#m05d98: „Es ist toll, noch ein Nachbarschaftsduell zu haben“

Die-05er-vs-Die-LilienDie englische Woche klingt für die Lilien am Sonntag in Mainz aus. Und wenn die Mannschaft um 15:30 Uhr das Spielfeld betritt, könnte sie sich auf Relegationsrang 16 wiederfinden. Am Samstag spielen Werder gegen Hannover, Hoffenheim gegen Stuttgart und die Eintracht gegen Ingolstadt. Nicht auszuschließen, dass alle drei Teams (kräftig) punkten und den Druck auf den SVD erhöhen. Währenddessen ist beim selbst ernannten Karnevalsverein alles in bester Ordnung. Darüber spreche ich mit Journalistin Mara. Während ich das 111-Gründe-Buch über die Lilien geschrieben habe, hat sie es über die 05er mitverfasst.

[Hinweis in eigener Sache: Wer nicht nur immer mein Geschreibsel lesen will, der hat bald die Gelegenheit mich einmal live und in Farbe zu erleben. Am 18.03.2016 gebe ich ab 21 Uhr im Darmstädter Justus-Liebig-Haus allerlei kurzweilige Geschichten aus meinem Lilien-Buch zum Besten. Veranstalter ist die FuFa der Lilien. Das gesamte Wochenende wird unter dem Motto „Fußball ist anders“ stehen. Lesungen, Musik, Ausstellungen, Pub-Quiz, Podiumsdiskussion: Hingehen lohnt sich!]

So sieht’s aus:
Der VfB Stuttgart ist die längste Zeit die Mannschaft der Stunde gewesen. Mainz 05 rockt derzeit die Bundesliga. Vier Siege aus den letzten fünf Partien kann ansonsten nur noch Borussia Dortmund vorweisen. Besonders hell glänzt der 2:1-Erfolg bei Bayern München, den die Mainzer am Mittwochabend einfuhren. Die 05er haben sich für den Moment zu einem heißen Anwärter auf die internationalen Plätze gemausert. Rang 5 – im zugegebenermaßen dicht gestaffelten Feld der von Dortmund und Bayern abgehängten Teams – lässt jedenfalls aufhorchen. Vor Schalke, vor Leverkusen, vor Wolfsburg. Der Kader wirkt äußerst homogen. Auch in der Breite ist so schnell kein Substanzverlust zu erkennen. Angesichts des Laufs erwartet Fußball-Deutschland, dass Martin Schmidt und sein Team Darmstadt 98 besiegen.

Doch es wäre nicht das erste Mal, dass die Lilien ein Spitzenteam ausbremsen. Umso mehr, wenn es niemand erwartet und noch viel mehr, wenn das Spiel in der Fremde stattfindet. So gesehen ist die Ausgangslage für die 98er gar nicht mal so schlecht. Der Gegner ist euphorisiert und auf dem Papier der klare Favorit. Die Lilien gefallen sich derweil in ihrer Underdog-Rolle. In der Defensive kompakt stehen, nach vorne auf die zweiten Bälle gehen, Standards herausholen und dann zuschlagen. Dieses Rezept wäre unter der Woche beinahe gegen Borussia Dortmund aufgegangen. Nur wenige Momente vor dem 0:1 strich ein Schuss von Sandro Wagner knapp am Pfosten vorbei. Mit einer Führung im Rücken könnten die Lilien hinten Zement anrühren und nach vorne ein wenig befreiter kontern. Blöderweise verstehen es die Mainzer – allen voran durch Yunus Malli – bemerkenswerte Pässe in die Schnittstellen zu spielen. So wie es am Mittwoch Dortmunds Gonzalo Castro vor dem 2:0 mustergültig gelang.

Tolle Seitenaspekte des Dortmund-Gastspiels waren die Einwechslung von Sandro Sirigu, der nach der Bayern-Partie zum zweiten Mal Bundesliga-Luft schnuppern durfte, und die Nachbetrachtung im prominenten Online-Fanzine schwatzgelb.de:

„Das Auswärtsspiel in Darmstadt war nichts für schwache Nerven, aber ein Highlight für alle Liebhaber – schon lange ging es in der Bundesliga nicht mehr so authentisch zu. (…) Aus Sicht eines Fans ist vollkommen klar: Die Bundesliga braucht mehr Darmstadt und weniger Hoffenheim, denn solche Vereine sind das Salz in der Suppe. (…) Darmstadt hatte gut dagegen gehalten, ein sehr viel attraktiveres Spiel geboten als noch Ingolstadt vor wenigen Wochen, aber kaum mehr ein Mittel gegen einen vor allem in der zweiten Hälfte starken BVB.“

Wir & Die & Die Bundesliga:
Das gab es bislang erst einmal: Beim Hinspiel. Die Stimmung unter den Lilien-Fans – mich inbegriffen – war damals leicht enthusiastisch. Zuvor hatte der hammerharte September mit Spielen gegen Leverkusen, Bayern, Bremen und Dortmund nie erwartete sieben Zähler auf das Lilien-Konto gespült. Wer sich gegen diese Schwergewichte behauptet, der würde doch auch gegen Mainz was mitnehmen können. So dachte man jedenfalls. Doch Pustekuchen. Die 05er bewiesen von Beginn an mit einem starken Yunus Malli, wie den unbequemen Lilien beizukommen ist. Konzentriert, lauf- und spielfreudig sowie konsequent im Torabschluss. Schnell stand es 2:0, bevor Marcel Hellers Tor aus dem Nichts wieder Hoffnung aufkommen ließ. Als „Toni“ Sailer in der zweiten Hälfte der Ausgleich gelang, tobte das Bölle. Aber Mainz zog postwendend an und traf zum 3:2. Mit der letzten Szene des Spiels bekamen die Lilien unverhofft nochmals eine Chance auf dem Silbertablett serviert. Sandro Wagner versuchte es aber leider auf die brachiale Art und drosch einen Strafstoß in Richtung Dugena-Uhr. So blieb Mainz der verdiente Sieger an jenem Freitagabend.

Ach ja, an diesem Wochenende vor fünf Jahren …
… mussten die Lilien in der Regionalliga Süd ebenfalls nicht weit reisen. Hoffenheim II bat mit Markus Gisdol an der Seitenlinie zum Duell. Nachdem Oliver Heil die Lilien in Front geschossen hatte, glich Denis Thomalla in der 82. Minute für die Zweitvertretung der Kraichgauer aus. Zu allem Überfluss holte sich Yannick Stark kurz vor Schluss die rote Karte ab. Lilien-Coach Kosta Runjaic war nach der Begegnung unzufrieden: „Wir hatten heute nicht die Reife das 1:0 über die Zeit zu bringen. Drei Punkte aus vier Spielen ist deutlich zu wenig. Wir werden aber unseren Weg weiter beschreiten und versuchen am Freitag endlich den ersten Dreier zu holen.“

Und die Junglilien:
Mann, mann, mann. Die unnötige Niederlage in Saarbrücken drückt mächtig aufs Gemüt. Noch acht Spieltage bleiben, um den Abstieg aus der Bundesliga Süd/Südwest abzuwenden. Am Samstag kommt die U19 von Greuther Fürth zum Tabellenletzten. Fürth ist selbst noch nicht aus dem Schneider, hatte beim 7:0 im Hinspiel aber demonstriert, wie den Junglilien der Zahn zu ziehen ist. Man kann es drehen wie man will, bei sechs Punkten Rückstand auf das rettende Ufer zählen für die kleinen 98er nur Punkte.


Der Kontrahent hat das Wort:

Mara (37) ist Journalistin und Autorin (u.a. „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“ – mit Christian Karn). Für die Mainzer Allgemeine Zeitung schreibt sie eine 05-Kolumne und auf Twitter (@wortpiratin) folgt ihr eine große Anhängerschaft. Unter wortpiratin.de  bloggt sie, mitunter auch zu Themen ohne Fußballbezug.

Mara, was läuft in Mainz gerade verdammt noch mal richtig?
(lacht) Ich habe keine Ahnung, offensichtlich alles. (amüsiert) Vielleicht spielt sich das Team einfach die Angst davor von der Seele, wie es nach dem Heidel-Abgang weitergehen wird. Aber im Ernst, es ist absolut beeindruckend was hier gerade passiert. Ich habe das Gefühl, da steht in dieser Saison eine Mannschaft auf dem Platz, in der einfach der Zusammenhalt besonders stark ist. Dieser Teamgeist trägt definitiv zum momentanen Erfolg bei.

Was kennzeichnet euer Spiel?
Zum einen ist das unter Martin Schmidt ganz klar das schnelle Umschaltspiel, zum anderen sind es die ‚klassischen Mainzer Tugenden‘, also: Zusammenhalt, Kampf und Laufbereitschaft. Ich glaube, derzeit spult kein Team so viele Kilometer ab wie die 05er. Jeder läuft für den anderen, keiner gibt sich auf und die Spieler versuchen immer, noch etwas zu bewegen. Wenn wir erst mal in Führung gehen, sind wir deshalb aktuell nur schwer zu schlagen.

Wer sind die Säulen des Teams?
Für mich ist das momentan einmal ganz klar Julian Baumgartlinger. Er steht für all das, was ich beschrieben habe: er läuft, kämpft, gibt nie auf. Zu Saisonbeginn hat er als Kapitän den Vorzug vor unserem langjährigen Co Niko Bungert bekommen, was mir für Bungert damals echt leid tat, aber Baumi ist tatsächlich der geborene Captain. Keeper Loris Karius ist Weltklasse und wird für uns in der Form auf Dauer nicht zu halten sein – es sei denn, wir qualifizieren uns tatsächlich für die Champions League (lacht). In der Offensive ist seit der Winterpause Jhon Córdoba bockstark, ich würde trotzdem Yunus Malli nennen. Ihm haben hier wirklich drei Trainer Vertrauen und Zeit geschenkt, und jetzt hat er diese absolute Leistungsexplosion. Dazu kommt, dass wir uns auf der Außenverteidigerposition gut verstärkt haben mit Gaetan Bussmann, der seit Rückrundenbeginn gesetzt ist, und Giulio Donati, der im Winter von Leverkusen kam. Die beiden haben aus meiner Sicht eine neue Qualität reingebracht.

Niederlagen setzte es in diesem Jahr bislang gegen Ingolstadt und Hoffenheim. Gibt es also einen Spielstil, der euch gar nicht behagt?
Ich finde, Ingolstadt ist wahnsinnig unangenehm zu spielen. Klar sagen die, so ein Quatsch, wir spielen Fußball, aber ich gehe mit Lewis Holtby, wenn er sagt, dass die einfach total nerven. Auf der einen Seite jammern sie viel, räumen aber selber ordentlich ab. Mit dem von uns bevorzugten schnellen Umschaltspiel und Konterfußball kommst du gegen die nicht an. Außerdem ist es eine Mainzer Tradition, gegen die Aufsteiger aus Bayern die Punkte abzugeben, das war schon gegen Augsburg und Fürth so… Das Spiel in Hoffenheim werte ich als Sonderfall. Es war deren erstes Heimspiel unter Julian Nagelsmann und man muss ehrlich sagen, sie wollten den Sieg mehr. Und wenn wir hinten liegen, fehlt mir auch noch ein bisschen die Idee, wie das Team damit umgeht.

Wie schlagen sich die beiden Ex-Lilien Danny Latza und Leon Balogun?
Charakterlich finde ich sie beide super sympathisch. Danny Latza hat in der Hinrunde unser „Transferjuwel“ Fabian Frei nach dessen Verletzung hervorragend ersetzt und sich nach kurzer Anlaufzeit toll entwickelt. Jetzt ist Frei wieder fit und es wird spannend zu beobachten, wie und wo Schmidt die beiden einsetzt. Balogun spielt bei uns meist Innenverteider. Wie das auf dieser Position so ist, hatte er natürlich ein zwei Spiele, wo man sagen kann, da sah er nicht so gut aus, aber insgesamt gefällt mir sehr gut, was er macht. Er bringt auch eine körperliche Wucht rein.

Was macht Martin Schmidt besser als Kasper Hjulmand, der vor anderthalb Jahren mit Vorschusslorbeeren als Tuchel-Nachfolger bedacht wurde?
Ach, das Thema Hjulmand mag ich am liebsten gar nicht mehr rausholen. Für mich war er zur falschen Zeit am richtigen Ort und ich würde bis heute gerne für ein Spiel den Hjulmand-Fußball in Vollendung sehen. Neben dem irren Verletzungspech in der letzten Hinrunde hat es unterm Strich wohl intern nicht gepasst, und dann funktioniert es in Mainz nicht, so ist das eben. Also hat man sich auf das besonnen, was vorher schon zweimal geklappt hatte, nämlich eine interne Lösung, aber auch einen emotionalen Typ, einen Macher. Und die Ergebnisse sprechen absolut für Martin Schmidt.

Rouven Schröder scheint als Nachfolger des Mainz-Machers und -Managers Christian Heidel auf absehbare Zeit eure wichtigste Personalie zu sein? Wie siehst Du das?
Die wichtigste Personalie sicher, ob auch die richtige, das muss sich weisen. Was mich positiv stimmt ist, dass Heidel seinen Nachfolger mit ausgesucht hat und ihn einarbeiten wird, das ist irgendwie typisch Mainz. Und für mich sagt es etwas aus, wenn der Verein jemanden neu holt und die Fans des abgebenden Vereins das so offen bedauern, wie ich es jetzt bei Schröder erlebt habe. Die Werder-Fans, mit denen ich mich ausgetauscht habe, empfinden seinen Weggang als großen Verlust. Insofern bin ich optimistisch. Ganz klar, ohne ein Quäntchen Glück wird der Abgang von Heidel nicht zu kompensieren sein, aber der Blick muss jetzt nach vorne gehen und es sind im Verein ja durchaus noch andere tätig, die bleiben. Emotional ist es sehr schwierig, den „Don“ zu verlieren. Nüchtern betrachtet kann ich seinen Schritt nachvollziehen. Er will wissen, ob er auch woanders funktionieren kann, das ist sein gutes Recht.

Mainz hat über 200.000 Einwohner, der Verein spielt erfolgreich, warum war euer Stadion dennoch bislang in dieser Saison erst zweimal mit 34.000 Zuschauern ausverkauft?
Da triffst du bei mir einen wunden Punkt. Wenn ich im Stadion die leeren Ränge sehe, nur weil es eben schifft oder das Spiel Freitagsabends in der Kälte ist, kriege ich schon einen Hals. Noch schlimmer ist es, wenn in den Heimblöcken Gästefans sitzen. Man darf aber nicht vergessen, das alte Stadion fasste 20.300 Zuschauer und war in der 1. Liga quasi immer ausverkauft. Natürlich hat man das neue so geplant, dass noch Luft nach oben ist. Auch wenn es mir manchmal schwer fällt, da muss man wohl Geduld aufbringen für eine langfristige Entwicklung.

Die Lilien waren bis in die 1990er besser als die 05er, dann begann eure große Zeit. Wie betrachtet der Mainz-Fan die Wiederauferstehung der Lilien?
Das ist unterschiedlich. Die Alteingesessenen verspüren wohl eher eine Rivalität, da sie sich an die Duelle von früher erinnern. Viele sehen die Begegnungen aber total positiv. Es ist toll, neben der Eintracht, die hier ja nicht besonders beliebt ist, noch ein Nachbarschaftsduell zu haben. Ich freue mich auf Sonntag – und auf die drei Punkte.

Ja, klar. Das dachte sich die Eintracht Ende November auch. Mara, herzlichen Dank für das angenehme Gespräch.

 

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2 Gedanken zu “#m05d98: „Es ist toll, noch ein Nachbarschaftsduell zu haben“

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