Spieltag 20 (#d98bvb): „Darmstadt war ein kurzes Hallo des alten Fußballs“

screenhunter_56-feb-06-22-07Bundesliga-Duell gegen Leipzig, DFB-Pokal gegen Hertha BSC, Champions League in Lissabon. Inmitten dieser ganzen Topspiele fährt man als Ballspielverein Borussia 09 aus Dortmund bestimmt sehr gerne zum Bundesligaspiel nach Darmstadt. Sollten die Lilien in den verbleibenden Partien nicht noch spektakulär zurückkommen, kann sich der BVB aber im kommenden Jahr die Dienstreise nach Südhessen sparen. Über die Stimmung bei den Gästen unterhalte ich mich mit Stephan Uersfeld. Der Journalist berichtet regelmäßig über die Schwarz-Gelben.

So sieht’s aus:

Eitel Sonnenschein herrscht derzeit ganz sicher nicht am Böllenfalltor. Wer nach 19 Spieltagen nur neun Punkte geholt hat, wer seit dem 22. Oktober lediglich einen Punkt ergattert hat, wer in elf Saisonspielen gar kein Tor erzielt hat, der strotzt wirklich nicht vor Selbstbewusstsein. Das hat Last-Minute-Neuzugang Hamit Altintop erkannt und versucht deshalb verbal gegenzusteuern. „Sie können sich ja vorstellen, wie diese negativen Ergebnisse die Jungs jede Woche belasten, deshalb muss man positiv bleiben„, sagte er zu Wochenbeginn dem kicker und verwies auf den atemberaubenden Höhenflug der letzten Jahre. „Man muss berücksichtigen, dass dieser Klub vor drei Jahren noch in einer ganz anderen Liga gespielt hat.“ Es gelte deshalb vielmehr die Spiele zu genießen und nicht immer so negativ zu sein. Gerade gegen den BVB könne Darmstadt doch eigentlich nur gewinnen und so müsse die Mannschaft auch auftreten.

Na, ob sich das Team, das in der Hinrunde von Dortmund nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen wurde, tatsächlich auf das Duell gegen den Revierklub freut? Zu wenig gefestigt erscheinen die Lilien trotz Trainerwechsel und Blutauffrischung im Wintertransferfenster. Gegen Gladbach und die Eintracht verstanden es Aytac Sulu, Peter Niemeyer & Co. zwar defensiv stabiler zu stehen. In der ersten Hälfte waren sogar offensive Akzente erkennbar. In der zweiten dann allerdings überhaupt nicht mehr. Wer auch immer ein überzeugendes Umschaltspiel findet, der darf es gerne beim Bölle abgeben. Dann müssten nur noch die individuellen Schnitzer in der Abwehrarbeit abgestellt werden. Klingt nach einer (zu großen) Herausforderung.

Worauf darf man also vor dem anstehenden Heimspiel setzen? Dass die Lilien konzentriert, engagiert, bissig und kämpferisch zu Werke gehen. Die Hertha hat dies im Pokalspiel gut vorgemacht. Worauf muss man aber zugleich hoffen? Dass die Borussia nach dem kräftezehrenden DFB-Pokal-Spiel keinen großen Bock auf das robuste Lilien-Spiel hat, dass die Topstars vielmehr schon die Champions League im Kopf haben, dass Thomas Tuchel wichtige Spieler wie Ousmane Dembélé nicht nominiert, und dass das Topteam beim Verwerten der Großchancen wieder genauso fahrlässig agiert, wie schon so oft in dieser Saison.


Die aktuelle Prise Lilien-Podcast:

In unserem montäglichen Lilien-Podcast hatten wir trotz – oder gerade wegen – der fast schon ausweglosen Situation einigen Spaß. Zudem betonten wir einfach schamlos, dass sich mittlerweile nur noch die Gegner blamieren können. Nämlich dann, wenn sie gegen die Lilien Punkte liegen lassen. So lebt es sich ganz ungeniert: KLICK


Der Kontrahent hat das Wort:

Stephan Uersfeld (LINK) berichtet für espnfc.com über die Bundesliga und zählt als Experte für die Borussia aus Dortmund.

Stephan, die Borussia liegt nach 19 Spieltagen acht Punkte hinter RB und zwölf Punkte hinter keineswegs souveränen Bayern. Was muss uns das aus BVB-Perspektive sagen?
Übergangssaison. Läuft ja eigentlich alles. In der Champions League steht der BVB im Achtelfinale, trifft dort auf einen schlagbaren Gegner, im Pokal geht es nach den glücklichen Erfolgen gegen die Berliner Vertreter nach Lotte. Das Halbfinale ist kein unerreichbares Ziel.
Der Verlust der Achse Hummels/Gündogan/Mkhitaryan konnte durch die zahlreichen Transfers nicht aufgefangen werden. Die Abwehr ist wenig stabil, hat immer wieder Aussetzer. Der Spielaufbau war teilweise sehr durchschaubar.
Aber genau genommen verläuft alles nach Plan. Nur drei Niederlagen in allen Wettbewerben, aber eben auch eine Vielzahl an Unentschieden. Das ist alles nicht weiter schlimm. Nur wenige haben in diesem Jahr mit der Meisterschaft gerechnet. Der Umbruch im Kader war wieder einmal zu groß.

Mich erinnert die aktuelle Saison immer wieder an die letzte Spielzeit unter Jürgen Klopp. Immer wenn man denkt, der BVB muss doch jetzt wieder in die Spur kommen, bzw. eine Siegesserie starten, dann kommt das nächste Remis oder gar eine Niederlage. Warum ist Dortmund nicht in der Lage seine Dominanz zuverlässig in Siege umzumünzen?
Niederlagen gab es wirklich sehr selten. Was erstaunt. Anders als im Klopp-Jahr hangelt sich die Mannschaft nach Rückständen immer wieder ins Ziel, holt noch einen Punkt, gewinnt manchmal. Es stimmt jedoch, dass der BVB nicht nur in der Defensive, auch durch den längeren Ausfall von Bürki, seine Probleme hat, sondern auch in der Spieleröffnung. Dort wirken sie ausrechenbar. Lange reichte es, Julian Weigl aus dem Spiel zu nehmen, um den BVB komplett aus dem Spiel zu nehmen.
Gonzalo Castro sucht nach seiner Verletzung im September 2016 seine Form, Mario Götze bekam wenig Spielzeit, Shinji Kagawa ist nicht mehr der Shinji, für den die Fans eine Rückholaktion ins Leben riefen. Mit Raphael Guerreiro und Ousmane Dembélé hat Tuchel da nun jedoch eine gute Lösung gefunden. Dembélé kann mit einer Aktion alles aufbrechen, Guerreiro bewegt sich zwischen den Linien, hat intelligentere Laufwege als Castro und nimmt ordentlich Druck von Weigl. Alles deutet darauf hin, dass der BVB jetzt tatsächlich einen Lauf bekommt. Reus ist verletzungsfrei, und ist ein entscheidender Faktor. Auch als Führungsspieler, der diesem Team lange fehlte.

Welche Themen beschäftigen die BVB-Anhänger in der aktuellen Phase der Saison am meisten und welches Standing hat Thomas Tuchel?
Das ist eine wilde Saison für die BVB-Anhänger. Aktuell geht es natürlich um die Ausschreitungen am vergangenen Wochenende, die ein wenig wie ein Schlusspunkt eines langen Entfremdungsprozesses wirken. Die, die wahrscheinlich an den Angriffen vor dem Spiel beteiligt waren, wirken schon länger unzufrieden mit dem Weg der Borussia, aber auch mit dem Weg des Fußballs. Da kommt RB Leipzig als Endgegner gerade recht. Die stehen für all die Dinge, die im Fußball falsch laufen. Muss man jetzt auch nicht weiter drauf eingehen. Die Problematik dürfte bekannt sein. Das also ist aktuell eine große Baustelle, plus natürlich die sportlichen Aspekte.
Es läuft eigentlich okay, aber irgendwie passt es nicht. Seit längerer Zeit strahlt der Verein wieder eine Unruhe aus, die es so zuletzt mit Trainer Thomas Doll gab. Aki Watzke redet sich in den Vordergrund, ist das Gesicht der Borussia. Tuchel wurde lange Zeit als ein Wanderarbeiter angesehen, der den Verein als Trittbrett für eine größere Aufgabe sieht. Hier ist also das dominante Thema die Verlustangst.
Die BVB-Fans haben immer Angst etwas zu verlieren: Nuri Sahin, Mario Götze, Shinji Kagawa, Robert Lewandowski, Mats Hummels, Henrikh Mkhitaryan, Ilkay Gundogan, Pierre-Emerick Aubameyang, Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, echte Liebe, den Fußball, die Leidenschaft, die Unschuld, die Romantik und so weiter und so fort. Das ist auf Dauer anstrengend, und das macht auf Dauer misstrauisch.

Dürfte sich Dortmund in der Champions League leichter tun als in der Bundesliga?
Die Champions League kann jederzeit vorbei sein. Die Champions League kann Darmstadts Chance sein. Tuchel wird nach dem Pokalspiel die Rotationsmaschine anwerfen, und ein paar Spieler wie Dembélé schonen. Denn die Champions League mit ihren 50/50-Flutlichtspielen, ihrem internationalen Flair und den großen Namen, die es irgendwann zu schlagen gilt, hat natürlich einen besonderen Anreiz. Da will man nicht gegen Benfica raus.
Es ist für den BVB natürlich leichter, weil der Gegner, wenn er nicht gerade Legia Warschau heißt, wahrscheinlich eher darauf aus ist, sein eigenes Spiel durchzubringen, und kurioserweise auch Weigl bislang mehr Freiräume gelassen hat. Da schaut man auf die großen Namen, und vielleicht weniger auf die, die das Spiel aufziehen.

Ich persönlich finde, dass Mario Götze in der Hinrunde gar nicht schlecht gespielt hat. Wie siehst Du seine Rolle und die von André Schürrle? Als Beobachter hat man den Eindruck, als ob sie nicht so recht ins Konzept von Tuchel passen, obwohl sie viel kosteten.
Götze war nicht schlecht, das stimmt. Aber auch weit von seiner alten Klasse entfernt. Er sucht weiter die Wärme, und strahlt Kälte aus. Er sucht seine Position, und findet sie nicht. Er ist nicht mehr der junge Mario Götze. Vielleicht kann man ihn mit einer Band vergleichen, die nach drei wirklich starken Alben in eine tiefe Sinn- und Schaffenskrise fällt, auf den einzelnen Alben immer mal wieder andeutet, was sie so besonders gemacht hat. Vielleicht ist Mario Götze also der deutsche Liam Gallagher. Wer weiß das schon. Um vom Doppelpass-Niveau mal wieder auf normales Level zu kommen:
Götze hat immer noch wunderbare, kleine Läufe zwischen den Linien in seinem Spiel, er spielt gute Pässe, aber er ist nicht mehr der Spieler, der groß auffällt. Diese Rolle nimmt im Dortmunder Team nun Dembélé ein, der jetzt auch auf Götzes Wunschposition im zentralen Mittelfeld eingesetzt wird.
Schürrle hatte gute Ansätze, war in Bremen stark, aber im Pokal gelang es ihm am Mittwoch nicht, die entscheidenden Duelle zu gewinnen, sie überhaupt anzunehmen. Er war unsichtbar, was sicher auch daran lag, dass Hertha tief stand.
Jedoch fände ich es wichtig, sich von der Vorstellung zu lösen, dass jeder Spieler immer über 90 Minuten spielen muss. Der BVB leistet sich da einen Luxus. Er hat, zumindest in der Offensive, für jede Spielsituation eine Antwort auf der Bank. Das kann im Laufe der Rückrunde noch wichtig werden.

Dortmund befindet sich in einer breiteren Verfolgergruppe der beiden enteilten Spitzenmannschaften. Wo siehst Du den BVB am Ende der Saison? Wenn es dumm läuft, stünde am Ende gar nur auf Platz 7?
Der Ballspielverein wird die Saison auf Platz 2 beenden. Darüber möchte ich auch nicht groß diskutieren. Leipzig wird einbrechen, der BVB rollte jetzt langsam an.

Darmstadt wurde im Hinspiel beim 0:6 regelrecht überfahren. Jetzt stehen sie abgeschlagen am Tabellenende. Wird es am Böllenfalltor ein weiteres Schützenfest geben?
Nein. Das wird nicht passieren. Der BVB wird sich lange Zeit mühen, überhaupt ein Tor zu erzielen, und wird dann irgendwann treffen, und wieder runterschalten, auf Kontrolle ohne Gefahr bedacht sein.

Wie bewertet man unter euch Sportjournalisten die aktuelle Spielzeit der Lilien?
Der Absturz kommt wenig überraschend, irgendwie. Die Abgänge vor Saisonbeginn, gerade der von Schuster, der ja nach außen für die Mannschaft stand, der Abgang von Sandro Wagner, das Wissen, dass so eine Spielzeit kaum wiederholt werden kann. Märchen dauern nicht ewig. Das macht sie nicht weniger schön. Darmstadt war ein kurzes Hallo des alten Fußballs. Den gibt es nicht mehr. Und die Lilien bald auch nicht mehr in der ersten Liga. Das ist sehr schade. Aber mit Schuster verschwand die Identität. Wofür Frings und seine 100 Neuzugängen außer Panik stehen, das ist mir rätselhaft.

Stephan, ein großer Dank für Deine interessanten Ausführungen.


An diesem Wochenende vor vier Jahren:

Musste das Unternehmen Klassenerhalt in Liga 3 warten. Grund waren starke Schneefälle in Rostock, weshalb der SVD unfreiwillig pausieren musste. Lange mussten die 98er allerdings nicht untätig sein. Am 13. Februar stand unter der Woche das Nachholspiel gegen den SV Babelsberg 03 ins tiefgekühlte Haus. Das Duell der beiden Kellerkinder wollten die Lilien unbedingt für sich entscheiden, doch am Ende gab es beim zweiten Spiel unter dem neuen Coach Dirk Schuster die zweite Nullnummer. Darmstadt 98 verharrte auf Platz 20. Der kicker schrieb anschließend von den „beiden harmlosesten Mannschaften der Liga“. Und damit sollte er bis zum Saisonende recht behalten. Nur die in Auflösung begriffenen Alemannen aus Aachen landeten hinter den beiden Teams.

Die Lilien-Elf vom 0:0 gegen den Babelsberg 03:
Zimmermann (C) – Hickl, Gorka, Sulu, Stegmayer – Hesse, Latza (61. Da Costa), Baier, Zielinsky – Zimmerman (48. Steegmann), Borg
Zuschauer: 3.600

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