#d98vfb: „Großkreutz ist für den Spirit der Mannschaft eigentlich unersetzlich“

Die-Lilien-vs.-Der-VfBDas Duell gegen den VfB Stuttgart läutet für die Lilien den Endspurt ihrer Comeback-Saison in der Bundesliga ein. Sieben Spiele stehen noch an. Sollten dabei neun Punkte herausspringen, wäre der Klassenerhalt so gut wie in trockenen Tüchern. Dafür sind Dreier allerdings zwingend notwendig. Bei erst zwei Siegen in den zehn Rückrundenpartien kein leichtes Unterfangen. Warum also nicht gegen den offensivstarken aber auch wechselhaften VfB damit beginnen? Am Ende meines Vorberichts lasse ich VfB-Blogger Lennart (rundumdenbrustring) zu Wort kommen, der ebenfalls drei Punkte herbeisehnt.

So sieht’s aus:
Wie schön sähe die Tabelle aus SVD-Sicht aus, wenn diese vermaledeiten letzten fünf Spielminuten nicht wären. Gegen Werder, Augsburg und zuletzt in Wolfsburg ließen die Lilien durch Gegentreffer nach der 88. Minute insgesamt sechs Punkte liegen. Mit 34 statt 28 Punkten könnte sich der SVD auf Rang 9 entspannt anschauen, wie sich die Meute hinter ihnen um den Klassenerhalt abmüht. Sage und schreibe 24 Punkte haben die Mannen von Dirk Schuster nach einer Führung schon liegen lassen. Einsame Spitze im Ligavergleich. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Lilien oft genug das 1:0 erzielen, es aber nicht über die Zeit bringen. So wird man zwar Remiskönig der Liga, mit sechs Siegen steht aber zugleich lediglich einer mehr auf dem Konto als beim abgeschlagenen Schlusslicht Hannover. Demgegenüber steht der SVD mit elf Niederlagen wieder vergleichsweise gut da. In der zweiten Tabellenhälfte weist nur Ingolstadt weniger auf und selbst Mönchengladbach auf Position fünf ging ebenfalls elfmal als Verlierer vom Feld. Letztlich bleibt festzuhalten: Mühsam aber stetig ernähren sich die Lilien-Eichhörnchen, gegen den ein oder anderen Dreier wäre aber so langsam nichts einzuwenden.

Etwas sprunghafter kommt da schon der Verein für Bewegungsspiele daher. 13 Niederlagen stehen neun Siege gegenüber. Ein Zwischenspurt unter Neu-Coach und Ex-Lilie Jürgen Kramny sorgte für etwas Befreiung beim zuvor schnappatmenden VfB. 32 Zähler haben die Schwaben mittlerweile gesammelt. Mit zuletzt fünf Punkten aus sechs Partien ist der Aufwärtstrend jedoch ins Stocken geraten. Vor der Länderspielpause setzte es eine 0:2-Niederlage gegen eine ersatzgeschwächte Bayer-Elf. Das Prunkstück der Stuttgarter ist die Offensivabteilung. Mehr als 43 Tore erzielten lediglich Mönchengladbach, Dortmund und die Bayern. Hinten sieht es hingegen anders aus. Mehr als 54 Tore musste kein Ligakonkurrent hinnehmen. Umso ärgerlicher, dass es der SVD im Hinspiel nicht schaffte, trotz hochkarätiger Chancen, ein Tor zu erzielen. Als dann auch noch aus einer abgerutschten Flanke und einem Last-Minute-Konter zwei Treffer für den VfB resultierten, war eine völlig unnötige 0:2-Niederlage besiegelt. Am Samstag gilt es Revanche zu nehmen.

Wir & Die & Die Bundesliga:
Die bisherigen Bundesliga-Gastspiele des VfB am Böllenfalltor waren in jedem Fall torreich. Am 33. Spieltag 1981/82 holten die Lilien auf den letzten Drücker ein 3:3 und hielten ihre zarten Hoffnungen auf den Klassenerhalt am Leben, die sich freilich am letzten Spieltag in Gladbach zerschlagen sollten. Der kicker berichtete damals so:

„15.000 Zuschauer am Böllenfalltor erlebten gegen den VfB Stuttgart zwei verschiedene Halbzeiten. Vor dem Wechsel diktierte Darmstadt das Schrittmaß, kampfbetont und torgefährlich. Allein die Chancen gegen die zurückhaltenden, in der Abwehr oft fahrlässigen, Schwaben blieben ungenutzt. Nach dem Seitenwechsel (…) wirkte Stuttgart technisch und spielerisch überlegen, während der SV 98 sich mehr und mehr in eigener Unzulänglichkeit und Abwehrfehlern verstrickte.“

Am 34. Spieltag 1978/79 ging der bereits abgestiegene SVD gegen den VfB gnadenlos ein. Mit 1:7 überrollte der Vizemeister aus Stuttgart die überforderten 98er. Der VfB war bereits auf 7:0 (Hansi Müller, 2x Dieter Hoeneß, 2x Hermann Ohlicher, 2x Georg Volkert) davongezogen, bevor Bernhard Metz in der 83. Minute der Ehrentreffer gelang. Der kicker schrieb anschließend:

„Was die Darmstädter Besucher dann aber von ihrer Mannschaft sahen, war eine einzige Enttäuschung. Die Galavorstellung zum Saisonende gab dafür der VfB. Biedere Handwerkslehrlinge gegen vollendete Lehrmeister, so mutete die Partie an.“

Nach der Partie kam es noch zu unschönen Szenen, als VfB-Fans mehrere Autos zertrümmerten. Daneben verweigerte Lilien-Präsident Georg Schäfer seinem VfB-Pendant Gerhard Mayer-Vorfelder den Handschlag, da dieser Lilien-Trainer Lothar Buchmann abgeworben hatte, ohne den SVD in Kenntnis zu setzen. Mayer-Vorfelders Replik: „Dass ich die Hand nicht gereicht bekam, ist mir erst einmal passiert. Das war der Landesvorstand der DKP [Deutsche Kommunistische Partei].

Ach ja, an diesem Wochenende vor fünf Jahren …
… waren die Lilien in der Regionalliga Süd nicht gefordert. Na ja, so ganz stimmt das nicht. Kosta Runjaic und sein Team empfingen den SSV Ulm 1848 und siegten mit 3:0. Das Resultat hatte allerdings keinerlei Auswirkungen auf die Tabelle. Der Grund: Die Ulmer spielten nach einem eröffneten Insolvenzverfahren nur noch außer Konkurrenz. Yannick Stark, Michael Schürg und Sven Sökler trafen vor 1.300 Zuschauern bei der besseren Trainingseinheit.

Und die Junglilien?
Dürfen nach drei Wochen Pause wieder ins Ligageschehen eingreifen. 16 Punkte, sechs Punkte Rückstand auf die Nichtabstiegszone, noch sechs Partien zu spielen. So lauten die Rahmendaten, die nicht unbedingt für einen Klassenerhalt der U19 in der Bundesliga Süd/Südwest sprechen. Das weiß auch Coach Richard Hasa. Selbst wenn er seinem anfangs überforderten Team bescheinigt, dass es im Verlauf der Saison eine positive Entwicklung genommen hat. Am Samstag kommt der Tabellenvierte aus Mainz, der die Junglilien im Hinspiel deutlich mit 6:0 nach Hause schickte.


Der Kontrahent hat das Wort

Lennart (30) befasst sich unter rundumdenbrustring mit dem VfB. Und weil ein Blog allein nicht ausreicht, steckt dahinter auch noch ein Podcast.

Lennart, was macht einen Darmstädter zum VfB-Fan?
Ich komme ursprünglich gar nicht aus Darmstadt, sondern bin im schönen Nordhessen aufgewachsen und nach dem Studium in Mainz vor drei Jahren nach Darmstadt gezogen. Was die Frage nach sich zieht, was einen Kasselaner zum VfB-Fan macht. Zum einen war das der Pokalsieg 1997, zum anderen die gleichzeitige Dominanz der Bayern und des BVB zu der Zeit. Von einem der beiden Vereine war jeder Fan, ich hab mich stattdessen mit elf Jahren in den sympathischen und damals sportlich recht erfolgreichen Underdog verguckt.

Du spielst bei den Darmstadt Whippets Baseball, die ein Team in der 2. Bundesliga stellen, hältst dort also die Darmstädter Farben hoch. Hast Du auch einen persönlichen Bezug zu den Lilien? Vielleicht sogar als (zeitweiliger) Stadiongänger?
Ich spiele zwar nur in der zweiten Mannschaft in der Landesliga, aber das mit dem Farben hochhalten stimmt natürlich, nur dass die bei uns schwarz-gelb sind. 😉 Einen persönlichen Bezug zu den Lilien habe ich durch meine Herkunft eher nicht. Mein local club ist der OSC Vellmar, Hessenligist aus meiner Heimatstadt. Am Böllenfalltor war ich dennoch das eine oder andere Mal, mit der zweiten Mannschaft des VfB zum Beispiel oder beim Unentschieden gegen die Stuttgarter Kickers, welches den Abstieg in die Regionalliga besiegelte … dachte man zumindest damals. Ich lebe jetzt seit drei Jahren in Darmstadt, da baut man natürlich schon einen gewissen Bezug zum SV98 auf.

Der VfB kommt seit geraumer Zeit nicht so recht ins Rollen. In sechs der letzten sieben Spielzeiten spielte der Klub zumindest eine Halbserie lang wie ein Absteiger und stand entweder in der Hin- oder Rückrundentabelle auf Platz 14 oder gar schlechter. Warum dieses immer gleiche Muster?
Da gibt es verschiedene Gründe für. Nach den fetten Jahren in der Champions League hatte man immer noch eine Mannschaft, die auf dem Level bezahlt wurde, aber nicht mehr auf dem Level kickte. Also musste gespart werden. Ein Prozess, der sich über mehrere Jahre hinzog und die Mannschaft nicht nur spielerisch, sondern auch von der Hierarchie völlig entkernte. Spieler mussten verkauft werden und wurden nicht gleichwertig ersetzt. Nur ein Beispiel: Nach dem Scheitern in der Europa League-Quali gegen Rijeka mussten wir unseren Kapitän Serdar Tasci verkaufen, sein Ersatz hieß dann Karim Haggui. Zur sportlichen Verschlechterung kommt hinzu, dass die Mannschaft zunehmend aus Spielern besteht, die nur glänzen, wenn es gut läuft. Was sie nicht können, ist eine strauchelnde Mannschaft mitreißen und wieder nach oben führen. Ihnen kommt dabei entgegen, dass die vielzitierten Mechanismen des Fußballgeschäfts eher den Trainer den Job kosten als die Spieler.

Wie Du durchblicken lässt, ging die Flatterhaftigkeit immer mit Trainerwechseln einher. Dem VfB dürfte also seit langem ein klare und vor allem langfristige Ausrichtung fehlen, oder?
Du hast es erfasst. Die Mannschaften wurden von Horst Heldt und später von Fredi Bobic relativ plan- und ziellos zusammengestellt, was uns eine illustre Reihe an Ex-Spielern beschert hat, die wir zum Glück mittlerweile alle wieder losgeworden sind. Robin Dutt hat ja im Sommer den großen Umbruch und eine klare Strategie angekündigt. Im November war das größtenteils schon wieder hinfällig. Klar ist aber auch: In der Bundesliga kannst Du eine langfristige Ausrichtung meist nur dann auch kurzfristig verkaufen, wenn die Ergebnisse stimmen.

Der VfB steht für eine traditionell starke Jugendarbeit. Warum vertraut er nicht stärker seinen Talenten, von denen sich der ein oder andere stattdessen anderswo durchsetzt? Unter Thomas Schneider gab es zumindest den Versuch, der aber mit seiner Entlassung abgebrochen wurde.
Thomas Schneider trauere ich in der Tat immer noch nach. Der war einfach zur falschen Zeit am richtigen Ort. Auch er zählt zur Riege der Trainer, die an der Bequemlichkeit einer Mannschaft gescheitert sind, die sich nur dann zu Höchstleistungen aufschwingen kann, wenn ihr das Wasser bereits bis zum Hals steht. Was die Jugendspieler angeht: Zum Teil sind es Fehlentscheidungen in der sportlichen Leitung, die uns diese Spieler gekostet haben. Bernd Leno, Joshua Kimmich und andere wurden für zu leicht befunden, beziehungsweise kamen nicht an ihren Konkurrenten vorbei. Auf der anderen Seite steht aber auch Timo Werner, der mit gerade einmal 20 Jahren schon über 80 Bundesliga-Spiele für den VfB gemacht hat. Ich denke, gerade in dem konstanten Abstiegskampf, in dem wir uns seit fast drei Jahren befinden, fällt es einem Trainer oft schwer, jungen Spielern zu vertrauen. Und ganz ungefährlich ist es auch nicht. In der vergangenen Saison bestand unsere Innenverteidigung zeitweise aus Antonio Rüdiger und Timo Baumgartl, beide unter 20. Momentan ist Werner der einzige, der sich auf seiner Position durchsetzen kann, gerade im Mittelfeld sind derzeit viele Spieler gesetzt, die stark auf die 30 zugehen. Ich hoffe das ändert sich, sobald wir wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser kommen.

Wie schätzt Du die Chancen ein, dass Jürgen Kramny eine dauerhafte Lösung auf dem Trainerstuhl sein wird?
Aktuell relativ hoch. Der VfB ist mit Alexander Zorniger ein ziemliches Risiko eingegangen und hat sich von dem Schock noch nicht erholt. Jürgen Kramny kennt den Verein in- und auswendig, kommt aus der Region und wird, davon gehe ich trotz gewissen Restzweifeln jetzt einfach mal aus, mit der Mannschaft die Klasse halten und zwar nicht erst am letzten Spieltag. Nachdem man schon Huub Stevens, der nach Meinung vieler der Retter des VfB ist, keine Vertragsverlängerung angeboten hat, wird man nicht den nächsten Helden des Abstiegskampfs vom Hof jagen. Wie die Ergebnisse der letzten Wochen zeigen, treten aber auch unter Kramny bestimmte Verhaltensweisen der Mannschaft auf, die wir bereits kennen. Im November kann meine Antwort also schon wieder ganz anders lauten.

Was treibt die VfB-Fans aktuell am stärksten um?
Neben den wieder akut gewordenen Abstiegssorgen vor allem zwei Sachen: Wer verlässt uns im Sommer alles? Und natürlich: Die Ausgliederung. Im Sommer steht bei uns die ominöse Abstimmung auf der Mitgliederversammlung an und ich gehe davon aus, dass der Verein diese beiden Themen in den nächsten Wochen noch stärker verquicken wird. Viele sehen die Ausgliederung in eine AG als einzige Möglichkeit, unser Tafelsilber zu halten und wieder oben anzugreifen.

Welcher Ausfall schmerzt euch im Saisonendspurt mehr, der von Kevin Großkreutz oder der von Daniel Ginczek?
Puuh. Schwere Frage. Großkreutz ist für den Spirit der Mannschaft eigentlich unersetzlich, ihn würde ich ohne Zögern als Königstransfer von Robin Dutt bezeichnen. Er macht der ganzen Mannschaft mit seiner Art Beine. Auf der anderen Seite hätte ich auch gerne einen Brecher wie Ginni vorne drin, der dem eher schmächtigen Timo Werner die Räume freischaufelt, die er zum Toreschießen braucht. Wenn ich mich auf einen festlegen müsste, wäre es aber Großkreutz.

Wie hast Du das Hinspiel in Erinnerung. Für mich war die Niederlage beim VfB neben der in Gladbach die überflüssigste Lilien-Niederlage der Hinrunde.
Das Spiel gegen Darmstadt war einer der drei Siege in der Hinrunde, über die man sich nur wegen der drei Punkte freuen konnte. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte Zorniger zu diesem Zeitpunkt schon eingesehen, dass er seine Linie mit dieser Mannschaft nicht so alternativlos durchziehen konnte. Heraus kam ein ganz gruseliges Spiel mit dem besseren Ende für uns. Ich nehme die Punkte mit, aber stolz konnte man auf die Leistung nicht sein.

Die Lilien haben erst einen Heimsieg. Eigentlich schon die halbe Miete für den VfB, oder?
Frag mal nach in Leverkusen, die wir nach ihrem Europapokal-Aus wieder aufgebaut haben oder in Ingolstadt, die gegen uns gefühlt ein Viertel ihrer Saisontore erzielt haben. Wir sind auch das einzige Team, das es schafft, gegen Hannover 96 zu verlieren. Ach ja: Eintracht Frankfurt hat dieses Jahr genau zwei Auswärtsspiele gewonnen, eines gegen 96, errätst Du das andere? 😉 Was mir für Samstag Hoffnung macht, ist die Qualität unserer Spieler, denen eigentlich genug Tore für einen Auswärtssieg gelingen müssten.

Wie müssen die Lilien auftreten, um den VfB zu stoppen?
So wie Ingolstadt: Zu Standardsituationen kommen. Da kommen wir aus welchem Grund auch immer nicht mit klar (die zu verteidigen kann man ja auch nicht trainieren oder so …). Was uns noch Probleme bereitet, ist eine Mannschaft, die uns die Gestaltung des Spiels überlässt und sich hinten reinstellt. Wenn es gut für uns läuft, kommen wir dann trotzdem irgendwie zu einem Tor, aber für gewöhnlich fehlt uns gegen eine eng gestaffelte Abwehr der Spielwitz.

Vielen Dank, Lennart.

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