#84 – Weil wir den DFB-Pokal lieb gewonnen haben

Cover_111-Gründe_#84-DFB-PokalAm Dienstag fahren die Lilien zum großen FC Bayern nach München. Der DFB-Pokal ruft. Nichts verdeutlicht besser als diese Auswärtsfahrt, wie lange der SV Darmstadt 98 zuvor in der Bedeutungslosigkeit versunken war. Das letzte DFB-Pokalspiel in der Fremde mussten die 98er am 12. September 1992 bei Zweitliga-Konkurrent FC Remscheid bestreiten. Danach fand der DFB-Pokal entweder ohne die Lilien statt, oder sie genossen als Amateurteam Heimrecht. [Korrektur 15.12.2015: In der 1. Runde trat der SVD in diesem Jahr bereits bei TuS Erndtebrück an.] Die Partie in München soll deshalb Anlass genug sein, sich an die Highlights der Blau-Weißen im DFB-Pokal zu erinnern. Ich hatte sie im 84. Kapitel meines im September 2015 erschienen Lilien-Buchs zusammengefasst und gebe sie nun hier wieder:

Für einen Verein, der zwischen 1993 und 2014 nur Dritt- oder Viertligafußball zu bieten hatte, waren Partien im DFB-Pokal natürlich absolute Highlights. Sie brachten ein wenig Glanz in die gute Stube und im besten aller Fälle nationale Aufmerksamkeit. Genau deshalb haben die Fans des SVD den DFB-Pokal bis heute lieb gewonnen.

Gleichwohl ist die Erfolgsbilanz des SVD überschaubar. Die wenigen Höhepunkte sind schnell erzählt. 2001 lehrten die 98er der Bundesliga das Fürchten. Der FC St. Pauli und der SC Freiburg blieben in den ersten beiden Runden auf der Strecke. Pokalverteidiger FC Schalke 04 war im Achtelfinale drauf und dran die Segel zu streichen, ehe Ebbe Sand kurz vor dem Abpfiff dem Lilien-Spuk ein Ende bereitete. Im August 2013 erhielt das Spitzenteam aus Mönchengladbach eine Ahnung davon, zu welcher Leistung der spätere Zweitligaaufsteiger imstande ist. Endstation war in Runde zwei wieder der FC Schalke 04, allerdings nach hartem Kampf und unter Flutlicht, zur Primetime live in der ARD.

Aufhorchen ließen die Lilien 1979/80. Dem damaligen Bundesligisten aus Kaiserslautern verging beim 0:4 am Böllenfalltor hören und sehen. Ein anschließendes 7:2 gegen Zweitligakonkurrent Fortuna Köln ließ nicht minder aufhorchen, bevor Fortunas Stadtrivale FC im Achtelfinale das Stoppschild zeigte. In der Pokalrunde 1982/83 gewann der SVD zunächst mit 4:0 bei Hannover 96. Nach einem Sieg beim unterklassigen Rot-Weiß Lüdenscheid, ging es im Achtelfinale nach Dortmund. Die Lilien führten zur Pause bereits mit 2:0, ehe Kalli Feldkamp Erdal Keser einwechselte, der das Spiel drehte und der Zweitligist mit 2:4 das Nachsehen hatte.

Den Höhepunkt der Darmstädter Pokalhistorie stellt die Saison 1986/87 dar. Nach zwei Siegen bei den Amateuren des SCC Berlin und von Blau-Weiß Friedrichstadt ging es im Achtelfinale zu Fortuna Köln. Mit zwei Toren in der Verlängerung besiegelte Bruno Labbadia den ersten und bis heute einzigen Viertelfinaleinzug. Der Gegner elektrisierte: Der Hamburger SV.

Das Böllenfalltor platzte am 7. März 1987 aus allen Nähten. Umso mehr, als der SVD versehentlich die Plätze einiger Dauerkartenbesitzer in den freien Verkauf gegeben hatte. Der Klub löste das Problem, indem er die Dauerkarteninhaber auf Holzbänke im Innenraum des Stadions bat. Sie konnten das Duell des Zweiten der Bundesliga gegen den Zweiten der 2. Liga also aus nächster Nähe verfolgen. Der HSV wusste durch seinen Spielerspion Thomas Kroth, worauf er sich einstellen musste: „Das ist eine ganz ausgebuffte Spitzenmannschaft der zweiten Liga. Da stimmt alles, Raumaufteilung, Technik, Kondition. Wir werden uns warm anziehen müssen.“ Lilien-Trainer Eckhard Krautzun, ansonsten ein Verfechter des Offensivfußballs, wusste wiederum, wie dem HSV beizukommen wäre: „Spielerisch und technisch sind wir im Nachteil, aber im Cup führt der Weg zum Erfolg ohnehin nur über den Kampf. Und da werden wir alles geben und setzen auf unsere Heimstärke.“ Folglich ließ er lediglich den jungen Bruno Labbadia in vorderster Front stürmen und verstärkte seine Defensive um den lange verletzten Thomas Klepper.

Ein Schachzug, der aufging. Nach ein paar brenzligen Situation Mitte der ersten Halbzeit, verstanden es die Lilien ein ums andere Mal die Angriffsaktionen des Favoriten ins Leere laufen zu lassen und waren auf dem besten Weg den HSV in die Verlängerung zu zwingen. Dann kam die 88. Minute und Hamburgs Pole Miroslav Okonski passte perfekt auf Joker Manfred Kastl, der Torhüter Wilhelm Huxhorn keine Chance ließ. Einzig: Kastl stand maßgeblich im Abseits! Nicht die einzige Fehlentscheidung von Schiedsrichter Hans-Jürgen Weber. In der zweiten Halbzeit legte Gerard Plessers, Hamburgs bereits gelb-verwarnte Nummer 5, Darmstadts Rafael Sanchez. Weber war bereits dabei die Karte zu zücken, die einen Platzverweis bedeutet hätte, als er urplötzlich seine Meinung änderte. Labbadia bezeichnete die Aktion später gefrustet als „HSV-Bonus“.

Der kicker schrieb ob des Spielausgangs von einem „bitteren Ende für die Lilien“ und einer Darmstädter Elf, die „auch in den technischen Belangen mitgehalten hatte“, während der spätere Pokalsieger mit einem „blauen Auge“ davongekommen sei. Die Unterlegenen waren reichlich angefressen: Coach Krautzun fand es einfach nur „brutal“ so auszuscheiden, Stürmer Labbadia fand den Gegentreffer einfach nur ein „Misttor“ und Libero Kalle Emig ätzte: „Sympathien haben wir uns wieder einmal geholt, doch davon haben wir nichts. Es gibt nichts Schlimmeres im Fußball“. Dennoch lieben wir den DFB-Pokal am Böllenfalltor!

 

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