Spieltag 17 (#d98bmg): „Wenn Frings Erfolg hat, wäre das eine der größten Überraschungen“

screenhunter_51-jan-15-21-39Weiter geht’s. Spieltag Nummer 17 führt Borussia Mönchengladbach ans Böllenfalltor. Gladbacher wie 98er spielten eine wenig ertragreiche Hinrunde, beide setzten ihre Trainer vor die Tür und beide rangieren in der Auswärtstabelle abgeschlagen am Ende. Eigentlich also ein Vorteil für die Lilien, wenn da nicht der Negativlauf von acht punkt- und vier torlosen Spielen wäre. Den bisherigen Saisonverlauf der Gäste schildert mir Peter Ahrens, seines Zeichens Redakteur bei Spiegel Online und Gladbach-Fan. Was das Engagement von Torsten Frings in Darmstadt anbetrifft, so hat er eine klare Meinung.

So sieht’s aus:

Die Verantwortlichen der Lilien haben alles auf Anfang gestellt. Nach der unbefriedigenden Episode Norbert Meier und dem wohltuenden – aber leider erfolglosen – Intermezzo Ramon Berndroth, heißt es nun mit Jung-Coach Torsten Frings zurück zu den Wurzeln. Die Mentalität soll es beim SVD wieder richten. Ob das reicht um die Klasse zu halten? Eines ist jedenfalls klar: Die Rückrunde wird reichlich Lilien-DNA bieten. Kampf und Teamgeist sind Trumpf, ganz wie unter Dirk Schuster. Und an dessen Aussagen erinnern auch die ersten Statements von Frings.

Damit hat der neue Trainer die Leitwölfe Aytac Sulu, Peter Niemeyer und Jerome Gondorf im Handumdrehen hinter sich gebracht. Die Zuversicht und die Geilheit sind wieder da. Sollte es letztlich aber doch nicht zum Klassenerhalt reichen, dann hat Frings die Aufgabe in der 2. Bundesliga den Neuaufbau anzugehen. Ein Vertrauensvorschuss, der den Druck von außen auf Frings im überschaubaren Bereich hält. Umso mehr, als Fußball-Deutschland die Lilien eh schon abgeschrieben hat. Aus dieser vermeintlich aussichtslosen Position kann der Underdog ganz ungeniert aufspielen. Frings wird es jedenfalls sich selbst und der Bundesliga beweisen wollen, dass er imstande ist, das Optimum aus der Truppe rauszukitzeln, und vielleicht sogar das Unmögliche möglich zu machen.

Bei diesem Unterfangen kann er auf Sidney Sam zählen. Ein großer Name am Böllenfalltor, dessen Marktwert bei transfermarkt.de inzwischen allerdings recht klein (500.000 €) daherkommt. Verletzungen bremsten den ehemaligen Nationalspieler auf Schalke zunächst aus und ließen den 28-jährigen danach aufs Abstellgleis geraten. 13 Bundesliga-Einsätze für die Knappen lesen sich in zweieinhalb Spielzeiten sehr ernüchternd. Mehr als Viertliga-Begegnungen und einen Kurzauftritt in der Europa League sind in dieser Saison nicht zu verzeichnen. Bleibt zu hoffen, dass Sam dem Beispiel diverser Aussortierter folgt, die in Darmstadt wieder in die Spur kamen.

Mit dem flinken Sam und den schnellen Sandro Sirigu und Marcel Heller drängt sich ein Konterspiel über die Außen auf. Bleibt nur noch die Frage, wer in der Mitte als treffsicherer Abnehmer fungieren soll? Denn die Mannschaft kann hinten noch so diszipliniert, leidenschaftlich und kompakt verteidigen, so lange vorne nicht getroffen wird, wird es nichts mit der Aufholjagd. Vielleicht ist perspektivisch der lange verletzte Felix Platte das fehlende Puzzleteil im Offensivspiel?


Der Kontrahent hat das Wort:

Peter Ahrens verfolgt für Spiegel Online das internationale und nationale Fußballgeschehen. Wer ihm auf Twitter (@Peter_Ahrens) folgt, kann den Eindruck gewinnen, dass der Kurznachrichtendienst für Zeitgenossen wie ihn erfunden wurde. Seine Aussagen und Wortspielereien sind oft genug äußerst unterhaltsam.

Peter, Lucien Favre hat in Mönchengladbach großartige Arbeit geleistet und bestätigt in Nizza derzeit, dass er ein außergewöhnlicher Trainer ist. Wo würdest Du ihn in der Ahnengalerie der Gladbach-Trainer einsortieren?
Er war zweifellos einer der großen Gladbacher Trainer, einer der anstrengendsten allerdings auch. Aber auch Ernst Happel war schwierig, und kein HSV-Fan würde ihn nicht zu den Größten zählen. Ich würde sagen, Favre ist nach Weisweiler auf einer Stufe mit Lattek und noch vor Jupp Heynckes auf Position zwei. Was er in Nizza vollbringt, ist einsame Klasse.

Konnte der vor Weihnachten entlassene André Schubert lange Zeit von der Arbeit Favres zehren, und war er dann nicht in der Lage den nächsten Schritt zu tätigen?
Schubert hatte den großen Vorteil, dass die Mannschaft in der Favre-Spätphase von dem alten Coach ausgezehrt war, von dessen Ratlosigkeit im Misserfolg angesteckt, von dessen Schwermut infiziert. Schubert war da ein ganz anderer Typ, und er hat es geschafft, durch eine anfänglich andere Ansprache an das Team auch hervorzukitzeln, was in ihr stecken kann. Dazu kam das Glück, dass die Mannschaft in seinem ersten Spiel vier Tore in 20 Minuten erzielte. Das war ein Befreiungsschlag, wie ich ihn selten im Fußball erlebt habe.
Aber Schubert fehlt die Gabe, dies über einen längeren Zeitraum wachzuhalten, ihm fehlt wohl auch das überraschende Moment, eine Mannschaft mit neuen Impulsen zu füttern. Er ist vermutlich letztlich ein durchschnittlicher Trainer, allerdings auch längst nicht so schlecht, wie er in Teilen des Gladbacher Publikums angesehen wurde.

Bei Gladbach brachten viele Spieler in der Hinrunde ihr Potential nicht auf den Rasen. Exemplarisch sind für mich die beiden potentiellen Antreiber Mahmoud Dahoud, der sein erstes starkes Jahr (noch?) nicht bestätigte, und Christoph Kramer, von dessen Rückkehr man sich sicher mehr erhoffte. Warum läuft es gerade bei den beiden nicht so gut?
Dahoud hat im Vorjahr tatsächlich am Limit gespielt. In dem Alter so konstant gute bis überragende Leistungen zu bringen, ist nur wenigen vergönnt. Aber er ist dabei, die alte Form wiederzufinden.
Christoph Kramer hat sich seine Rückkehr, denke ich, leichter vorgestellt. Ich kenne dort alles, ich bin anerkannt, also läuft es. Aber so funktioniert das nicht, wenn man ein ganzes Jahr weg war. Die Mannschaft hat sich verändert, Granit Xhaka hat als Vorgänger großartig aufgetrumpft. Dieses Format hat Kramer nicht.

Ist Gladbach in der Offensive zu sehr von Raffael abhängig?
Raffael in guter Form, und es läuft. Seit Max Kruse weg ist, ist das tatsächlich die Formel, und das ist ein bisschen zu einfach. Nichts gegen Thorgan Hazard, ein ganz starker Offensivmann, aber er ist zu launisch. Stindl ist großartig, aber er ist mit sehr vielen Aufgaben ausgelastet. Es fehlt ein vierter Mann, und Traore und Herrmann sind bedauerlicherweise zu oft verletzt. André Hahn hat seine Phasen, von ihm hätte ich mehr Konstanz erwartet. Er lebt mir ein bisschen zu sehr von der Wucht, da fehlt es an Esprit.

Worauf wird es unter dem neuen Coach Dieter Hecking ankommen?
Ich kann gar nicht so recht sagen, warum. Aber ich habe bei ihm ein sehr gutes Gefühl. Er ist erfahren, er kann Spieler ansprechen, und ich habe tatsächlich die Erwartung, dass er mit Max Eberl sehr gut als Tandem arbeiten wird. Das ist auch für Eberl eine neue Erfahrung, bisher war er der Mann für die Außendarstellung, sowohl bei Favre als auch bei Schubert. Er wird das als angenehm entlastend empfinden.

Wie wird sich Gladbach in der Europa League schlagen? Sonderlich weit sind Bundesligisten hier in den letzten Jahren nie gekommen.
Gegen Florenz ist Endstation. Da bin ich Pessimist geworden in den Vorjahren.

In welcher Tabellenregion siehst Du Gladbach am Saisonende?
Ich erwarte Borussia Mönchengladbach einstellig, und wenn die Anderen vor ihnen, wie ich vermute, instabile Rückrunden hinlegen, kann es sogar noch bis in die Europa League kommen. Dazu muss es allerdings optimal laufen.

Was hat dich auf dem Lilien-Trainerstuhl zuletzt mehr überrascht? Dass zunächst Norbert Meier geholt wurde, oder dass jetzt Torsten Frings eine Chance erhält? Und was hältst Du just von der Personalie Frings?
Norbert Meier ist ein Zweitligacoach. Dort kann er seine Fähigkeiten einbringen, in der Bundesliga braucht es mehr. Wenn er wie Schuster mit dem Klub von unten hochgekommen wäre, wenn es ein Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben hätte, dann hätte das eine Spielzeit gutgehen können – so nicht. Frings ist ein Experiment, ich befürchte, es wird enden wie anderswo bei den Effenbergs dieser Welt. Wenn er Erfolg hat, wäre das für mich eine der denkbar größten Überraschungen.

Na das sind mal klare Worte. Was müsste passieren, damit die Lilien das nächste Wunder raushauen und tatsächlich noch den Klassenerhalt schaffen?
Null. Das passiert nicht. Das heißt nicht, dass sie nicht gegen Gladbach gewinnen können.

Ich bin gespannt. Vielen Dank für das Interview, Peter.


An diesem Wochenende vor vier Jahren:

War noch Winterpause, weshalb der SVD gegen den Zweitligisten SV Sandhausen ein Testspiel (0:0) bestritt. Ansonsten hatte das Tabellenschlusslicht der 3. Liga in der spielfreien Zeit einige Personalien geklärt. Dirk Schuster hieß der neue Trainer, der sich mit Dimo Wache den heute noch amtierenden Torwarttrainer ins Boot holte. Noch während des Trainingslagers in der Türkei war ein gewisser Aytac Sulu vom österreichischen Zweitligisten SC Rheindorf Altach zu den Lilien gestoßen. Und der heutige Lilien-Kapitän ließ sich gleich folgendermaßen auf der Lilien-Homepage zitieren: „Ich will mithelfen, dass der SV 98 in der 3. Liga bleibt. Als gebürtiger Heidelberger kenne ich die Lilien sehr gut und weiß um die Tradition des Vereins. Der Verein gehört mit seinen tollen Fans in den Profifußball.“ Derweil verließ Ugur Albayrak den SVD zu Eintracht Frankfurt II, während mit Stefan Hickl ein seinerzeit vereinsloser Außenverteidiger zu den 98ern stieß.

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