Einwurf: Schusters Erblast

STD_Schuster---Getty-Images---ScheuberNun ist es also passiert: Dirk Schuster will den SV Darmstadt 98 verlassen. Next stop Augsburg. Man muss nicht viel Fantasie besitzen, um den Abgang als fix zu betrachten. Da kann der Verein noch so sehr auf den bestehenden Vertrag verweisen. Nach dreieinhalb atemberaubenden Jahren werden sich die Wege von Dirk Schuster und den Lilien trennen. Verein und Fans haben ihm unglaublich viel zu verdanken, deshalb wiegt sein Erbe umso schwerer.

Als Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch Ende Dezember 2012 Dirk Schuster als neuen Trainer am Böllenfalltor vorstellte, verknüpfte er sein persönliches Schicksal mit dem Erfolg des neuen Trainers. Würde Schuster den auf Platz 20 in Liga 3 rangierenden Klub nicht vor dem Abstieg retten können, dann wäre Fritsch bereit persönlich die Verantwortung zu übernehmen. Nun, die Lilien hielten die Klasse, wenngleich nur aufgrund des Lizenzentzugs für den OFC. Von da an kannte der Weg der 98er jedenfalls nur noch eine Richtung: steil nach oben.

Möglichkeiten in Darmstadt ausgereizt
So steil, dass der SVD in Rekordzeit die Bundesliga enterte und dreieinhalb Jahre nach dem schicksalshaften Amtsantritt Schusters, den nie für möglich gehaltenen Klassenerhalt in der Bundesliga perfekt machte. Dirk Schuster holte also – im Verbund mit seinem Co-Trainer Sascha Franz – aus den schwierigen Rahmenbedingungen in Darmstadt das absolute Optimum heraus! Mehr aus dem SVD zu machen, als das momentan vierzehntbeste Team Deutschlands (von Position 56 kommend), das erscheint tatsächlich vermessen. Selbst wenn die Lilien in der jüngsten Vergangenheit zeigten, dass doch eigentlich nichts unmöglich ist. Dennoch: Der aktuelle Kader wird nur noch in Fragmenten erhalten bleiben. Zudem mag es zermürben, wie unsäglich schwer sich die Stadt mit dem Stadionumbau tut. Die Möglichkeiten in Darmstadt scheinen selbst für einen wie Dirk Schuster irgendwann einmal ausgereizt zu sein.

Augsburg als nächste Station nachvollziehbar
Schuster zieht es nach Augsburg. Als nächster Karriereschritt erscheint sein neuer Arbeitgeber nachvollziehbar. Ein Klub, in dem es selbst in schwierigen Zeiten nie sonderlich unruhig geworden war. Ein Klub, der den Trainer stärkte, statt nach der erstbesten Lösung auf dem Trainermarkt zu suchen. Ein Klub, der sich in der Bundesliga fürs Erste etabliert hat und personell, finanziell sowie infrastrukturell gefestigt ist. Ich finde deshalb, man kann es Schuster – eingedenk seiner Verdienste für die Lilien – nicht verübeln, dass er es jetzt bei einem neuen Klub wissen will. That’s part of the business! Treueschwüre hin oder her.

Schusters Verdienste
Die Lücke, die Schusters Weggang hinterlässt, ist gleichwohl verdammt groß. Er war in den vergangenen dreieinhalb Jahren das entscheidende Schwungrad am Böllenfalltor. Er holte die Spieler nach Darmstadt (und durfte dabei auf die Expertise der Scouts Schuster Senior und Franz Senior bauen). Er überzeugte die Neuzugänge vom Projekt „Wir gegen den Rest der Welt“. Er zog die richtigen Schlüsse daraus, warum die Underdog-Vorgänger aus Braunschweig, Fürth und Paderborn die Klasse nicht halten konnten. Er schickte eine Elf aufs Feld, die wettbewerbsfähig war und alles abrief. Er reanimierte so manche Fußballerkarriere zum Vorteil der Lilien. Und: Die Mannschaft glaubte und folgte ihm bedingungslos. Dazu musste man sich nur anhören, wie sehr Schusters Mantra vom Underdog mit der großen Mentalität in den Sprachgebrauch der Spieler überging.

Darmstadt 98: Der Trainerverein
Schusters Team funktionierte so gut, dass mit Christian Mathenia und Konstantin Rausch die ersten Leistungsträger weg sind und weitere kurz vor dem Absprung stehen. Der Höhenflug, auf den Schuster den Verein mitgenommen hatte, kam so unerwartet und plötzlich, dass die Lilien gar keine Zeit hatten, ein solides Fundament zu schaffen, das auch nur Zweitligafußball garantiert. Hier könnte es sich negativ auswirken, dass Darmstadt 98 hauptsächlich eins ist: ein Trainerverein! Steffen Gerth, der für die Frankfurter Rundschau über den SVD schreibt, hatte mir dies vor fast genau einem Jahr gesagt, als ich ihn für mein Lilien-Buch (LINK) interviewte; und er hat zweifelsohne recht. Der Drittliga-Aufstieg vor fünf Jahren war Kosta Runjaic zu verdanken. Als er ein Jahr später nach Duisburg ging, war Jürgen Seeberger nicht in der Lage das fragile Erbe in geordnete Bahnen zu lenken. Auch Dirk Schuster musste erst einmal ordentlich strampeln. Die anschließenden Aufstiege und der Bundesliga-Klassenerhalt sind ihm zu verdanken und nicht einem ausgeklügelten Masterplan von Vereinsseite. Er basierte auch nicht auf einer Idee, die im Zusammenspiel mit dem Nachwuchsleistungszentrum ersonnen worden wäre, wie der SV Darmstadt 98 eigentlich Fußball spielen will. Der Erfolg war ein willkommenes „Nebenprodukt“ der sehr guten Arbeit im Profiteam.

Nachfolger aus Liga 2 oder 3 wahrscheinlich
Bislang galt bei den Fans und bei mir ein Gottvertrauen in Schusters Fähigkeiten. Nun ist die Ausgangssituation eine gänzlich andere: Von „In Schuster we trust“ zu „Schusters Erblast“. Rüdiger Fritsch ist gefordert, bei der Trainersuche erneut einen Volltreffer zu landen. Das wird nicht einfach. Aus dem eigenen Stall bietet sich niemand an. Co-Trainer Franz wird Schuster nach Augsburg folgen. Mainz 05 Ex-Profi Petr Ruman wird sich erst einmal um die U19 kümmern. Eine U23 fehlt gänzlich. So muss eine externe Lösung her. Hans Kessler, hochgeschätzter Ex-Präsident der Lilien sagte mir für mein Buch, der Klub habe sich mit Kosta Runjaic und Dirk Schuster bewusst für Trainer entschieden, die die Bühne SVD nutzen und sich beweisen wollten. Bliebe es bei dieser Politik, spräche das für einen Coach, der die Bundesliga als Chance begreift und in ihr über die 98er Fuß fassen will. Mithin für einen Trainer, der bislang eher in der 2. und 3. Liga gute Arbeit geleistet hat. Es darf also munter drauf los spekuliert werden, welchen Coach der SVD mit der HERKULES-Aufgabe betraut, einen neuen Kader aufzubauen und in der Bundesliga zu halten. Bleibt zu hoffen, dass ihn Schusters Erblast nicht erdrückt!

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5 Gedanken zu “Einwurf: Schusters Erblast

  1. Pingback: Einwurf: Schusters Erblast | re: Fußball

  2. Ja, die Trainer Runjaic und Schuster hatten großen Anteil am Erfolg der Lilien – trotzdem glaube ich, dass das gesamte Ecosystem aus der Abwendung des Konkurses unheimlich viel Potenzial und Kraft erzeugt haben – das ist der eigentliche Unterschied des SV Darmstadt 98 zu anderen Vereinen, die auch einmal 1. Bundesliga gespielt haben.

  3. Pingback: Zugabe: Hurra, die Welt geht unter! – Dirk Schuster vor dem Abgang – Rumpelfußball-Blog

  4. Pingback: Schuster, bleib bei deinen Lilien – Greif und Lilie

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