#d98fci: „Der Vorwurf der ekelhaften Spielweise ist eher als Kompliment zu sehen“

Die-Lilien-vs.-Die-SchanzerIngolstadt auf Platz 9, die Lilien auf Rang 13; und das fünf Spieltage vor Schluss. Zusammen haben die beiden Zweitligaaufsteiger bereits 71 Punkte gesammelt und den arrivierten Teams oft genug eine lange Nase gedreht. Heraus kommt laut bundesliga.de das beste Aufsteigerduo seit sieben Jahren. Während die Oberbayern mit 39 Punkten bereits gerettet sind, benötigen die Lilien wohl noch fünf Punkte, aus den fünf verbleibenden Spielen. In meinem Vorbericht spreche ich mit Martin, einem Fan der Schanzer, der bei twitter unter @aina_93 die Entwicklung seines Klubs begleitet.

So sieht’s aus:
Trainerstab, Spieler und Fans der Lilien jubelten am vergangenen Samstag frenetisch, als gegen 17:20 Uhr der Schlusspfiff im Hamburger Volksparkstadion ertönte. Endlich wieder ein Dreier! Nach über zwei Monaten! Nicht zuletzt deshalb mischte sich eine ordentliche Portion Erleichterung in die Freude. Mit nun vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang haben die 98er weiterhin alles in der eigenen Hand. Dirk Schuster und sein Team wirkten in Hamburg nur zu Beginn etwas unsortiert. Gut möglich, dass dies dem späten Ausfall von Slobodan Rajkovic geschuldet war, der sich beim Aufwärmen verletzte und in der Innenverteidigung durch Luca Caldirola ersetzt wurde, für den Fabian Holland auf links ins Team rotierte. Doch dann kamen die Lilien besser ins Spiel, bevor mit Aytac Sulu und Jerome Gondorf zwei Drittliga-Helden die Zeichen auf Sieg stellten. Selbst ein Gegentreffer von Lewis Holtby in der Nachspielzeit gefährdete diesen nicht mehr. Die Lilien hatten wieder mit ihren Tugenden gepunktet, waren enorm fleißig, ließen einfallslose Hamburger nicht zur Entfaltung kommen und wollten den Sieg letztlich einfach mehr als der HSV.

Am kommenden Samstag steht der FC Ingolstadt auf der anderen Spielfeldseite. Die Schanzer verteidigen im Gegensatz zu den Lilien sehr hoch, erspielen sich aber erstaunlicherweise laut kicker weniger Chancen und verwerten diese obendrein noch schlechter. Die Tugenden beider Teams sind vergleichbar: Physis, Disziplin, Teamgeist. Beide gelten als unbequem und gallig. Ingolstadt-Trainer Ralph Hasenhüttl spricht stets davon, dass sein Team entweder gewinnt oder aus den Spielen lernt; und dem ist ganz offenkundig wirklich so. Nie standen sie ernsthaft im Abstiegskampf, holten zunächst auswärts fleißig 1:0-Siege und haben mittlerweile auch das Toreschießen gelernt. Zuhause sind sie in der Rückrunde zu einer Macht geworden, auswärts verloren sie in diesem Jahr lediglich bei vor ihnen platzierten Teams. Bei hinter ihnen stehenden Mannschaften holten sie immer Unentschieden. Auf die Lilien trifft in 2016 beinahe die gleiche Tatsache zu, nur eben zuhause. Es riecht also nach einem Remis, mit dem ich persönlich schon sehr zufrieden wäre. Warum: diese Schanzer treten einfach ungemein abgezockt auf. Sollten die Lilien gewinnen, wäre dies eine willkommene Revanche für die 1:3-Hinspielniederlage. Sollte der FCI siegen, wäre er nach Bayern München erst der zweite Klub in der aktuellen Saison, der beide Partien gegen Darmstadt gewinnt.

Wir & Die & Die Bundesliga
Gab es bisher lediglich am 22. November 2015. An jenem nasskalten Sonntagabend lief bei den Lilien ganz wenig zusammen. Die wohl schlechteste Saisonleistung bescherte ihnen eine verdiente 1:3-Niederlage. Trotz einer 1:0-Pausenführung erwischte der SVD spätestens in den zweiten 45 Minuten einen gebrauchten Tag. Robert Bauer und zweimal Moritz Hartmann sicherten dem FCI den verdienten Sieg.

Ach ja, an diesem Wochenende vor fünf Jahren:
Sollte sich für die Lilien alles zum Besseren wenden. Im Grunde genommen ist der Bundesligist SV Darmstadt 98 ohne den 16. April 2011 nicht vorstellbar. Damals kam Hessen Kassel als Langzeit-Tabellenführer der Regionalliga Süd ans Böllenfalltor zum viertplatzierten SVD. Die Nordhessen legten einen Blitzstart hin und führten nach neun Minuten bereits mit 2:0. Die Messe schien gelesen. Doch dann kam die zwölfte Minute und Kassel-Kapitän Enrico Gaede ließ sich zu einem slapstickartigen Handspiel hinreißen, das eine klare Torchance für die Lilien verhinderte. Günter Perl blieb nichts anderes übrig, als ihm die rote Karte zu zeigen. Die 98er waren wieder zurück im Spiel, rannten unermüdlich an und drehten die Partie in der zweiten Hälfte tatsächlich noch. Henry Onwuzuruike (46.), Oliver Heil (55.) und Matchwinner Abdelaziz Ahanfouf (88.) trugen dazu bei, dass dieses Spiel bis heute unvergessen ist. Der SVD war auf drei Punkte an Kassel herangerückt und hatte noch ein Spiel in der Hinterhand. Da die Lilien die restlichen Partien allesamt gewannen, folgte am Saisonende der Drittligaaufstieg und der Rest ist mittlerweile hinlänglich bekannt.

Für alle Nostalgiker hier die Highlights des Spiels:

Und die Junglilien?
Können nun endgültig für die zweithöchste Spielklasse planen. Die 5:0-Niederlage beim Vorletzten Karlsruher SC spricht eine deutliche Sprache. Nach einem Jahr U19-Bundesliga kehren die 98er wieder ins zweite Glied zurück. Während die halbe Liga noch um den Klassenverbleib kämpft (Rang 6 und Rang 13 trennen bei drei Absteigern in der 14er Liga nur drei (!) Punkte), empfangen die abgeschlagenen Junglilien am kommenden Samstag den Klassenprimus 1860 München. Woran es bei den Lilien krankt, zeigt das Torverhältnis von 14:64; vorne mau und hinten oftmals auch. Selbst wenn sich das Team von Richard Hasa im Laufe der Saison stabilisierte, die Bundesliga war eine Nummer zu groß. Im kommenden Jahr heißt es den Wiederaufstieg anzupeilen.


Der Kontrahent hat das Wort

Martin (22) hält den Schanzern aus seiner Heimatstadt schon seit Jahren die Treue. Mit der Bundesliga-Premierensaison ist er – wenig verwunderlich – sehr zufrieden.

Martin, ich gratuliere jetzt schon zum vorzeitigen Klassenerhalt. Gibt es an der aktuellen Spielzeit auch nur irgendetwas aus Schanzer-Sicht auszusetzen?
Das wäre dann schon Jammern auf sehr hohem Niveau, deshalb kurz und knapp: Seit zwei Jahren läuft es einfach wie im Traum – und es macht Spaß Woche für Woche daran Teil zu haben. Den Glückwunsch zum Klassenerhalt nehmen wir dann bei 40 Punkten gerne an, auch wenn in der Tat nicht mehr allzu viel anbrennen sollte.

Ihr greift im Gegensatz zu den Lilien den Gegner sehr früh an. Selbst von langen Bällen lasst ihr euch aber nicht auseinanderdividieren und kassiert die drittwenigsten Gegentore. Was macht das Team so stabil und abgezockt?
Das System geht meines Erachtens daher auf, weil die Mannschaft optimal auf dieses System eingestellt ist und vor allem offensiv durchgehend aus Spielertypen besteht, die dieses laufintensive Pressing mitgehen können und wollen. Das bewirkt zwangsläufig die langen Bälle, die durch die Kopfballstärke und das Stellungsspiel der Innenverteidigung nicht unmittelbar in Chancen resultieren und damit spätestens bei Roger im defensiven Mittelfeld enden, der am Boden und in der Luft fast jeden zweiten Ball holt.

Euer Kader wurde vor und während der Saison nur punktuell ergänzt. Wer sind die Säulen Eures Spiels?
Auch wenn viel im Spielaufbau über Pascal Groß läuft, sind wir zumindest nicht derart von ihm abhängig, wie das gerne dargestellt wird. Die Stärke ist da viel mehr der gut zusammengestellte und eingespielte Kader ohne Starallüren. Säulen der Stammelf sind vor allem Marvin Matip, Roger, Groß und bereits jetzt der Winterneuzugang Dario Lezcano. Jeder einzelne Spieler hat unter Ralph Hasenhüttl mindestens einen Schritt nach vorne gemacht und daher lässt sich ein Zusammenhang zwischen Trainer und Erfolg nicht leugnen. Umso mehr sorgen die Abwerbeversuche von RB Leipzig derzeit für einige Unruhe.

Das kann ich gut verstehen. Gibt es grundsätzlich Spielsituationen oder -systeme mit denen die Schanzer nicht so gut umgehen können?
Bisher hat es erst eine Mannschaft wirklich geschafft, uns keine Chance zu lassen und das war ausgerechnet die Chaos-Truppe aus Hannover. Tendenziell liegen uns die Mannschaften des oberen Tabellendrittels mehr, die den geordneten Spielaufbau beim angesprochenen Pressing kaum auf die Reihe kriegen. Daher bin ich durchaus gespannt, wie wir mit dem Darmstadt-System klar kommen, das ähnlich wie wir schnell den Weg in die Spitze sucht.

Euer Sportdirektor Thomas Linke fliegt gefühlt ein wenig unter dem Radar der Berichterstattung. Wie schätzt Du seine Arbeit und seine Rolle im Klub ein?
Nicht nur in der überregionalen Berichterstattung, sondern auch direkt vor Ort hört und sieht man seit er hier ist kaum etwas von ihm, was ich sehr schätze. Er hat hier mit beschränkten Mitteln eine Mannschaft mit Profil gebastelt, ohne sich selbst ins Rampenlicht zu stellen. Dieser Charakter der bodenständigen und kontinuierlichen Arbeit passt sehr gut zum Verein.

Die Teams der Lilien und der Schanzer sind beide keine Kinder von Traurigkeit. Dennoch hat sich der FCI von mehreren Teams deutlich lautere Kritik anhören dürfen. Lewis Holtby sprach von einer „ekelhaften Mannschaft“. Offen gestanden hatte ich mit eurem Auftreten am Böllenfalltor in Liga 2 ebenfalls so meine Probleme. Zuerst haut Pascal Groß einen tollen Freistoß in die Maschen und ist sich dann nicht zu blöd, sich direkt vor dem Lilien-Fanblock zum Affen zu machen und zu provozieren. Dann dribbelt euer Keeper in der Nachspielzeit aufreizend durch den eigenen Strafraum und weigert sich den Ball bis zum Abpfiff ins Spiel zu bringen. Ihr ward zu dem Zeitpunkt klarer Tabellenführer und hattet solche Mätzchen doch gar nicht nötig. Was sagst Du zur Kritik?
Ich finde die beiden angesprochenen Punkte aus der Fragestellung muss man getrennt betrachten. Die „ekelhafte Spielweise“ passt gut zu unserer Mannschaft und der Position als Aufsteiger und ist damit eher als Kompliment an die Truppe beziehungsweise als Armutszeugnis für den genervten Gegner zu sehen.
Was das letzte Gastspiel am Bölle betrifft muss ich sagen, dass ich im Gästeblock die Situation in der Nachspielzeit ähnlich skurril empfunden habe. Zugleich fand ich aber auch das Verweigern des Anlaufens der Lilien und die anschließende Reaktion von Sailer nach Schlusspfiff genauso peinlich. Den Groß-Jubel habe ich (weil selbst mit Feiern beschäftigt 😉 ) nicht besonders mitbekommen, kann die unmittelbare Reaktion des Publikums auch nachvollziehen, bin aber doch etwas überrascht, wie oft diese Story rausgeholt wird …

Was die aktuelle Saison betrifft, so wundere ich mich nicht, dass der FCI die Klasse hält, dass er dies so souverän tut allerdings schon. Du kennst die Lilien – wie eben beschrieben – ja bereits aus Liga 2. Hättest Du ihnen zugetraut in der Bundesliga mitzuhalten?
Ich hätte euch zu Saisonbeginn – ähnlich wie uns – nicht derart gut eingeschätzt, wie es die aktuelle Tabelle aussagt. Das zeigt im Grunde aber vor allem, dass es im Fußball nicht nur auf die Qualität der Einzelspieler sondern aufs Kollektiv ankommt. Hut ab, vor eurer Erfolgsgeschichte!

Mit Audi und Media Markt habt ihr starke Partner an Bord. Euch wird gerne vorgehalten, ihr seid eine kleinere Variante des VfL Wolfsburg. Ist das eine Mär und droht sich der VW-Skandal bei euch in irgendeiner Form finanziell auszuwirken?
Audi und Media Markt sind nicht nur „starke“ sondern vor allem auch „regionale“ Partner, was man mancherorts vergeblich sucht. Dass man dann auf der Suche nach Vergleichbarkeit gerne die Brücke nach Wolfsburg schlägt ist nicht allzu schwierig, aber es macht durchaus Sinn sich die örtlichen Gegebenheiten, Verhältnisse und Regelungen anzuschauen. Auch wenn es schwer zu glauben ist: Nicht alles muss in eine vorhandene Schublade passen.
Was den Etat der nächsten Saison angeht, bleibt dieser voraussichtlich gleich und damit weiterhin im Bundesliga-Vergleich auf einem der letzten Plätze. Die Einsparungen wird VW wohl an anderen Stellen vornehmen müssen, damit sich das lohnt.

Stefan Leitl trainiert aktuell eure Bayernliga-Mannschaft. Als Spieler war er bei euch und uns Kapitän und genießt am Bölle immer noch einen guten Ruf. Wie macht er sich als Coach und traust Du ihm zu, auch einmal die Bundesligaelf zu trainieren?
Stefan hat damals das schwere Erbe von Tommy Stipic angetreten und macht seine Arbeit in der hochklassig besetzten Regionalliga Bayern mehr als ordentlich. Seine Truppe ist unglaublich schwer zu schlagen und immer einen Besuch wert. Den Sprung zu den Profis möchte ich nicht ausschließen, aber man sollte ihm die Zeit geben, die dafür notwenige Erfahrung zu sammeln. Er ist im Übrigen nicht der einzige ehemalige Profi, der mittlerweile in der Nachwuchsabteilung aktiv ist, was auch für die Schanzer-Familie spricht.

Herzlichen Dank, Martin.

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