Spieltag 14 (#scfd98): „Es muss wieder eklig werden, gegen den SV 98 zu spielen.“

screenhunter_35-dec-03-23-18Alles neu macht der … Nikolaus. Okay, die Entlassungen von Coach Norbert Meier und Manager Holger Fach fielen auf den Vorabend des 6. Dezember, aber seitdem sind die meisten Lilien-Fans spürbar besser drauf und blicken sogar ein klein wenig zuversichtlich gen Auswärtsspiel beim SC Freiburg. Für Sandro Sirigu bedeutet die Partie im Breisgau eine Reise zu seinen Wurzeln. Beim SC Freiburg II sammelte er seine ersten Erfahrungen im Seniorenfußball. Mit SC-Fan Sven spreche ich in meinem Vorbericht über die Freiburger, aber auch über die Lilien, die er als Journalist seit dem Bundesligaaufstieg begleitet.

So sieht’s aus:

Die Reißleine ist gezogen. Das Präsidium des SVD beschloss nach sechs verlorenen Pflichtspielen fortan auf die Dienste von Norbert Meier zu verzichten. Allen voran die durch und durch ernüchternden Heimspielniederlagen gegen den FC Ingolstadt und den Hamburger SV ließen kaum mehr einen anderen Schritt zu. Nach dem 0:2-Treffer des HSV forderten zahlreiche Fans lautstark „Meier raus“. Statt mit zwei Siegen gegen die chronisch erfolglosen Konkurrenten ein ebenso mögliches wie komfortables Punktepolster auf die Abstiegsplätze zu schaffen, liegt man nun fast gleichauf mit den beiden. Würden die Lilien weiter so „zuverlässig“ punkten wie bisher, dann holen sie bis zum Saisonende hochgerechnet 21 Punkte. Der Abstieg würde zur Gewissheit. Und das in einer Spielzeit, in der es wohl so leicht wie schon lange nicht mehr war, sich rechtzeitig vom Bodensatz der Tabelle zu lösen. Sicher, Meier hat nicht alles falsch gemacht. In den Heimspielen gegen Hoffenheim, Werder und allen voran Wolfsburg funktionierte die Mannschaft über weite Strecken. Im Auswärtsspiel auf Schalke in der Anfangsphase ebenfalls. Nur: Diese Lichtblicke konnten nicht konserviert werden. Gerade wenn man dachte, die Lilien sind dabei sich zu finden, enttäuschten sie in der nächsten Partie zumindest eine Halbzeit lang und dann war das Kind schon in den Brunnen gefallen.

Klar ist auch, es wird nun nicht automatisch leichter, den Abstieg abzuwenden. Und dennoch ist vielerorts wieder Zuversicht da. Die Leute wollen wieder Lilien-Fußball sehen. Sie wollen eine Mannschaft, die als Mannschaft auf den Platz geht und gemeinsam in ihrer Underdog-Rolle aufgeht. Sie wollen wieder sehen, dass die Großen sich schwer tun gegen die Lilien-Bande da unten auf dem Rasen. Wenn es dann trotzdem zum eingepreisten Abstieg kommt, würden ihnen das die Wenigsten krumm nehmen.

Umso verwunderlicher, dass nach der Doppel-Entlassung die Medien teilweise harsch über die Vorgehensweise am Böllenfalltor urteilten. Da wurde über das Ende des Lilien-Märchens fabuliert, oder dass der Abstieg nunmehr unabwendbar sei. Oft drängt sich mir der Eindruck auf, die Autoren hätten sich nie sonderlich mit den 98ern beschäftigt und müssten nun ad hoc irgendeine Meinung zur aktuellen Situation in den Orbit entlassen. Macht ja jeder nach einer Entlassung. Manchmal wäre es einfach besser, über Sachverhalte die man nur aus der Distanz verfolgt, keine Urteil zu fällen! Denn eins ist für mich klar, die Trainerentlassung und die Trennung von Holger Fach waren notwendig, um den Verein wieder sich selbst finden zu lassen. Und dass der SVD nach wie vor kein normaler Verein ist, zeigte Rüdiger Fritsch am Dienstag. Welcher Präsident nimmt sich bitteschön nach einer Entlassung der sportlichen Verantwortlichen 45 Minuten Zeit, um in einer Pressekonferenz darüber zu sprechen?

Mit Ramon Berndroth übernimmt der sportliche Leiter des Nachwuchsleistungszentrums bis Weihnachten übergangsweise das Traineramt. Ihm ist mit seiner offenen Art zuzutrauen, wieder eine gewisse Leichtigkeit ins Team zu bringen. Ob das zu Zählbarem führt, bleibt freilich offen. Auswärtspartien bei den heimstarken Freiburgern und Berlinern sowie ein Heimspiel gegen die Bayern versprechen nicht gerade automatisch Punkte. Sein Hauptaugenmerk dürfte darauf liegen, das Defensivverhalten der Mannschaft zu stabilisieren und ihr Selbstsicherheit zu verleihen. Die für ihn wichtigen Aspekte Wir-Gefühl und Disziplin erwähnte er explizit nach seiner ersten Trainingseinheit am Dienstag. Derweil geht die Suche nach einem Chefcoach los. Die Lilien tun gut daran, sich – wie angekündigt – Zeit zu nehmen, denn der nächste Trainer will wohlüberlegt sein und soll womöglich auch in der 2. Liga funktionieren. Von mir aus darf Rüdiger Fritsch den Meier-Nachfolger gerne am 28. Dezember bekannt geben. So wie 2012. Damals stellte er den Medienvertretern einen gewissen Dirk Schuster vor.


Der Kontrahent hat das Wort:

Sven (@zugzwang74) steckt bei meinsportradio.de hinter dem Füchsletalk, dem Fanradio über den SC Freiburg. Die Lilien begleitet er seit vergangener Saison regelmäßig als Journalist.

Sven, schön dich wieder hier begrüßen zu dürfen. Bist Du mit dem bisherigen Saisonverlauf des SC Freiburg zufrieden?
Als Aufsteiger mit 16 Punkten nach 13 Spielen nicht zufrieden zu sein, wäre komplett vermessen. Allerdings muss man sagen, dass dem Verlauf der Partien nach sogar mehr drin war. Beeindruckt hat mich vor allem, dass es kaum eine Partie gab, in der das Team wirklich chancenlos war. Das sagt viel über das Potenzial aus, das in ihm steckt.

Was mich beim Blick auf die Tabelle überrascht hat, die wackelige Lilien-Abwehr hat nur ein Gegentor mehr gefangen, als der SC. Woran liegt’s? An der Verletzungsmisere in der Defensive?
Die schwere Verletzung von Marc Oliver Kempf, dazu noch der Ausfall kurz vor Saisonstart von Marc Torrejon führten dazu, dass keine eingespielte Defensive auf dem Rasen stand. Die in der Vorbereitung erprobte Fünferkette war über den Haufen geworfen, und es gab die bekannten Fehler von Söyüncü, der eigentlich im ersten halben Jahr an die Bundesliga herangeführt werden sollte. Mittlerweile ist er aber der zweikampfstärkste Spieler der Liga.
Insgesamt hat dem SC in den letzten Spielen die Kompaktheit gefehlt, die Gegentore fielen zu leicht, die Schwäche bei gegnerischen Standards ist auffällig. Das sind eher die Gründe woran ich diese hohe Anzahl an Gegentoren festmachen würde.

Euer Keeper Alexander Schwolow hielt dem SC zuletzt einen unverhofften Punkt in Leverkusen fest, ist aber nicht unumstritten. Was sagst Du zu der Debatte um euer Eigengewächs zwischen den Pfosten?
Welche Debatte? Schwolow hat in genau einem Spiel der bisherigen Saison gepatzt. Wer mich kennt, weiß genau, dass ich wegen eines schwachen Spiels nie auch nur im Ansatz über einen Spieler diskutieren würde. Deshalb ist es wunderbar, dass der Sturm im Wasserglas sich mit der Partie in Leverkusen direkt erledigt hat. Er hat noch jede Menge Steigerungspotenzial (dieses P-Wort passt einfach zum SC 🙂 ), und wird das nach und nach abrufen. Schließlich sprechen seine zwei Aufstiege in den letzten beiden Jahren als Leihspieler mit Bielefeld und letztes Jahr mit dem SC für ihn.

Maximilian Philipp galt bis zu seiner Verletzung als Shooting Star der Saison. Wer zählt neben ihm noch zu den Leistungsträgern der aktuellen Spielzeit?
Ich tue mir schwer einzelne Spieler rauszunehmen, aber da es gerade auch um ihn eine Diskussion gibt, nenne ich hier Nicolas „Chico“ Höfler. Kein Spieler hat eine größere Bedeutung für den SC als er. Wenn er schlecht spielt, spielt auch der SC schlecht. Diese Formel ist natürlich stark vereinfacht, aber er ist DER Taktgeber der Mannschaft.
Und noch ein Tipp für alle, die sich das Spiel ansehen werden: Achtet mal darauf, wieviel Vincenzo Grifo nach hinten arbeitet, welche Wege er nimmt. In der öffentlichen Wahrnehmung wird er natürlich reduziert auf seine Standards und Torgefahr, aber das Unbesungene macht ihn zum kompletten Spieler.

Euer letzter Sieg datiert vom 29. Oktober, seither kam aus vier Partien nur ein Punkt hinzu. Grund sich Sorgen zu machen?
Keine Sorgen, nirgends. Zumal der nächste Sieg ja am Samstag folgen wird. 😉

Moment mal (lacht). Ihr habt – auch dank eurer anfänglichen Heimstärke – nach 13 Spieltagen 16 Punkte. Am Tabellenende liefern sich fünf Teams mit weniger als elf Punkten ein Schneckenrennen. Drei – inklusive der Lilien – haben gar nur die Hälfte eurer Punkte oder weniger. Vieles spricht für eine entspannente Bundesligasaison im Breisgau. Wie schätzt Du den Abstiegskampf ein?
Ich glaube, dass sich vier, maximal fünf Mannschaften um die Plätze 16-18 bewerben, zu denen der SC dieses Jahr definitiv nicht gehören wird. Dazu ist die Leistung diese Saison einfach zu gut.

Wie ist Deine Meinung zur bisherigen Lilien-Saison?
Viel mehr als die Punkteausbeute entsetzt mich der dargebotene Fußball. Schrieb ich oben „Keine Sorgen, nirgends“ müsste es für die Lilien heißen „Kein Fußball, nirgends“. Natürlich ist der Tabellenplatz aktuell noch im Bereich dessen was in Ordnung ist. Auch der Abstand zu den rettenden Plätzen ist nicht riesig. Aber wenn ich sehe, dass keine Punkte irgendwo liegen gelassen wurden, dass zwei Punkte aus dem Spiel gegen Frankfurt nur durch die Flugbahn von Sirigus Ball zustande kamen, dann kann das nicht zufrieden stellen. Ich habe das Umfeld in Darmstadt als realistisch und bescheiden erlebt, weil man dort genau weiß, dass Bundesliga am Böllenfalltor kein Alltag ist. Aber die bisherige Saison kann ich vom „Ich schließ mich in mein Zimmer ein – Trainingslager“ bis hin zur 0:2-Niederlage auf Regionalliganiveau gegen den HSV nur als desaströs beschreiben.

Du hast Norbert Meier in Pressekonferenzen und Pressegesprächen erlebt. Wie ist Deine Meinung zu seiner Demission?
Sie war dringend geboten. Selten hat sich ein Trainer an einem Ort so falsch angefühlt wie Norbert Meier bei den Lilien. Ich durfte es bei meinsportradio.de länger ausführen. Wer es nachhören mag, der kann dies gerne dort tun: LINK

Angesichts der akuten Abwärtsspirale und null Auswärtspunkten traue ich es mich ja kaum zu fragen, aber wie müsste der SVD im Schwarzwald-Stadion auftreten, um etwas mitzunehmen?
Es muss wieder eklig werden, gegen den SV 98 zu spielen. Man muss merken, dass da wieder ein Team auf dem Platz steht, dem kein Weg zu weit, kein Schritt zu viel ist. Von außen schaut es so aus als würde Ramon Berndroth es schaffen, dass die Spieler wieder gerne zum Training kommen, dass auch mal gelacht wird. Die Spieler brauchen die Lust, die Gier auf das Kicken und das Vertrauen vom Trainer. Diese Grundlagen müssen da sein, um wieder zu punkten. Und: Standards, Standards, Standards.

Mit Immanuel Höhn, Sandro Sirigu und Jan Rosenthal spielen drei ehemalige SC-Spieler in Darmstadt. Ein Wort zu ihnen?
Alles drei Spieler, die mit offenen Armen beim SC empfangen werden. Sirigu ging ja weite Vereinswege um nun Bundesliga zu spielen, bei Höhn war der Wechsel für seine persönliche und sportliche Entwicklung nach der langen Zeit beim SC Freiburg einfach geboten. Und Jan Rosenthal? War zu seiner Zeit beim SC mein Lieblingsspieler. Einer aus der Reihe der Profis, denen man gerne zuhört, die das gewisse Extra im Kopf mitbringen. Und wir sind ja hier unter uns: Ich könnte wetten, dass er ab und an bereut, damals den SC und Christian Streich verlassen zu haben.

Herzlichen Dank, Sven.


An diesem Wochenende vor vier Jahren:

Spielte den Lilien das Wetter einen Streich. Das Drittliga-Heimspiel gegen den SV Babelsberg 03 musste wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt werden. So blieb dem SVD nichts anderes übrig, als frustriert am Tabellenende zu verharren.

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