Die 74 wahnsinnigen Sekunden von Watford

screenhunter_29-nov-17-22-12Wenn Watford FC-Legende Troy Deeney an diesem Samstag seinen Klub in der Premier League aufs Feld führt, dann wird er sich vermutlich einen kurzen Moment lang an den 12. Mai 2013 erinnern. Damals wie an diesem Wochenende geht es an der Vicarage Road gegen Leicester City FC. Die Nachspielzeit der Begegnung vor drei Jahren ließ keinen kalt. Eine kleine Zeitreise zurück zu 74 wahnsinnigen Sekunden, als im Nordwesten Londons Fans wie Spieler in einer Gefühlsachterbahn unterwegs waren:

Prolog:

Watford FC und Leicester City FC stehen sich am 12. Mai 2013 im Rückspiel des Halbfinal-Play-offs zur Premier League gegenüber. Leicester war durch einen Last-Minute-Treffer am letzten Spieltag gerade noch so in die Play-offs gerutscht, während Watford zur gleichen Zeit die Chance auf den direkten Aufstieg vergeigt hatte. Das Play-off-Hinspiel gewann Leicester auf eigenem Platz kurz vor Schluss mit 1:0. Im Rückspiel stand es mit dem Anbruch der Nachspielzeit 2:1 für Watford. Da in den Play-offs keine Auswärtstorregel greift, deutete alles auf eine Verlängerung hin.


Drama:

Schiedsrichter Michael Oliver zeigt vier Minuten Nachspielzeit an, doch er scheint irgendwie keine rechte Lust auf eine Verlängerung zu verspüren. Mittlerweile läuft bereits die 96. Minute, als Leicesters Franzose Anthony Knockaert den Ball über rechts nach vorne treibt und etwas glücklich in den Strafraum eindringt:

95:38 Minuten: Knockaert geht nach einem Zweikampf zu Boden geht. Schiri Oliver entscheidet zum Entsetzen der Zuschauer auf einen fragwürdigen Strafstoß.

95:40 Minuten: Die Watford-Spieler sind geschockt und beginnen zu reklamieren.

95:50 Minuten: Watford-Coach Gianfranco Zola entledigt sich entnervt seiner Jacke. Der 21-jährige Knockaert lässt keinen Zweifel daran, dass er den Elfer ausführen und Leicester ins Finale um den Premier-League-Aufstieg schießen wird. BBC-Co-Kommentator Danny Higginbotham wird ihm später ein exzellentes Spiel bescheinigen. Doch was in Erinnerung bleiben wird, folgt in der nächsten Spielminute.

96:30 Minute: Referee Oliver gibt den Elfmeter frei.

96:31 Minute: Anthony Knockaert läuft unter den Pfiffen und Buh-Rufen der Fans an.

96:32 Minute: Knockaert tritt den Strafstoß wuchtig in die Mitte des Tors. Watford-Keeper Manuel Almunia wehrt mit den Füßen ab.

96:34 Minute: Knockaert setzt nach und versucht im Nachschuss den Deckel drauf zu machen. Almunia müht sich auf seine Knie und blockt den Schuss mit der Brust ab.

96:35 Minute: Nun sind auch die Watford-Spieler zur Stelle und Marco Cassetti, der den Elfer „verschuldet“ hatte, drischt den Ball aus der Gefahrenzone.

96:38 Minute: Watfords Ikechi Anya nimmt den hohen Ball noch in der eigenen Hälfte gekonnt mit und jagt über rechts außen nach vorne. Seine Mitspieler schwärmen wie von der Tarantel gestochen aus.

96:45 Minute: Fernando Forestrieri nimmt das Zuspiel von Anya im Halbfeld vor Leicesters-Sechszehner auf. Die halbe Leicester-Elf sprintet zurück in den eigenen Strafraum.

96:48 Minute: Zwei Kontakte später schlägt Forestrieri den Ball vor der Torauslinie ins Zentrum.

96:50 Minute: Die Flanke segelt über Leicester-Keeper Kasper Schmeichel hinweg und erreicht Jonathan Hogg am zweiten Pfosten. Er legt den Ball mit dem Kopf nach hinten in die Mitte ab.

96:52 Minute: Troy Deeney – der im ersten Spiel noch eine Rotsperre absaß – drischt den aufspringenden Ball volley ins Netz. Das fulminante Ende eines mustergültigen Konters und der 74 wahnsinnigen Sekunden seit dem Elfmeterpfiff.

Der Rest ist Ekstase:

96:59 Minuten: Deeney reißt sich das Trikot vom Leib, stürmt zur Außenlinie und springt in absolut euphorisierte Zuschauer.

97:09 Minuten: Watford-Coach Zola flitzt auf das Spielfeld, legt sich aber nach einem allzu abrupten Richtungswechsel und hart „bedrängt“ von einem mitjubelnden Watford-Mitglied, der Länge nach auf den Rasen.

97:15 Minuten: „Some people are on the pitch.“ Hunderte Watford-Fans strömen auf den Platz.

99:40 Minuten: Das Spiel wird fortgesetzt.

100:28 Minuten: Michael Oliver pfeift das Spiel ab.

Hier der ganze Wahnsinn ab dem Elfer!

Die Fansicht: Achtung, Gänsehautalarm!

Roy Deeneys Schilderungen bei 11Freunde: KLICK


Epilog:

27.05.2013: Watford FC scheitert im Aufstiegsendspiel von Wembley in der Verlängerung an Crystal Palace FC. Das einzige Tor erzielt Kevin Phillips per Elfmeter. Manuel Almunia ahnt die richtige Ecke, ist gegen den platzierten Schuss aber machtlos.

2014: Leicester City FC zieht als Zweitligameister in die Premier League ein. Watford FC beendet die Saison auf Platz zehn.

2015: Watford FC steigt als Vizemeister in die Premier League auf. Leicester City FC holt in den letzten neun Spielen 22 Punkte und damit drei mehr, als in den 29 Spielen zuvor. Der Lohn: Klassenerhalt auf den letzten Drücker.

2016: Leicester City erringt sensationell den Meistertitel in der Premier League. Aufsteiger Watford FC landet im gesicherten Mittelfeld (Rang 13) und erreicht das FA-Cup-Halbfinale. Dort verlieren sie (wie drei Jahre zuvor im Aufstiegsfinale) gegen Crystal Palace FC.

19.11.2016: Watford FC (15 Punkte, Platz 8) empfängt Leicester City FC nach elf Spieltagen (zwölf Punkte, Platz 14) erneut an der Vicarage Road. Der einzige Watford-Spieler, der von jenem denkwürdigen Match am 12. Mai 2013 übrig geblieben ist, ist Torschütze Troy Deeney. Der Stürmer kann an diesem Samstag seinen 100sten Treffer für Watford erzielen. Auf Seiten Leicesters sind mit Jamie Vardy (damals Ersatz), Jeffrey Schlupp, Andy King, Matthew James, Daniel Drinkwater, Wesley Morgan und dem aktuell verletzten Kasper Schmeichel noch sieben Spieler an Bord. Anthony Knockaert verlässt Leicester im Sommer 2015 zu Standard Lüttich und spielt inzwischen wieder erfolgreich in der zweiten englischen Liga bei Tabellenführer Brighton & Hove Albion. Manuel Almunia hat seine Karriere im Sommer 2014 in Watford beendet.

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