat, würde VOM Degerloch schreiben. Das ist so, als wenn ein Darmstädter seine Mannschaft als „Rosen“ bezeichnet.

    Hamburg ist keine Ritterburg, Mannheim ist kein Kinderheim und Degerloch ist kein Loch. Einfach ein Stadtteil.

    • Danke Hans für Deinen Kommentar. Da werde ich meinen Kickschuh-Gastblogger mal zwangsweise „auf den Sonnenhof“ schicken. (Update 31.05.2015, 23:04: Den Schuh muss ich mir sogar selbst ansehen. Habe beim Redigieren geschludert. Sorry!!!)

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